Kategorie-Archiv: Dienstags ist Schnipseltag

In dieser Kategorie werde ich jeden Dienstag aus einem aktuellen Manuskript einen Textschnipsel hochladen, um euch den gefühlt längsten Arbeitstag der Woche zu verkürzen.

500 Facebook Likes – Ein Dankeschön an meine treuen Leser

Für manche mögen 500 Likes auf Facebook nicht der Rede wert sein.

Ich finde schon. Denn WOW! 500 Menschen, die in irgendeiner Weise an dem interessiert sind, was ich da schreibe. Und im besten Fall 500, die den Stern wirklich kennen und lieben.

Darum möchte hier DANKE sagen. Danke für die letzten zwei aufregenden Jahre. Danke dafür, dass ihr der Kern der Fangemeinde um meine Bücher seid, ohne den vieles einfach nie passiert wäre. Und weil sich Anfang der Woche schon gewünscht wurde, ich möge euch doch einen längeren auszug aus dem blauen Drachen spendieren, tu ich das hiermit.

Ein Figur, die ja im Stern ein wenig blass hinter manch anderer zurück bleibt, ist Hohepriester Mendric. Er, der weise aber auch alternde Führer des Zirkels. Wo nahm eigentlich sein Weg einmal seinen Anfang? Wie wurde er zum Hohepriester und mit welchen Beweggründen?

Ja, ein bisschen freue ich mich darauf, euch meine Ewigen Wächter in dieser neuen Trilogie in einem ganz anderen Licht präsentieren zu können. Ein wenig hoffe ich, dadurch mehr Verständnis für sie und ihr Handeln im Stern zu bekommen, denn ihre Absichten waren einmal gut und ehrenhaft. Also viel Spaß in einem ganz neuen alten Erui mit vertrauten und doch völlig fremden Persönlichkeiten. 🙂

Ach ja, und weil sie so schön sind, gibt es hier noch ein paar mehr Bilder von Hohepriester Saworno, Mendrics Meister und Mentor im Zirkel der Sonne.

Savorno Screenshot Action      Savorno Screenshot     Savorno Bright Robes

 

 

Saworno traten Schweißperlen auf die Stirn. Mendric sah seinen Mentor und Obersten im Kreis der Brüder der Sonne mit besorgtem Blick an. Noch vor Monden wäre ihm das nicht passiert. Da war der alte Armati noch der Inbegriff von Kraft und Magie gewesen. Nachdem er von seiner letzten Reise zum Mondtempel in den Sümpfen der Mittlande zurück war, reichte allerdings schon die kleinste Anstrengung ihn aus der Puste zu bringen.

Die Gruppe an Schattenwesen, gegen die sie sich heute zur Wehr setzen mussten, war dabei verhältnismäßig klein. Mendric legte seine Hände wie selbstverständlich neben die des Katzenmannes auf die silbern glänzende Kuppel und sein Zauber floss durch ihn hindurch auf den Schutzwall über. Dieser spannte sich zwischen den beiden hohen Säulen, die wie zwei grimmige Wächter den Eingang ins Tal der Sonne säumten. Von ihren schwarzen Basaltkörpern gingen die Fäden aus, an denen die magische Mauer hochgezogen war, dazu gemacht, Flüchtigen und Verbündeten Einlass zu gewähren, doch alles fern zu halten, was dem Tal und seinen Bewohnern schaden wollte.

Die alptraumhaften Wesen, deren Körper unwirklich dunklen Nebelschwaden gleichkamen, bis an die Zähne bewaffnet und mit rotglühenden Blicken, gehörten dabei ganz gewiss zu letzter Kategorie. Das unermüdliche Einschlagen ihrer Schwerter, Äxte und Morgensterne oder allein der bloßen Schattenfäuste auf die durchscheinende Barriere hatten diese an manchen Stellen gefährlich dünn werden lassen. Mit Mendrics Unterstützung gelang es dem Hohepriester allerdings, sie zu hallten.

Mendric ging sogar noch ein Stück weiter. Er wusste, was die Mauer konnte, wenn der Hohepriester selbst das Netz durch die Rückkopplung seiner Magie zum Schwingen brachte. Er schloss die Augen, suchte nach dem Momentum, aus dem der Meister das fragil wirkende Gebilde gewebt hatte. Er spürte dabei die Angst seiner Brüder, die um sie standen. Keinem entging, dass Sawornos Kraft nicht mehr ausreichte, die Verteidigungsmechanismen zu aktivieren, die er selbst vor vielen Sommern gewoben hatte.

Mendric schob das beklemmende Gefühl beiseite, welches die Luft erfüllte. Angst half ihnen jetzt nicht. Angst half nur denen da draußen, die Einlass begehrten. Das Tal war einer der wenigen Rückzugsorte hier im Westen. Viele Dörfer und Weiler waren längst überrannt. Andere aufgegeben. Doch daran durfte er jetzt nicht denken. Dieser Schutz stand schon, so lange er im Tal lebte. Solange er denken konnte.

Wenn dir die Straßen Sindoreds zu gefährlich geworden sind, dann geh doch und verkriech dich hinter dem silbernen Netz der Priester. Ein geflügeltes Wort dort, wo er einst sein Zuhause gewähnt hatte. Gleichzusetzen mit Flucht und dem Verrat an der eigenen Stadt.

Mendrics Hände bebten. Der Schlag eines eisernen Flegels ging neben seiner linken Hand nieder. Er spürte den Schmerz durch seine Arme fahren bis hinauf in die Schulter. Instinktiv wollte er zurückschrecken. Unter seinen Fingern war ein Riss im Netz entstanden.

Du bist nicht mehr das Kind von damals, durchfloss ihn allerdings direkt der nächste Gedanke. Er wusste, er kam nicht nur aus ihm allein. Dennoch half er.

Nun ebenfalls mit Schweißperlen auf der Stirn, schob er alle störenden Einflüsse von sich fort. Der Junge, der zu schwach gewesen war zum Schwert zu greifen, den gab es nicht mehr. Es gab nur noch ihn, Mendric, den nächsten Hohepriester in der Gemeinschaft von Sonne und Mond.

Diese Gewissheit ließ etwas in ihm auflodern. Unter seinen Füßen bekam er das Gefühl, als würde der Boden selbst glühende Steine gegen seine Sohlen stemmen, um ihm Halt zu geben. Seine ganze Energie stemmte sich gegen die Mauer und das, was sie bedrohte. Er merkte selbst nicht, dass seine Hände zu glühen begannen wie ein Strom aus Lavagestein, der in das silberne Netz floss, sich zwischen die bereits gewebten Fäden goss und jeden einzelnen davon verstärkte. In ihm begann der Ton zu schwingen, aus dem sein Meister den Wall einst erschaffen hatte. Doch er beließ es nicht bei diesem einen. Er fügte weitere Töne seiner eigenen Seele hinzu, nährte den Wall damit, ließ ihn schwingen und vibrieren und im nächsten Augenblick schossen Blitze und heiße Feuerfontänen auf der anderen Seite aus dem Gespinst hervor. Wo sie die Schatten trafen, da lösten sie sich mit einem spitzen hohen Schrei in schwarzen Rauch auf.

Als der Letzte von ihnen sein erbärmliches Dasein ausgehaucht hatte, sank der alte Priester neben ihm schließlich erschöpft nach hinten. Mendric selbst brauchte noch einen Augenblick, um sich von dem neuen Wall zu lösen, der nun nicht mehr nur noch silbrig glänzte. Feuer schien ihn nun zu durchfließen. Seine Brüder wichen ehrfürchtig einen Schritt weit zurück, gaben ihm und Saworno Platz.

Mendric holte ein paarmal tief Luft, bevor er sich schließlich zu seinem Meister umwandte. Zum ersten Mal gewann er beim Blick in dessen Gesicht den Eindruck, dass die ewig zeitlosen Züge auf einmal alt erschienen. Gestern, hätte er schwören können, war der Mann keinen Tag älter gewesen, als am dem Tag, an dem er ihn geweiht hatte und ihm verkündet worden war, dass er in Sawornos Fußstapfen treten würde. Heute war das Fell um seine Mundwinkel angegraut. Die Augen wirkten eingefallen, nicht mehr so strahlend und wachsam. Ihr Grün schien einen trüben Schimmer bekommen zu haben.

Mendric schreckte zurück. Sawornos krallenbesetzte Tatze legte sich auf seinen Arm und tätschelte ihn, wie er es manchmal schon mit ihm gemacht hatte, als er noch jünger gewesen war. „Deine Magie ist stark geworden, Mendric. Ich sehe, du hast dich an meinen Rat gehalten und deine Kräfte jeden Tag geübt.“

Mendric nickte, doch sein Gesicht verzog sich dabei unwillig. „Natürlich habe ich mich jeden Tag geübt, Meister. Diese Abscheulichkeiten lassen ja auch nicht einen Tag lang locker und das schon seit zwei Wochen. Während Ihr weg wart, war es noch einmal schlimmer. Es ist kein Wunder, dass uns die Kraft langsam schwindet.“

Du meinst wohl, dass mir die Kraft schwindet.“ Mendric wollte protestieren, doch der Alte ließ ihn nicht. „Ah ah ah, Dren, mein Junge. Wir machen uns beide mal besser nichts vor. Wir wissen, doch, dass man einen toten Baum nicht wiederbeleben kann. Doch an seiner Statt kann eine neue Knospe treiben und aufgehen.“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf die pulsierenden Flammen in dem feinen Netz, die deutlicher als alles jeden sehen ließen, wer dieses Tal nun schützte. „Du warst ein junges Stämmchen, immer schwankend im Wind, als ich dich traf, doch jetzt bist du der Baum, unter dessen Krone Eruis Kinder Zuflucht vor dem Sturm suchen werden, welcher über ihnen tobt.“

Mendric neigte ehrerbietig das Haupt. Er wusste, dass sein Meister recht hatte. Er brauchte ihn nur anzusehen und sah, es ging tatsächlich auf sein Ende zu. Hohepriester Saworno würde den Winter nicht überstehen, der vor der Tür stand, und noch vor dem Fest der Sonnenwende würde der Zirkel der Sonne einen Neuen Führer wählen. – Ihn.

So war der Kreislauf seit vielen Jahrtausenden. Seit die sterblichen Völker das Antlitz Eruis betreten hatten. So würde er es einst an seinen Nachfolger weitergeben und der an seinen und so fort. Es gab keinen Grund, darüber in Trauer zu versinken, und dennoch fühlte Mendric, wie ihn der Gedanke grämte.

Behutsam bot er dem alten Priester an, ihn zu stützen, auf ihrem Weg von den äußeren Felsen zurück zur anderen Seite des Tales, wo ihre Wohnhöhlen in den dunklen Stein der Berghänge gemeißelt waren. Das einzige Gebäude, das man nicht den schwarzen Bergen abgetrotzt hatte, war der große Tempel, der unten in der Talsenke auf einem erhöhten Plateau stand. Er war aus dem gleichen weißen Marmor errichtet, aus dem auch der Zwillingstempel in den Sümpfen weit fort von hier gebaut worden war. Die Schwestern des Mondes lebten und lernten dort und gemeinsam mit ihnen waren sie der Orden von Sonne und Mond, die einzige Geistlichkeit, die Erui kannte und brauchte. Denn trotz all seiner unterschiedlichen Völker und ihrer vielen Namen, die sie für die Macht des Himmels hatten, gab es keine Frage darüber, dass es alles nur Gesichter ein und der selben Urgewalt waren. – Jener Kraft, die einst Gar‘Elahad geschaffen hatte, die den Menschen Leben und Weitsicht und Weisheit und Schöpferdrang eingehaucht hatte, um zu sehen, wie sie auf Erden vollbrachten, was die Macht des Himmels im Universum getan hatte. Doch die Menschen waren nicht sorgsam umgegangen mit ihrer Gabe.

Eigentlich, dachte Mendric bitter, wenn er an die Schattenwesen dachte, die die gesamten westlichen Berge und die Lande an ihren Füßen durchstreiften, eigentlich hatten die Menschen ihre Gabe gar nicht verdient. Es war ein Segen gewesen, dass die alten Könige die Verbindung zwischen den Welten unterbrochen hatten. So konnten der Menschen Träume zwar nichts Neues mehr erschaffen, doch ihre Bosheit und ihre Niedertracht war auch nicht in der Lage, den Schatten so schnell weiter zu nähren, wie sie es in der alten Zeit getan hatten.

Saworno schüttelte den Kopf, während er seine gebrechlichen Knochen auf die Schultern des jüngeren Mannes stützte. „Was sind denn das für bittere Gedanken, Dren? Als Oberhaupt unserer Ordens wirst du der Führer dieser Welt sein, vergiss das nie. Sie werden zu dir aufsehen, sich an deine Worte klammern und deinem Beispiel folgen. Wenn du die Menschen verteufelst, werden die Herzen dieser Welt sich von ihnen abkehren.“

Na und?!“, entfuhr es Mendric wütend. Der alte Mann konnte es bis heute nicht lassen, ungefragt in seinem Geist ein- und auszugehen, und er nannte ihn immer noch bei seinem Kindernamen.

Und was ist daran so schlecht, Dren?“, fuhr Saworno fort. „Schon in dem Jungen, den alle Dren nannten, konnte ich die Macht erkennen, die heute aus all deinen Taten spricht. Du bist noch immer er und er wird stets ein Teil von dir sein. Das hoffe ich zumindest. Und zu deinem anderen Problem: Die Gabe der Gedankenmagie war immer deine Schwachstelle. Du bist wie ein offenes Buch. Du bist durch und durch ehrlich, trägst dein Herz auf der Zunge und deine Seele in deinen Augen. Dadurch kannst du deine Gefühle nur schwer vor anderen verbergen. Es ist das Letzte, was ich hoffte, dich noch lehren zu können, denn ein Meister im Sonnenzirkel muss sich abschirmen können gegen andere, wenn er dies wünscht.

Aber wer weiß, vielleicht bleibt uns ja noch ein bisschen Zeit. Noch sind meine Tage nicht gezählt.“

Daraufhin schwiegen sie beide und ihre Schritte folgten bloß dem Pfad, bis sie die Versammlungshöhle erreicht hatten. Mendric wollte Saworno eigentlich direkt hinauf in seine privaten Hallen bringen, damit er sich ausruhen konnte. Doch der Alte bestand darauf, mit seinen Brüdern und den Novizen gemeinsam das Abendessen einzunehmen.

aus “Das Herz des blauen Drachen” Teil 1 – Ein uralter Schwur –

Deleted Scenes – Fenia und Martin

Ich hate euch ja versprochen, dass ich euch noch ein paar der Szenen zusammenschreiben werde, die ich immer im Kopf hatte, die es aber nie ins Buch geschafft haben. Heute gibt es einen ersten Teil davon.

Dieses Fragment setzt nach Fenias Sturz am See ein, als Martin sie ins Krankenhaus brachte. Ich bin oft gefragt worden, wie sie sich in ihn verlieben konnte und nicht in Joe. Die Antwort ist simpel und ihr kennt sie schon: “Ein Herz und ein Verstand liegen manchmal soweit auseinander, dass man schwerlich glauben kann, dass sie zu ein und derselben Person gehören.”

 

Viel Spaß hiermit. Im übrigen werden diejenige, die alle drei Bände kennen, glaube ich, die Andeutungen verstehen. Eine Fortsetzung hierzu folgt bald. 🙂

 

Fenia_jünger  Martin_Llewellyn

 

Die Hände tief in den Taschen vergraben schlenderte Martin langsam die kahlen, weißen Flure entlang. Sie gab ihm Rätsel auf. Mehr als je zuvor. Dennoch konnte er sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn er an ihr blasses, zorniges Gesicht dachte, mit dem sie ihn anfangs angestarrt hatte. Kein Mädchen sah ihn je so an … so herausfordernd, durchdringend; und er hatte das Gefühl, sich vor dem Blick ihrer Augen nicht verstecken zu können.

Die ganze Fahrt nach Hause und die ganze folgende Nacht lag er wach und dachte über ihr Gespräch nach. Er lächelte und zuletzt hatte auch sie gelächelt. Mit diesem Bild im Kopf wollte er sich umdrehen, einschlafen, konnte aber nicht. Seine Erinnerungen wanderten zurück zur Lichtung im Wald.; die Frau im Nebel über dem Wasser; wie ihre langen Gewänder geweht hatten; wie sie ihre Finger nach Fenia ausgestreckt hatte, als könnte sie sie zu sich ziehen, sie besitzen.

Er presste die Augen fest zu. Fenias Gesicht vor seinem Gedächtnis verschwamm. Er blickte in ein paar dunkel funkelnde Augen wie Kohlestücke. Seine Fäuste ballten sich. Wut kochte in ihm hoch.

Sie forderte einen Preis. Immer forderte sie diesen Preis, dachte es in ihm, doch er wusste nicht, woher der Gedanke kam. Er war einfach da. Genauso wie dieses Gefühl von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein.

Man konnte dem Schicksal nicht entfliehen! Niemals. Es war unvermeidlich.

Angst griff nach ihm, sowie der Nebel in seinen Gedanken höher stieg und Fenias am Boden liegende Gestalt erreichte. In ihrem Gesicht las er seine Angst. Angst vor der Frau, die nicht existieren konnte. – Das durfte alles nicht echt sein.

‘Schluss!’, dachte er, riss die Augen auf und kehrte zurück ans Fenster, um auf den sternenübersäten Himmel zu starren.

Wenn Joe hier wäre, dachte er einen Moment, dann könnte er mit ihm darüber reden. Gleichzeitig aber wusste er, dass dies Ausflüchte waren. Er sprach immer über alles mit Joe. Aber das hier? Würde er es wirklich erwähnen können? Würde Joe ihn nicht gar am Ende für völlig verrückt halten?

„Wir sollten niemandem davon erzählen“, tat Martin zwei Tage später kund, während Fenia im Park um das Krankenhaus die ersten, noch ganz wackeligen Schritte tat.

Martin saß auf der Lehne einer Bank und sah ihr dabei zu. Wann immer sie für einen kurzen Moment ins Taumeln geriet, zuckte sein Körper nach vorn, als wolle er aufspringen, um sie vor dem Stürzen zu bewahren. Ein Blick von ihr reichte allerdings, dass er still auf der Bank verharrte.

Sie hatte bereits vorhin, als er ungefragt in ihrem Zimmer aufgetaucht war, deutlich gemacht, dass sie keinen Babysitter wollte.

Martin sah, dass sie sich quälte und das Laufen ihr noch sehr schwerfiel. „Es hat dich ganz schön erwischt“, stellte er fest.

Wieder antwortete nur ihr Blick, der einen lebendigen Drachen eingeschüchtert hätte. Martin musste grinsen. Dann aber sprang er mit einem Satz von der Bank.

„Komm. Du solltest dich wieder hinlegen.“

Fenia protestierte nicht, als er sie auf ihr Zimmer begleitete. Im Gegenteil. Sie war dankbar, dass er sie ohne Worte schließlich allein ließ.

Auch nach diesem Besuch kreisten Martins Gedanken noch lange um nichts anderes als sie. Diesmal musste er an den Augenblick denken, als sie sich das erste Mal gegenübergestanden hatten.

Lena hatte ihm ihre Freundinnen vorstellen wollen. Fenia hatte mehr zufällig still neben Yvonne gesessen. Sie hatte vor sich hin gelächelt, war in Gedanken weit fort gewesen. Als Lena kühl ihren Namen genannt hatte, hatte sie aufgeblickt, ihn angesehen. Da war zunächst nur Neugier gewesen. Dann aber war etwas mit ihr geschehen und mit ihm.

Der Ausdruck auf ihren Zügen, bis dahin friedlich und entspannt, war abweisend und verschlossen geworden. Ein Gedanke war ihm urplötzlich gekommen: ‘Als zöge sie einen grauen Schleier um sich.

Völlig absurd!

Doch dieses Gefühl hatte alles geändert. Sie mochte ihn nicht, das hatte ihm jede Regung auf ihrem erstarrten Gesicht gesagt. Und Etwas in ihm hatte beschlossen, sie auch nicht zu mögen.

Totaler Blödsinn, wie er jetzt befand.

Sein dummer Stolz, das ewige Gefühl und der Drang immer gleich überall und von jedem gemocht werden zu müssen, im Mittelpunkt zu stehen, hatten in ihre stille Art etwas hineingelesen, was vermutlich gar nicht darin gewesen war. Zumindest nicht am Anfang, bis er begonnen hatte, sie mit seiner herablassenden Art zu behandeln.

„Du glaubst immer, wenn dir einer nicht gleich um den Hals fällt, dass derjenige dich dann direkt abgrundtief hasst. Aber hast du mal daran gedacht, dass man erst mal Zeit braucht, jemanden kennenzulernen, bevor man diese Entscheidung treffen kann?“

Joes Worte hatten ihn damals wütend gemacht. Und das war gewesen lange bevor sie Lena oder Fenni überhaupt getroffen hatten. Vieles macht ihn ständig wütend. Auch heute kam er mit ihrer Zurückhaltung und ihrem Schweigen nicht gut klar. Dennoch, in den Momenten, wenn sie lächelte, dann konnte er dieses seltsame Etwas in sich, das sie nicht leiden wollte, vergessen. Dann konnte er bemerken, wie außergewöhnlich ihre Augen waren, die groß und dunkel und grau-grün-blau nicht von dieser Welt schienen.

Er ertappte sich einmal mehr in diesen Tagen bei jenem dümmlichen Grinsen, dass diese Art von Gedanken immer in sein Gesicht schnitt. Er sah es, als er durch die Glastür hinter dem Eingang in Richtung der Treppe nach oben ging und kurz einen Blick auf sein Spiegelbild darin erhaschte. Er ignorierte den Betreuer, der ihn fragte, wie es ihm ging und wie sein Tag gewesen war, – aufgesetzte Nettigkeit konnte ihm gestohlen bleiben. Er sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo sein und Joes Zimmer lag.

Ob er mit Joe darüber sprechen sollte? Wenn schon nicht über ihre seltsame Begegnung im Wald, dann musste er ihm doch wenigsten begreiflich machen können, wie nett und faszinierend er Fenia mittlerweile fand, je mehr er sie kennenlernte. Dabei hatte er sich nie für ein Mädchen interessiert, dem er nicht auf Anhieb einen zweiten Blick hinterher geworfen hätte. Aber es war nicht das. Mit ihr reden war … war so einfach und unkompliziert. Es war ein wenig, wie wenn er mit Joe redete. Sie war nie falsch, nie unehrlich. Auch wenn sie immer erst mal lange darüber nachzudenken schien, was sie sagte und wann.

Er ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen. Vermutlich, dachte er, brauchte er mit Joe darüber gar nicht reden. Der wusste schließlich am besten, wie gut man mit Fenia befreundet sein konnte. Er würde es verstehen, wenn sie ihn in vier Tagen gemeinsam abholten. Vorausgesetzt Fenia durfte mitkommen. Morgen kam sie erst wieder nach Hause. Aber sie hatten ausgemacht, dass sie Joe überraschen wollten.

Naja, dachte Martin bei sich, er konnte sie ja übermorgen mal daheim besuchen gehen und schauen, wie es ihr ging.

Nur unter Protest und der Auflage, dass sie auch ja ihr Handy mitnahm, hatte Fenias Mutter schließlich zugestimmt, dass Martin Fenia abholen durfte und sie gemeinsam Joe vom Bus abholten. Sie sollte außerdem anrufen, wenn sie heim wollte, und auf gar keinen Fall später als sechs. Fenia hatte das Gesicht verzogen, was Martin gut nachvollziehen konnte. Sie hatte kurz erwähnt, dass sie das letzte Mal mit neun Jahren um sechs Uhr zu Hause hatte sein müssen, doch dann hatte sie es brav versprochen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

Martin hatte sie die ganze Fahrt damit aufgezogen und sie hatte sich nicht anders als mit trotzigen Worten wehren können, weil sie hinter ihm saß und sich festhalten musste.

„Das Ding fährt aber garantiert schneller, als die angegebene Höchstgeschwindigkeit!“, kommentierte sie, als sie schließlich abstieg und den Helm von ihrem zerzausten Haar nahm. Martin grinste nur.

Sie hatten noch gut eine halbe Stunde Zeit, die sie es sich kaugummikauend auf den Bänken des Busbahnhofes gemütlich machten.

„Ihm wird alles aus dem Gesicht fallen, wetten?“

Martin lachte und Fenia nickte dazu. Doch sie wirkte abwesend.

„Mit welchen Fabelwesen bist du denn schon wieder in Narnia?“, fragte er und schob sich rücklings auf die Lehne der Bank.

Die Erwachsenen ringsum warfen ihm dafür missbilligende Blicke zu. Martin störte sich aber nicht daran. Er war es nicht anders gewohnt.

Fenia schwieg beharrlich. Erst nach einigen Minuten schüttelte sie schließlich den Kopf und meinte: „Nein, das ist es nicht. Ich denke gerade darüber nach, dass du vermutlich Recht hast.“

„Hört, hört!“, kommentierte Martin, „Das ist schön. Aber womit genau, wenn ich fragen darf?“

„Na, als du im Krankenhaus meintest, wir sollten Joe nichts davon sagen. Also von der Sache am See.“

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum, warf energisch eine Haarlocke aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, und fügte hinzu: „Zumindest nicht, bis wir Näheres herausgefunden haben.“

Bei dieser Bemerkung war es nun Martin, dem sprichwörtlich alles aus dem Gesicht fiel. Sein Mund blieb offen stehen. Der Kaugummi landete auf den Sitzbrettern der Bank, was ihm nicht einmal auffiel.

„Bitte was?“, fragte er entsetzt. „Du hast doch nicht etwa vor, dahin zurückzugehen?“

Fenia starrte ungläubig zurück. Dann sah sie sich um, legte den Finger an die Lippen und sprach leise weiter: „Nicht so plärren. Und doch. Ja. Warum nicht? Ich mein, bist du nicht neugierig? Wer sie ist? Was sie wollte?“

Martin rang mühsam um seine Beherrschung. Er hatte das Gefühl nicht vergessen, das ihre Anwesenheit in seinen Gedanken ausgelöst hatte. Diese beklemmende Ahnung, dass sie sich ganz und gar seiner bemächtigen und ihn vernichten würde, wenn er sie nicht davon abhielt.

„Das … das kann nicht dein Ernst sein“, stotterte er fassungslos. „Du möchtest es tatsächlich darauf anlegen, diesem … diesem Ding wieder zu begegnen?“

Fenia ließ eine Kaugummiblase platzen, sah ihn mit funkelndem Blick an und nickte.

„Stell dir doch mal vor, was das alles bedeuten könnte. Wir …“

„Fenni!“, schrie Martin sie nun unbeherrscht an und die Blicke der anderen Wartenden wandten sich ihnen zu. Er senkte die Stimme und flüsterte fast, als er fortfuhr: „Fenni, sei vernünftig. Bleib da weg. Das ist zu gefährlich. Du hast gerade zehn Tage deswegen im Krankenhaus gelegen.“

„Aber doch nur, weil ich mich erschrocken habe. Begreifst du nicht, was für ein Wunder das war?“

Er blickte sie skeptisch an.

„Unsere Definition von ‘Wunder’ scheint relativ stark zu differieren“, machte er einen hohlen Scherz und setzte dann hinzu: „Bitte tu mir einen Gefallen, und geh da nie wieder hin.“

Jetzt wurde der Blick in ihrem Gesicht wirklich wütend.

„Ich brauche niemanden, der mich bemuttert! Danke auch!“

Damit sprang sie auf und kam gleich ins Taumeln, da das für ihren angeschlagenen Kopf noch zu viel war. Martins Hand zuckte vor, doch sie fing sich selbst wieder. In diesem Moment bog der Bus um die Ecke.

„Es sollte kein Bemuttern oder Bevormunden sein“, erklärte er rasch.

„Sondern was?“, hakte Fenia nach. Ihr Stimme war kühl und bissig, doch verflog bei seinen nächsten Worten der eisige Blick von ihren Zügen.

„Nimm es als gut gemeinten Rat eines Freundes, der sich um dich sorgt“, entfuhr es Martin, bevor mit einem Zischen neben ihnen die Bustüren aufgingen und Joe als einer der Ersten hinausdrängte. Völlige Verblüffung war noch immer reichlich untertrieben für den Ausdruck in seinem Gesicht, als Fenia und Martin sich nun gemeinsam zu ihm umwandten und beide ein Lächeln aufsetzten.

Später, als sie wieder in ihrem Zimmer waren und Joe in einem fort redete, weil er sowohl von seinem Urlaub berichten wollte, als auch seine Fassungslosigkeit über die jüngsten Ereignisse zum Ausdruck bringen musste, gingen Martin nur wieder und wieder seine eigenen Worte durch den Kopf.

eines Freundes, der sich um dich sorgt. …

Warum schaffte sie es eigentlich jedes Mal, dass er sich in ihrer Gegenwart wie ein dummer, kleiner Junge benahm?

Er wollte wütend darüber werden, doch er konnte nicht. Er wusste längst, dass er verloren und kapituliert hatte. Dem Blick aus ihren Augen, fragend, forschend und immer ein wenig verschleiert, hielt er nicht stand. Joes Geplapper tröpfelte in seinen Kopf, während er sein Herz rasen fühlte und nur noch ihr Gesicht in Gedanken vor sich sah.

 

gelöschte Szene zu “Der Stern von Erui – Heimkehr – “

Hütte im Dschungel – mit einer Landebahn!

Heute gibt es einen Auszug aus meinem Projekt ‘Die Seele meines fremden Bruders’. Es wird ein fantastisch angehauchter Reiseroman über eine junge Frau, die mitten im westafrikanischen Dschungel mit Hilfe des Voodoo eine neue Sicht auf das Leben bekommt.

 

Ich gehe zu einem der Holzstühle, reiche der Beamten meinen Pass und die Impfbescheinigungen. Sie sagt etwas in schnellem Französisch mit einem grauseligen Dialekt. Ich zucke mit den Schultern.

It’s okay. It’s okay“, wiederholt sie auf Englisch, doch auch das verstehe ich erst beim zweiten Versuch. Dann drückt sie mir meine Pässe zurück in die Hand. Sie hält sie allerdings einen Augenblick länger fest, als sie müsste, sieht mir fest in die Augen und sagt: „Never give them away.“

Ich bin verwirrt. Nach der langen Reise bin ich ohnehin müde und begreife nicht so ganz, was sie von mir will. Aber ich nicke brav. Dann werde ich weiter gewunken.

Im Vergleich zu Frankfurt ist Douala International Airport wirklich nicht mehr als eine Buschhütte mit einer Landebahn. Schon von oben war die Stadt eine bunte Lichterkette im Dschungel.

– Irgendwie völlig unwirklich.

Die Einleitung gab es übrigens hier schon einmal am Anfang des Jahres zu lesen. 

Dienstagsschnipsel – von Leben und Überleben

Ein wahrer König, Johannes, muss immer an das Wohl seines Volkes denken. Er weiß, wann eine Schlacht verloren und die Zeit zum Rückzug gekommen ist. Die Geschicke dieser Welt werden sich sehr bald neu ordnen und der Sturm, der alles Alte hinwegfegt, er wird auch vor uns nicht Halt machen. Will ich mein Volk retten, so wird es nur hinter den goldenen Schleiern sicher sein.’

Lykill, der Flammende, aus “Der Stern von Erui -Sternenstaub-

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Schnipseldienstag – wenn der Stern zu Staub zerfällt …

Was ist heute? – Richtig! Schnipseldienstag.

Weil mich ja grade nicht so fesselt, wie der Sternenstaub dürft ihr mir auch ein klein wenig über die Schulter schauen. Na? Was mag da wohl passiert sein? Oder wird noch passieren? Und nein, das ist noch nicht das Ende. Noch lange nicht …

 

Erst nach Stunden, in denen sie mit der Schwere der Verletzung und der peinigenden Anwesenheit des Schattens rang, begann die Qual so langsam zu verblassen. Die Nebel wurden dichter; wie damals auch auf dem Schlachtfeld vor Peleneth. Der Würgegriff des Schattens um ihr Herz löste sich. Sie spürte, dass sie fiel und fiel, und je tiefer sie gelangte, umso ferner schienen alle Eindrücke der äußeren Welt und auch alle Eindrücke in ihrem verwirrten, zerrissenen Herz zu werden.

Nach einer Weile, die aus ungezählten Ewigkeiten zu bestehen schien, schlug sie auf so etwas wie einem Boden auf, ohne den geringsten Schmerz dabei zu fühlen. Sie erhob sich und sah, dass dort, auf einer Bahre aus Nebel, ihr eigener zerschundener Körper lag. Er war noch eingesponnen in Fäden aus Blut und Schatten. Sie selbst spürte dabei allerdings weder Schmerz noch Dunkelheit.

Zärtlich fuhren ihre Finger über die blassen Wangen und das ausgezehrte Gesicht. Die blauen Augen waren geschlossen und sie bezweifelte stark, dass sie sich je wieder öffnen würden.

Wozu sollten sie auch?

Hier wo sie war, wo ihr Herz und ihr Verstand frei waren von allen störenden Einflüssen, glaubte sie zum ersten Mal wieder wirklich klar sehen zu können. Sie blickte auf den Pfad, der sie hierher geführt hatte, wohl wissend, dass er hier enden musste; – auf die eine oder andere Weise.

Erster Schnipsel im neuen Jahr

Auch hier nochmal ein frohes neues Jahr 2016.

Der erste Schnipsel in diesem Jahr ist aus einem meiner neuen Projekt und soll euch einfach schon mal darauf einstimmen, dass es nicht nur Highfantasy und Erui dieses Jahr von mir geben wird. es ist der bisherige Prolog meiner Märchennovelle “Die Seele meines fremden Bruder”.

Worum es geht? Um Flucht vor dem Alltag und das Entdecken neuer Welten. Ein wilder magischer Tanz erwartet euch, der euch hoffentlich zu fesseln weiß.

 

Prolog

Afrika, die Wiege der Menschheit, – so zumindest glauben es die Forscher.

Bei vielen löst allein das Wort eine ungeahnte Sehnsucht und Fernweh aus. Endlose Steppen, durch die große Horden von Zebras und Gnus ziehen. Weite Wüsten, tödlich, für jeden, der sie betritt. Sengende Sonne und monatelange Dürre, lebensfeindlich und abweisend; doch dann, einmal im Jahr, wenn der Regen kommt, erinnert sich das Land daran, dass es der Schoß war, aus dem alles Leben seinen Anfang nahm. Es blüht auf, wird grün und nahrhaft. Für wenige Wochen gibt es alles im Überfluss, bis der Kampf ums Überleben von Neuem beginnt. – Das zumindest, ist Afrika, wie es sich die meisten vorstellen.

Ich aber, ich habe ein anderes Afrika gesehen. Ein wildes, üppiges, überreiches Land, das verschwenderisch mit seinen Gaben prahlt. Ich denke nicht an trockenen Wüstenstaub, sondern an regenschwere Luft, so feucht, dass man beim ersten Atemzug in ihr glaubt, ertrinken zu müssen. Ein Afrika voller unbändiger, überschäumender Lebensfreude. Seine Musik, sein Tanz ziehen einen an und man verfällt darin, wie in einen Rausch.

In dunklen, abweisenden Gesichtern verliert man sich, wird sich seiner eigenen Andersartigkeit bewusst. Man wird selbst zum Außenseiter und zum Fremden, bis sich einem eine fremde Hand reicht und hineinzieht in diese Welt, die man kaum versteht. Man ist ausgeliefert und hilflos, denn selbst das Bekannte wirkt hier ganz fremd. Erst wenn man lernt, zu vertrauen, den Wegen zu folgen, die das Leben hier geht, erst wenn man sich einlässt auf diese Welt, offenbart sie sich. Dann zieht sie dich an sich, erdrückt dich fast mit all ihrer Fremdheit. Sie packt dich, kriecht dir in Herz und Seele und füllt die Brust mit Sehnsucht und dem Wissen, dass wahr ist, was die Forscher glauben.

Dieses Afrika, fremd und gefährlich, bösartig und wild und doch irgendwie altvertraut, es hat mich eingewoben, eingesponnen, gefangengenommen und nie wieder losgelassen, selbst jetzt, wo ich durch doppelt verglaste Fensterscheiben auf einen trüb-grauen Wolkenvorhang starre und die Wärme und der Tanz von damals nur eine ferne Erinnerung sind.

– Oder war das alles doch nur der Voodoo?

Leseprobe ‘Axolotlkönig’ – verzweifelte Leo, nutzloser Fynn (Triggerwarnung SVV!!)

Wieder ein Schnipseltag. Diesmal habe ich lang überlegt, ob ich euch den Schnipsel zumuten kann und soll, mich aber letztendlich dafür entschieden.

Von meinem neuen Projekt, dem ‘Axolotlkönig’ habe ich bereits hier erzählt. Ein Jugendroman, der wie das Leben eines Teenagers zwischen verrückt, heiter und todtraurig ernst schwankt. Es geht um ganz normale junge Menschen und dann wieder auch nicht. Probleme haben wir alle. Manche wachsen in unstabilen Familienverhältnissen auf und kommen damit klar, andere habe ein sehr behütetes Zuhause und werden dennoch psychisch krank.

Um Anerkennung unter Gleichaltrigen, Mobbing, Depressionen, Trauer und auch selbstverletzendes Verhalten geht es. Aber auch die Erkenntnis, wie das alles zusammenspielt und was für augenscheinliche Banalitäten eines anderen wunder Punkt sein können. Der Verwandlungsroman soll einen Einblick in zwei ganz besondere Seelen geben und einen Ausblick, was passiert, wenn man es schafft, durch die Augen eines anderen zu sehen und zu erkennen, wie viel Einfluss wir tagtäglich am Leben all jener haben, denen wir begegnen.

Wer mit der Darstellung von selbstverletzendem Verhalten ein Problem hat, oder in der Gefahr steht bei solchen Beschreibungen getriggert zu werden, der sollte den Abschnitt nicht lesen.

Für alle anderen möchte ich aber gern diese Seite meiner Geschichte beleuchten.

 

Ich starre auf den Text und dann entsetzt auf Leonies Hände. Immer wieder gehen meine Augen von einem zum anderen. Sie hat tatsächlich eine Klinge darin. Eine Klinge!

Ich meine, ich hab schon mitbekommen, dass es ihr nicht so gut geht. Okay ich gebe zu, ich war der Meinung sie hat einen ausgewachsenen Knall. Ich hab ja auch schon den ein oder anderen Spruch zu den Bildern und der komischen Agromucke abgelassen, die sie auf Facebook teilt. Jetzt aber presse ich das Maul gegen die Scheibe und schreie stumm gegen Subway to Sally an. Es macht wie immer nur “Blubb”.

Ich muss zusehen, wie sie sich die Stulpen von den Armen streift.  Nun kapier ich auch, warum sie die nie ablegt. Selbst bei 38 Grad im Sommer hat sie sie an. Sie hat kalte Finger, behauptet sie immer und wurde von Stacey dafür natürlich für bescheuert erklärt. Dabei wollte sie nur die Narben verbergen.

Die Klinge reflektiert das kühle Blau der Bildschirmbeleuchtung. Zwölf unbeantwortete Nachrichten leuchten oben in der Ecke auf Facebook. Vermutlich zwölf Kommentare zu irgendeinem peinlichen Bild, das einer aus der Klasse hochgeladen hat.

Es macht ‘ping’. Eine Dreizehnte gesellt sich dazu. Die Klinge drückt sich in die Haut. „Einsam will ich untergehen“, plärrt es aus den Lautsprechern.

Routiniert zieht Leo die rechte Hand über den linken Arm. Ich sehe das Blut. Ich will schreien. Ich will hier nicht tatenlos daneben rumplanschen, während sie sich selbst um die Ecke bringt. Das kann doch nicht wahr sein. Das ist doch ein ganz schlechter Traum!

Ich bekomme Panik und schwimme im Becken hin und her. Ich will an die Scheibe trommeln, doch das hört sie nicht. Ich schwimme nach oben, weil ich sie nassspritzen will, doch da ist nur der Deckel.

Verdammt! Leo tu das nicht! Warum muss ich denn nur so ein nutzloser Lurch sein?

Ich sehe, wie sie die Klinge in die andere Hand nimmt. Es blutet ganz schön. Doch nichts tropft auf den Boden. Sie hat fein säuberlich Handtücher untergelegt. Dreimal hat sie sich rechts geschnitten. Dreimal schneidet sie jetzt links.

Sie schreit nicht dabei. Ich muss sie ein bisschen bewundern, denn ich glaube, ich würde flennen wie eine Tussi. Sie hat nichtmal Tränen in den Augen.

Mein Herz ist kalt wie Stein“, singt es und ich verstehe, dass Leo sich nicht umbringen will. Das beweisen die ganzen Narben. Es ist nur ihre Art damit fertig zu werden. Mit allem. Den Kommentaren, den Bildern, den Sticheleien. Mit uns anderen. Mit der Einsamkeit. 

Aber es ist eine beschissene Art, denke ich empört und starre sie weiterhin durch die Scheibe an. Sie sitzt einfach da, lässt es bluten, bis es von selbst schließlich weniger wird. 

Verspäteter Dienstags-Schnipsel – Die Verwandlung mal anders

Ich hatte ja eigentlich fest vor, jeden Dienstag brav was zu schnipseln, damit euch beim Warten auf denn Sternenstaub nicht langweilig wird.

Mea culpa … Dienstag war ich nano-nachwirkungsbedingt einfach einen Tag out of Order und habe gar nix gemacht. Einfach nur daheim rumhängen und gammeln. Ich habe den Pc angeschaltet, an den Schnipsel gedacht, die Seite geöffnet und … wieder zu gemacht.

Dafür gibt es die kleine Kostprobe aus einem neuen Projekt heute.

Der Arbeitstitel bisher lautet: ” Der Axolotlkönig” und inspiriert hat mich dieses Bild.

Worum es gehen wird?

Fynn ist sechzehn, hat ein großes Mundwerk, einen reichen Vater und sieht gut aus. Das Beste an ihm ist aber, dass er Leadsänger in seiner eigenen Rockband ist. Zumindest war er das, bis zu diesem Zwischenfall. Jetzt ist er noch genau 20 cm groß mit glitschiger kupferfarbener Haut und lebt in einem Aquarium. Auch noch ausgerechnet im Aquarium des langweiligsten Mädchens an der gesamten Schule.

Leonie trägt komische Klamotten, eine dicke Hornbrille und hat immer ein Buch vor der Nase.
Zunächst fragt Fynn sich nur, wie er in diese missliche Lage geraten konnte, vor allem, wie er herauskommt. Dann aber bekommt er durch die Wände seiner beengten Behausung einen tieferen Einblick in Leonies Leben und plötzlich fragt er sich nur noch, wie er ihr helfen kann.

 

Eine witzig-chaotische Adaption des Froschkönigs für Jugendliche, die allerdings nicht ohne eine gewisse ernste Note bleiben wird. Wie, wird an dieser Stelle nicht verraten. Hier ist erstmal eine Kostprobe daraus:

 

Kaum haben wir unseren Kram von der Bühne geräumt, damit die Theaterfreaks mit ihren Proben anfangen können, verschwinde ich im Bad. Ich schließe mich auf einer der Toiletten ein und hole erstmal tief Luft.

Ich bin froh, dass wir das jetzt hinter uns gebracht haben, war eigentlich von vornherein abzusehen, dass wir spielen dürfen. Aber der Rektor macht immer einen Aufriss wegen der Formalitäten. Immer muss er raushängen lassen, dass er in allen Entscheidungen das letzte Wort hat. -Klar, wenn man das daheim nie hat.-

Dennoch bin ich nicht ganz so cool, wie ich nach außen wohl immer wirke. Grade nicht nach dem Auftritt, den mein Dad daheim wieder hingelegt hat.

Sturzbetrunken, das Whiskyglas noch in der Hand, -dass es ein Dalmore Jahrgang 64 war, hat es nicht besser gemacht. Kotze wegwischen noch vor dem Frühstück! Brauche ich unbedingt. Und umziehen musste ich mich dann auch noch mal. Man man man. Ich bin doch nicht sein Kindermädchen.

Ich hoffe er pennt einfach, bis ich heute Nachmittag wieder da bin.

Mit zitternden Fingern ziehe ich eine Zigarettenschachtel aus der Tasche. In der Schule darf nicht geraucht werden. Es tun trotzdem alle. Aber ich sollte mich nicht erwischen lassen. Hab schon zwei Verwarnungen deswegen. Bei der nächsten darf ich für vier Wochen die Schulklos putzen. Fällt mir ja im Traum nicht ein.

Ich bin jetzt kein Dauerraucher. Eigentlich paffe ich bloß. Will mir ja die Lunge nicht ruinieren, aber irgendwie brauch ich das manchmal, grade an nem Tag wie heute.

Nach außen müssen wir natürlich ein tadelloses Image pflegen. Auf qualmende Schmuddelrocker steht heute keiner mehr. Nein, am besten sollte man ein tierlieber Öko sein, der in seiner Freizeit Elefantenbabys rettet. Naja. Vielleicht such ich mir eine entsprechende Beschäftigung, wenn ich wirklich mal berühmt werden sollte.

Ich höre die Unterrichtsglocke schellen. Dann quietscht die Tür. Hastig werfe ich die Zigarette in die Kloschüssel.

Fynn, bist du hier drin?“, höre ich Marvs Stimme.

Ich atme erleichtert aus und will ihm antworten, da passiert mit einem Mal etwas Seltsames. Mir wird erst eiskalt und dann heiß. Etwas in mir zieht sich zusammen. Dann ist mir, als würde ich plötzlich keine Luft mehr bekommen. Ich verliere den Halt, stürze, drehe mich ein paar mal um mich selbst, dann macht es ‘Platsch’.

Als ich wieder zu mir komme, bin ich pitschnass und schwimme in einer riesigen Wasserlache. Um mich her ist alles weiß. Wände, Boden, Decke – alles weiß.

Ich drehe mich verwirrt um. Ich will etwas sagen. Es macht ‘Blubb’. Neben mir schwimmt ein Zigarettenstummel von gigantischem Ausmaß vorbei.

 

Wüstenstaub und Todesangst

Ich habe ja leider einige Dienstage mit dem Schnipseln ausgesetzt, weil einfach so viel los war. Das soll aber nicht einreißen, darum gibt es hier eine Kostprobe aus meinem neusten Werk: “Das Herz des blauen Drachen”

Es wird zu einer Reihe gehören, die ich ‘Chroniken von Erui’ nenne und die lose verbunden Geschichten in der Welt des Sterns erzählen. Diese hier wird von der Zeit erzählen, als meine ewigen Wächter noch keine Wächter waren und von dem Fehler, der sie dazu machte. Da es wieder mal ein dicker Wälzer werden wird, könnt ihr euch sicher noch auf viele weitere Schnipsel freuen.

Hier für euch die junge Luani, wie sie einst aus ihrer Heimatstadt, dem altehrwürdigen Karadar in den südlichen Wüsten fliehen musste.

 

Die Kleine erwachte, das Gesicht im glühenden Wüstensand. Ihr Mund war staubtrocken. Ihre Stirn glühte. Sie hatte Durst, die hatte Hunger und troz des ohnmächtigen Schlafes fühlte sie sich nicht ausgeruht.

Sie ließ die Augen geschlossen. Sie wollte nicht aufstehen, sich nicht erheben und nicht weitergehen. Konnten die Angreifer sich nicht vielleicht schon bis hier her verirrt haben?Bitte? Sie wünschte sich fast, dass eine kalte Hand sie packe ihr das Herz aus der Brust riss und sie endlich in die Arme des Todes geben würde.

Doch so leicht war es nicht.

Flieh!“, hatte die Stimme gesagt und sie hatte gehorcht.

Das Glühen der Sonne wurde immer unerträglicher, obwohl sie schon durch die geschlossenen Augen erkennen konnnte, dass es noch früher Morgen sein musste. Sie sammelt also ihre Strahlen gerade erst und angefangen hatte es somit auch noch nicht.

Sie könnte zurückgehen, dachte sie kurz. Dann könnte sie wohl ebenso viel ausrichten, wie bisher, nämlich gar nichts und würde nicht mit der Schande leben müssen, als vermutlich einzige davon gekommen zu sein.

Der Tod schien grade so eine süße Wahl. – Der Tod! Luani spürte, wie ihr Herz bei dem gedanken absackte. Es war wie ein Fall aus großer Höhe; ungebremst. Der Puls raste in die Höhe, bis das Herz stehenblieb und dann gab es nur noch das Gefühl in die Schwärze zu fallen. Schwärze, die sie vershclingen würde, bis sie weg war. Mit Haut und Haaren und allem. Ihre Seele fort, ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerung. Nichts mehr übrig. Zeit würde Sand über die toten Körper und die zerfallenen Mauern wehen und wenn tausend weitere Sommer vergangen waren würde sich keiner mehr an Karadar erinner und auch nicht an sie.

‘Nein!’, schrie es in ihr und sie riss die Augen auf.

Tagesschnipsel vom 27.10.2015 – verzweifelter König mit einem Hauch Todesahnung für einen Stern

In D’winn hatte alles geschrien. Er hatte nicht glauben wollen, dass er wach war, dass er das gerade wirklich hörte. Anders als sein Bruder war er jedoch nicht zornig aufgesprungen und hatte seinem Unmut laut schreiend Luft gemacht. Er hatte ihnen zugehört. Er hatte all die Zweifel, all die Furcht in der Stimme der Ewigen Herrin gehört. Er hatte begriffen, dass sie niemals mit vernünftigen Worten von ihrem Vorhaben abzuhalten war, Fenia noch in dieser Nacht anzuklagen, zu verurteilen und hinrichten zu lassen.

aus: Der Stern von Erui Band 3 -Sternenstaub-