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Marketing für Selfpublisher – Teil 1

Hilfe, ich habe ein Buch geschrieben!

     – Ein Ratgeber für Betroffene.

 

Hallo ihr Lieben und willkommen bei meinem kleinen Exkurs in die Welt des Marketing.

Eigentlich, dachte ich, gibt es genug Infos über Selfpublishing und Marketing und all das bereits online zu finden. Sehr schön strukturiert und informativ ist zum Beispiel die Selfpublisher-Bibel, die mir auf den ersten Schritten auch eine wesentliche Stütze war. In allen Belangen was dann die Finanzen, Steuern und Anmeldung anging, hat mir Kia Kahawas Blog das Leben gerettet. Und das sind nur zwei Blogs in der Unendlichkeit des Internets, die einem angehenden Selfpublisher weiterhelfen.

Warum ich nun dennoch auf die Idee kam, eine weitere Blogreihe mit kleinen Hilfestellungen zu schreiben?

Ganz einfach: Ich werde immer wieder drauf angesprochen. Ja, ich. Der Inbegriff des schüchternen, eigenbrödlerischen und schwierigen Autors (TM) in persona. Doch vermutlich ist mir das deswegen so ein Anliegen. Denn wenn ich nach zwei Jahren, vier Büchern und einem viel zu großen Gemeinschaftsprojekt eins weiß, dann das:

 

Man wächst mit seinen Fehlern!

Und ich habe eine Menge davon gemacht am Anfang – und mache sie heute noch!

Manche kamen, weil ich es nicht besser wusste, andere, weil ich sturer bin als ein Esel. Doch wesentlich und essentiell, und darum will ich heute damit anfangen, ist vor allem die EINSTELLUNG!

OMG! Kommt jetzt sowas wie Karma-Scheiße? Positives Denken? Visualisieren von Zielen?

Das mag sich jetzt vielleicht manch einer denken. Und ja, ein bisschen geht es darum. Aber ohne diese innere Einstellung geht es eben nicht.

 

Das Wesentliche dazu habe ich bisher allerdings nur von der negativen Seite aufgerollt gefunden.

Es gibt gefühlt 1001 Blogartikel von frustrierten Buchcoaches und Marketing-Agenten, die aufgeben. Nicht, weil sie nur schlechtes Zeug vermarkten sollen, sondern weil sie durch diese Mauer an Unwillen bei ihren Kunden nicht durchkommen. Der Stolperstein, mit dem alles steht und fällt ist:

DIE EINSTELLUNG, MIT DER WIR AUTOREN AN DIE SACHE RANGEHEN.

Und jetzt bitte, lest und verinnerlicht den oben stehenden Satz bitte erst 256x, bevor wir hier weitermachen.

… *wart* …

Alles klar, dann können wir ja. Warum das nämlich so wesentlich ist, das versuche ich euch jetzt mal anhand meines eigenen Try-and-Error Werdeganges aufzudröseln.

 

Tief in uns sind wir alle Künstler.

… und ja, Künstler sind schwierig. Wir sind diese sonderbaren Mischwesen irgendwo zwischen abgrundtiefen Löchern der Selbstzweifel und des Schams und den Höhen der gottgleichen Perfektion. Und nein. Ihr könnt mir nicht erzählen, dass dem nicht so ist. Es gibt Tage, da lieben wir, was wir schreiben, nur, um es am nächsten Tag wieder in die Tonne zu kloppen. Und doch, auch wenn ich immer wieder von Kollegen höre, dass meine First Drafsts supergut sind, so bin ich doch in 95% der Fälle nicht zufrieden mit mir. – Bei den anderen 5% bin ich dann überzeugt, dass noch kein lebendes Wesen auf dieser Welt etwas literarisch Volkommeneres zustande gebracht hat ;P.

Also ja. Ich kenne das Leben als Künstler im Allgemeinen und als Autor im Speziellen. Das Warten und Bangen und Hoffen und Zittern, wenn man irgendein Schriftstück irgendwo eingereicht hat, sei es Verlag, Wettbewerb, oder simpel ein Reziexemplar.

Nur:

 

Der Künstler in uns ist beim Marketing unser größter Feind.

Denn er ist es, der uns unterbewusst Fragen stellen lässt wie: Und wenn sie es nicht mögen? Vielleicht sollten wir nicht gleich so groß denken. Erstmal kleine Brötchen backen und dann … möglicherweise …

In einem Verlag hättet ihr einen Lektor, der euch sagen würde, was ihr tut ist gut. Als Selfpublisher braucht ihr EHRLICHE TESTLESER, die das tun. Testleser, die nicht genetisch mit euch verwandt sind oder euch schon die Hälfte eures Lebens kennen. Erst dann erfahrt ihr, ob das, was ihr macht taugt.

Wenn ihr dann zu diesem Schluss gekommen seid, dann müsst ihr euch darüber klar werden, dass der Autor, der Künstler, in euch, der Einzige ist, der das Buch zu Ende bringen kann.  Aber die Arbeit die mit dem Abschluss und mit der Veröffentlichung (und im besten Fall davor) anfängt, die nimmt er euch nicht ab.

Er wird mosern und meckern, dass er weiterschreiben will. Dass er jetzt hier nicht schon wieder wie ein Marktschreier über die Social Media Kanäle flackern will. Dass er findet, dass es reicht, was ihr tut. Und überhaupt, wenn das Buch gut genug ist, dann werden die Leser es schon ‘entdecken’.

 

Und der Pilot dreht um und fliegt zurück.

(- Zitat Michael Mittermeier)

Ja ne, is schon klar. Weil ihr ja auch so total unbekannt seid und es ja nur jährlich gefühlt 85.000 Neuerscheinungen auf dem SP-Markt gibt, kann der Leser gar nicht anders, als über euch zu fallen. (Wer keinen Sensor dafür hat: Ja, das war jetzt Ironie.)

Was euch bewusst sein muss, ist: Niemand kennt euch. Niemand, außer den 300 Menschen, denen ihr in Kinergarten, Schule, weiterführende Bildungseinrichtung und später auf der Arbeit begegnet seid, weiß, wer ihr seid. – Und wenn diese 300 hören, dass ihr schreibt, dann glauben die alle, sie hätten ein Freiexemplar verdient.

Das heißt, wenn ihr wirklich gesehen und gelesen werden wollt, dann müsst ihr das selbst auf euch nehmen. Und das ist harte Arbeit.

Im übrigen ist es ein weiterer Irrglaube, dass dieser Part euch abgenommen wird, wenn ihr das Glück hattet, euer Buch in einem Verlag unterzubringen. Eine befreundete Autorin und ich streiten sehr oft darüber, wenn sie im Chat dann mal wieder proklamiert, wie anstrengend sie das findet, was ich tue und dass sie nie SP machen würde, weil “Ich mir lieber einen Verlag suche, dann muss ich nur Schreiben und der macht das dann alles.”

 

Wer gesehen und gelesen werden will, der muss die bittere Pille des Marketings schlucken.

Ende der Durchsage.

Manche von euch, die das schon kapiert haben und die hier vielleicht konkrete Tipps erwartet haben, werden wohl nun enttäuscht sein. Doch ihr glaubt einfach nicht, wie oft mir das begegnet: Ein Kollege oder eine Kollegin, die begnadet gut und witzig schreiben, sich dann mal für ein, zwei Monate zum Bewerben ihrer Neuerscheinung aufraffen und wenn es dann nicht läuft und die Verkäufe in die Tausende schießen, geben sie auf. Bestenfalls schreiben sie ein neues Buch, um es damit erneut zu versuchen. Denn der Irrglaube sitzt in den Gehirnwindungen: Vielleicht war ich diesmal einfach wirklich nicht gut genug. 

Die gute Nachricht aber ist:

 

Marketing kann auch Spaß machen.

Das habe ich von meinem personal Marketing Demon from Hell (TM) gelernt. Denn die (deren Name nicht genannt werden soll 😛 ) hat vor etwas mehr als zwei Jahren nämlich genau das angetroffen, als ich die ersten wackeligen Schritte in der Welt des Selfpublishings machte: Einen völlig verkopften Autor mit einer Wagenladung Issues und Selbstzweifel, Angst vor dem Versagen und gleichzeitig dem absoluten Unwillen, ein Interview zu geben oder auch nur irgendwie im Entferntesten persönlich in das Ganze einbezogen zu werden.

Mein liebster Satz war: Die Leute sollen doch mein Buch lieben und nicht mich. Das beides irgendwie zusammengehört, das habe ich in abendfüllenden Chatgespräche langsam Stück für Stück kapiert.

Anfangs war es dann eine Qual, aber mit der Zeit wurde es besser.

Der Trick ist, es zu einem Teil seiner Identität als Autor zu machen. Und wie das geht, das will ich versuchen mit euch in den nächsten Beiträgen zu erörtern. 🙂

 

Ich hoffe, ihr bleibt dran. Wir lesen uns.

 

Mit den besten Grüßen,

 

Eure Sylvia

Bonusszene – Der schwerste Schritt

Sternschnuppen für euch

Immer wieder gibt es kleine Blitzlichter aus und rund um den Stern von Erui, die ich einfach festhalten muss. Es sind ikonische Szenen, die ich so schon taussendmal vor Augen hatte, die aber selbst in der Geschichte keinen Platz haben. Nur die Fakten dazu wurde irgendwo mal genannt. Dennoch sind manche davon so schön, dass ich sie nicht für mich behalten will.

Ich habe mir auch fest vorgenommen, diese Szenen eines Tage in einem Buch zusammenzufassen und für euch auf Amazon zu stellen. Also für alle wirklichen Fans, die einfach nicht genug bekommen können.

Diese Szene hier ist ein winziger Einblick in Llewellyns Leben, bevor es ihn durch die Nebel getragen hat. Ich hoffe, euch damit einen Einblick in seine Seele zu schenken, die vielleicht verstehen lässt, warum er manches mal so handelt, wie er es tut. Geschrieben habe ich sie schon lange, doch veröffentlicht wird sie nun erst im Rahmen der Fantasyzeit auf Zebrabooks. 🙂

 

Der schwerste Schritt

„Wenn du so weitermachst, Gaya, dann wird der Junge bis zum Ende seines Lebens an deinem Rockzipfel hängen.“

Cormac runzelte missbilligend die Augenbrauen. Seine Frau hob gerade ihren Sohn wieder auf die Füße, klopfte ihm Staub und Schmutz von seinem weiß-goldenen Hemdchen und streichelte zart über die aufgeschürften Handflächen. Unter der sanften Berührung heilten die kleinen Kratzer in Sekunden zu. Dennoch liefen weiterhin Tränen über die blassen Wangen und man sah, wie der Junge die kleinen Fäuste ballte.

Traurig und wütend starrte Llewellyn auf den Abhang hinter dem die anderen Kinder verschwunden waren. Cormacs Blick folgte seinem und er konnte nur den Kopf schütteln, als seine Frau ihren Sohn vom Abhang fort und hinter sich her wieder in Richtung Schloss zog.

„Es ist ohnehin viel zu gefährlich da unten. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich gar nicht erst zu ihnen gelassen.“

Llewellyns Blick flog sehnsüchtig über die Schulter. Von unten auf dem schmalen Felsenpfad drangen das Lachen und die Rufe der anderen Kinder hinauf. Es war das erste Mal, dass er mit ihnen hatte spielen dürfen. Tagelang hatte er gebeten und gebettelt, bis seine Mutter es ihm schließlich erlaubt hatte. Eigentlich wollte sie von solchen Unternehmungen nichts hören. Oben im Schlossgarten war genug Platz, wie sie befand, und alle mal gab es ausreichend Zerstreuung für den kleinen Prinzen. Wenn er unten in die Höfe wollte, konnte er zu den Ställen gehen und den Stallmeister bitten, ihn auf einer der alten Stuten reiten zu lassen. Außerdem beschäftigte die Königin sich ja selbst oft Stunden und Stunden mit ihrem Sohn.

Bevor man ihn aber diesmal mit seiner Kinderfrau hoch in den Turm zu seinen Gemächern schickte, nahm sein Vater ihn auf die Seite und blinzelte ihm verschwörerisch zu.

„Morgen reiten wir hinaus zu den Weilern hinter den Brücken, was meinst du?“

„Cormac!“, hörte man im Hintergrund die Feenkönigin sich entrüsten, doch ihr Mann ließ keinen Protest zu.

„Llewellyn ist unser Sohn. Er ist der Kronprinz von Fenlar. Und du versteckst ihn schon viel zu lange hinter diesen Mauern. Kein Wunder, dass sie ihn in den Dreck schubsen und nicht dabei haben wollen.“

„Sie haben ihn nicht geschubst. Der Schmied sagte, er sei gefallen. Für einen Fünfjährigen ist es entschieden zu gefährlich unten im Bruch zu spielen.“

Jetzt drehte sich Cormac um und funkelte sie an. Früher wäre er wütend geworden. Doch Gayas aufbrausendes Temperament hatte ihn gelehrt nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

„Liebes, alle Kinder des Schlosses haben immer schon da unten gespielt. Die Älteren haben den Kleinen die Pfade hinab gezeigt und die Größeren fliegen sowieso hinunter.“

„Es mag sein, dass alle Kinder des Schlosspersonals schon immer da gespielt haben. Ich selbst kann mich nicht erinnern, jemals dort hinabgeklettert zu sein. Der Weg ist steil und gefährlich. Und unser Sohn ist fünf!“

„Ich bin schon zwölfmal mit euch beim Eisfest unten in den Fjorden gewesen“, warf der kleine Prinz ein, „und Papa hat mir erzählt, dass er auch immer in den Bruch runter geklettert ist.“

Das Funkeln in den grauen Augen der Feenkönigin nahm zu. Cormac wusste, dass jetzt der Zeitpunkt war, an dem man nicht weiter mit ihr diskutieren sollte. Dabei konnte er Llewellyn so gut verstehen.

„Lew, deine Mutter und ich besprechen das. Aber wir beide reiten auf jeden Fall morgen raus. Darauf hast du mein königliches Wort.“

Er strich ihm über den Kopf, der im Licht der untergehenden Sonne so gleißend golden funkelte wie seiner. Dann schickten sie nach der Kinderfrau, dass sie den Prinzen für das Abendessen umziehen möge. Bis sie gekommen war, um Llewellyn mitzunehmen, sprachen König und Königin weiter nur über Belanglosigkeiten. Kaum aber war die Tür hinter ihnen zugefallen, fauchte Gaya ihren Mann an.

„Wie kannst du ihm solche Versprechungen machen? Du weißt, was ausgemacht war.“

„Dass er das Schloss nicht verlässt, bis er zwölf ist. Gaya, das ist lächerlich! Lew ist ein kluger Junge. Er ist aufgeweckt und neugierig, und du kannst ihn nicht von der Welt fernhalten.“

„Ach nein? Ich soll ihn also dieser Welt lieber zum Fraß vorwerfen? Und das nächste Mal, wenn die Dörfer im Osten an der Küste brennen, dann müssen wir darum bangen, dass er dort sein könnte, weil er mit seinen Freunden jenseits der Brücken gespielt hat?“

Cormacs Miene verfinsterte sich nun.

„Unser Sohn hat jenseits der Brücken keine Freunde. Er hat ja nicht einmal welche innerhalb dieser Mauern. Die anderen Kinder meiden ihn, weil sie wissen, dass du mit den Augen eines Greifen jedem seiner Schritte folgst.“

„Ja, richtig! Aber weißt du auch warum? Weißt du, wie sie ihn nennen?“ Sie machte eine theatralische Pause. „Prinz der Pferdeställe. König der Heuhaufen!“

Cormac schluckte. Ihm lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ich weiß, du beharrst darauf, dass du auch immer mit den anderen frei und wild unten an den Kampfarenen und im Bruch umher gestreift bist. Aber du warst auch kein Prinz. Du willst, dass sie lernen, ihn ernst zu nehmen? Dann mach ihn nicht zum Spielkameraden und Prügelknaben des gemeinen Volkes. Er kann sein Land und sein Reich kennenlernen, wenn er alt genug dafür ist; als der Königssohn, als der er geboren wurde.“

Cormac schüttelte den Kopf. Bitterkeit mischte sich in seinen Blick und eine lange Stille senkte sich zwischen sie. Es brannte ihm dabei auf der Zunge, auszusprechen, was ihm als erstes in den Sinn kam, doch er scheute sich davor. Er drehte die Worte im Kopf hin und her, wusste, dass sie wahr waren und dass sie genügen würden, Gaya über all das Gesagte nachdenken zu lassen. Dennoch brachte es nicht fertig.

Als sie nach einer Weile von hinten an ihn herantrat, ihm ihre weichen Finger auf die Schultern und in den Nacken legte, sich leise flüsternd vorbeugte und sagte: „Lass uns aufhören zu streiten, mein Lieber“, da konnte er ihr fast verzeihen, dass sie so verstockt auf ihrer Meinung beharrte, so überängstlich ihr Kind zu schützen versuchte, vor einer Gefahr, die mehr eingebildet als real war.

„Ihr könnt doch morgen genauso gut ein wenig auf dem Übungsplatz reiten. Llewellyn sitzt doch erst seit ein paar Wochen sicher im Sattel. Gib ihm Zeit“, fügte sie schließlich mit versöhnlicher Stimme hinzu.

Doch es reichte, damit dem Feenkönig nun endgültig der Kragen platzte.

„Hör auf damit, mich manipulieren zu wollen! Früher mag das mal funktioniert haben, als ich noch blind war vor Liebe. Blind, weil ich dachte, ich sei für dich der Einzige, wie du es für mich stets gewesen bist. Aber die Zeit hat mich eines besseren belehrt. Und sie wird dich lehren, dass du irgendwann loslassen musst, Gaya. Niemand fordert von dir, diesen Sohn fortzugeben. Du sollst ihm lediglich ein paar Freiheiten gewähren, damit er kein weinerliches Muttersöhnchen werden muss. Wenn ich richtig höre, dann reitet der Sohn von König Melias bereits mit dem Pferd seines Vaters Wettrennen auf den Straßen Caer‘Arions.“

Diese letzten Worte setzte er leise aber mit sehr viel Nachdruck hinzu und konnte beobachten, wie seiner Frau alle Gesichtszüge entglitten. Im gleichen Moment, wie er sie ausgesprochen hatte, hätte er darum auch am liebsten alles wieder ungesagt gemacht. Doch jetzt war es geschehen.

„Wie der König von Arvindûras seinen Spross erzieht, das ist ganz und gar seine Sache. Ich wüsste nicht, was uns das angeht“, presste sie zwischen den Lippen hervor und verließ anschließend mit eiligen Schritten den Raum.

Den Streit der Eltern konnte Llewellyn noch die ganze Nacht hindurch hören. Nicht das, was sie genau sagten. Aber ihre Stimmen drangen unentwegt vom Balkon unten durch seine Fenster herein. Dabei waren Mutter und Vater normalerweise ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung. Immer ein Vorbild sein. Immer Haltung bewahren. Nie die Kontrolle verlieren. Das predigten sie ihm tagtäglich. Ein Fürst von Erui musste besonnen und beherrscht sein. Dennoch stritten sie. Immer häufiger in den letzten Wochen. Und immer wegen ihm.

Es hatte begonnen, als er das erste Mal nach den Nebeln gefragt hatte. An und für sich waren die Schleier nichts Ungewöhnliches hier in der Nähe des Meeres. Küstennebel, Moornebel, Nebel, bevor heftige Regengüsse einsetzten; morgens, abends, oft den ganzen Tag hindurch, dass man die Hand vor Augen bloß erahnen konnte.

Llewellyn mochte ihn nicht, den Nebel, denn er verhinderte, dass er von seinem Zimmer hier oben im Turm bis weit hinaus über die für ihn bekannten Grenzen schauen konnte.

Er saß manchmal stundenlang hier und träumte von der Welt jenseits dieser Mauern. Und hier war es auch, wo er ihn das erste Mal gesehen hatte: jenen silbrigen Schleier, der so ganz anders war, als der übliche salzgeschwängerte Dunst. Er war plötzlich erschienen, hatte die Welt um sich her verzerrt und irgendwie völlig surreal gewirkt.

Es hatte ihn an die Lieder der Barden erinnert, die er manchmal unten an den Feuern bei der Schmiede gehört hatte, wenn die Bediensteten und Handwerker des Schlosses abends zusammenkamen. Lieder von den Schleiern, die dünner wurden zwischen Erui und dem, was sie Gar‘Elahad nannten; – das Menschenreich.

Llewellyn wusste dabei nicht, was Menschen waren. Doch dem Gesang entnahm er, dass es sich mit ihnen anders verhielt, als mit den Nymphen, die im Nachbarreich Norimar lebten, oder den Trollen oben in den Bergen im Süden. Seine Eltern waren allerdings alles andere als erfreut gewesen, als er sie danach gefragt hatte. Abgewimmelt hatten sie ihn. Sprachen davon, dass er mit fünf Jahren noch zu klein war, es zu begreifen, dabei wusste er nicht wie sie diese Jahre zählten. Er konnte sich an dreizehn Sommer erinnern. Und davor lagen vermutlich noch ein oder zwei, an die er sich nicht erinnerte, weil er wirklich zu klein gewesen war.

Fünf Jahre, – Menschenjahre -, hatte seine Kinderfrau ihm verraten. Menschenjahre. Darin rechnete man hier. Aber doch sprach man nicht über diese Menschen, als ginge von ihnen ein böser, dunkler Zauber aus.

Einen Moment ging ihm durch den Kopf, dass er die Menschen gerne kennenlernen würde. Mindestens so gern, wie die Welt jenseits der sieben geschwungenen Brücke, die sich über den Bruch spannten, der ganz Peleneth umgab. So wie die silbernen Nebelschwaden Tore in eine andere Welt zu sein schienen, waren diese Brücken für ihn Tore in ein Land, das unbekannt und magisch jenseits all seiner Vorstellungskraft lag.

Er lächelte bei dem Gedanken. Da quietschte die Tür hinter ihm und seine Kinderfrau kam herein.

„Ihr schlaft ja immer noch nicht, mein Prinz“, tadelte sie und deutete auf das Himmelbett mit den Brokatvorhängen.

Während er mit einem tiefen Seufzer der Aufforderung hinter dem strengen Blick folgte, flog sein Blick noch einmal hinab auf die Brücken, hinter denen die Sonne langsam unterging.

„Glaubst du, Vater hält sein Versprechen? Glaubst du, ich darf morgen mit ihm hinaus?“

„Er hat sein Wort gegeben, oder?“ Llewellyn nickte. „Und was ist oberstes Gebot für einen König?“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht. „Ein König steht immer zu seinem Wort.“

Damit ließ er sich bereitwillig zudecken und schlief zur leise summenden Stimme seiner Amme ein.

Es war in der Tat noch ganz früh am nächsten Tag. Tau überzog das Heidekraut, während ihre Pferde fröhlich schnaubend über den weichen Sandboden trabten. Llewellyn konnte sein Glück kaum fassen und seine Augen saugten gierig jedes noch so winzige Detail der Umgebung in sich auf.

Jenseits der Brücken lagen flache Hügel, durchzogen von kleinen Mooren. Lichter tanzten zwischen den Nebelfetzen, von denen Llewellyn wusste, dass manche davon recht harmlose Irrwische waren. – Winzig kleine Fey-Kreaturen, die nur in den flacheren Sümpfe zu Hause waren, die es aber schätzten, wenn sie von den Feen in ihre Häuser und Höfe eingeladen wurden. Im Winter hatte schon oft die ganze mittlere Halle des Schlosses in ihrem Schein geleuchtet, wenn das kalte Wetter die kleinen Wesen nach drinnen zog.

Bevor er allerdings auf die Idee kommen konnte, anzuhalten und den Lichtern hinterher zu laufen, war in der Ferne ein langezogenes Jaulen zu hören und weitere Lichter, grünlicher als die in der Nähe, tauchten auf.

„Das war ein Feyschakal“, erklärte Cormac, noch bevor Llewellyn fragen konnte. „Vor denen muss man sich in Acht nehmen. Sie stammen noch aus den ersten Zeitaltern und sind nicht ganz ungefährlich. Sie sind harmlos, wenn sie nicht hungrig sind und sie brauchen nicht oft zu Fressen. Doch wenn, dann machen sie keinen Unterschied, ob es die Haut einer Kuh, eines Kaninchens oder eines Sterblichen ist, die sie zwischen die Fänge bekommen.“

Llewellyn lauschte andächtig und Cormac erklärte weiter: „Und diese Lichter dahinten“, er deutete auf die Nebelbänke mit ihrem geisterhaften Strahlen, „denen darfst du niemals folgen.“

„Warum nicht?“, wollte Llewellyn wissen.

Sein Vater zog allerdings die Augenbrauen kraus, als wolle er lieber nicht darüber berichten müssen.

„Sie sind gefährlich wie die Schakale. Es ist einer von vielen Gründen, warum Mama nicht will, dass du diesseits der Brücken spielst. Du kennst diese Welt nicht genug. Und sie ist nicht immer nur gut.“

„Aber du kannst es mir doch erklären, und dann passe ich auf.“

Cormac konnte das fiebrige Glühen hinter den blauen Augen bei dieser Worten erkennen. Gefahr schreckte seinen Sohn nicht. Im Gegenteil. Sie machte ihn nur umso neugieriger.

Das war gut, wie er befand, denn einen feigen König konnte sein Volk nicht gebrauchen. Aber solcher Mut und solche Abenteuerlust mussten schon früh gelenkt werden. Sonst liefen sie aus dem Ruder. So wie damals bei ihm.

Er seufzte bitter, als er an seine Kindheit dachte. Sein Vater hatte auch stets versucht, ihn aus den Sümpfen und Mooren und von der Küste fern zu halten. Sein Platz sei in den Ställen, im Schloss. Doch hätte er sich daran gehalten, wäre er damals nicht der Prinzessin zu Hilfe gekommen.

Daran erinnerte er sich noch sehr gut. Gaya war vielleicht nicht in schmutzigen Hosen durch die Schlucht geturnt. Doch die brave Königstochter war auch sie nicht gewesen, und es hatte sie fast das Leben gekostet.

Eigentlich, dachte Cormac, machte es nur umso verständlicher, dass sie nicht wollte, dass ihr Sohn diesem Drang in sich nachgab. Er aber fürchtete, was Lew tun würde, wenn sie ihn noch länger von allem fernhielten. Er war zu klug, zu neugierig, um es noch ewig im Schloss auszuhalten. Er fragte jetzt schon nach den Nebeln und den Menschen. Dinge, die die meisten erûischen Kinder kaum vor ihrem zwanzigsten Sommer interessierten. Manche interessierten sie ein Leben lag nicht.

Er blickte zu der erfahrenen Stute vor sich auf dem Pfad, die die Unaufmerksamkeit seines Jungen ausglich, in dem sie von ganz allein auf den Weg achtete, während Lews Augen immer neue Wunder neben dem Pfad und in der Weite der Heiden fanden.

Zwei Stunden ritten sie und Llewellyn war die ganze Zeit sehr still. Er fragte manches Mal, was dies oder jenes sein mochte. So viele Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte. So viele Wesen, die ihnen auf dem abgelegenen Pfad begegneten, den der Vater ihn führte. Pixies und Leprechauns, Feld-, Wald- und Wiesengeister, pelzige kleine Nermen, die wie winzig Drachen über die Steine krochen und Glutklümpchen nach Käfern spien. Als sie allerdings über die letzte sandige Hügelkuppe ritten, war all das mit einem Augenblick vergessen. Das gewaltige Rauschen und der unstete Wellentanz nahmen den Blick des kleinen Prinzen sofort gefangen.

„Das Meer“, hörte Cormac den Sohn ehrfürchtig flüstern.

Bisher hatten sie ihn nie mit hierher genommen. Bloß im Winter in eine der sicheren Buchten, wenn das Wasser von einem dicken Eispanzer bedeckt wurde. Diese Wellen allerdings, die konnte kein noch so harter Winter zähmen. Wie überall an der Küste war das Wasser hier rau und schäumend. Seine Wucht wurde lediglich gemildert durch die breite Sandzunge, auf der es anlandete. Rechts und links von ihnen erhoben sich die hohen Klippen, die überall in Fenlar die Küstenlinie bildeten.

Von Llewellyns Turmfenster aus konnte man sie sehen und an ganz klaren Tagen auch die weite blaue Fläche dahinter erahnen.

Nun aber stand er davor. Der Wind trieb Sand und Salz in seine Augen. Die Sonne brannte trocken vom Himmel herab, obwohl es noch immer nicht spät am Tag war. Doch ihre Strahlen wurden von den Kronen der Wellen reflektiert und stachen damit doppelt grell.

Eine halbe Stunde standen der Feenkönig und sein Sohn einfach nur nebeneinander und sahen dem Spiel des Lichtes zu, wie es über das Wasser tanzte. Danach schlug Llewellyns Erstaunen allerdings schlagartig in unbezwingbare Neugier um.

„Was ist hinter dem Meer, Papa?“

König Cormac schluckte. Er hatte mit vielem gerechnet. Dass sein Sohn vielleicht in den Wellen spielen wollte, oder dass er den Strand entlang zu den Klippen reiten und diese erkunden wollte. Als er selbst mit seinen älteren Brüdern das ersten Mal hier gestanden hatte, da war das Meer für ihn das Ende der Welt gewesen. Dass es dahinter weitergehen könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.

Er blieb die Antwort schuldig und Llewellyn löste seine Hand nach einer Weile aus der des Vaters und ging den Wellen entgegen. Er war dabei vorsichtig, wartete, bis das Wasser das erste Mal ganz nah zu ihm kam, seine Füße seicht umspülte, sich dann zurückzog, um erneut Anlauf zu nehmen und diesmal vielleicht noch weiter an den Strand zu gelangen.

So ging es eine Weile hin und her. Quietschend vor Vergnügen lief der blonde Junge mit dem Wasser hinaus und vor ihm davon, sobald es zurückkam. Solange, bis er ins Straucheln kam. Cormac hielt die Luft an. Seine Gestalt spannte sich sofort und seine Flügel waren drauf und dran, ihn in die Luft zu heben, als die Welle über Llewelyns Körper hinwegrollte.

Nass und von ein paar Algen bedeckt rappelte der Junge sich allerdings schnell wieder auf. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, was dem Vater Lachtränen in die Augen trieb, und zog sich dann ein bisschen weiter an den Strand zurück, missmutig und gleichzeitig sehnsüchtig auf die urgewaltigen Wassermassen starrend.

Aber auch diese Lektion hielt nicht ewig. Schon bald widmete er sich einer neuen Beschäftigung und fischte in sicherer Entfernung zu den hohen Wellen in der Brandung nach Treibgut. Ein Bernstein fiel ihm dabei als erstes in die Finger, den er der Mutter für eine Haarspange mitbringen wollte. Das nächste war ein Seeigel, den er behutsam ins tiefere Wasser zurücktrug. Schneller, als die Wellen das Tierchen dem Meer wieder zurückbringen konnten, lief er allerdings vor den sich nähernden Wassern wieder davon.

Sein Vater hatte sich derweil weiter hinten am Strand auf einem großen Felsen niedergelassen, hielt die Zügel ihrer Pferde und winkte ihm nur hin und wieder einmal zu. Die Vorsicht, mit der sein Sohn Erfahrungen sammelte, gefiel ihm, und er hatte keinerlei Bedenken, dass er etwas Dummes anstellen würde. Gaya unterschätzte ihren Jungen maßlos.

Llewellyn hätte bestimmt noch Stunden an diesem Strand verbringen können, das blonde Haar mittlerweile ganz verklebt von der überall aufspritzenden Gischt. Da spülte das Meer allerdings als nächstes etwas vor seine Füße, dass erneut Fragen in ihm aufwarf. Seine Finger tasteten vorsichtig nach dem metallenen Gegenstand. Er musste schon eine Weile im Wasser gelegen haben, denn er war angerostet. Dennoch konnte man gut erkennen, dass es einmal die Klinge eines krummen Dolches gewesen war. An ihrem Ende befanden sich zwei Zacken im Stahl.

Llewellyn hatte eine solche Waffe noch nie gesehen. Er begriff, dass man die Klinge nicht aus einer Wunde ziehen konnte, ohne mit den Zacken das Fleisch weiter aufzureißen, und er fragte sich, wer sich so etwas Grausames ausdenken mochte.

Er trug den Fund zu seinem Vater und die Frage lag bereits in seinem Blick. Doch auch diesmal sollte er keine Antwort bekommen. Cormac nahm ihm das Fundstück nur stillschweigend ab, drehte es eine Weile versonnen und mit schwermütigem Blick hin und her, bevor er weit ausholte und es mit einem kräftigen Wurf zurück ins Meer schleuderte.

Llewellyn wollte protestieren. Er hatte es gefunden. Er empfand es als sein Recht, es auch behalten zu dürfen. Er hatte die anderen Kinder im Schloss schon oft von ihren Schatzsuchen am Strand berichten hören. Er wusste, dass das Gesetz galt, das alles, was das Meer hergab, dem gehörte, der es fand. Er hatte den Dolch mitnehmen und den anderen zeigen wollen. Dann hätten sie ihn bestimmt auch endlich ernst genommen und er hätte mit ihnen hinab in die Schlucht gekonnt. Ganz gleich, was seine Mutter davon hielt. So aber brachte er nun nichts mit von diesem Ausflug.

Auch auf dem Rückweg war er sehr still. Es war allerdings eine andere Stille, als sein bewunderndes Schweigen vom Vormittag.

Als sie schließlich wieder ins Schloss zurückkamen, hatte Llewellyn die Füße schneller wieder aus den Steigbügeln draußen, als einer der Burschen die Zügel seiner Stute ergriffen hatte. Gottlob war das Pferd brav genug, nicht einfach davonzulaufen, als sein Reiter es achtlos stehen ließ.

Königin Gaya hatte voll Sorge den ganzen Tag darauf gewartet, dass ihr Mann und ihr Sohn von ihrem Ausflug zurückkamen. Jetzt sah sie ihren kleinen Prinzen mit zerzaustem Haar und roten Wangen die Treppen hinaufstürmen. Allerdings nicht, um ihr wie erhofft stürmisch um den Hals zu fallen. Mit starrem Blick ließ er sie links liegen, konnte gar nicht eilig genug die Treppen hinauf in seine Gemächer gelangen und die Tür hinter sich zuwerfen.

Seine Amme klopfte zaghaft und trat ein, musste sich aber schnell wegduckten, da eines der vielen Kissen vom Bett nach ihr geflogen kam.

„Lasst mich alle in Ruhe!“, rief der Prinz aufgebracht.

Drei Stockwerke weiter unten waren auch seine Eltern mittlerweile in einen bitterbösen Streit geraten. Gaya machte Cormac natürlich Vorwürfe, dass sie so etwas ja hatte kommen sehen. Dabei verstand sie nicht einmal, was ihren Sohn so aufgebracht hatte. Auch Cormac begriff es nicht, doch die Schimpftiraden seiner Frau gaben ihm nicht die Möglichkeit, sich mit Lew auseinanderzusetzen.

Der schrie derweil zornig in sein Kissen. Er hielt es nicht aus. Er hielt es einfach nicht mehr aus!

Dieser Tag heute am Meer, die Weite des Himmels darüber, das war für ihn wie eine Offenbarung gewesen. Endlich draußen aus der Enge des Schlosses hatte er sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Er hatte sein Herz schlagen hören, so laut wie nie zuvor. Er hatte das Gefühl gehabt, eine völlig neue Welt zu sehen. Eine Welt, außerhalb von goldenen Säle und prunkvollen Hallen. Und vermutlich war ihm wirklich das erste Mal klargeworden, dass die Welt auch gefährlich sein konnte. So richtig gefährlich.

Was sonst hatte diese fremde Waffe vor Fenlars Küste zu bedeuten?

Aber war das nicht immer das, wovon der Vater sprach? Dass ein König die seinen beschützen musste? War das nicht die Aufgabe, die irgendwann auf ihn warten würde?

„Er ist erst fünf, Cormac“, hörte er von unten in den Sälen heraufschallen und wieder machte ihn dieser Satz nur endlos wütend.

Ein kleines Kind! Mehr sah sie nicht in ihm, seine Mutter. Ein Kind, dem man nichts erklären musste und das man besser von der Welt fernhielt.

Sie haben ja keine Ahnung‘, dachte eine Stimme in ihm und eine lodernde Glut zuckte durch seine Eingeweide, dass er selbst im nächsten Moment erschrak.

Er wusste nicht, wo dieser Gedanke herkam, er spürte nur den Zorn, den die Worte mit sich brachten. Und die unbezähmbare Macht, mit der es ihn überkam, ängstigte ihn mehr, als die Unendlichkeit und die Stärke der unbarmherzigen See. Ein Schaudern durchfuhr ihn. Noch einmal war da dieses seltsam urtümliche Dröhnen ganz tief in ihm. Llewellyn spürte, dass sie schon früher dagewesen sein musste, doch war es ihm nie wirklich bewusst gewesen. Die Angst wurde größer. Überwog die Neugier und es half ihm, wieder zu sich zu kommen.

Er setzte sich auf, sah auf seine Fäuste, mit denen er wütend auf seine Kissen eingetrommelt hatte. Er fühlte sich hilflos und nicht ernst genommen und begriff doch, dass er nichts tun konnte, dies zu ändern. Hier in Peleneth würden noch endlos viele Sommer verstreichen, bis man ihn für groß genug halten würde, um ihm seine Fragen zu beantworten.

Dabei hatte er so viele.

Was ging vor sich in der Welt? Wovor hatten der Vater und die Mutter solche Angst? Konnte man etwas dagegen tun? Warum waren diese Schleier so gefährlich? Wer genau waren die Menschen, und warum hieß es aller Orten nur, dass sie schlecht waren?

Als schließlich die untergehende Sonne sein westliches Fenster traf und alles in seinem Zimmer in ein feuriges Licht tauchte, beschloss Llewellyn für sich, dass er all das herausfinden wollte. Er wollte kein kleiner Junge sein, der nichts wusste. Er wollte von den anderen Kindern, die teils jünger waren als er, nicht länger gehänselt werden. Er wollte so stark und tapfer werden, wie sein Vater. Aber dazu musste er wissen, was sein Vater wusste. Vielleicht sogar mehr.

Das alles ging ihm auch noch durch den Kopf, als schließlich seine Mutter zu ihm kam, um ihn wie an jedem Abend ins Bett zu bringen. Auch sie brachte keine Erklärungen mit und keine Antworten auf seine Fragen. Er sei noch zu klein, er müsse das alles noch nicht wissen, sagte sie nur, bevor sie ihm wie jeden Abend sein Schlaflied vorsang.

Llewellyn sah dabei in ihre grauen Augen und lauschte ihrer wundervollen sanften Stimme. Er liebte sein Mutter, aber irgendwie fühlte er auch, dass sie ihn davon abhalten würde, das zu werden, was er sein musste.

„Schlaf schön, mein Liebling. Hörte er sie noch sanft flüstern, während ihre Lippen seine Stirn berührten. „Und morgen bleibst du wieder bei mir im Schloss. Die Welt da draußen ist noch viel zu aufregend für dich.“

Der nächste Tag begann mit Nebel. Bis vor die Fenster seiner Turmgemächer war er gekrochen und nahm Llewellyn die Sicht auf die Welt um sich. Enttäuscht trat er von den verglasten Spitzbögen zurück. Die Wut von gestern war verraucht. Nur die Sehnsucht war geblieben. Die Sehnsucht nach etwas, für das er keine Worte hatte, und sie wuchs mit dem Blick hinauf zum Himmel, der sich in dichte Wolken hüllte.

Beim Frühstück blieb er zunächst ganz still. Schließlich aber konnte er nicht mehr an sich halten und musste seinen Vater einfach noch einmal fragen: „Warum darf ich so viel noch nicht wissen, Papa? Wenn ich irgendwann ein König sein soll, dann muss ich es doch auch mal lernen.“

Cormac horchte bei diesen Worten auf. Er war schon lange überzeugt davon, dass sein Sohn für sein zartes Alter viel zu viel nachdachte.

Er konnte launisch und unbeherrscht sein, so wie gestern. Doch entstand das eigentlich immer nur aus der Frustration heraus, dass man ihm mal wieder etwas verboten hatte. Manche der Diener mochte Lew dafür nicht. Sie proklamierten, dass er mal sehr reizbar und herrschsüchtig werden würde. Doch Cormac fühlte sich dadurch nur an sein eigenes jüngeres Selbst erinnert.

Wie oft hatte er Fragen gehabt, wie oft hatte sein Vater ihm keine Antwort gegeben. Er verstand es heute, denn obwohl die tiefblauen Augen so intelligent blitzten, hatte Gaya recht. Er war ein Kind. Dreizehn Sommer hatte er gesehen. Fünf Menschenjahre waren seit seiner Geburt vergangen. Und doch, den Söhnen seiner Ritter, seiner Handwerker, seiner Bauern traute er in diesem Alter schon zu, den Beruf ihres Vaters verstanden zu haben und ihm nachzueifern. Und seinen eigenen Jungen sollte er wie ein dummes Kleinkind behandeln?

„Lew, hör mal, es gibt Mächte da draußen, von denen du noch nichts weißt und …“

„Untersteh dich Cormac!“, fuhr ihm seine Frau dazwischen.

Ihr Ton war so schrill und scharf, dass die Bediensteten verwirrt die Köpfe hoben. Sogleich fing die Feenkönigin sich wieder. Ihr Blick wurde milder, flehend fast.

„Fürs erste reicht es, wenn du weißt, dass das Land und die Küste gefährlich ist. Du wirst noch früh genug begreifen warum. Und Schuld daran sind die Menschen, Lew. Darum mögen wir sie nicht. Weil sie gefährlich sind und man sich vor ihnen in Acht nehmen muss.“

Llewellyn nickte darauf. Es war nicht die Antwort, die er hatte hören wollen, aber es war eine Antwort gewesen. Willig folgte er nach dem Essen seiner Mutter hinaus in den inneren Garten, der im dritten Stock des Schlosses direkt an den großen Saal grenzte. In sich gedrehte und gewundene blau-silberne Bäume mit bizarr geformten Blättern und dichtem Laub bis zum Boden standen hier.

Die alten Eskarbäume waren selbst in den Feenlanden selten zu finden. Doch sie waren Omen und man sagte ihnen nach, wer in ihrem Schatten ein Haus baue, den würde da Schicksal niemals falsch leiten.

Von diesen Dingen hatte der kleine Prinz genauso wenig Ahnung, wie von dem Wahrspruch, der wie eine drohende Klinge über seiner Mutter hing. Sie erinnerte sich fast täglich an die Worte der Priesterin, damals in Nualschadan. Würde sie sich für ihre wahre Liebe entscheiden, dann sollte sie keines ihrer Kinder groß werden sehen.

Die bitteren Worte ließen sie auch jetzt nicht los, während ihr Sohn immer wieder vor ihr davon lief und sich zwischen den niedrig hängenden Ästen versteckte. Diesmal hatten sie seine Fragen abspeisen können, ihn beruhigen können. Diesmal konnten sie wieder friedlich zusammen spielen und lachen. Doch die Fragen würden wiederkommen und sein Wunsch nach Wissen, sein Durst sich endlich beweisen zu dürfen wie ein wahrer Prinz, endlich lernen zu können, er würde nicht versiegen. Und diese Neugier würde ihn aus Peleneth fortführen. Das wusste Gaya, so sicher, wie sie wusste, warum jeder Vergleich ihres goldgelockten Sonnenscheins mit dem Sohn des Graslandkönigs ihr so wehtat. Der Tag würde kommen, an dem sie auch ihn gehen lassen musste. Und es würde sie so unvorbereitet treffen wie damals an den heiligen Feuern, obwohl sie genau wusste, warum sie diesen Schritt hatte tun müssen.

Ein kurzes Lachen riss sie aus ihren Gedanken. „Mama, such mich!“, hörte sie Lews Stimme.

Sie wischte die Tränen weg und folgte dem Ruf.

Sie konnte froh sein, dass ihr Sohn so ein wohlwollendes und verzeihendes Wesen hatte. Vielleicht war er einsichtig, wenn sie ihm sagte, dass sie all das nur tat, um ihn zu schützen. Weil sie ihn liebte. Vielleicht konnten sie dann noch ein paar unbeschwerte Sommer zusammen durch diesen Garten tollen.

„Lew, ich komme jetzt. Wo bist du!“, rief sie in die Stille des Morgens.

Es war selten, dass der Nebel so dicht war, dass er sich sogar hier im Garten antreffen ließ.

Lew hörte den Ruf unterdessen. Doch etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zwischen den nassen Tropfen, die ihm durch die Kleider drangen, hatte er ein Streifchen Nebel erspäht, das anders war. Leuchtend, silbern wie der Schleier, den er manchmal über dem Sumpf sah.

Er hatte mit den Menschen zu tun. Mit dem, was so gefährlich und so verboten war. Er wollte zurückweichen, wie gestern vor den Wellen des Ozeans. Doch dann entschied es sich anders.

„Lew, wo bist du? Ruf einmal, dass ich dich finden kann!“

Er wollte so gern Antworten finden. Über seine Welt, über die Menschen. Über die Wut und die Sehnsucht, die er in sich hatte. Über so viel, was er nicht verstand. Er liebte seine Eltern und er wollte nicht, dass sie sich sorgen mussten. Aber vielleicht mussten sie genau darum sehen, dass er mit gefährlichen Dingen umgehen konnte.

Wenn er ihnen erzählen würde, dass der Nebel ihm gar nichts getan hatte …

„LEEEEEEEEEW!“

Er stand nun genau davor. Streckte die Hand danach aus und spürte ein Prickeln. Er musste lachen, und es nahm ihm jede Angst.

Menschen sind gefährlich!, klang es in ihm. Alles, was von ihnen kommt.

Wirklich?

„Llewellyn MacCormac, Schluss mit dem Versteckspiel!“

Die Stimme, die ihn rief, wurde nun fordernder. Doch der silberner Nebel faszinierte ihn zu sehr. Nur noch ein bisschen, dachte er.

„Llewellyn, Na meir, an daluieven!“

Die Worte hinter dem Nebel schienen an ihn gerichtet zu sein, doch sie waren so weit fort. Ein Schritt nur, war als einziges in ihm noch übrig. Ein Schritt und ich werde Antworten finden.

„Llewellyn!“, klang ein fremdes Wort durch die grauen Schleier um ihn.

Ein Schritt noch, und er würde sehen, wo er hier überhaupt war.

Ein Schritt und er würde überhaupt wieder irgendwas sehen.

Ein Schritt. Ein ferner Ruf. Ein Wort, ohne Bedeutung für ihn.

Der Nebel lichtete sich. Er stand mitten zwischen Bäumen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass alles falsch war. Müssten die Bäume nicht krumm und in sich gedreht sein? Müssten ihre Ästen nicht dicht sein und bis zum Boden gehen?

Diese Stämme hier waren hoch und glatt. Ein weiterer Schritt. Ein trockener Ast barst unter seinen Füßen. In der Nähe ein panisches Rascheln im Gebüsch. Wilde Schritte, die sich entfernten. Doch er konnte das Tier nicht erkennen. Dann wieder Stille in diesem seltsam fahlen Wald mit dem fernen blassen Licht.

Stumm wanderte er durch die hüfthohen Sträucher. Ein wenig fühlte er sich wie in einem Traum, aus dem man aufwachte und der einem entglitt, je mehr man sich zu erinnern versuchte.

Er war auf der Suche nach etwas gewesen. Ein Schritt noch, dann hätte er es finden müssen.

Aber was? Wo war er überhaupt? Wie kam er hierher?

Ein ferner Gedanke streifte die wild aufwogende Oberfläche eines weiten Ozeans.

Dann waren da Stimmen.

Gefahr!

Sie sind gefährlich!

Der Junge duckte sich tief ins Gebüsch, doch es war zu spät. Die beiden Leute hatten ihn in seinem weißen Hemdchen inmitten all des fahlen Grün und Braun und Grau schon gesehen. Mit lauten, fremden Stimmen redeten sie auf ihn ein. Er verstand zunächst kein Wort. Sein Mund stand ein wenig offen. Er spürte den Rest einer Warnung in sich.

Gefahr! Von diesen beiden ging Gefahr aus. So wie von jedem, den er treffen würde.

„Wir sollten ihn zur Polizei bringen“, hörte er schließlich die Stimme der Frau. „Er ist ja total traumatisiert.“

Nein‘, dachte er daraufhin, ‚nein, ich war doch nur auf der Suche nach der Wahrheit.‘

Doch selbst an diesen Gedanken konnte er sich schon nicht mehr erinnern, als er den Wald an der Hand der fremden Frau verließ und mit ihr und dem Mann in das blaue Gefährt stieg.

 

 

 

 

Märchenralley der Märchenspinnerei – Haltestelle Aquarium

Darum ist der Lösungsbuchstabe, den ihr hier findet, auch:

 

 Lösungsbuchstabe A

wie Axolotl oder der Beginn des Alphabeths. 😀 Passend eigentlich, dass der kleine Lurch also den Anfang in der Spinnerei machen durfte. Als Band 1 in unserer Reihe kam er im Februar raus und schwimmt seitdem über die Bücherblogs des www und durch eure Regale. Großartiges Feedback hat mich seit der LBM erreicht. Meine jüngste Leserin bisher ist 12. Die älteste 73. Das allein zeigt schon, dass Märchen einfach über Generationen hinweg verbinden können, da sie etwas in jedem von uns ansprechen.

Froschkönig meets Schneekönigin

Wie es dazu kam, dass wir die Spinnerei gründeten, dazu gibt es mittlerweile genug Infos auf unserer Homepage. In den Veröffentlichungsmeldungen der einzelnen Titel beschreibt auch jede von uns noch einmal selbst, wie sie dazu gestoßen ist und wie sie es empfand. Warum ich den Froschkönig wählte, habe ich ebenfalls in vielen Interviews erzählt.

Darum widme ich mich heute dem zweiten Märchen, das mehr subtil und schleichend seinen Eingang in die Geschichte von Leonie und Fynn fand.

Die Schneekönigin.

Den meisten wird dazu derzeit wohl die Disneyversion Frozen einfallen, die sich selbst ja schon weit vom Original entfernt hat. Dennoch interessant, dass diese Figur, die wunderschöne Herrscherin mit dem Herz aus Eis, immer wieder in die Literatur und Popkultur Eingang findet.

So wird sie unter anderem auch zum ikonischen Bösen in “The lion The Witchh an the wardrobe” (“Der König von Narnia”), wo sie einen der vier Geschwister umgarnt und mit sich nimmt, wie Kay im Original.

Subway to Sally (eine von Leonies Lieblingsbands) hat das Motiv auch schon umgesetzt, in ihrem Song Schneekönigin.

 

Was fasziniert also so daran?

 

Oder vielleicht noch besser: Was hat mich so daran fasziniert?

Ich könnte darüber jetzt ewig lamentieren, doch ich glaube, nichts zeigt euch das so gut, wie wenn ich es euch einfach vorlese. 🙂 Hier kommt also mein exclusives Lesevideo der Spiegelszene aus dem Axolotlkönig:

 

 

 

Zu guter Letzt …

 

… hab ich dann auch noch eine Frage im Gepäck. Sie bezieht sich auf das ORIGINAL Märchen und ihre richte Antwort wird euch zum nächsten tollen Blogbeitrag und damit auch zum nächsten Buchstaben des Lösungswortes bringen. 🙂

 

Wie bewältigt Gerda die letzte Strecke auf dem Weg zur Schneekönigin?

a) Sie läuft. -> dann dackelt mal schön weiter zu Frau Schreibseele
b) Sie reitet auf einem Rentier. -> mit Rudolf weitergetrottet zu Barbara Schinko
c) Sie reitet auf einem Pferd. -> im Galopp gehts zu Unsere Bücherwelt

 

Und hier nochmal für alle, die auf der Suche nach der Startlinie durch die Gegend irren 😉 :

Dieser Beitrag gehört zur großen Märchensommer Märchenrallye, bei der ihr ein märchenhaftes Paket gewinnen könnt. Den Start der Märchenrallye findet ihr auf der Märchenspinnerei.

Jetzt bleibt mir nur noch, euch viel Spaß beim Rätseln zu wünschen und viel Glück, falls ihr es zum Lösungsbeitrag schafft, und nicht vorher in unserem märchenahften Irrgarten strandet. 😉

 

Liebste Grüße,

eure Sylvia

 

 

Der Axolotlkönig – Bonusszene

Ein Ende auch für Leonie!

Meine Geschichte vom Axolotlkönig in der Märchenspinnerei beginnt und endet ja mit Fynn. Er ist immerhin der, der sich in einen Lurch verwandelt. Er war es auch, aus dessen Figur die ganze Geschichte überhaupt erst entstanden ist, und somit hatte von Anfang an beschlossen, dass ich mich (wieder einmal) gegen die gängigen Konventionen des Buchmarktes stelle.

Normalerweise sollten nämlich Geschichten, die aus der Sicht mehrerer Protagonisten geschrieben sind, immer mit dem weiblichen Part beginnen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich sehr gut darin bin, solche Regeln geflissentlich zu ignorieren. Denn hey! Öfter mal was Neues.

 

Dann aber kam der Märchensommer,

den die liebe Anne von Poisonpainter ins Leben gerufen hat. ( Poison … ich komm immer noch nicht drüber weg! 😀 😉 )

Sie mochte den Lurch hat aber am Ende eine Szene schmerzlich vermisst. Wie nämlich hat Leonie ihren ersten Schultag erlebt nach all dem?

Darum bin ich noch einmal ins Aquarium getaucht und habe geschrieben. Für Anne. Für Leonie. Für euch, die ihr gerne hören wollt, was passierte, nachdem der Zauber brach, Fynn wieder ein Junge sein durfte und Leo sich endlich der Realität stellen musste.

 

Leonie

Schlussendlich sind wir bei der Geschichte geblieben, die Robby am Anfang für wahr hielt: Fynn hatte Stress mit seinem Vater, wollte daheim weg und nicht gefunden werden. Darum hat er absichtlich ne falsche Fährte gelegt und sich dann bei mir versteckt.

Meine Eltern waren natürlich erstmal fassungslos, denn das hätten sie von mir mit Sicherheit nicht erwartet. Doch Mambas Zauber hält noch ein bisschen vor, und so haben sie nicht allzu viele Fragen gestellt. Ich glaube, sie begreifen so langsam, dass es einfach eine Menge gibt, was sie über mich nicht wissen.

Mama hat sich tatsächlich einmal Urlaub genommen. Nur für mich. Auch Papa hat viele seiner Termine abgesagt oder verschoben und wir haben nun jeden Nachmittag ein wenig Zeit miteinander verbracht. Mit ihnen zu reden, von der Schule, den Lehrern, meinen Mitschülern zu erzählen, das tut gut. So zugehört hat mir zuletzt Oma. Mama war dann sogar mit mir in der Stadt. Wir haben eine neue Brille ausgesucht und ich war beim Friseur. Naja. Nichts aufregendes. Nur ein bisschen Schnitt für etwas mehr Volumen. Ich mag meine langen Haare schließlich, auch weil sie im gleichen Kastanienbraun leuchten wie Mamas.

Wenn Fynn in dieser Woche nachmittags vorbeikam, haben sie sich dann aber Gott sei Dank recht schnell verzogen. Manchmal haben wir was mit Robby und Mamba zusammen unternommen. Sind zum See gefahren, oder zur alten Fabrik. – Mamba hat auch versucht, Poison zu finden. Bisher aber ohne Erfolg – . Manchmal habe ich mit Fynn auch einfach nur zusammen in meinem Zimmer gehockt, Musik gehört und an meine violette Decke gestarrt, bis einer von uns ganz fürchterlich lachen musste. „Ob du es glaubst oder nicht, hin und wieder vermisse ich Kurt und Amy sogar“, zieht Fynn mich dann auf. Aber ich spüre, dass es nur halb im Scherz ist. Klar. Er hat vier Wochen hier gewohnt. Ein bisschen ist das jetzt auch sein Zimmer. „Meinst du, ich soll die Wände mal neu streichen?“ „Du könntest Schwarz nehmen“, ist sein Vorschlag und dann lachen wir beide wieder.

An diesem Montag streicht er mir schließlich mit den Fingern über die blassen Arme. An jeder meiner Narben bleibt er kurz hängen. Er schaut mich dabei nie an. „Sie sind nicht deine Schuld“, will ich ihm einreden. Aber wir beide wissen es besser. „Traust du dich morgen?“, fragt er schließlich, bevor er geht.

Ich sage wie immer „Mal sehen“, aber ich spüre, dass morgen ein guter Tag dafür ist.

Am nächsten Tag betrete ich mit wild pochendem Herzen den Schulflur. Ich habe getrödelt, darum bin ich zu spät. Im letzten Moment hätte ich mich beinahe umentschieden. Jetzt sehe ich auf meinen gelben Flaterrock und die türkisfarbenen Ärmel meines Oberteils.

‚Wie ein Papagei‘, tönt es hämisch durch meinen Kopf. Doch ich schiebe den Gedanken fort. Ebenso wie das Bedürfnis, die grauen Stulpen aus meiner Schultasche zu ziehen, die ich für den Notfall eingepackt habe. Auf meinen Handrücken sieht man die Ausläufer meiner Narben. Sie winden sich um mein Handgelenk und verschwinden in den Ärmeln meines Pulis. Zu übersehen sind sie nicht. Werden sie aber auch nie sein. Sie sind ein Teil von mir, und es ist besser, ich fange endlich an mit ihnen zu leben.

Ich schiebe meine neue Brille zurecht. Im Glas des Anschlagboards schaue ich noch einmal, dass die Haarspange mit dem Frosch gut sitzt. Fynn mag es, wenn ich die Haare hochstecke. Und ich mag es auch.

Bisher haben wir in der Klasse nicht breitgetreten, dass wir jetzt zusammen sind. Dafür brauche ich ebenso Zeit wie für alles andere. Ich hole tief Luft und gehe durch die leeren Flure zu meinem Klassenzimmer. Der Gong wird gleich die erste Stunde einläuten. Es ist gut, dass ich so knapp erst da bin, da muss ich nicht so viel mit den anderen reden.

Mein Blick wandert kurz zu meinem Handy. Ein bisschen fürchte ich, dass wieder Hashtags und fiese Nachrichten den Bildschirm zieren werden. ‚Die Brillenschlange ist wieder mal nicht da‘ ‚Wird langsam zur Blaumachschlange‘

Doch nein! Stopp!‘, ermahne ich mich. Immerhin war letzte Woche nachmittags ja auch ein Socialmedia-Gespräch mit einem Psychologen. Da musste ich Gott sei Dank nicht hin, denn sie haben auch von mir erzählt. Einfach, damit die anderen es wissen. Wissen, was sie da tun. Wissen, wie es ist. Es was notwendig, das weiß ich. Eigentlich ist es völlig verantwortungslos, dass sowas nicht eh auf unseren Stundenplänen steht. Aber trotzdem. Es fühlt sich komisch an.

Ich komme mit all diesen Gedanken im Kopf vor der Klassenzimmertür an. In der Scheibe spiegle ich mich ein letztes Mal. Ich, Leonie, mit den bunten Kleidern, der violetten Brille, der Ethnohaarspange und den Narben am Arm.

Gelb und Türkis. Die Farben der Ehrlichkeit und der Freude‘, höre ich Mambas Stimme in meinem Kopf und fühle mich gleich ruhiger.

Fynn zwinkert mir lächelnd zu, als er mich vor der Tür in Empfang nimmt.

„Bist du bereit?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf. Dennoch öffnet er die Tür. Wann ist man jemals wirklich bereit dafür, das erste Mal man selbst zu sein?

Na? Was meint ihr? Lasst gerne einen Kommentar da. <3

Liebste Grüße,

Sylvia

 

 

 

Sommerloch – Liegen wir da alle faul am Strand?

Ihr habt bestimmt schon gemerkt, dass auch hier auf der Seite das berüchtigte SOMMERLOCH zugeschlagen hat.

 

Aber wie kommt denn das? Hängen wir da alle hitzebedingt einfach durch? Schreiben Autoren nur zu bestimmten Jahreszeiten? Liege ich die ganze Zeit faul am Strand/im Pool/im Garten?

Klar sind jetzt auch Ferien. Und Klar ist man mehr draußen. Dadurch, ja, ich schreibe grade eher weniger. Dafür habe ich aber tausend andere Sachen zu tun. Und doch. Die drehen sich ganz oft rund um die Bücher. 😀 Allerdings nicht nur.

Wer mir auf Facebook folgt, der weiß, dass da seit ein paar Wochen so ominösen Ankündigungen stehen, dass sich hier bei uns was ändert. Und ja, das ist das nächste große Paket, dass mich derzeit umtreibt. Und es gehört zu der Art von Ereignis, die nicht einfach mal in wenigen Tagen abgehandelt ist. (Nein, konkreter werde ich dazu nicht. In den Kommentaren raten bringt auch nix. Es wird keine Antwort geben. Manches ist einfach privat. 😛 )

 

Damit ihr aber wisst, dass ich euch nicht vergessen habe:

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Bücher signieren am frühen Morgen …
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… damit sie mit euch in den Urlaub fliegen können. 😀 

 

Eine große Kiste Buchbestellungen hat nur darauf gewartet, dass ich die Feder zücke. Jetzt kann ich zur Post tingeln und dann dürfen die Sterne und Lurche erst zu euch und dann dahin reisen, wohin auch immer es euch verschlägt.

Die Bilder sehe ich dann ja vielleicht auf Facebook oder Twitter. 😀

 

Genießt den Sommer!!

 

Liebste Grüße,

 

eure Sylvia

 

 

Erfolgreich Schreiben – ein völlig missverstandener Begriff

Erfolgreich Schreiben hat rein gar nichts mit gut oder schlecht Schreiben zu tun!

Nur mit Beharrlichkeit.

Das behaupte ich jetzt einfach mal so ins Blaue und die unendliche Weite des Worldwideweb hinein. Warum ich ausgerechnet heute das Bedürfnis verspüre, ausgerechnet darüber zu reden? – Nun, sagen wir, ich bin über einen Artikel gefallen. Einen sehr guten, sehr hilfreichen Artikel. Ihr Autoren da draußen, die ihr euch immer gefragt habt, wo eigentlich der Trick, die Abkürzung dabei ist, über Nacht erfolgreich zu werden – ‘entdeckt zu werden’ – ihr solltet ihn lesen.

Meine Gedanken zu diesem Artikel sind auch so ein bisschen eine Selbstreflektion und eine Lobeshymne an ein Wesen, das mir in den letzten zwei Jahren mein Leben zur Hölle gemacht hat. Ja, ich weiß, DU hasst den Begriff, darum nenne ich hier keine Namen, aber Dank an dieser Stelle geht an meinen eigenen persönlichen ‘Marketing Demon from Hell’ (TM) ;).

Kommen wir erstmal dahin, wo jeder irgendwann mal steht: Dem Anfang.

Und da geht es schon los. Denn welcher Punkt ist denn eigentlich dieser Anfang? Der, an dem das 4-jährige Kind die Fibel des Bruders entdeckt und sich für Lesen und Schreiben begeistert? Der, an dem die erste kleine Geschichte, meist noch ausgeschmückt mit handgemalten Bildern, mit krakeliger Schrift in ein Schulheft gebannt wird? Der, an dem sich der heranwachsende Mensch zum ersten Mal mit dem Gedanken trägt, ob die Schriftstellerei was für ihn wäre?

Vermutlich sind das alles irgendwie die Anfänge. Denn so oder so ähnlich ist es nicht nur bei mir gewesen. Ich lese es auch immer wieder in den Interviews meiner Kollegen. Was uns gemein ist, ist der dringende Wunsch, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die in unseren Herzen entstehen und die unsere Phantasie zum Leben erweckt und die wir versuchen, mit wortgewandter Finesse aufs Blatt zu bannen.

Somit sind das irgendwie alles Anfänge. Und so, wie es mit diesen Schritten angefangen hat, so zieht es sich dann auch weiter.

Denn das Geheimnis zu erfolgreichem Schreiben ist simple: Es gibt keines.

Man kann für sich definieren, gut schreiben zu wollen, außergewöhnlich, oder auch in einer gewissen Zeit ein gewissen Projekt abgeschlossen zu haben. Man kann Unterhaltungsliteratur oder dann doch die hohe Kunst der E-Literatur verfolgen. Doch man muss einen Gedanken aus seinem Kopf verbannen: “Wenn ich ein gutes Buch habe, ist es egal, wie introvertiert ich bin, die Leute werden es schon entdecken. – Ansonsten war ich nicht gut genug.”

Ja, ernsthaft, das ist der Stolperstein, an dem sich viele Autoren aufhängen, messen und dann teilweise verzweifeln. ( Und wer sich jetzt fragt: Japp! Been there – done that – bought the T-Shirt!)

Dieser Gedanke hat mich lange Zeit davon abgehalten, meinen Stern abzuschließen. Ich hatte Kontakt mit einigen Verlagen. Ich hatte schon verstanden, dass aus kaufmännischer Sicht ein unbekannter Autor und ein Dreiteiler als Debüt einfach nicht zusammengehen. Und obwohl ich wusste, dass mein Schreiben ankam, selbst bei Leuten vom Fach, hat mich die Vorstellung blockiert: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn ich nicht sofort über Nacht berühmt werde?

Einzig logischer Schluss: Es wäre die Ansage an mich, dass ich doch nicht wirklich gut genug bin. Die unumstößliche Gewissheit, dass ich schlecht schreibe, dass ich nichts in der Riege echter Autoren verloren habe. Ein Mahnmal meines Scheiterns.

Doch dann habe ich mir immer wieder vor Augen gehalten, was für Bücher sich auf den Bestsellerlisten tummeln. Und nein, geben wir es ehrlich zu: Das sind nicht immer die literarisch hochwertigsten. Also fragt man sich doch: Wie kommen die dahin?

Mit Geduld, Beständigkeit und dem Wissen, was sie sind und wen sie erreichen wollen.

Ja, schaut nochmal nach oben. Lest den Satz nochmal.

Und nochmal.

Und jetzt ein drittes Mal.

So. Verinnerlicht? Nein? – Na gut. Zugegeben, bei mir ging es auch nicht so schnell. Es gab gefühlt Tausende solcher Gespräche wie dieses hier:

MarketingDemonfromHell (MD im Folgenden): “Meld dich mal in der und der FB-Gruppe an und stell dich mal vor.”

Ich: “Warum sollte ich das tun?”

MD: “Du willst doch, dass die Leute dein Buch kaufen.”

Ich: “Ich will, dass die mein Buch LESEN! Die meisten schreien doch eh nur bei irgendwelchen Glitzi-Covern, werfen sie auf ihren SuB und dann liegt es da.”

MD: “Der Weg ins Herz eines Blogers führt über seinen SuB.”

Ich: “Aha. Aber warum muss ICH mich dann vorstellen. Die sollen sich für MEIN BUCH interessieren. Ich würde am liebsten unsichtbar bleiben.”

MD: Na, aber die Leute kennen dich nicht. Sie wissen nichts über dich. Nicht, wer du bist, wie du tickst, wie du schreibst.”

Ich: “Letzteres könnten sie ändern, wenn sie mein Buch lesen. Ich will nicht mein halbes Privatleben öffentlich legen müssen.”

MD: “Musst du auch nicht. Erzähl das, was du erzählen willst. Wir könnten ein Interview machen.”

Ich: “Wer will denn ein Interview von MIR lesen. Mich kennt doch keiner.”

MD: “Merkste was?”

 

25 Monate, 9 Interviews und eine Buchmesse später kann ich darüber nur noch lachen.

Denn MD hatte recht. In einfach allem.

Leser wollen unbekannte Autoren schon entdecken. Aber dafür braucht es ein paar Dinge:

  1. Sie müssen wissen, dass man existiert.
  2. Sie müssen wissen, dass mein Buch existiert. Welches Genre, welcher Stil, welche Richtung.
  3. Dafür muss ich eine ZIELGRUPPE definieren. (Für den Stern fiel mir das schwer. Es ist ein so komplexes Werk, dass ich lange überlegen musste, bis ich zu dem Schluss kam, welche Art Leute ich erreichen will: Träumer, Querdenker, Weltverbesserer, Menschen mit einem Sinn für tiefgründige Geschichten, die in eine neue Welt führen, ohne dabei die eigenen Welt aus dem Blick zu verlieren.)
  4. Dann braucht man den unbedingten Glauben ans eigene Werk. – Die Zweifel sind da. Macht euch keine Illusion. Aber sucht euch eine Kritik von einer neutralen Person. Eine Rezension, eine Kritik, irgendwas, anhand dessen ihr euch ehrlich bewertet gefühlt habt. Und wenn der Zweifel zuschlägt: Lest es wieder und wieder. – Für mich war es dieser Brief, der alles verändert hat.
  5. Wenn ihr das alles habt, dann seid ihr immer noch nicht am Ziel. Denn nun müsst ihr Geduld mitbringen. Es ist harte Arbeit und erfordert viel Zeit, sich unter all den Schreibern da draußen einen Namen zu machen.
  6. Immer noch nicht am Ziel? Schreibt weiter. Gebt nicht auf. Schaut, was ihr besser machen könnt. Und oft ist die Antwort nicht “Ein besseres Buch schreiben”, sondern schlicht, eure Bücher den richtigen Lesern vorsetzen.

Zusammenfassend kann man sagen: Einen richtigen Weg gibt es nicht. Einen goldenen auch nicht. Es gibt nur euren Weg. Aber dafür müsst ihr aus eurem Elfenbeintürmchen herauskommen und in die Welt gehen. Dahin, wo die Leser sind, die ihr gern erreichen wollt.

Zum Schluss bemühe ich damit auch einen der Größten unter den Fantasy Autoren, denn vielleicht stellt der eine oder andere dabei fest:

Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.

Im Moment stehe ich auf dieser Straße, staunend, wenn ich bedenke, von wo ich komme, und wo es mich bereits hingetragen hat und vor allem frage ich mich, wo es mich hintragen wird. Aber keine Sorge: Das erzähle ich euch alles hier. 🙂

Einen guten Start in ein wundervolles Sommerwochenende wünscht euch

 

Eure Sylvia

 

Eine grüne Fee für euch

Ab und zu schreibe ich ja mal Kurzgeschichten. Meist, wenn mich tolle Wettbewerbe dazu inspirieren. Das Thema ‘Absinth – Im Bann der grünen Fee’ vom ASP Verlag fand ich besonders schön.

Verlegerin Grit Richter musste aus 114 Geschichten wählen. Es ging um geschichtliche Persönlichkeiten, um Absinth, um Rausch und natürlich um jede Menge Feen. Mein schwebte letztendlich nicht in die Anthologie. Doch das ist nicht schlimm. Ich bin sicher, dass es 12 ganz wundervolle Feen geworden sind. Das heißt nun aber, dass ich meine mit euch teilen kann. 😀

Also wer es gern ein bisschen düster mag, wer dem Horror des großen H.P. Lovecraft nicht abgetan ist, der darf hier lesen. 🙂

 

 

Der Schlüssel zum Tor

von Helena Henriette Phillips Lovecraft

„I am the gate, I am the key.“

„Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel“, murmelte mein Cousin während er weiter in die Dunkelheit des langen Flures vordrang, an dessen Ende die Tür zum hinteren Dachboden lag.

Schon seit Nächten hatten mich die schlurfenden Schritte auf dem abgewetzten Teppich aus dem Schlaf gerissen. Doch gefangen zwischen Traum und Erwachen, war ich nie rechtzeitig zur Tür gelangt, um die Quelle der Geräusche ausfindig zu machen. Jetzt starrte ich wie gebannt in die Finsternis.

Die monotone Wiederholung der Worte, die an einen Sprechgesang erinnerten, ließen mir eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Zerrissen wurden sie nur von Howards wahnhaftem Kichern, das jedes zweite oder dritte Mal zwischen den Zeilen des Singsangs erklang. So stand ich gelähmt vor Angst und sah ihm zu, bis sein Körper völlig mit dem lichtlosen Gang zu verschwimmen begann und er sich darin auflöste; wie eingesaugt von einem gigantischen schwarzen Loch mitten in unserem Haus.

Irgendwann muss ich schließlich der Kälte oder der Müdigkeit in meinen Beinen Rechenschaft getragen haben und zurück unter die Daunendecken geschlüpft sein. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr genau daran, als ich am anderen Morgen erwachte.

Wie jeden Tag ging ich hinab zum Frühstück. Tante Susan und Großvater Phillips saßen auf ihren üblichen Plätzen und zu meiner Überraschung auch Howard. Er sah kein bisschen blass aus. Keine Ringe unter den Augen. Im Gegensatz zu mir. Er trug ein frisches Hemd und sein Haar war akkurat gekämmt, was auch nicht immer vorkam. Ich kommentierte es nicht. Setzte mich einfach und schenkte mir stillschweigend Tee ein. – Das Dienstmädchen kam nur noch unregelmäßig. Vor ein paar Tagen hatte ich sie über das Ausbleiben ihres Lohns schimpfen hören. Seit vorgestern war sie mir gar nicht mehr über den Weg gelaufen. – Die Ereignisse der vergangenen Nacht kamen nicht zur Sprache. Wie auch? Glaubte ich doch mittlerweile ganz fest, mir das alles nur eingebildet zu haben.

Nach dem Frühstück zog Großvater Phillips sich in sein Arbeitszimmer zurück, murmelte etwas von Korrespondenzen. Der sorgenvolle Blick meiner Tante streifte ihn dabei. Der alte Mann war in letzter Zeit nicht gerade bei bester Gesundheit. In Ermangelung des Personals fing sie dann allerdings an, das Geschirr abzuräumen und in die Küche zu tragen.

Ich hatte vor meiner Ankunft im vergangenen Herbst nicht gewusst, dass es mit den Finanzen der Lovecrafts so schlecht stand. Eigentlich hatte meine Familie immer voll Neid auf die Verbindung meiner Tante mit Howards Vater geblickt. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die nur ein kleines Geschäft in eine unbedeutenden Provinzstadt führten, waren sie hier an der Küste zu Geld und Einfluss gelangt. Den Vorschlag, ich solle Howard in den Monaten seiner Genesung Gesellschaft leisten, bevor er ab Sommer auf die neue Schule ging, hatten meine Eltern darum gern angenommen. Meiner Lunge bekam die Seeluft hier sehr gut und meiner Bildung der Austausch mit meinem belesenen Cousin.

So glitt mein Blick auch wie immer zu ihm. Wobei die Frage, ob wir gemeinsam etwas machen sollten, fast schon obsolet war. Er schüttelte aber den Kopf. „Muss noch was nachlesen“, wimmelte er mich ab. Meinen Vorschlag, ihn in die Bibliothek zu begleiten, schlug er energisch aus. So blieb mir nichts anderes, als Tante Susan in der Küche zur Hand zu gehen, bis es Mittagessen gab.

Das Mahl fiel spärlich aus. Großvater nahm kaum drei Bissen und verschwand dann wieder. Howard kam gar nicht. Der trübe Januarhimmel zog sich mit Wolken zu und ohne Zweifel würde es bald Schnee oder Eisregen geben.

Ich verkroch mich also in mein Zimmer und las weiter in meinem Buch. Alice hinter den Spiegeln. Meine Familie hatte es mir zu Weihnachten geschenkt. Schon da hatte ich es nach wenigen Tagen verschlungen. Ich weiß nicht, zum wievielten Male ich es nun las, doch es faszinierte mich nach wie vor. Wege in andere Welten zu finden; – ob das tatsächlich möglich war? Ob es sie gab, die anderen Wirklichkeiten neben der unseren?

Zuhause tat man solche Gedankenspielereien meinerseits stets nur mit Kopfschütteln ab. In meinem Cousin Howard hingegen hatte ich vom ersten Tag meiner Ankunft an einen Verbündeten gefunden. Auch er fabulierte von Türen und Toren in andere Dimensionen. Doch unser reger Austausch über dieses Thema war in den letzten Wochen fast gänzlich eingeschlafen. Missmutig legte ich das Buch beiseite und ich dachte an seine Abfuhr beim Frühstück.

Ja, es störte mich wirklich, dass Howard so abweisend geworden war. Ich beschloss, ihn entgegen seinem Wunsch in der Bibliothek aufzusuchen.

Vor meinem Zimmer blickte ich einmal kurz über die Schulter zum Ende des Flures, wo das diesige Licht des Tages nur spärlich den Alkoven erhellte. Sofort kam mir mein Traum wieder in Erinnerung und ich fragte mich, was wirklich die Geräusche auf dem Gang verursachen mochte. Den ganzen kurzen Weg bis zur Bibliothek ließ mich die Frage nicht los und erst mit dem Öffnen der Tür konnte ich sie abschütteln.

Der Raum dahinter verdiente den Namen Bibliothek eigentlich gar nicht. Es war ein bescheidenes Zimmer mit einem Damensekretär neben dem Fenster und zwei Reihen von Regalen, in denen sich die Bücher stapelten. Natürlich waren es damit ungleich mehr, als man im Haus meiner Familie fand. Dennoch war es nicht zu vergleichen mit den hohen Hallen der Stadtbibliothek, in die mich Howard in meiner ersten Woche hier mitgenommen hatte.

Ich erwartete nun, meinen Cousin wie üblich mit dem Rücken gegen das Regal gelehnt vorzufinden. Meist war er dabei völlig in seine Lektüre vertieft und kritzelte Notizen auf einen Zettel, ohne dabei den Kopf zu heben. Doch Howard war nicht hier. Dafür aber Tante Susan, die erschrocken herumfuhr, als ich eintrat und fast das Glas in ihrer Hand hätte fallen lassen. Sie konnte es gerade noch festhalten und sich gleichzeitig am Sekretär.

„Helena! Du meine Güte! Kind!“, rief sie, und hielt sich die Hand an die Brust, als habe sie einen Geist gesehen. „Du kannst hier doch nicht einfach herumschleichen. Das gehört sich nicht.“

„Ich bin nicht geschlichen, Tante. Ich suche Howard.“

„Der ist in seinem Zimmer“, wimmelte sie mich kurz angebunden ab und bedeutete mir mit einer Handbewegung zu gehen. Im Umdrehen konnte ich aus den Augenwinkeln erkennen, wie sie den Inhalt des Glases in einem Zug lehrte, und hörte dann ein Kratzen, als würde eine geschliffene Karaffe entkorkt werden.

Ich wunderte mich darüber ein wenig und fragte mich, woher ich diesen würzi-herben Geruch kannte, den der Inhalt des Glases verströmte. War Tante Susan am Ende krank? Wollte sie es verbergen, damit wir uns nicht sorgten? Hatte sie mich darum gerade so angefahren?

Ich beschloss, Howard darüber auszufragen. Vorsichtig, verstand sich. Das war schließlich kein Thema, welches man einfach frei zur Sprache brachte. Die Schwindsucht grassierte auch in Providence, wie in allen größeren Städten Amerikas derzeit.

Vor seinem Zimmer angekommen klopfte ich und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Mir bot sich das übliche chaotische Bild seiner Zeichnungen und Notizen, die alle wild auf dem Boden verstreut lagen. Unzählige Augen blickten mich dabei von den losen Blättern an.

Die teils nur rasch skizzierten, teils säuberlich ausgearbeiteten Wesenheiten mit den langen Gliedmaßen schreckten mich aber schon lange nicht mehr. Ich kannte sie zur Genüge. Howard musste als sehr kleines Kind einmal eine schreckliche Begegnung mit einem Tintenfisch gehabt haben. Er liebte weder die Vielarmer, noch liebte er die See und das Wasser. Dennoch zeichnete er sie ständig. Außer seinen skurrilen Machwerken war sein Zimmer allerdings leer.

Ich stand inmitten der befüllten Seiten und zuckte ratlos mit den Schultern. Wenn er nicht hier und nicht in der Bibliothek war, wusste ich keinen Ort, an dem ich nach ihm hätte suchen sollen. Er mied die anderen Räume des Hauses, ging nur ungern in den dunklen Keller und auf den Speicher nur, wenn er mich mit Schauergeschichten erschrecken wollte. Kurz musste ich an die Treppe zum hinteren Dachboden denken. Doch alles in mir sträubte sich dagegen, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. So blieb mir nichts, als mich wieder mit Alices Geschichte zu befassen und das Abendessen abzuwarten.

Zu diesem fanden nur Tante Susan und ich mich ein. Großvater Phillips ging in letzter Zeit oft schon früh schlafen. Meine Tante versuchte nicht einmal, den besorgten Tonfall deswegen zu verbergen. Ich kaute wortlos mehrere Minuten auf einem Bissen herum. Dann rang ich mich dazu durch, nach Howard zu fragen. Immerhin war es schon dunkel und ich hatte ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen.

„Er war unten an der Küste. Hat sich vermutlich mit Freunden getroffen. Jetzt ist er oben. Er wollte noch etwas fertig schreiben“, überraschte mich meine Tante mit einer Antwort. Ich ließ sie jedoch unkommentiert.

Küste? Entweder wusste diese Frau gar nichts über ihren Sohn, oder die Tatsache, dass sie mir eine so offensichtliche Lüge auftischte, sollte deutlich machen, dass ich nicht weiter in dieser Sache vorzudringen hatte.

Bis ich schließlich vom Tisch entlassen wurde, wippte ich ungeduldig mit den Füßen. Dann gestattete Tante Susan mit einem kurzen Kopfnicken, dass ich gehen dürfe, und ich sprang auf. Im Hinaushasten vernahm ich hinter mir einmal mehr das Kratzen einer sich öffnenden Glaskaraffe und erneut stieg mir ein bitterer Duft in die Nase. Diesmal scherte ich mich aber nicht darum. Mit wenigen Schritten nahm ich die Treppe und war im oberen Stock. Ich ging zu Howards Tür, öffnete sie ohne zu klopfen und musste sofort angeekelt einen Schritt zurückweichen. Es roch im ganzen Zimmer so intensiv nach totem Fisch, dass ich mich fast übergeben hätte.

Als ich mit dem Ärmel vor der Nase einen erneuten Versuch wagte mich umzusehen, sah ich auch gleich, woher der penetrante Gestank kam. Inmitten der Bilder und Notizen auf dem Boden lag Howard. Seine rechte Hand mit der Zeichenfeder darin fuhr unentwegt in eine widerlich grüne Pampe, deren Aroma sich nun auch auf dem Flur ungehindert ausbreitete. Howards Blick löste sich von seinem Tun und streifte mich. Ich sah, dass mein Ekel sich darin widerspiegelte, aber gleichzeitig blinzelte mir auch eine Entschlossenheit entgegen, die fast schon dem wahnhaften Funkeln aus meinem Alptraum gleichkam.

„Dann warst du wirklich an der Küste“, brachte ich über die Lippen und sofort zuckte Howard unter den Worten zusammen, als habe ich ihn geschlagen.

„Ich brauchte die Algen“, beantwortete er meine nicht ausgesprochene Frage. „Ihre Haare sind grün, Helena. Grün! Verstehst du?“

Er erhob sich, kam auf mich zu. Sein Blick, mit dem er zunächst hinter sich schaute, als erwarte er dort jemanden stehen zu sehen, durchfuhr mich wie ein Blitz. Das Gefühl, das augenblicklich durch meinen ganzen Leib zog, war für mich nicht in Worte zu fassen. Ich wusste nur, ich wollte nicht, dass er nur einen Schritt näher kam.

Ich rannte hinaus schlug die Tür hinter mir zu und war mit wenigen Sätzen bei der meinen und hindurch, die ich von innen versperrte. Dann verkroch ich mich unverzüglich unter meiner Bettdecke, zog die Knie an und presste fest die Augen zusammen. Ich hegte die Hoffnung, dass sich die Erinnerung an Howards Gesicht damit verdrängen ließ. Aber im Gegenteil! Es brannte sich nur umso fester in meinem Gedächtnis ein und vermischte sich mit dem Singsang der vergangenen Nacht, während ich langsam wegdämmerte.

„Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel. Lass mich dir folgen.“

Diese Worte, obwohl ich wusste, dass ich sie mir in Wahn und Angst und Halbschlaf nur eingebildet haben konnte, blieben vorerst das Letzte, was ich von Howard hörte. Am nächsten Tag sah ich ihn weder beim Frühstück, noch später irgendwann. Seine Zimmertür war stets verschlossen wenn ich klopfte und Tante Susan wimmelte meine besorgte Frage nach ihm nur ab. Sie schien abwesend. Wie benebelt.

Auch am folgenden Tag tauchte mein Cousin nicht auf und nicht am Tag danach. Mittlerweile schien das auch meine Tante bemerkt zu haben. Wobei ich es ihr kaum vorwerfen konnte. Am Tag musste sie den Haushalt nun ganz allein machen und in der Nacht hielt sie die offensichtlich schlechter werdende Verfassung ihres Vaters an seiner Seite und auf den Beinen.

„Wo steckt der Junge nur? Er ist doch nicht etwa auch krank?“, gab sie mit schleppender Stimme von sich.

Ohne dass ich es wollte, fielen mir sofort die Worte aus meinem Alptraum ein: Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel. Lass mich dir folgen.‘ Daraufhin verschluckte ich mich an meinem Tee und musste so heftig husten, dass ich kleine Tröpfchen überall auf dem Frühstückstisch verteilte.

Tante Susan wischte den mit Spucke vermengten Tee angewidert von ihrem Teller, sah mich missbilligend durch ihre tiefen Augenringe an. „Du wirst doch nicht etwa auch krank?“, fragte sie. Den Blick, den sie mir dabei zuwarf, kannte ich. So sah man all jene an, die erste Anzeichen der Schwindsucht zeigten. Es war jene Mischung aus Mitleid, Panik, Ekel und Selbsterhaltungstrieb, die dem Gegenüber genau zu verstehen gab, dass man sich nicht länger in seiner Gegenwart wünschte.

Ich wollte mich erklären, keuchte aber immer noch und letztlich hielt ich es nicht mehr aus. Weiter aus vollem Halse hustend sprang ich vom Tisch auf und lief ins Obergeschoss. Erst auf dem letzten Treppenabsatz fühlte sich meine Kehle wieder einigermaßen frei an und ich kam mir nur noch dumm und unhöflich vor. Noch einmal hinabzugehen und mein Frühstück zu beenden, traute ich mich allerdings nicht, und so ging ich schnurstracks zu Howards Zimmer. All die finsteren Gedanken an die Alpträume und die Stimme beiseite schiebend, klopfte ich. Unter meiner Berührung schwang die Tür diesmal gleich nach innen auf.

Das Zimmer war leer. Meine Augen tasteten das übliche Chaos ab, fingen sich dann aber in Zeichnungen, die ich zuvor nie gesehen hatte. Das Wesen, welches der wirren Phantasie meines Cousin zuletzt entsprungen war, starrte mich von unzähligen losen Blättern an.

Am auffälligsten war dabei, dass die Kreatur für HowardssonstigeKreationen viel zu wenig Tentakeln hatte. Wohlproportioniert und weiblich, warsie auch fast zu hübsch, um ein Teil von seiner bizarren Gedankenwelt zu sein. Nur ihr giftgrünes Haar sonderte noch immer diesen fischigen Geruch ab, dass mir das Frühstück wieder hochkam.

Meine Hände wühlten sich durch den Berg an Papier und ich stellte fest, dass Howard in den letzten Tagen und Nächten nichts anderes gezeichnet hatte als diese Frau. Manchmal war dazu ein Schlüssel in eine Ecke des Bildes gekritzelt, manchmal hielt sie ihn in der Hand und manchmal stand sie damit vor einer Tür. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und fand auch keinen Hinweis, wo Howard sein könnte. Ich beschloss daher, das Haus einmal vom Keller bis zum Giebel auf den Kopf zu stellen. Irgendwo musste mein Cousin schließlich sein. Das von der Küste her aufziehende Unwetter verbot immerhin jeden Gedanken daran, er könne sich draußen aufhalten.

Drei Stunden später gab ich dieses Unterfangen jedoch auf. Auch wenn das Haus groß war, hatte ich nun jeden Raum schon zweimal durchsucht. Tante Susan hatte sich derweil in ihrer verzweifelten Apathie in die Bibliothek zurückgezogen und kam nicht mehr daraus hervor. Das Mittagessen fiel somit aus. Die Köchin war ohnehin nicht gekommen. Ich durchstöberte noch einmal den vorderen Dachboden. Als ich voll Staub und mit Spinnweben in den Haaren zum dritten mal für heute herunterkam und nach meiner Tante sah, war es bereits vier Uhr.

Howards Mutter saß mit in die Hände gestütztem Kopf an ihrem Sekretär.Eine Flasche mit bloß nocheinem Bodensatz grünlichen Inhaltesstand geöffnet neben ihr. Der schwere, bittere Geruch breitete sich auch jetzt wieder im ganzen Raum aus und ich erkannte ihn diesmal: Wermut.

Ich begriff, dass dies nicht der erste Nachmittag in ihrem Leben war, an dem sie ihren Kummer in Alkohol ertränkte.

Ich ging auf sie zu. Wollte wissen, ob Tante Susan eingedöst war, doch hob sie augenblicklich den Kopf, als ich mich näherte. Sogleich fiel mir eine Kette mit einem Siegel um ihren Hals auf, wie ich sie von meiner Mutter kannte. Außerdem bemerkte ich, dass sich das gleiche Symbol auch auf dem Sekretär und der Flasche mit dem Absinth befand.

Meine Frage lag mir noch auf der Zunge. Ich fand aber keine Worte. TanteSusan winkte mich zu sich. Sie nahm meine Hand. Ihr glasiger Blick ging dabeian mir vorbei über meine Schulter. Es erinnerte mich an Howards wahnhaftes Vor-Sich-Hin-Stieren. Das Schaudern durchzuckte mich wieder. Ich wollte zurückweichen, aber sie ließ nicht los. Mit einer Kraft, die ich ihr nicht zugetraut hatte, zog sie mich zu sich hinab und flüsterte mir ins Ohr: „Ich wusste, dass sie ihn irgendwann holen würde. Das hat sie schon immer mit den Kindern dieser Familie getan.“

Dann schenkte sie sich nach und trank direkt in einem Zug aus. Ich war gelähmt vor Entsetzen.Wollte fort von ihr. Erst Howard und jetzt ihr seltsames Verhalten. Kein Wunder, dass die Bediensteten fort blieben!

Dann aber atmete ich tief durch. So wie man es mir beigebracht hatte, wenn mich die Atemnot überkam. Es half mir. Ich konnte mich zusammenreißen. „Hier ist außer uns keiner, Tante Susan“, erklärte ich ihr mit so ruhiger und fester Stimme, wie ich konnte.

Sie lachte nur. Starrte an mir vorbei. Setzte das Glas wieder an die Lippen. Einen winzigen Schluck ließ sie diesmal am Boden des bauchigen Gefäßes zurück. Sie hielt es auffordernd in meine Richtung.

„Trink, wenn du sehen willst, Helena.“

Ich hob abwehrend die Hände.

„Kluges Mädchen. Aber du kannst nicht entkommen. Es ist unser Blut. Wir kamen aus der alten Welt. Und sie mit uns.“

Sie deutete neben mich, wo noch immer nichts war als die Wand und das Bücherregal. Ich wusste nicht, was sie meinte. Sicher, unsere Familie ließ sich bis zu den ersten Siedlern in der Massachusetts Bay zurückverfolgen. Aber von welcher ‚sie‘ redete meine Tante?

Zögernd stand ich vor ihr. Angstvoll. Doch konnte ich die Neugier nicht bezwingen und ergriff schließlich das Glas. Ich nahmden letzten Schluck daraus, spürte, wie der bittersüße Tropfen mir brennend die Kehle hinablief. Ich drehte mich um, ein mitleidiges Lächeln schon auf den Lippen. Ich wollt ihr sagen, dass hier niemand war, dass wohl der Alkohol sie dem Wahnsinn immer näher brachte. In dem Moment aberfiel mein Blick auf die Stelle, die Tante Susan nicht aus den Augen ließ.

Ich prustete. Keuchte. Bekam den Absinth in die Nase und spürte, wie er sofort in meinen Kopf drang. Mir wurde schwummerig, denn mein Körper war den Alkohol nicht gewohnt. Dennoch war mir klar, dass ich bei Weitem nicht betrunken genug war, um zu halluzinieren. Mit jeder Sekunde, die ich sie anstarrte, wurde sie wirklicher.

Die fahle, hellgrüne Haut spannte sich über die hohen Wangenknochen. Das wallende, moosfarbene Haar umgab ein Gesicht so unwirklich schön und gleichzeitig bizarr, dass mein Verstand es weder fassen konnte, noch Worte dafür fand. Mein Gehirn rief sich sofort jenen fischigen Geruch in Erinnerung zurück, der ihren Anblickin Howards Zimmer begleitet hatte. Dabei wusste ich, dass er nicht real war. Nur eine Einbildung. Denn sie war diesmal nicht nur eine Zeichnung aus Tusche und Algenschlamm. Sie war echt!

Ein Grinsen legte sich über ihre Züge, als unsere Blicke sich trafen. Ich wollte das Glas aus meiner Hand fallen lassen und davonlaufen, aber ich konnte nicht. Und sie spürte das. Sie löste sich von ihrem Platz, ging auf Tante Susan zu, der sie sanft mit der Hand über die Augen fuhr. Der Kopf meiner Tante sank augenblicklich auf ihre Brust. Dann wandte das Wesen sich wieder mir zu, kam auf mich zu, dass die aufwallende Panik mir die Brust zuschnürte und ich Angst haben musste, einen Erstickungsanfall zu erleiden.

Sie ging aber einfach an mir vorbei. Ihre Äthergestalt streifte mich bloß, was mich frösteln ließ. „Du bist das Tor. Du bist der Schlüssel“, hörte ich sie flüstern.

Bei der Tür drehte sie sich um und gab mir einen Wink ihr zu folgen. Ich wollte nicht. Ich wollte hierbleiben, sehen, ob meine Tante nur eingeschlafen oder tot war. Ich wollte nicht mit diesem atemberaubend furchtbaren Wesen gehen. Aber meine Füße taten nicht, was ich ihnen befahl. Sie setzten sich von ganz allein in Gang, folgten dem Flüstern der grünen Fee vor mir. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ihr fahles, grünes Licht verblasste und sie für einen Moment pechschwarz aufflackerte. Vielleicht war das aber auch nur mein umnachteter Verstand.

Ich ging ihr nach aus dem Raum den Treppenabsatz in den Flur hinabund sah sie schon auf halber Höhe zum Aufgang in den hinteren Dachboden stehen. Sie winkte und ich musste folgen. ‚Ob Howard sich auch nicht dagegen hatte wehren können?‘, dachte der letzte noch vernünftige Teil in mir. Schon Augenblicke später war die Frage allerdings unerheblich. Ich stand vor der schäbigen alten Tür. Spinnweben hingen in ihrem Rahmen, als wäre sie seit Jahren nicht mehr geöffnet oder auch nur beachtet worden. Ich erwartete, dass die grüne Gestalt einen Schlüssel ziehenwürde, um mir zu öffnen. Stattdessen aber ging sie einfach durch die geschlossene Tür hindurch.

Ich stand da und wartete. Einen Lidschlag später kam sie zurück. „Komm, Helena. Folge mir. Howard ist schon hier. Es ist für euresgleichen gemacht.“

Mein Herz begann zu rasen. Mein Puls sprengte jede Grenze und Blut rauschte wie ein tosender Gebirgsbach durch meinen Schädel, dass ich glaubte, gleich ohnmächtig zu werden. Ich wurde es aber nicht.

Erneut wartete ich darauf, dass sie einen Schlüssel zückte. Stattdessen ergriff sie meine Hand, führte sie näher an das alte Holz heran. Ich wollte es nicht und doch wollte ich nichts anderes mehr. „Du bist das Tor. Du bist der Schlüssel“, hauchte sie einmal mehr geheimnisvoll in mein Ohr und tauchte dann wieder durch das massive Holz, kaum dass meine Finger Millimeter davor verharrten.

Ich schloss die Augen. Zuckte innerlich zurück. Dort auf den alten Brettern erschien jenes Zeichen, das Mutter und Tante Susan trugen. Das Zeichen, das auch in den Sekretär geschnitzt war. Es loderte vor meinen Augen. Ich glaubte zu wanken. Lehnte mich von den Brettern fort, während meine Hände nicht mehr zu mir gehörten und etwas in die Luft malten. MeineFüße gingen die letzten My auf die Tür zu. Gleich würden meine Finger das Holz berühren. Ich würde aufwachen aus diesem schaurigen Traum und … Dann fiel ich einfach hindurch.

Ich spürte, wie mich die Substanz der Tür streifte, also etwas in mir streifte. Ich begriff nicht ganz, wollte mich fragen, ob nur mein Geist hindurch getreten war, und mein Körper am Ende noch im Gang vor der Tür verharrte. Aber das war alles belanglos, kaum dass meine Augen in die alptraumhafte Surrealität um mich blickten.

Ich stand in einer Stadt, die schon lange nicht mehr bewohnt sein konnte. Alles an diesem Ort war grün und es roch … wieder fiel es mir nicht ein. Mein Verstand verdrängte es einfach. Über mir an einem fahlgrünen Himmel zogen gigantische Monstrositäten ihre Runden, die Fangzähne, Klauen, Schuppen und Tentakel hatten. Alles gleichzeitig und in beliebiger Zusammensetzung. Ich tat einen Schritt, denn mir wurde plötzlich klar, dass ich für sie offen sichtbar in dieser breiten Straße mit den zerfallenen Prachtbauten stand. Von der grünen Fee mit dem zauberhaft scheußlichen Gesicht fand ich keine Spur mehr. Als ich mich bewegte, schmatzte es allerdings zäh und klebrig unter meinen Füßen.

Ich wollte nicht hinabblicken. Ich konnte es aber auch nicht verhindern. Entsetzen überkam mich, formte sich zu einem Schrei ganz tief in mir und drang nach oben. Ich verkniff es mir im letzten Moment und stieß mit dem Fuß die Überreste einer Kreatur zur Seite, aus deren offener Brusthöhle ein zäher Teer gelaufen kam. Wie alles an diesem Ort war auch der Teer grün.

Meine Augen wandten sich ab, doch wo sie hinsahen, lagen weitere zerfledderte Körper. Mal waren ihr Bauch oder ihre Brust geöffnet. Mal konnte ich ihre Körperteile gar nicht richtig zuordnen, denn sie hatte einfach nichts an sich, was in irgendeiner Weise an die Anatomie der Welt erinnerte, die ich hinter mir gelassen hatte. ‚Vielleicht für immer?‘, stieg ein schauriger Gedanke in mir hoch. Die Tür war nicht mehr da, und so blieb mir nichts, als der Spur aus Leichen zu folgen, in der Hoffnung, Howard zu finden, bevor der Wahnsinn, der an diesem Ort verborgen lag, mich fand.

Manchmal auf meinem Weg über ausgestorbene Plätze und durch verwaiste Straßenzüge glaubte ich, von jemandem beobachtet zu werden. Drehte ich mich dann aber in die Richtung um, sah ich nichts weiter, als den grünen Schimmer, der alles umgab. Ein paar Mal war ich kurz davor nach Howard zu rufen. Doch die Dinger am Himmel drehten weiter unablässig ihre Schleifen. Wie Maschinen. Nur dass Maschinen sich nicht gegenseitig zerfleischten, sobald ihre Wege einander kreuzten. Grünes Blut regnete nach einer solchen Begegnung vom Himmel, und meine Haare, meine Kleider, jeder Zentimeter an mir war bald damit bedeckt. Ich glaube, ich weinte sogar. Aber sicher bin ich mir nicht. Ich weiß nur, dass da der Gedanke war: Wenn ich Howard finde, dann wird alles gut.

Der Himmel über mir zog sich dreimal zu und dreimal wurde das Grün um mich heller. Meine Beine waren bald taub, meine Gedanken ebenfalls, denn anders konnte ich diesen Ort nicht ertragen. Mein Weg führte mich weiter und weiter undzweimal glaubte ich sogar, zwischen den Toten so etwas wie menschliche Gestalten zu erblicken. Sie kamen mir vage bekannt vor. Eine trug ein weißes Häubchen, die andere eine blutbefleckte Schürze.

Baldstolperte ich apathisch über die Trümmer einer zerbrochenen Statue, bahnte mir den Weg um sie herum. Ich glaubte schon nicht mehr daran, je wieder etwas anderes als grünes Grauen zu Gesicht zu bekommen, vermischt mit diesem bitter-würzigen Geruch, als ich in der fahlen Dämmerung plötzlich die Umrisse einer vertrauten Gestalt erblickte. Das dunkle Haar, die schmalen Schultern, die energische Haltung. Wie immer, wenn er ganz in etwas vertieft war.

„Oh, Gott sei Dank, Howard!“, entfuhr es mir.

Ich stürmte auf ihn zu, wollte ihm um den Hals fallen. Doch schrak ich in letzter Sekunde zurück. Eine Kreatur aus Stacheln und langen Fortsätzen lag mit aufgerissenen Eingeweiden vor ihm. Am Zucken der Tentakel erkannte ich zu meinem Entsetzen, dass sie noch lebte.

„Howard! Komm weg da! Es lebt!“

Mein Cousin drehte sich zu mir um. Ganz langsam. Jener Ausdruck von Wahn, den ich schon zuhause bei ihm bemerkt hatte, hatte sich tief in seine Züge eingegraben und war mit dem Gesicht, das ich wie das eines Bruder liebte, zu etwas Neuem, Unaussprechlichen, verschmolzen.

„Ich weiß, Helena“, entgegnete er. „Ich weiß, aber keine Sorge. Es lebt nicht mehr lange.“

Mit der bloßen Hand griff er in das schleimige Gewirr aus Gedärmen und was sich sonst im Innern dieses Unwesens befand. Das brachte alles in mir zum Einsturz und ich schrie. Lang und laut und es war mir egal, welche Wesen nun alle auf uns aufmerksam wurden.

Mit blutbeschmierten Händen kam Howard auf mich zu. „Psst, Helena. Psst. So nah wie heute war ich ihr noch nie. Ich muss hinter das Geheimnis kommen. Die letzte Flasche ist leer.“

„Was redest du da? Wessen Geheimnis? Howard, wir müssen hier weg!“

„Nein, Helena. Wir gehören hierhin. So, wie die grüne Fee gesagt hat. Nur wir können die Geheimnisse dieses Ortes entwirren. Doch um hierher zu kommen, müssen wir den Absinth trinken. Ich kenne die letzte Zutat nicht, die sie nutzt, damit sich das Tor für uns öffnet. Es ist nicht ihre Haut. Es ist nicht ihr Blut. Wenn es nicht ihre Herzen sind, weiß ich es auch nicht. Aber vielleicht …“

Ich starrte ihn fassungslos an. In seiner linken Hand hielt er ein schrumpeliges Ding, das hin und wieder noch zuckte. Ich dachte an die Leichen, die ich auf meinem Pfad hierher gesehen hatte. Mein Verstand wollte die Konsequenz nicht ziehen. „Ichbin das Tor. Ich bin der Schlüssel“, murmelte ich halb im Wahn die Worte, die mir als erstes in den Sinn kamen. Der herbe Geruch durchdrang jetzt ganz meinen Verstand. Ich blickte mich um und sah nun auch, woher er kam. Wermut. Überall an den alten Mauern und zerbrochenen Steinen wuchs Wermut. Und dort hinten an der Wand lehnte die Fee und nickte mir lächelnd zu.

Damit hatte ich genug gesehen und genug begriffen. Noch schmeckte ich ihn auf der Zunge, im Gaumen, und die Worte dieses grünen Scheusals, das mich – das uns – hergelockt hatte, gaben mir die Gewissheit, was ich tun musste.

Ich streckte die Hand aus und meine Finger malten das Siegel in die Luft. Ich stürzte ein weiteres Mal durch eine Tür und bevor die Himmelsbestien uns erreichten, oder Howard es schaffte, den grünen Inhalt des Herzens in seine mitgebrachte Flasche auszupressen, kamen wir polternd mit aufgeschlagenen Knien am Fuß der Treppe zum hinteren Dachboden zu liegen.

„Wir sind das Tor. Wir sind der Schlüssel“, presste er hervor,und nichts als tiefes Bedauern und manische Entschlossenheit lagen in dem Blick, mit dem er die alte Holztür anstarrte.

Nach diesem Erlebnis wollte ich nichts mehr, als meinen Aufenthalt in Providence so schnell als irgend möglich zu beenden. Ich schrieb einen eiligen Brief an meine Mutter, der nichts erklärte, außer, dass ich dringend nachhause zu kommen wünschte.

Bis zum Tag meiner Abreise zwei Wochen danach verließ ich mein Zimmer nur, wenn ich musste. Ich aß so selten es ging, um der Gesellschaft meiner Verwandten zu entgehen. Und doch sah ich sie – vor allem Howard – für meinen Geschmack noch zu oft.

Ich wollte vergessen, doch gelang es mir in Monaten und Jahren danach nicht annähernd, die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf zu bekommen. Sobald es vom Gesetz her für mich erlaubt war, suchte ich mir einen geeigneten Mann unter den Fremden, die alljährlich in unsereStadt kamen.

Mit dem Namen hoffte ich, die letzte Erinnerung an dieses furchtbare Erlebnis abzulegen, und zeichnete fortan alle Briefe nur noch mit den Initialen H. S., Henriette Smith. Niemand sollte auf die Idee kommen, der wirre Geist, der in der New Yorker Schreiberszene derweil zu fragwürdigem Ruhm gelangte, könne auch nur das Geringste mit mir zu tun haben.

Meine Neugier konnte ich allerdings nicht bezwingen, und so las ich jedes neue Schriftstück, das mein Cousin in den folgenden Jahren verfasste. Die Welt verharrte in ehrfürchtigem Staunen, was sein Geist hervorzubringen vermochte. Ich allerdings betete jedesmal inständig, dass seine nächste Geschichte endlich Zeuge davon sein möge, dass er sich dem unheilvollen Einfluss seiner grünen Führerin hatte entziehen können.

Lasst uns doch über Literatur reden! – Von Sinn und Unsinn gängiger Bewertungssysteme

Da stellt sich doch erstmal die Frage, was ist Literatur denn überhaupt?

Ich bin ja nur Phantastikautor (Vorsicht Ironie), darum musste ich das erstmal in Wikipedia nachschlagen. Hier aber mal zitiert für alle, die jetzt nicht mühsam auf den Link klicken wollen:

 

Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert der Bereich aller mündlich (etwa durch Vers­formen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse. Man spricht in diesem „weiten“ Begriffsverständnis im Hinblick auf die hier gegebene schriftliche Fixierung etwa von „Fachliteratur“ oder, im Bereich der Musik, von „Notenliteratur“ (Partituren) bzw. ganz allgemein von „Literatur“ im Sinne der Gesamtheit oder von Teilen schriftlich notierter Musik.

Die öffentliche Literaturdiskussion und -analyse ist demgegenüber seit dem 19. Jahrhundert auf Werke ausgerichtet, denen besondere Bedeutung als Kunst zugesprochen werden kann, und die man im selben Moment von Trivialliteratur und ähnlichen Werken ohne vergleichbare „literarische“, sprich künstlerische Qualität, abgrenzt. Die Literatur zählt zu den Gattungen der Kunst.

Wie ihr schon seht, ist diese Definition noch gar nicht so alt. Wenn man mal bedenkt, dass die Menschen schon geschrieben und auch aufgeschrieben haben, seit die alten Sumerer die Keilschrift erfanden. Was aber auf jeden Fall aus der obigen Definition anklingt, ist die Unterscheidung von Schrifttum in Triviales (Trivialliteratur) und eben die Hochliteratur. Und ja, auch hier würden jetzt einige ‘echte’ Literaturkritiker sagen, dass ich als ‘Fantasy-Schreiber’ aufhören müsste mitzureden. Punkt.

 

Aber ihr kennt mich ja mittlerweile und ich kann mein Klappe eben doch nicht halten.

Darum dürft ihr auch den Rest dieses Traktates noch ertragen. Und warum? Na, weil ich heute in der Mittagspause eine wundervolle, von meiner Seite aus nicht sehr heftige, aber umso anregendere Auseinandersetzung mit einer Kollegin hatte. Es ging schlicht um ein paar Rezensionen, die mir sauer aufstießen und ihr nicht.

Aber eben nicht, wegen den Sternen, die vergeben, oder nicht vergeben wurden. (Sterne habe ich doch zur Genüge und produziere ständig nach 😉 ) Nein. Gerade, dass es bei heutige Bewertungen eben nur um dieses starre 5-Sterne-Modell geht, und nicht über die Auseinandersetzung mit Texten, das stört mich. Das stört mich gewaltig. Wenn einer einfach sagt: Boah, die Story ist nix für mich. Dann ist mir das doch egal. Ich schreibe doch für alle die, die sich in meinen Texten wiederfinden. Und manchmal überrascht es mich dann sogar, wer das alles so ist.

 

Doch noch einmal zurück zu den 5 Sternen.

Die vergibt jeder ja nach einem anderen Schema. Manche vergeben fast nie 5 Sterne. (Außer für Harry Potter, Herr der Ringe und Fifty Shades of Grey, versteht sich.) Und manche vergeben nur fünf Sterne, denn alle anderen Bücher sind es gar nicht wert, dass man ihnen eine Rezension widmen, oder aber, sie wollen nicht dran schuld sein, dass sich aufgrund der Kritik irgendwo ein sensibler Autor erhängt, oder aber, weil sie wenig anspruch an Bücher haben, oder weil sie grad nur die lesen, die eh gut sind.

Ihr seht, es gibt eine Millionen Gründe und Möglichkeiten, wie in dem gängigen fünf-Punkte-System bewertet werden kann. Ich selbst habe mit dem Ende meines Elfenbeinturm-Daseins (Damit meine ich die Veröffentlichung von Heimkehr) in den letzten zwei Jahren eine ganz schöne Wandlung meines Lese- und Rezensionsverhaltens durchgemacht. Und ich bin mittlerweile der Meinung: Autoren sind die schlechtesten Kritiker. In jeder Hinsicht.

Aber warum denn das?

Na, ganz einfach. Ein Autor ist NIEMALS neutral. NIEMALS. Erstens sind die meisten immer mit dem Kopf in den eigenen Werken. Was es unendlich schwer macht, sich überhaupt auf fremde Gedankenwelten einzulassen. Dann hat man anfangs wohl immer das Bedürfnis, in den Krümeln zu wühlen. Also sprich: man will etwas finden, das einem selbst an einem guten und emotional aufwühlenden Buch nicht gepasst hat, denn es gibt einem innerlich  das befriedigende Gefühl, dass selbst ganz große Nummern unter den Autoren Fehler machen und dann fühlt man sich nicht mehr ganz so klein und unbedeutend. Dann gibt es noch den Schlag Autoren, die Kollegen prinzipiell nie schlecht bewerten. Angst vor ‘Rache-Rezis’, Kollegialität, man will niemandem auf die Füße treten, man fühlt sich verpflichtet – es gibt Millionen (schlechte) Gründe dafür.

Manchmal macht man auch all das als Phasen eines Entwicklungsprozesses durch und gehört bald zu der einen, bald zu der anderen Gruppen, bis man irgendwann aufhört, Rezis für Kollegen zu schreiben …

… denn egal, was man macht, es ist immer falsch.

Ich bin mittlerweile für mich an einem Punkt angekommen, an dem ich dieses völlig unzureichende 5-Sternesystem nehme und damit nicht die Qualität eines Buches bewerte (denn das lässt sich weiß Gott nicht in 5 lächerliche Sterne packen). Nein. Wenn ich bewerte, dann bin ich mir dessen bewusst, dass andere das vielleicht sehen. Es ist also erstens eine Empfehlung von mir an vielleicht künftige Leser eines Buches. Somit schreibe ich im Hinblick auf das, was wichtig wäre, über das Buch zu wissen.

Gleichzeitig ist es aber auch (oft das einzige) Feedback, das ein Autor für seine Mühen, seinen Schweiß, seine kreativen Zusammenbrüche, sein Künstlerblut und seine Tränen bekommt. Also sollte ich beim Schreiben schon auch an denjenigen denken, der es ‘abkriegt’. Dazwischen nun die Balance zu finden und dennoch ehrlich zu bleiben, ist das Schwerste an der ganzen Sache.

Und dann kriege ich nur 5 verdammte Sterne!!!

Also zum Vergeben und differenzieren meine ich jetzt.

Was bei mir immer raus fliegt, ist die Coverbewertung. COVER! Darüber schreibe ich mal nen eigenen Beitrag. Aber eigentlich ist ein Buchcover nur ein Werbeschild und kein Qualitätsmerkmal eines Buches. (In der Trivialliteratur mag es vielleicht kaufentscheidend sein, aber darum geht es nicht.) Meinetwegen kann ein Autor seine Werke in Alditüten wickeln. Ich will ja was lesen, das mich begeistert und nicht ein schönes Bild in der Hand halten, das dazwischen 400 Seiten Müll enthält, weswegen ich es mir schlecht im Querformat an die Wand hängen will.

Sicher gehört zu einem guten Buch ein schönes Cover, das neugierig macht und eine Geschichte erzählt. Aber das Wertvolle befindet sich zwischen den Klappendeckeln.

Darum mache ich es mir seit geraumer Weile einfach.

Der innere Autor bleibt beim Lesen daheim. Und wenn ich das nicht kann, dann wird nicht gelesen. Was mich dann berührt, was mich fesselt, was mich aus irgendeinem Grund bei der Stange hält und mir ein Schmunzeln entlockt, mich zum Nachdenken oder zum Staunen bringt und ganz selten auch mal zum Lachen oder weinen, das hat es verdient, eine gute Bewertung zu kriegen. Allgemein gängig sind 4-5 Sterne.

Sogar 3 sind ja schon ‘kritisch’. Wobei 3/5 noch mehr als die Hälfte sind. Aber kann man sich drüber streiten. Bei vielen heißen 3 Sterne schon: “Ich fands total doof, aber wenn ich weniger gebe, wird mir nachgesagt, böse Verrisse zu schreiben.”

Und genau das ist der Punkt, der an ‘Rezensionen’ nervt.

Die meisten beginnen mit der Beschreibung des Covers und ziehen dann bei nicht Gefallen gleich einen Punkt ab. Scheißegal, wie gut das Buch gewesen ist. Wenn wir uns allein nur in Trivialliteratur bewegen, mag das vielleicht angeht, denn es geht ja allgemeinhin um den Unterhaltungswert und da spielt die Optik dann vielleicht doch eine Rolle. Aber ist die Haptik dann nicht ein ebenso großer Punkt? Und wenn ich dann als Print-Liebhaber gezwungen bin ein geiles Buch auf dem E-Reader zu lesen, weil es als Print nicht existiert, ziehe ich dann gleich mal nen Stern ab, weil ich es nicht anfassen kann? (Ja, ich höre euch schon ‘Schwachsinn!’ rufen 😉 )

Was bei all dem aber auf der Strecke bleibt, ist die wirklich echte literarische Diskussion.

Vereinfachen wir uns mal die Definition vom Anfang und sagen: Trivia will nur eine Geschichte erzählen. ‘Echte’ Literatur will darüber hinaus noch mehr.

Dann kommen wir doch in beiden Fällen erstmal zur Geschichte, dem sprichwörtlichen Kern des Pudels. Denn die für mich wirklich wichtigen Fragen bleiben nur allzu oft offen. Wie wird den erzählt? Wer erzählt? Erzählperspektive – die oft genug nicht richtig zugeordnet wird – und wenn, dann stellt niemand die Frage, warum der Autor diese Perspektive gewählt hätte und nicht eine andere. Geht es denn wirklich nur um die Geschichte? Oder gibt es am Ende doch noch etwas zwischen den Zeilen zu finden?

Und dann der Schreibstil. “Lässt sich gut und flüssig lesen.” Das ist das höchste der Gefühle, was ich auf Buchblogs finde. Aber verdammt!!!

Da ist doch noch so viel mehr.

Manche Autoren verzaubern mit Bildhaftigkeit, ohne blumig zu werden. Manche sind blumig und es ist dennoch toll. Manche benutzen wenig Worte und erzählen doch ganz viel. Jeder schreibt anders. Oder zumindest sollte jeder anders schreiben. Denn wenn ich einen Autor vom anderen nicht an der Sprache unterscheiden kann, dann ist es wohl wirklich nur eine Geschichte um der Geschichte willen und ich kann bei den ausführlichen Coverdiskussionen in Pastell bleiben.

Ja. Ihr seht schon. Ich frage mich oft genug, ob da denn nicht noch mehr ist.

Buchbloger gibt es so viele, und zu lesen, um unterhalten zu werden, ist keine Schande. Aber fast jeder hat im Profil stehen, er liebe Literatur.

Dann ihr Lieben, lasst uns doch anfangen, über Literatur zu reden. Differenziert. Stellt die Fragen, die sonst keiner stellt. Taucht zwischen die Zeilen. Lernt, den Klang der Wortmelodien zu hören, die mancher Autor mit der Partitur der Worte zu spielen in der Lage ist.

Und dann brechen wir aus aus diesem Schema von 1-5 Sterne. Denn seien wir ehrlich: Manches Buch hätte 6 verdient und manches in unseren Augen nicht mal einen. Oder?

 

Einen schönen Abend.

 

Liebste Grüße,

 

Eure Sylvi

 

.P.S. Wer sich fragt, warum eine Katze das bild dieses Artikels geworden ist: Cat-Content! 😉 Vielleicht habe ich ja damit eure Aufmerksamkeit. 😉

 

Schreibtagebuch – wenn die Muse heimkehrt

Huhu ihr Lieben!

 

Es ist Freitag und eigentlich ist derzeit viel los. Mittwoch war ich sehr niedergeschlagen aus unendlich vielen Gründen. Aber der Donnerstag hat alles wieder wett gemacht. Eine Menge Unklarheiten sind aus dem Weg geräumt und was passiert immer, wenn mein Kopf entspannen kann?

Genau!

 

Die Muse ist wieder bei mir eingezogen.

Heute früh weckte sie mich mit einem wundervoll feurigen Dialog zwischen Gwendolyn und Thoran. Also bin ich direkt vor der Arbeit noch an den PC und habe eine Runde geschrieben. Auch jetzt arbeitet es fleißig und so langsam fügen sich die ganzen kleinen Steinchen in meinem Kopf zu dem großen und – hoffentlich – wundervollen Gesamtbild der neuen Erui-Trilogie “Das Herz des blauen Drachen” zusammen.

 

400 Seiten schon geschrieben – vermutlich noch 1000 vor mir!

Wie das mit Erui ja immer so ist, wird auch das hier diesmal keine kleine Geschichte. Wer meine Seite schon ein wenig länger verfolgt, der weiß ja, dass es sich um die zeit drehen wird, als die zweite dunkle Zeit in Erui endete, als Gomar die Macht im Norden übernommen hatte, Thoran Blaudrache seinen Schwur einlösen musste und die Ewigen Wächter aus der Sternenlied-Saga noch jung und teilweise sehr unbedarft waren.

 

Ein ganz neues Licht für altbekannte Protagonisten.

es ist damit unglaublich spannend, herauszufinden, wo Gwendolyn, Mendric, Luani und Ariman eigentlich herkamen. Was ihre Wünsche und träume waren und wieso sie irgendwann Wächter wurden. Gerade Gwen mochten ja die wenigsten am Ende der Sternenlied-Saga, und haben das Ende sogar begrüßt, dass ich ihr schrieb.

Für mich war das damals ein schwerer Schritt, denn ich hatte ja schon immer im Kopf, woher sie einmal kam und welcher Weg hinter ihr lag. Ein Mädchen voll Träume und Wünsche, das ähnlich meiner Heldin Fenia eine einzige große und wahre Liebe gekannt hat. Aber keine Sorge, um Liebe wird es nicht gehen.

 

Ein neuer Epos entsteht

Ich will euch Erui von einer ganz anderen Seite zeigen. Denn nein, früher war nicht alles besser. Und es gibt so viele Geschichten, die ihr sehen müsst! Ich selbst stehe immer wieder staunend, wenn ich neue Bruchstück von meiner Muse ins Ohr geraunt bekomme und es fühlt sich wieder an wie damals, als ich den Stern schrieb.

Erui lebt! Wirklich. Ich habe das Gefühl, dass ich mir das nicht alles ausdenke, denn es ist so groß und gewaltig und oft genug überraschend und ich würde euch so gern schon mitnehmen. Aber es wird wohl noch eine ganze Weile dauern. Ihr kennt mich ja. auf die Frage “Dürfen es auch 200 Seiten mehr sein?” würde ich nie mit Nein antworten.

Der erste teil “Ein uralter Schwur” ist ja im Nano 2015 schon ganz gut gewachsen. Da muss ich jetzt aber viel polieren und die Lücken auffüllen. Das Ende für die ganze Reihe kenne ich dabei schon und habe auch den Epilog bereits geschrieben. Der ist tatsächlich eher ein Schmankerl für jene, die den Stern gelesen haben. Denn ja, so ein klein bisschen nehme ich euch mit zurück zu den Helden, die ihr kennen und hoffentlich auch lieben gelernt habt.

 

Also dann. Jetzt muss ich aber wieder Schreiben. Habt einen schönen Freitag und ein tolles Wochenende.

Backe, backe … Drache! – Die Buchmesse kommt näher

Nur noch 4 Tage bis zur Buchmesse in Leipzig!

Es ist ganze 18 Jahre her, dass ich das letzte Mal durch diese Hallen gewandert bin. 18!! … Das ist mehr als mein halbes Leben.

Damals war ich noch jung und überoptimistisch und glaubte, mit Bücherschreiben könne man viel Geld verdienen. Ich las zum ersten Mal vor Publikum aus meinem Kinderbuch. Und für ein paar Stunden war da wirklich die Illusion, dass ich nun schon ein echter Autor sei. … Mit 13.

Dann kam das Erwachen. Und ich begriff, Verlag ist nicht gleich Verlag. Und nur ein halbes Jahr später, als Erui in meinem Kopf einen Namen bekam und ich eigentlich nur noch beschämt an die erste Veröffentlichung dachte, war da auch der Gedanke: Nie wieder Buchmesse!

Aber es kommt immer anders …

IMMER!

Auch vor knapp zwei Jahren, als meine Sternenlied-Saga mit ihrem ersten Teil ‘Heimkehr’ als Ebook erschien, war ich noch weit davon entfernt überhaupt über einen Messeauftritt nachzudenken. Ich hatte ja nicht einmal vor, das Buch drucken zu lassen. Ebook. Fertig.

Dann lernte ich Sabrina kennen. Und auf einmal habe ich Interviews gegeben, mich mit ihr vor eine Kamera gesetzt und ihr zuliebe gewagt, den Stern in ganz neuem Gewnd in Druck zu geben. Und jetzt … jetzt hat sie mich wortwörtlich auch auf die Buchmesse geschleift.

ABER: Ich bin nicht böse drum. Ich bin dankbar. Unendlich. Denn bisher hat alles, was wir gemeinsam geplant und unternommen haben immer so wahnsinnig viel Spaß gemacht. Egal, wie viel Angst ich vorher hatte.

Darum: Die Messe wird großartig. Und um auch ein bisschen was dafür zu tun, habe ich mich jetzt gestern den Tag in die Küche gestellt und für euch Messe-Goodies gebacken. Und was wohl?

Genau: Drachen, Einhörner und Sterne.

 

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Dann wollen wir mal!
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Erste Ladung: Vanille-Sterne
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Zweite Ladung: blaue Drachen (Vorsicht! Sie verlieren leicht den Kopf. 😉 ) 
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Nach der dritten Ladung (Erdbeer-Einhörner) geht es ans Verpacken.
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Fertig
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Natürlich mit Lesezeichen.
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Auch die Rückseite ist schön (da sind noch die alte Ebook-Cover drauf. Rarität! ) 
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Erster Korb
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Und weiter gehts! 
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Kekstüten und Gewinne für Samstag! Und Fee will so gerne probieren. (Japp, in den unscheinbaren Pappröhren sind Poster für euch. 😀 )