Kategorie-Archiv: Sternschnuppen – Kurzgeschichten in und um Erui

Bei einem Epos wie dem Stern gibt es jede Menge Geschichten, die zwischen den Zeilen stehen und nie erzählt werden. Da ich sie aber alle im Kopf habe, fange ich einfach mal an, sie aufzuschreiben. :)

Bonusszene – Der schwerste Schritt

Sternschnuppen für euch

Immer wieder gibt es kleine Blitzlichter aus und rund um den Stern von Erui, die ich einfach festhalten muss. Es sind ikonische Szenen, die ich so schon taussendmal vor Augen hatte, die aber selbst in der Geschichte keinen Platz haben. Nur die Fakten dazu wurde irgendwo mal genannt. Dennoch sind manche davon so schön, dass ich sie nicht für mich behalten will.

Ich habe mir auch fest vorgenommen, diese Szenen eines Tage in einem Buch zusammenzufassen und für euch auf Amazon zu stellen. Also für alle wirklichen Fans, die einfach nicht genug bekommen können.

Diese Szene hier ist ein winziger Einblick in Llewellyns Leben, bevor es ihn durch die Nebel getragen hat. Ich hoffe, euch damit einen Einblick in seine Seele zu schenken, die vielleicht verstehen lässt, warum er manches mal so handelt, wie er es tut. Geschrieben habe ich sie schon lange, doch veröffentlicht wird sie nun erst im Rahmen der Fantasyzeit auf Zebrabooks. 🙂

 

Der schwerste Schritt

„Wenn du so weitermachst, Gaya, dann wird der Junge bis zum Ende seines Lebens an deinem Rockzipfel hängen.“

Cormac runzelte missbilligend die Augenbrauen. Seine Frau hob gerade ihren Sohn wieder auf die Füße, klopfte ihm Staub und Schmutz von seinem weiß-goldenen Hemdchen und streichelte zart über die aufgeschürften Handflächen. Unter der sanften Berührung heilten die kleinen Kratzer in Sekunden zu. Dennoch liefen weiterhin Tränen über die blassen Wangen und man sah, wie der Junge die kleinen Fäuste ballte.

Traurig und wütend starrte Llewellyn auf den Abhang hinter dem die anderen Kinder verschwunden waren. Cormacs Blick folgte seinem und er konnte nur den Kopf schütteln, als seine Frau ihren Sohn vom Abhang fort und hinter sich her wieder in Richtung Schloss zog.

„Es ist ohnehin viel zu gefährlich da unten. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich gar nicht erst zu ihnen gelassen.“

Llewellyns Blick flog sehnsüchtig über die Schulter. Von unten auf dem schmalen Felsenpfad drangen das Lachen und die Rufe der anderen Kinder hinauf. Es war das erste Mal, dass er mit ihnen hatte spielen dürfen. Tagelang hatte er gebeten und gebettelt, bis seine Mutter es ihm schließlich erlaubt hatte. Eigentlich wollte sie von solchen Unternehmungen nichts hören. Oben im Schlossgarten war genug Platz, wie sie befand, und alle mal gab es ausreichend Zerstreuung für den kleinen Prinzen. Wenn er unten in die Höfe wollte, konnte er zu den Ställen gehen und den Stallmeister bitten, ihn auf einer der alten Stuten reiten zu lassen. Außerdem beschäftigte die Königin sich ja selbst oft Stunden und Stunden mit ihrem Sohn.

Bevor man ihn aber diesmal mit seiner Kinderfrau hoch in den Turm zu seinen Gemächern schickte, nahm sein Vater ihn auf die Seite und blinzelte ihm verschwörerisch zu.

„Morgen reiten wir hinaus zu den Weilern hinter den Brücken, was meinst du?“

„Cormac!“, hörte man im Hintergrund die Feenkönigin sich entrüsten, doch ihr Mann ließ keinen Protest zu.

„Llewellyn ist unser Sohn. Er ist der Kronprinz von Fenlar. Und du versteckst ihn schon viel zu lange hinter diesen Mauern. Kein Wunder, dass sie ihn in den Dreck schubsen und nicht dabei haben wollen.“

„Sie haben ihn nicht geschubst. Der Schmied sagte, er sei gefallen. Für einen Fünfjährigen ist es entschieden zu gefährlich unten im Bruch zu spielen.“

Jetzt drehte sich Cormac um und funkelte sie an. Früher wäre er wütend geworden. Doch Gayas aufbrausendes Temperament hatte ihn gelehrt nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

„Liebes, alle Kinder des Schlosses haben immer schon da unten gespielt. Die Älteren haben den Kleinen die Pfade hinab gezeigt und die Größeren fliegen sowieso hinunter.“

„Es mag sein, dass alle Kinder des Schlosspersonals schon immer da gespielt haben. Ich selbst kann mich nicht erinnern, jemals dort hinabgeklettert zu sein. Der Weg ist steil und gefährlich. Und unser Sohn ist fünf!“

„Ich bin schon zwölfmal mit euch beim Eisfest unten in den Fjorden gewesen“, warf der kleine Prinz ein, „und Papa hat mir erzählt, dass er auch immer in den Bruch runter geklettert ist.“

Das Funkeln in den grauen Augen der Feenkönigin nahm zu. Cormac wusste, dass jetzt der Zeitpunkt war, an dem man nicht weiter mit ihr diskutieren sollte. Dabei konnte er Llewellyn so gut verstehen.

„Lew, deine Mutter und ich besprechen das. Aber wir beide reiten auf jeden Fall morgen raus. Darauf hast du mein königliches Wort.“

Er strich ihm über den Kopf, der im Licht der untergehenden Sonne so gleißend golden funkelte wie seiner. Dann schickten sie nach der Kinderfrau, dass sie den Prinzen für das Abendessen umziehen möge. Bis sie gekommen war, um Llewellyn mitzunehmen, sprachen König und Königin weiter nur über Belanglosigkeiten. Kaum aber war die Tür hinter ihnen zugefallen, fauchte Gaya ihren Mann an.

„Wie kannst du ihm solche Versprechungen machen? Du weißt, was ausgemacht war.“

„Dass er das Schloss nicht verlässt, bis er zwölf ist. Gaya, das ist lächerlich! Lew ist ein kluger Junge. Er ist aufgeweckt und neugierig, und du kannst ihn nicht von der Welt fernhalten.“

„Ach nein? Ich soll ihn also dieser Welt lieber zum Fraß vorwerfen? Und das nächste Mal, wenn die Dörfer im Osten an der Küste brennen, dann müssen wir darum bangen, dass er dort sein könnte, weil er mit seinen Freunden jenseits der Brücken gespielt hat?“

Cormacs Miene verfinsterte sich nun.

„Unser Sohn hat jenseits der Brücken keine Freunde. Er hat ja nicht einmal welche innerhalb dieser Mauern. Die anderen Kinder meiden ihn, weil sie wissen, dass du mit den Augen eines Greifen jedem seiner Schritte folgst.“

„Ja, richtig! Aber weißt du auch warum? Weißt du, wie sie ihn nennen?“ Sie machte eine theatralische Pause. „Prinz der Pferdeställe. König der Heuhaufen!“

Cormac schluckte. Ihm lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ich weiß, du beharrst darauf, dass du auch immer mit den anderen frei und wild unten an den Kampfarenen und im Bruch umher gestreift bist. Aber du warst auch kein Prinz. Du willst, dass sie lernen, ihn ernst zu nehmen? Dann mach ihn nicht zum Spielkameraden und Prügelknaben des gemeinen Volkes. Er kann sein Land und sein Reich kennenlernen, wenn er alt genug dafür ist; als der Königssohn, als der er geboren wurde.“

Cormac schüttelte den Kopf. Bitterkeit mischte sich in seinen Blick und eine lange Stille senkte sich zwischen sie. Es brannte ihm dabei auf der Zunge, auszusprechen, was ihm als erstes in den Sinn kam, doch er scheute sich davor. Er drehte die Worte im Kopf hin und her, wusste, dass sie wahr waren und dass sie genügen würden, Gaya über all das Gesagte nachdenken zu lassen. Dennoch brachte es nicht fertig.

Als sie nach einer Weile von hinten an ihn herantrat, ihm ihre weichen Finger auf die Schultern und in den Nacken legte, sich leise flüsternd vorbeugte und sagte: „Lass uns aufhören zu streiten, mein Lieber“, da konnte er ihr fast verzeihen, dass sie so verstockt auf ihrer Meinung beharrte, so überängstlich ihr Kind zu schützen versuchte, vor einer Gefahr, die mehr eingebildet als real war.

„Ihr könnt doch morgen genauso gut ein wenig auf dem Übungsplatz reiten. Llewellyn sitzt doch erst seit ein paar Wochen sicher im Sattel. Gib ihm Zeit“, fügte sie schließlich mit versöhnlicher Stimme hinzu.

Doch es reichte, damit dem Feenkönig nun endgültig der Kragen platzte.

„Hör auf damit, mich manipulieren zu wollen! Früher mag das mal funktioniert haben, als ich noch blind war vor Liebe. Blind, weil ich dachte, ich sei für dich der Einzige, wie du es für mich stets gewesen bist. Aber die Zeit hat mich eines besseren belehrt. Und sie wird dich lehren, dass du irgendwann loslassen musst, Gaya. Niemand fordert von dir, diesen Sohn fortzugeben. Du sollst ihm lediglich ein paar Freiheiten gewähren, damit er kein weinerliches Muttersöhnchen werden muss. Wenn ich richtig höre, dann reitet der Sohn von König Melias bereits mit dem Pferd seines Vaters Wettrennen auf den Straßen Caer‘Arions.“

Diese letzten Worte setzte er leise aber mit sehr viel Nachdruck hinzu und konnte beobachten, wie seiner Frau alle Gesichtszüge entglitten. Im gleichen Moment, wie er sie ausgesprochen hatte, hätte er darum auch am liebsten alles wieder ungesagt gemacht. Doch jetzt war es geschehen.

„Wie der König von Arvindûras seinen Spross erzieht, das ist ganz und gar seine Sache. Ich wüsste nicht, was uns das angeht“, presste sie zwischen den Lippen hervor und verließ anschließend mit eiligen Schritten den Raum.

Den Streit der Eltern konnte Llewellyn noch die ganze Nacht hindurch hören. Nicht das, was sie genau sagten. Aber ihre Stimmen drangen unentwegt vom Balkon unten durch seine Fenster herein. Dabei waren Mutter und Vater normalerweise ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung. Immer ein Vorbild sein. Immer Haltung bewahren. Nie die Kontrolle verlieren. Das predigten sie ihm tagtäglich. Ein Fürst von Erui musste besonnen und beherrscht sein. Dennoch stritten sie. Immer häufiger in den letzten Wochen. Und immer wegen ihm.

Es hatte begonnen, als er das erste Mal nach den Nebeln gefragt hatte. An und für sich waren die Schleier nichts Ungewöhnliches hier in der Nähe des Meeres. Küstennebel, Moornebel, Nebel, bevor heftige Regengüsse einsetzten; morgens, abends, oft den ganzen Tag hindurch, dass man die Hand vor Augen bloß erahnen konnte.

Llewellyn mochte ihn nicht, den Nebel, denn er verhinderte, dass er von seinem Zimmer hier oben im Turm bis weit hinaus über die für ihn bekannten Grenzen schauen konnte.

Er saß manchmal stundenlang hier und träumte von der Welt jenseits dieser Mauern. Und hier war es auch, wo er ihn das erste Mal gesehen hatte: jenen silbrigen Schleier, der so ganz anders war, als der übliche salzgeschwängerte Dunst. Er war plötzlich erschienen, hatte die Welt um sich her verzerrt und irgendwie völlig surreal gewirkt.

Es hatte ihn an die Lieder der Barden erinnert, die er manchmal unten an den Feuern bei der Schmiede gehört hatte, wenn die Bediensteten und Handwerker des Schlosses abends zusammenkamen. Lieder von den Schleiern, die dünner wurden zwischen Erui und dem, was sie Gar‘Elahad nannten; – das Menschenreich.

Llewellyn wusste dabei nicht, was Menschen waren. Doch dem Gesang entnahm er, dass es sich mit ihnen anders verhielt, als mit den Nymphen, die im Nachbarreich Norimar lebten, oder den Trollen oben in den Bergen im Süden. Seine Eltern waren allerdings alles andere als erfreut gewesen, als er sie danach gefragt hatte. Abgewimmelt hatten sie ihn. Sprachen davon, dass er mit fünf Jahren noch zu klein war, es zu begreifen, dabei wusste er nicht wie sie diese Jahre zählten. Er konnte sich an dreizehn Sommer erinnern. Und davor lagen vermutlich noch ein oder zwei, an die er sich nicht erinnerte, weil er wirklich zu klein gewesen war.

Fünf Jahre, – Menschenjahre -, hatte seine Kinderfrau ihm verraten. Menschenjahre. Darin rechnete man hier. Aber doch sprach man nicht über diese Menschen, als ginge von ihnen ein böser, dunkler Zauber aus.

Einen Moment ging ihm durch den Kopf, dass er die Menschen gerne kennenlernen würde. Mindestens so gern, wie die Welt jenseits der sieben geschwungenen Brücke, die sich über den Bruch spannten, der ganz Peleneth umgab. So wie die silbernen Nebelschwaden Tore in eine andere Welt zu sein schienen, waren diese Brücken für ihn Tore in ein Land, das unbekannt und magisch jenseits all seiner Vorstellungskraft lag.

Er lächelte bei dem Gedanken. Da quietschte die Tür hinter ihm und seine Kinderfrau kam herein.

„Ihr schlaft ja immer noch nicht, mein Prinz“, tadelte sie und deutete auf das Himmelbett mit den Brokatvorhängen.

Während er mit einem tiefen Seufzer der Aufforderung hinter dem strengen Blick folgte, flog sein Blick noch einmal hinab auf die Brücken, hinter denen die Sonne langsam unterging.

„Glaubst du, Vater hält sein Versprechen? Glaubst du, ich darf morgen mit ihm hinaus?“

„Er hat sein Wort gegeben, oder?“ Llewellyn nickte. „Und was ist oberstes Gebot für einen König?“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht. „Ein König steht immer zu seinem Wort.“

Damit ließ er sich bereitwillig zudecken und schlief zur leise summenden Stimme seiner Amme ein.

Es war in der Tat noch ganz früh am nächsten Tag. Tau überzog das Heidekraut, während ihre Pferde fröhlich schnaubend über den weichen Sandboden trabten. Llewellyn konnte sein Glück kaum fassen und seine Augen saugten gierig jedes noch so winzige Detail der Umgebung in sich auf.

Jenseits der Brücken lagen flache Hügel, durchzogen von kleinen Mooren. Lichter tanzten zwischen den Nebelfetzen, von denen Llewellyn wusste, dass manche davon recht harmlose Irrwische waren. – Winzig kleine Fey-Kreaturen, die nur in den flacheren Sümpfe zu Hause waren, die es aber schätzten, wenn sie von den Feen in ihre Häuser und Höfe eingeladen wurden. Im Winter hatte schon oft die ganze mittlere Halle des Schlosses in ihrem Schein geleuchtet, wenn das kalte Wetter die kleinen Wesen nach drinnen zog.

Bevor er allerdings auf die Idee kommen konnte, anzuhalten und den Lichtern hinterher zu laufen, war in der Ferne ein langezogenes Jaulen zu hören und weitere Lichter, grünlicher als die in der Nähe, tauchten auf.

„Das war ein Feyschakal“, erklärte Cormac, noch bevor Llewellyn fragen konnte. „Vor denen muss man sich in Acht nehmen. Sie stammen noch aus den ersten Zeitaltern und sind nicht ganz ungefährlich. Sie sind harmlos, wenn sie nicht hungrig sind und sie brauchen nicht oft zu Fressen. Doch wenn, dann machen sie keinen Unterschied, ob es die Haut einer Kuh, eines Kaninchens oder eines Sterblichen ist, die sie zwischen die Fänge bekommen.“

Llewellyn lauschte andächtig und Cormac erklärte weiter: „Und diese Lichter dahinten“, er deutete auf die Nebelbänke mit ihrem geisterhaften Strahlen, „denen darfst du niemals folgen.“

„Warum nicht?“, wollte Llewellyn wissen.

Sein Vater zog allerdings die Augenbrauen kraus, als wolle er lieber nicht darüber berichten müssen.

„Sie sind gefährlich wie die Schakale. Es ist einer von vielen Gründen, warum Mama nicht will, dass du diesseits der Brücken spielst. Du kennst diese Welt nicht genug. Und sie ist nicht immer nur gut.“

„Aber du kannst es mir doch erklären, und dann passe ich auf.“

Cormac konnte das fiebrige Glühen hinter den blauen Augen bei dieser Worten erkennen. Gefahr schreckte seinen Sohn nicht. Im Gegenteil. Sie machte ihn nur umso neugieriger.

Das war gut, wie er befand, denn einen feigen König konnte sein Volk nicht gebrauchen. Aber solcher Mut und solche Abenteuerlust mussten schon früh gelenkt werden. Sonst liefen sie aus dem Ruder. So wie damals bei ihm.

Er seufzte bitter, als er an seine Kindheit dachte. Sein Vater hatte auch stets versucht, ihn aus den Sümpfen und Mooren und von der Küste fern zu halten. Sein Platz sei in den Ställen, im Schloss. Doch hätte er sich daran gehalten, wäre er damals nicht der Prinzessin zu Hilfe gekommen.

Daran erinnerte er sich noch sehr gut. Gaya war vielleicht nicht in schmutzigen Hosen durch die Schlucht geturnt. Doch die brave Königstochter war auch sie nicht gewesen, und es hatte sie fast das Leben gekostet.

Eigentlich, dachte Cormac, machte es nur umso verständlicher, dass sie nicht wollte, dass ihr Sohn diesem Drang in sich nachgab. Er aber fürchtete, was Lew tun würde, wenn sie ihn noch länger von allem fernhielten. Er war zu klug, zu neugierig, um es noch ewig im Schloss auszuhalten. Er fragte jetzt schon nach den Nebeln und den Menschen. Dinge, die die meisten erûischen Kinder kaum vor ihrem zwanzigsten Sommer interessierten. Manche interessierten sie ein Leben lag nicht.

Er blickte zu der erfahrenen Stute vor sich auf dem Pfad, die die Unaufmerksamkeit seines Jungen ausglich, in dem sie von ganz allein auf den Weg achtete, während Lews Augen immer neue Wunder neben dem Pfad und in der Weite der Heiden fanden.

Zwei Stunden ritten sie und Llewellyn war die ganze Zeit sehr still. Er fragte manches Mal, was dies oder jenes sein mochte. So viele Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte. So viele Wesen, die ihnen auf dem abgelegenen Pfad begegneten, den der Vater ihn führte. Pixies und Leprechauns, Feld-, Wald- und Wiesengeister, pelzige kleine Nermen, die wie winzig Drachen über die Steine krochen und Glutklümpchen nach Käfern spien. Als sie allerdings über die letzte sandige Hügelkuppe ritten, war all das mit einem Augenblick vergessen. Das gewaltige Rauschen und der unstete Wellentanz nahmen den Blick des kleinen Prinzen sofort gefangen.

„Das Meer“, hörte Cormac den Sohn ehrfürchtig flüstern.

Bisher hatten sie ihn nie mit hierher genommen. Bloß im Winter in eine der sicheren Buchten, wenn das Wasser von einem dicken Eispanzer bedeckt wurde. Diese Wellen allerdings, die konnte kein noch so harter Winter zähmen. Wie überall an der Küste war das Wasser hier rau und schäumend. Seine Wucht wurde lediglich gemildert durch die breite Sandzunge, auf der es anlandete. Rechts und links von ihnen erhoben sich die hohen Klippen, die überall in Fenlar die Küstenlinie bildeten.

Von Llewellyns Turmfenster aus konnte man sie sehen und an ganz klaren Tagen auch die weite blaue Fläche dahinter erahnen.

Nun aber stand er davor. Der Wind trieb Sand und Salz in seine Augen. Die Sonne brannte trocken vom Himmel herab, obwohl es noch immer nicht spät am Tag war. Doch ihre Strahlen wurden von den Kronen der Wellen reflektiert und stachen damit doppelt grell.

Eine halbe Stunde standen der Feenkönig und sein Sohn einfach nur nebeneinander und sahen dem Spiel des Lichtes zu, wie es über das Wasser tanzte. Danach schlug Llewellyns Erstaunen allerdings schlagartig in unbezwingbare Neugier um.

„Was ist hinter dem Meer, Papa?“

König Cormac schluckte. Er hatte mit vielem gerechnet. Dass sein Sohn vielleicht in den Wellen spielen wollte, oder dass er den Strand entlang zu den Klippen reiten und diese erkunden wollte. Als er selbst mit seinen älteren Brüdern das ersten Mal hier gestanden hatte, da war das Meer für ihn das Ende der Welt gewesen. Dass es dahinter weitergehen könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.

Er blieb die Antwort schuldig und Llewellyn löste seine Hand nach einer Weile aus der des Vaters und ging den Wellen entgegen. Er war dabei vorsichtig, wartete, bis das Wasser das erste Mal ganz nah zu ihm kam, seine Füße seicht umspülte, sich dann zurückzog, um erneut Anlauf zu nehmen und diesmal vielleicht noch weiter an den Strand zu gelangen.

So ging es eine Weile hin und her. Quietschend vor Vergnügen lief der blonde Junge mit dem Wasser hinaus und vor ihm davon, sobald es zurückkam. Solange, bis er ins Straucheln kam. Cormac hielt die Luft an. Seine Gestalt spannte sich sofort und seine Flügel waren drauf und dran, ihn in die Luft zu heben, als die Welle über Llewelyns Körper hinwegrollte.

Nass und von ein paar Algen bedeckt rappelte der Junge sich allerdings schnell wieder auf. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, was dem Vater Lachtränen in die Augen trieb, und zog sich dann ein bisschen weiter an den Strand zurück, missmutig und gleichzeitig sehnsüchtig auf die urgewaltigen Wassermassen starrend.

Aber auch diese Lektion hielt nicht ewig. Schon bald widmete er sich einer neuen Beschäftigung und fischte in sicherer Entfernung zu den hohen Wellen in der Brandung nach Treibgut. Ein Bernstein fiel ihm dabei als erstes in die Finger, den er der Mutter für eine Haarspange mitbringen wollte. Das nächste war ein Seeigel, den er behutsam ins tiefere Wasser zurücktrug. Schneller, als die Wellen das Tierchen dem Meer wieder zurückbringen konnten, lief er allerdings vor den sich nähernden Wassern wieder davon.

Sein Vater hatte sich derweil weiter hinten am Strand auf einem großen Felsen niedergelassen, hielt die Zügel ihrer Pferde und winkte ihm nur hin und wieder einmal zu. Die Vorsicht, mit der sein Sohn Erfahrungen sammelte, gefiel ihm, und er hatte keinerlei Bedenken, dass er etwas Dummes anstellen würde. Gaya unterschätzte ihren Jungen maßlos.

Llewellyn hätte bestimmt noch Stunden an diesem Strand verbringen können, das blonde Haar mittlerweile ganz verklebt von der überall aufspritzenden Gischt. Da spülte das Meer allerdings als nächstes etwas vor seine Füße, dass erneut Fragen in ihm aufwarf. Seine Finger tasteten vorsichtig nach dem metallenen Gegenstand. Er musste schon eine Weile im Wasser gelegen haben, denn er war angerostet. Dennoch konnte man gut erkennen, dass es einmal die Klinge eines krummen Dolches gewesen war. An ihrem Ende befanden sich zwei Zacken im Stahl.

Llewellyn hatte eine solche Waffe noch nie gesehen. Er begriff, dass man die Klinge nicht aus einer Wunde ziehen konnte, ohne mit den Zacken das Fleisch weiter aufzureißen, und er fragte sich, wer sich so etwas Grausames ausdenken mochte.

Er trug den Fund zu seinem Vater und die Frage lag bereits in seinem Blick. Doch auch diesmal sollte er keine Antwort bekommen. Cormac nahm ihm das Fundstück nur stillschweigend ab, drehte es eine Weile versonnen und mit schwermütigem Blick hin und her, bevor er weit ausholte und es mit einem kräftigen Wurf zurück ins Meer schleuderte.

Llewellyn wollte protestieren. Er hatte es gefunden. Er empfand es als sein Recht, es auch behalten zu dürfen. Er hatte die anderen Kinder im Schloss schon oft von ihren Schatzsuchen am Strand berichten hören. Er wusste, dass das Gesetz galt, das alles, was das Meer hergab, dem gehörte, der es fand. Er hatte den Dolch mitnehmen und den anderen zeigen wollen. Dann hätten sie ihn bestimmt auch endlich ernst genommen und er hätte mit ihnen hinab in die Schlucht gekonnt. Ganz gleich, was seine Mutter davon hielt. So aber brachte er nun nichts mit von diesem Ausflug.

Auch auf dem Rückweg war er sehr still. Es war allerdings eine andere Stille, als sein bewunderndes Schweigen vom Vormittag.

Als sie schließlich wieder ins Schloss zurückkamen, hatte Llewellyn die Füße schneller wieder aus den Steigbügeln draußen, als einer der Burschen die Zügel seiner Stute ergriffen hatte. Gottlob war das Pferd brav genug, nicht einfach davonzulaufen, als sein Reiter es achtlos stehen ließ.

Königin Gaya hatte voll Sorge den ganzen Tag darauf gewartet, dass ihr Mann und ihr Sohn von ihrem Ausflug zurückkamen. Jetzt sah sie ihren kleinen Prinzen mit zerzaustem Haar und roten Wangen die Treppen hinaufstürmen. Allerdings nicht, um ihr wie erhofft stürmisch um den Hals zu fallen. Mit starrem Blick ließ er sie links liegen, konnte gar nicht eilig genug die Treppen hinauf in seine Gemächer gelangen und die Tür hinter sich zuwerfen.

Seine Amme klopfte zaghaft und trat ein, musste sich aber schnell wegduckten, da eines der vielen Kissen vom Bett nach ihr geflogen kam.

„Lasst mich alle in Ruhe!“, rief der Prinz aufgebracht.

Drei Stockwerke weiter unten waren auch seine Eltern mittlerweile in einen bitterbösen Streit geraten. Gaya machte Cormac natürlich Vorwürfe, dass sie so etwas ja hatte kommen sehen. Dabei verstand sie nicht einmal, was ihren Sohn so aufgebracht hatte. Auch Cormac begriff es nicht, doch die Schimpftiraden seiner Frau gaben ihm nicht die Möglichkeit, sich mit Lew auseinanderzusetzen.

Der schrie derweil zornig in sein Kissen. Er hielt es nicht aus. Er hielt es einfach nicht mehr aus!

Dieser Tag heute am Meer, die Weite des Himmels darüber, das war für ihn wie eine Offenbarung gewesen. Endlich draußen aus der Enge des Schlosses hatte er sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Er hatte sein Herz schlagen hören, so laut wie nie zuvor. Er hatte das Gefühl gehabt, eine völlig neue Welt zu sehen. Eine Welt, außerhalb von goldenen Säle und prunkvollen Hallen. Und vermutlich war ihm wirklich das erste Mal klargeworden, dass die Welt auch gefährlich sein konnte. So richtig gefährlich.

Was sonst hatte diese fremde Waffe vor Fenlars Küste zu bedeuten?

Aber war das nicht immer das, wovon der Vater sprach? Dass ein König die seinen beschützen musste? War das nicht die Aufgabe, die irgendwann auf ihn warten würde?

„Er ist erst fünf, Cormac“, hörte er von unten in den Sälen heraufschallen und wieder machte ihn dieser Satz nur endlos wütend.

Ein kleines Kind! Mehr sah sie nicht in ihm, seine Mutter. Ein Kind, dem man nichts erklären musste und das man besser von der Welt fernhielt.

Sie haben ja keine Ahnung‘, dachte eine Stimme in ihm und eine lodernde Glut zuckte durch seine Eingeweide, dass er selbst im nächsten Moment erschrak.

Er wusste nicht, wo dieser Gedanke herkam, er spürte nur den Zorn, den die Worte mit sich brachten. Und die unbezähmbare Macht, mit der es ihn überkam, ängstigte ihn mehr, als die Unendlichkeit und die Stärke der unbarmherzigen See. Ein Schaudern durchfuhr ihn. Noch einmal war da dieses seltsam urtümliche Dröhnen ganz tief in ihm. Llewellyn spürte, dass sie schon früher dagewesen sein musste, doch war es ihm nie wirklich bewusst gewesen. Die Angst wurde größer. Überwog die Neugier und es half ihm, wieder zu sich zu kommen.

Er setzte sich auf, sah auf seine Fäuste, mit denen er wütend auf seine Kissen eingetrommelt hatte. Er fühlte sich hilflos und nicht ernst genommen und begriff doch, dass er nichts tun konnte, dies zu ändern. Hier in Peleneth würden noch endlos viele Sommer verstreichen, bis man ihn für groß genug halten würde, um ihm seine Fragen zu beantworten.

Dabei hatte er so viele.

Was ging vor sich in der Welt? Wovor hatten der Vater und die Mutter solche Angst? Konnte man etwas dagegen tun? Warum waren diese Schleier so gefährlich? Wer genau waren die Menschen, und warum hieß es aller Orten nur, dass sie schlecht waren?

Als schließlich die untergehende Sonne sein westliches Fenster traf und alles in seinem Zimmer in ein feuriges Licht tauchte, beschloss Llewellyn für sich, dass er all das herausfinden wollte. Er wollte kein kleiner Junge sein, der nichts wusste. Er wollte von den anderen Kindern, die teils jünger waren als er, nicht länger gehänselt werden. Er wollte so stark und tapfer werden, wie sein Vater. Aber dazu musste er wissen, was sein Vater wusste. Vielleicht sogar mehr.

Das alles ging ihm auch noch durch den Kopf, als schließlich seine Mutter zu ihm kam, um ihn wie an jedem Abend ins Bett zu bringen. Auch sie brachte keine Erklärungen mit und keine Antworten auf seine Fragen. Er sei noch zu klein, er müsse das alles noch nicht wissen, sagte sie nur, bevor sie ihm wie jeden Abend sein Schlaflied vorsang.

Llewellyn sah dabei in ihre grauen Augen und lauschte ihrer wundervollen sanften Stimme. Er liebte sein Mutter, aber irgendwie fühlte er auch, dass sie ihn davon abhalten würde, das zu werden, was er sein musste.

„Schlaf schön, mein Liebling. Hörte er sie noch sanft flüstern, während ihre Lippen seine Stirn berührten. „Und morgen bleibst du wieder bei mir im Schloss. Die Welt da draußen ist noch viel zu aufregend für dich.“

Der nächste Tag begann mit Nebel. Bis vor die Fenster seiner Turmgemächer war er gekrochen und nahm Llewellyn die Sicht auf die Welt um sich. Enttäuscht trat er von den verglasten Spitzbögen zurück. Die Wut von gestern war verraucht. Nur die Sehnsucht war geblieben. Die Sehnsucht nach etwas, für das er keine Worte hatte, und sie wuchs mit dem Blick hinauf zum Himmel, der sich in dichte Wolken hüllte.

Beim Frühstück blieb er zunächst ganz still. Schließlich aber konnte er nicht mehr an sich halten und musste seinen Vater einfach noch einmal fragen: „Warum darf ich so viel noch nicht wissen, Papa? Wenn ich irgendwann ein König sein soll, dann muss ich es doch auch mal lernen.“

Cormac horchte bei diesen Worten auf. Er war schon lange überzeugt davon, dass sein Sohn für sein zartes Alter viel zu viel nachdachte.

Er konnte launisch und unbeherrscht sein, so wie gestern. Doch entstand das eigentlich immer nur aus der Frustration heraus, dass man ihm mal wieder etwas verboten hatte. Manche der Diener mochte Lew dafür nicht. Sie proklamierten, dass er mal sehr reizbar und herrschsüchtig werden würde. Doch Cormac fühlte sich dadurch nur an sein eigenes jüngeres Selbst erinnert.

Wie oft hatte er Fragen gehabt, wie oft hatte sein Vater ihm keine Antwort gegeben. Er verstand es heute, denn obwohl die tiefblauen Augen so intelligent blitzten, hatte Gaya recht. Er war ein Kind. Dreizehn Sommer hatte er gesehen. Fünf Menschenjahre waren seit seiner Geburt vergangen. Und doch, den Söhnen seiner Ritter, seiner Handwerker, seiner Bauern traute er in diesem Alter schon zu, den Beruf ihres Vaters verstanden zu haben und ihm nachzueifern. Und seinen eigenen Jungen sollte er wie ein dummes Kleinkind behandeln?

„Lew, hör mal, es gibt Mächte da draußen, von denen du noch nichts weißt und …“

„Untersteh dich Cormac!“, fuhr ihm seine Frau dazwischen.

Ihr Ton war so schrill und scharf, dass die Bediensteten verwirrt die Köpfe hoben. Sogleich fing die Feenkönigin sich wieder. Ihr Blick wurde milder, flehend fast.

„Fürs erste reicht es, wenn du weißt, dass das Land und die Küste gefährlich ist. Du wirst noch früh genug begreifen warum. Und Schuld daran sind die Menschen, Lew. Darum mögen wir sie nicht. Weil sie gefährlich sind und man sich vor ihnen in Acht nehmen muss.“

Llewellyn nickte darauf. Es war nicht die Antwort, die er hatte hören wollen, aber es war eine Antwort gewesen. Willig folgte er nach dem Essen seiner Mutter hinaus in den inneren Garten, der im dritten Stock des Schlosses direkt an den großen Saal grenzte. In sich gedrehte und gewundene blau-silberne Bäume mit bizarr geformten Blättern und dichtem Laub bis zum Boden standen hier.

Die alten Eskarbäume waren selbst in den Feenlanden selten zu finden. Doch sie waren Omen und man sagte ihnen nach, wer in ihrem Schatten ein Haus baue, den würde da Schicksal niemals falsch leiten.

Von diesen Dingen hatte der kleine Prinz genauso wenig Ahnung, wie von dem Wahrspruch, der wie eine drohende Klinge über seiner Mutter hing. Sie erinnerte sich fast täglich an die Worte der Priesterin, damals in Nualschadan. Würde sie sich für ihre wahre Liebe entscheiden, dann sollte sie keines ihrer Kinder groß werden sehen.

Die bitteren Worte ließen sie auch jetzt nicht los, während ihr Sohn immer wieder vor ihr davon lief und sich zwischen den niedrig hängenden Ästen versteckte. Diesmal hatten sie seine Fragen abspeisen können, ihn beruhigen können. Diesmal konnten sie wieder friedlich zusammen spielen und lachen. Doch die Fragen würden wiederkommen und sein Wunsch nach Wissen, sein Durst sich endlich beweisen zu dürfen wie ein wahrer Prinz, endlich lernen zu können, er würde nicht versiegen. Und diese Neugier würde ihn aus Peleneth fortführen. Das wusste Gaya, so sicher, wie sie wusste, warum jeder Vergleich ihres goldgelockten Sonnenscheins mit dem Sohn des Graslandkönigs ihr so wehtat. Der Tag würde kommen, an dem sie auch ihn gehen lassen musste. Und es würde sie so unvorbereitet treffen wie damals an den heiligen Feuern, obwohl sie genau wusste, warum sie diesen Schritt hatte tun müssen.

Ein kurzes Lachen riss sie aus ihren Gedanken. „Mama, such mich!“, hörte sie Lews Stimme.

Sie wischte die Tränen weg und folgte dem Ruf.

Sie konnte froh sein, dass ihr Sohn so ein wohlwollendes und verzeihendes Wesen hatte. Vielleicht war er einsichtig, wenn sie ihm sagte, dass sie all das nur tat, um ihn zu schützen. Weil sie ihn liebte. Vielleicht konnten sie dann noch ein paar unbeschwerte Sommer zusammen durch diesen Garten tollen.

„Lew, ich komme jetzt. Wo bist du!“, rief sie in die Stille des Morgens.

Es war selten, dass der Nebel so dicht war, dass er sich sogar hier im Garten antreffen ließ.

Lew hörte den Ruf unterdessen. Doch etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zwischen den nassen Tropfen, die ihm durch die Kleider drangen, hatte er ein Streifchen Nebel erspäht, das anders war. Leuchtend, silbern wie der Schleier, den er manchmal über dem Sumpf sah.

Er hatte mit den Menschen zu tun. Mit dem, was so gefährlich und so verboten war. Er wollte zurückweichen, wie gestern vor den Wellen des Ozeans. Doch dann entschied es sich anders.

„Lew, wo bist du? Ruf einmal, dass ich dich finden kann!“

Er wollte so gern Antworten finden. Über seine Welt, über die Menschen. Über die Wut und die Sehnsucht, die er in sich hatte. Über so viel, was er nicht verstand. Er liebte seine Eltern und er wollte nicht, dass sie sich sorgen mussten. Aber vielleicht mussten sie genau darum sehen, dass er mit gefährlichen Dingen umgehen konnte.

Wenn er ihnen erzählen würde, dass der Nebel ihm gar nichts getan hatte …

„LEEEEEEEEEW!“

Er stand nun genau davor. Streckte die Hand danach aus und spürte ein Prickeln. Er musste lachen, und es nahm ihm jede Angst.

Menschen sind gefährlich!, klang es in ihm. Alles, was von ihnen kommt.

Wirklich?

„Llewellyn MacCormac, Schluss mit dem Versteckspiel!“

Die Stimme, die ihn rief, wurde nun fordernder. Doch der silberner Nebel faszinierte ihn zu sehr. Nur noch ein bisschen, dachte er.

„Llewellyn, Na meir, an daluieven!“

Die Worte hinter dem Nebel schienen an ihn gerichtet zu sein, doch sie waren so weit fort. Ein Schritt nur, war als einziges in ihm noch übrig. Ein Schritt und ich werde Antworten finden.

„Llewellyn!“, klang ein fremdes Wort durch die grauen Schleier um ihn.

Ein Schritt noch, und er würde sehen, wo er hier überhaupt war.

Ein Schritt und er würde überhaupt wieder irgendwas sehen.

Ein Schritt. Ein ferner Ruf. Ein Wort, ohne Bedeutung für ihn.

Der Nebel lichtete sich. Er stand mitten zwischen Bäumen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass alles falsch war. Müssten die Bäume nicht krumm und in sich gedreht sein? Müssten ihre Ästen nicht dicht sein und bis zum Boden gehen?

Diese Stämme hier waren hoch und glatt. Ein weiterer Schritt. Ein trockener Ast barst unter seinen Füßen. In der Nähe ein panisches Rascheln im Gebüsch. Wilde Schritte, die sich entfernten. Doch er konnte das Tier nicht erkennen. Dann wieder Stille in diesem seltsam fahlen Wald mit dem fernen blassen Licht.

Stumm wanderte er durch die hüfthohen Sträucher. Ein wenig fühlte er sich wie in einem Traum, aus dem man aufwachte und der einem entglitt, je mehr man sich zu erinnern versuchte.

Er war auf der Suche nach etwas gewesen. Ein Schritt noch, dann hätte er es finden müssen.

Aber was? Wo war er überhaupt? Wie kam er hierher?

Ein ferner Gedanke streifte die wild aufwogende Oberfläche eines weiten Ozeans.

Dann waren da Stimmen.

Gefahr!

Sie sind gefährlich!

Der Junge duckte sich tief ins Gebüsch, doch es war zu spät. Die beiden Leute hatten ihn in seinem weißen Hemdchen inmitten all des fahlen Grün und Braun und Grau schon gesehen. Mit lauten, fremden Stimmen redeten sie auf ihn ein. Er verstand zunächst kein Wort. Sein Mund stand ein wenig offen. Er spürte den Rest einer Warnung in sich.

Gefahr! Von diesen beiden ging Gefahr aus. So wie von jedem, den er treffen würde.

„Wir sollten ihn zur Polizei bringen“, hörte er schließlich die Stimme der Frau. „Er ist ja total traumatisiert.“

Nein‘, dachte er daraufhin, ‚nein, ich war doch nur auf der Suche nach der Wahrheit.‘

Doch selbst an diesen Gedanken konnte er sich schon nicht mehr erinnern, als er den Wald an der Hand der fremden Frau verließ und mit ihr und dem Mann in das blaue Gefährt stieg.

 

 

 

 

500 Facebook Likes – Ein Dankeschön an meine treuen Leser

Für manche mögen 500 Likes auf Facebook nicht der Rede wert sein.

Ich finde schon. Denn WOW! 500 Menschen, die in irgendeiner Weise an dem interessiert sind, was ich da schreibe. Und im besten Fall 500, die den Stern wirklich kennen und lieben.

Darum möchte hier DANKE sagen. Danke für die letzten zwei aufregenden Jahre. Danke dafür, dass ihr der Kern der Fangemeinde um meine Bücher seid, ohne den vieles einfach nie passiert wäre. Und weil sich Anfang der Woche schon gewünscht wurde, ich möge euch doch einen längeren auszug aus dem blauen Drachen spendieren, tu ich das hiermit.

Ein Figur, die ja im Stern ein wenig blass hinter manch anderer zurück bleibt, ist Hohepriester Mendric. Er, der weise aber auch alternde Führer des Zirkels. Wo nahm eigentlich sein Weg einmal seinen Anfang? Wie wurde er zum Hohepriester und mit welchen Beweggründen?

Ja, ein bisschen freue ich mich darauf, euch meine Ewigen Wächter in dieser neuen Trilogie in einem ganz anderen Licht präsentieren zu können. Ein wenig hoffe ich, dadurch mehr Verständnis für sie und ihr Handeln im Stern zu bekommen, denn ihre Absichten waren einmal gut und ehrenhaft. Also viel Spaß in einem ganz neuen alten Erui mit vertrauten und doch völlig fremden Persönlichkeiten. 🙂

Ach ja, und weil sie so schön sind, gibt es hier noch ein paar mehr Bilder von Hohepriester Saworno, Mendrics Meister und Mentor im Zirkel der Sonne.

Savorno Screenshot Action      Savorno Screenshot     Savorno Bright Robes

 

 

Saworno traten Schweißperlen auf die Stirn. Mendric sah seinen Mentor und Obersten im Kreis der Brüder der Sonne mit besorgtem Blick an. Noch vor Monden wäre ihm das nicht passiert. Da war der alte Armati noch der Inbegriff von Kraft und Magie gewesen. Nachdem er von seiner letzten Reise zum Mondtempel in den Sümpfen der Mittlande zurück war, reichte allerdings schon die kleinste Anstrengung ihn aus der Puste zu bringen.

Die Gruppe an Schattenwesen, gegen die sie sich heute zur Wehr setzen mussten, war dabei verhältnismäßig klein. Mendric legte seine Hände wie selbstverständlich neben die des Katzenmannes auf die silbern glänzende Kuppel und sein Zauber floss durch ihn hindurch auf den Schutzwall über. Dieser spannte sich zwischen den beiden hohen Säulen, die wie zwei grimmige Wächter den Eingang ins Tal der Sonne säumten. Von ihren schwarzen Basaltkörpern gingen die Fäden aus, an denen die magische Mauer hochgezogen war, dazu gemacht, Flüchtigen und Verbündeten Einlass zu gewähren, doch alles fern zu halten, was dem Tal und seinen Bewohnern schaden wollte.

Die alptraumhaften Wesen, deren Körper unwirklich dunklen Nebelschwaden gleichkamen, bis an die Zähne bewaffnet und mit rotglühenden Blicken, gehörten dabei ganz gewiss zu letzter Kategorie. Das unermüdliche Einschlagen ihrer Schwerter, Äxte und Morgensterne oder allein der bloßen Schattenfäuste auf die durchscheinende Barriere hatten diese an manchen Stellen gefährlich dünn werden lassen. Mit Mendrics Unterstützung gelang es dem Hohepriester allerdings, sie zu hallten.

Mendric ging sogar noch ein Stück weiter. Er wusste, was die Mauer konnte, wenn der Hohepriester selbst das Netz durch die Rückkopplung seiner Magie zum Schwingen brachte. Er schloss die Augen, suchte nach dem Momentum, aus dem der Meister das fragil wirkende Gebilde gewebt hatte. Er spürte dabei die Angst seiner Brüder, die um sie standen. Keinem entging, dass Sawornos Kraft nicht mehr ausreichte, die Verteidigungsmechanismen zu aktivieren, die er selbst vor vielen Sommern gewoben hatte.

Mendric schob das beklemmende Gefühl beiseite, welches die Luft erfüllte. Angst half ihnen jetzt nicht. Angst half nur denen da draußen, die Einlass begehrten. Das Tal war einer der wenigen Rückzugsorte hier im Westen. Viele Dörfer und Weiler waren längst überrannt. Andere aufgegeben. Doch daran durfte er jetzt nicht denken. Dieser Schutz stand schon, so lange er im Tal lebte. Solange er denken konnte.

Wenn dir die Straßen Sindoreds zu gefährlich geworden sind, dann geh doch und verkriech dich hinter dem silbernen Netz der Priester. Ein geflügeltes Wort dort, wo er einst sein Zuhause gewähnt hatte. Gleichzusetzen mit Flucht und dem Verrat an der eigenen Stadt.

Mendrics Hände bebten. Der Schlag eines eisernen Flegels ging neben seiner linken Hand nieder. Er spürte den Schmerz durch seine Arme fahren bis hinauf in die Schulter. Instinktiv wollte er zurückschrecken. Unter seinen Fingern war ein Riss im Netz entstanden.

Du bist nicht mehr das Kind von damals, durchfloss ihn allerdings direkt der nächste Gedanke. Er wusste, er kam nicht nur aus ihm allein. Dennoch half er.

Nun ebenfalls mit Schweißperlen auf der Stirn, schob er alle störenden Einflüsse von sich fort. Der Junge, der zu schwach gewesen war zum Schwert zu greifen, den gab es nicht mehr. Es gab nur noch ihn, Mendric, den nächsten Hohepriester in der Gemeinschaft von Sonne und Mond.

Diese Gewissheit ließ etwas in ihm auflodern. Unter seinen Füßen bekam er das Gefühl, als würde der Boden selbst glühende Steine gegen seine Sohlen stemmen, um ihm Halt zu geben. Seine ganze Energie stemmte sich gegen die Mauer und das, was sie bedrohte. Er merkte selbst nicht, dass seine Hände zu glühen begannen wie ein Strom aus Lavagestein, der in das silberne Netz floss, sich zwischen die bereits gewebten Fäden goss und jeden einzelnen davon verstärkte. In ihm begann der Ton zu schwingen, aus dem sein Meister den Wall einst erschaffen hatte. Doch er beließ es nicht bei diesem einen. Er fügte weitere Töne seiner eigenen Seele hinzu, nährte den Wall damit, ließ ihn schwingen und vibrieren und im nächsten Augenblick schossen Blitze und heiße Feuerfontänen auf der anderen Seite aus dem Gespinst hervor. Wo sie die Schatten trafen, da lösten sie sich mit einem spitzen hohen Schrei in schwarzen Rauch auf.

Als der Letzte von ihnen sein erbärmliches Dasein ausgehaucht hatte, sank der alte Priester neben ihm schließlich erschöpft nach hinten. Mendric selbst brauchte noch einen Augenblick, um sich von dem neuen Wall zu lösen, der nun nicht mehr nur noch silbrig glänzte. Feuer schien ihn nun zu durchfließen. Seine Brüder wichen ehrfürchtig einen Schritt weit zurück, gaben ihm und Saworno Platz.

Mendric holte ein paarmal tief Luft, bevor er sich schließlich zu seinem Meister umwandte. Zum ersten Mal gewann er beim Blick in dessen Gesicht den Eindruck, dass die ewig zeitlosen Züge auf einmal alt erschienen. Gestern, hätte er schwören können, war der Mann keinen Tag älter gewesen, als am dem Tag, an dem er ihn geweiht hatte und ihm verkündet worden war, dass er in Sawornos Fußstapfen treten würde. Heute war das Fell um seine Mundwinkel angegraut. Die Augen wirkten eingefallen, nicht mehr so strahlend und wachsam. Ihr Grün schien einen trüben Schimmer bekommen zu haben.

Mendric schreckte zurück. Sawornos krallenbesetzte Tatze legte sich auf seinen Arm und tätschelte ihn, wie er es manchmal schon mit ihm gemacht hatte, als er noch jünger gewesen war. „Deine Magie ist stark geworden, Mendric. Ich sehe, du hast dich an meinen Rat gehalten und deine Kräfte jeden Tag geübt.“

Mendric nickte, doch sein Gesicht verzog sich dabei unwillig. „Natürlich habe ich mich jeden Tag geübt, Meister. Diese Abscheulichkeiten lassen ja auch nicht einen Tag lang locker und das schon seit zwei Wochen. Während Ihr weg wart, war es noch einmal schlimmer. Es ist kein Wunder, dass uns die Kraft langsam schwindet.“

Du meinst wohl, dass mir die Kraft schwindet.“ Mendric wollte protestieren, doch der Alte ließ ihn nicht. „Ah ah ah, Dren, mein Junge. Wir machen uns beide mal besser nichts vor. Wir wissen, doch, dass man einen toten Baum nicht wiederbeleben kann. Doch an seiner Statt kann eine neue Knospe treiben und aufgehen.“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf die pulsierenden Flammen in dem feinen Netz, die deutlicher als alles jeden sehen ließen, wer dieses Tal nun schützte. „Du warst ein junges Stämmchen, immer schwankend im Wind, als ich dich traf, doch jetzt bist du der Baum, unter dessen Krone Eruis Kinder Zuflucht vor dem Sturm suchen werden, welcher über ihnen tobt.“

Mendric neigte ehrerbietig das Haupt. Er wusste, dass sein Meister recht hatte. Er brauchte ihn nur anzusehen und sah, es ging tatsächlich auf sein Ende zu. Hohepriester Saworno würde den Winter nicht überstehen, der vor der Tür stand, und noch vor dem Fest der Sonnenwende würde der Zirkel der Sonne einen Neuen Führer wählen. – Ihn.

So war der Kreislauf seit vielen Jahrtausenden. Seit die sterblichen Völker das Antlitz Eruis betreten hatten. So würde er es einst an seinen Nachfolger weitergeben und der an seinen und so fort. Es gab keinen Grund, darüber in Trauer zu versinken, und dennoch fühlte Mendric, wie ihn der Gedanke grämte.

Behutsam bot er dem alten Priester an, ihn zu stützen, auf ihrem Weg von den äußeren Felsen zurück zur anderen Seite des Tales, wo ihre Wohnhöhlen in den dunklen Stein der Berghänge gemeißelt waren. Das einzige Gebäude, das man nicht den schwarzen Bergen abgetrotzt hatte, war der große Tempel, der unten in der Talsenke auf einem erhöhten Plateau stand. Er war aus dem gleichen weißen Marmor errichtet, aus dem auch der Zwillingstempel in den Sümpfen weit fort von hier gebaut worden war. Die Schwestern des Mondes lebten und lernten dort und gemeinsam mit ihnen waren sie der Orden von Sonne und Mond, die einzige Geistlichkeit, die Erui kannte und brauchte. Denn trotz all seiner unterschiedlichen Völker und ihrer vielen Namen, die sie für die Macht des Himmels hatten, gab es keine Frage darüber, dass es alles nur Gesichter ein und der selben Urgewalt waren. – Jener Kraft, die einst Gar‘Elahad geschaffen hatte, die den Menschen Leben und Weitsicht und Weisheit und Schöpferdrang eingehaucht hatte, um zu sehen, wie sie auf Erden vollbrachten, was die Macht des Himmels im Universum getan hatte. Doch die Menschen waren nicht sorgsam umgegangen mit ihrer Gabe.

Eigentlich, dachte Mendric bitter, wenn er an die Schattenwesen dachte, die die gesamten westlichen Berge und die Lande an ihren Füßen durchstreiften, eigentlich hatten die Menschen ihre Gabe gar nicht verdient. Es war ein Segen gewesen, dass die alten Könige die Verbindung zwischen den Welten unterbrochen hatten. So konnten der Menschen Träume zwar nichts Neues mehr erschaffen, doch ihre Bosheit und ihre Niedertracht war auch nicht in der Lage, den Schatten so schnell weiter zu nähren, wie sie es in der alten Zeit getan hatten.

Saworno schüttelte den Kopf, während er seine gebrechlichen Knochen auf die Schultern des jüngeren Mannes stützte. „Was sind denn das für bittere Gedanken, Dren? Als Oberhaupt unserer Ordens wirst du der Führer dieser Welt sein, vergiss das nie. Sie werden zu dir aufsehen, sich an deine Worte klammern und deinem Beispiel folgen. Wenn du die Menschen verteufelst, werden die Herzen dieser Welt sich von ihnen abkehren.“

Na und?!“, entfuhr es Mendric wütend. Der alte Mann konnte es bis heute nicht lassen, ungefragt in seinem Geist ein- und auszugehen, und er nannte ihn immer noch bei seinem Kindernamen.

Und was ist daran so schlecht, Dren?“, fuhr Saworno fort. „Schon in dem Jungen, den alle Dren nannten, konnte ich die Macht erkennen, die heute aus all deinen Taten spricht. Du bist noch immer er und er wird stets ein Teil von dir sein. Das hoffe ich zumindest. Und zu deinem anderen Problem: Die Gabe der Gedankenmagie war immer deine Schwachstelle. Du bist wie ein offenes Buch. Du bist durch und durch ehrlich, trägst dein Herz auf der Zunge und deine Seele in deinen Augen. Dadurch kannst du deine Gefühle nur schwer vor anderen verbergen. Es ist das Letzte, was ich hoffte, dich noch lehren zu können, denn ein Meister im Sonnenzirkel muss sich abschirmen können gegen andere, wenn er dies wünscht.

Aber wer weiß, vielleicht bleibt uns ja noch ein bisschen Zeit. Noch sind meine Tage nicht gezählt.“

Daraufhin schwiegen sie beide und ihre Schritte folgten bloß dem Pfad, bis sie die Versammlungshöhle erreicht hatten. Mendric wollte Saworno eigentlich direkt hinauf in seine privaten Hallen bringen, damit er sich ausruhen konnte. Doch der Alte bestand darauf, mit seinen Brüdern und den Novizen gemeinsam das Abendessen einzunehmen.

aus “Das Herz des blauen Drachen” Teil 1 – Ein uralter Schwur –

Ich schenke euch eine Geschichte – Aus Tautränen und Schleierblut

So ihr Lieben,

 

Die hier hab ich mir für euch für heute aufgehoben. Sie ist so ein bisschen anders, als das, was ich sonst so schreibe. Darum mag ich sie heute mit euch teilen.

Ab und zu muss man sich selbst neu erfinden, sonst tritt man auf der Stelle. 🙂

Tausend Dank für all die vielen Glückwünsche, die schon bei mir eingegangen sind. Ihr seid einfach unbeschreiblich.

 

Aus Tautränen und Schleierblut

Dem nächtlichen Tau auf den Wiesen waren sie entsprungen, als das erste Mal die erste Sonne sich erhob über der erwachenden Welt. Tränenkinder der Allmacht, die Wissensdurst und Schöpfergeist in jenes Reich entließen. Anmutig zauber-zarte magiegewobene Söhne und Töchter aus goldenen Schleiern und Sphären noch weit wundersamer als die Hügel und Berge, Täler und Flüsse und Seen, die die Klänge des allerersten Liedes um sie woben.

Ohne Schuld und ohne Scheu, gefüllt mit Weitsicht, Hellsicht, nicht aber mit mit Gefühl. Nein, die klingenden, leuchtenden Herzen der Nebelgänger waren nicht geschaffen für Leid und Freude, Zorn oder Angst. Nicht einmal für Liebe. Denn Liebe verklärt, was sich verbirgt in den Gespinsten des Gestern, den Geweben des Heute, den Schleiern des Morgen.

Es brennt! Es brennt! Ich verbrenne! Zunderzauber, Schwefelspucke, gewaltgeifernde, silberhautzerfetzende, diabolische Drachenklaue! Geh weg! Lass mich! Nein!

Warum nur? Warum habe ich das getan? Wieso mich entschieden, dafür? Was soll es bringen? Was kann Gutes werden aus etwas, das so schrecklich ist?

Blut rinnt aus meinen Armen. – Arme! Wie konnte ich nur? Ein sterblicher Körper. Eine plumpe, fleischliche Gestalt!

Ich erschaudere tief im Herzen. Dieses Ziehen und Zerren und Reißen und Klopfen. Ich spüre, was ich nie zuvor erlebt habe, was nur als vages Konzept im Innern meiner Selbst und der ewig kühlen Gefasstheit meiner allumgreifenden Überlegenheit geschlummert hat.

Schmerzen!“, stöhne ich. „Solche Schmerzen!“

Die goldenen Augen blicken mitleidlos auf mich hinab, fasziniert wohl von dem Wandel, den meine Züge in weniger als dem Bruchteil einer Sekunde durchgemacht haben.

Als zwei Konzepte waren sie geschaffen worden. Zwei Prinzipien, zwei dumpfe Herzschläge, die die Welten antrieben wie Zahnräder eine Uhr.

Erwacht aus der ungezähmten Dunkelheit der ewigen Nacht, die vor dem ersten Morgen gelegen hatte, waren sie, die Himmelsfürsten, begabt worden mit so viel Magie wie gleichsam gerechter Wut, bebendem Zorn, brennender Leidenschaft, die ihre Herzen am Schlagen und ihre Flügel in der Luft hielt; der Inbegriff von überschäumenden Gefühlen und roher Allmacht.

Die anderen, die Tauwanderer, Grenzgänger, Schleiertänzer, begabt mit allem Wissen, doch ohne jegliche Empfindung. – So hatten sie sein sollen. Vom Anbeginn bis in alle Ewigkeiten, die die Welten sich drehten. So hatten die Herzen der Gottkinder es erträumt, es gewünscht, es geschaffen.

Und dennoch liege ich hier. Obwohl der Anbeginn mir Ewigkeit versprochen hatte. Doch Ewigkeit wofür?

Ich sah sie, die Fehler der Sterblichen, lange bevor sie geschahen, und konnte sie dennoch nicht hindern. Denn unbelehrbar wie sie sind, ist jedes Wort an sie Verschwendung.

Dieser Gedanke zuckt kurz auf aus all dem roten Nebel und all der eisfeurigen Qual. – Erde und Wasser, Magie des Lebens, mir gegeben vom ersten Augenblick, – Schöpfermagie.

Doch wofür hatte ich sie genutzt?

Allein hatte ich die Welten durchwandert von Ewigkeit zu Ewigkeit, von Augenblick zu Augenblick. Niemals hatte es mich gestört. Dann aber habe ich sie gesehen, spürte ich ihr Kommen, das Erwachen ihrer Seele. Der Himmel träumte schon von ihr, von diesem seinem schönsten und gleichzeitig seinem gefährlichsten Kind, als ich meine Hufe auf den Tau des ersten Morgens setzte. Doch damals habe ich sie noch nicht verstanden. Nur ihr Lied gehört.

drei Zeichen dir geben die Himmel fern …

Ich selbst war nicht in der Lage, ihre Wundersamkeit bis ins Letzte zu begreifen, und ich wusste damals schon, ich würde es nie sein.

Doch das Wissen um ihren Pfad hat uns geleitet. Nicht nur mich, Ljosalfur, den König der Schleiergeborenen, sondern auch die Drachenfürsten. Wir haben das Erwachen der Sterblichen bestaunt und ignoriert hier in unserer Welt jenseits der Schleier. In der Arroganz unserer Unendlichkeit und Unberührbarkeit haben wir uns sicher gewähnt vor der Veränderung, die im Reich der Träume um sich griff. Aber letzten Endes hat sie auch vor uns nicht Halt gemacht.

Während ich halb fasziniert, halb erschüttert dem Wimmern meiner eigenen Stimme lausche, unter der die Bäume ringsum erzittern, frage ich mich, ob er sich auch so gefühlt hat. Er, der blaue Bruder jenes goldenen Schwingenträgers, der mir meinen letzten Wunsch erfüllte.

Ja“, höre ich die Antwort in meinem Geist klingen. „Ja, er hatte schreckliche Angst vor dem Tod. Das Ende der eigenen Existenz, es ist für uns so unbegreiflich und unfassbar wie für die Menschen, aus deren Seelen wir geboren wurden.“

Teijûns dunkle Augen stechen aus seinem gleißenden Schuppenkleid hervor. Es zuckt kurz darin, als er meine Gedanken liest. – Doch so etwas wie Mitleid?

Ein Drache, der Mitleid mit einem Einhorn hat! Ein dumpfes, schnaubendes Lachen würgt sich aus meiner Kehle. So etwas hat es nie gegeben!

Wir können uns nicht verstehen; nicht miteinander, nicht füreinander fühlen. Denn wir, die Söhne und Töchter des Wissens, fühlen gar nichts. – Außer wir entscheiden uns, der Unsterblichkeit zu entsagen; so, wie ich es gerade getan habe.

Bei diesem Gedanken verschwimmt die Lichtung mit ihren Bäumen und dem See vor meinem Blick. Meine sterblichen Finger krallen sich um die dichten Grashalme, greifen hinein in das üppige Grün mit den weißen Sternenblüten, die aufgehen, wo mein Blut die Erde benetzt.

Über Erde und Wasser – die Elemente des Lebens – habe ich geherrscht. Jeder Tropfen meines Blutes war mächtig genug Wunden zu schließen, die kein anderes Heilmittel zu lindern vermochte. Doch jetzt, jetzt gebe ich all das und aus dem blutgetränkten Tau des Morgens, der folgen wird, soll sich mein Sohn erheben.

Ich lächle, denn das Wissen um diesen Sohn hilft mir, die Angst zu überwinden, die sich um meine Kehle legt. Auch wenn ich ihm niemals gegenüberstehen werde, so weiß ich doch, er wird rot sein, wie das Feuer der aufgehenden Sonne, die sich in meinem Blut spiegeln wird. Sein Name wird Lykill sein. Lykill, der Flammende, die Antwort auf alle Rätsel.

So viel Kraft der Gedanke mir gibt, so steigt nun doch etwas in meiner Kehle empor, das ich nicht einordnen kann. Ich fühle mich, als müsse ich ersticken. Es dringt nach oben, bricht sich Bahn. Ich gebe neuerlich einen Laut von mir, den meine Ohren niemals aus einer unsterblichen Kehle vernommen haben.

Doch ja, natürlich! Unsterblich bin ich nicht mehr.

Ich gebe mich dem Gedanken hemmungslos hin und schluchze, um des Sohnes Willen, der mich nie kennen wird, von dem ich aber weiß, was für ein Schicksal ich ihm auferlege.

Er muss das Bindeglied werden. Er allein hat die Macht dazu. Aus meinen Tränen und meinem Schmerz geboren, hat er eine Gabe, die kein anderer unseres Volkes je hatte und je haben wird.

Ein Schaudern packt mich. Kälte kriecht über meinen Rücken. Ich spüre, wie der Drache seine goldenen Schwingen um mich breitet.

Es ist soweit“, flüstert er.

Ich nicke. Meine Augen wollen sich noch einmal öffnen. Ich will ihn sehen, den letzten Nebel, den ich durchschreite. Anders aber als erwartet, ist es nicht der letzte Schleier, dessen Kühle mich umfängt. Der silberne Nebel, der aufzieht, sich mir um Hände, Knöchel und das Herz legt, er ist magischen Ursprungs. Jene eine Sterbliche, die annähernd weiß, was Ewigkeit bedeutet, und die an den Geschicken dieser Welt schon lange dreht, sie hat ihn gerufen. Ahnungslos darüber, was er alles bringen sollte.

Ich werde also nicht hier sterben, denke ich. Nicht hier in dieser Welt, deren ersten Morgen ich erblickte und von der ich dachte, dass ich einst an ihrem letzten Abend stehen würde.

Nein.

Ein Beben durchdringt die Erde, als Teijûn sich in die Lüfte erhebt. Mein Weg ist nicht für ihn bestimmt und er muss hier verweilen, denn er wird sie kennenlernen, die Kinder, die meinem Blut entspringen. Denn nun weiß ich es. Nun verstehe ich, warum mein Sohn die Sternenprinzessin lieben kann.

Mit einem letzten Atemzug tauche ich durch die Grenzen und spüre noch, wie mein Körper eine Lichtung im Wald erreicht, die nicht in der magischen Welt gelegen ist.

Zwischen hohen Bäumen, die einen winzigen Teich umgeben, liege ich und kann mich nicht mehr rühren. Stimmen nähern sich von fern. Aus meinen Armen, die die Drachenkrallen aufgerissen haben, rinnt das letzte bisschen Blut, das in mir war. Es läuft in den See. Ich schließe die Augen.

Als letztes Geschenk trifft mich das Wissen, dass eine junge Frau heute in diesem See baden wird. Sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen. Ein Kind, das meinem Lykill eine Schwester werden soll.

Die silbernen Fürsten der Ewigkeit, sie waren nie dazu gemacht, zu fühlen. Weitsicht, Allsicht war ihre Gabe. Der Tau des ersten Morgens hatte sie geboren. Der erste Traum der Menschheit. Doch wie die Menschen selbst ist nichts ewig. Zumindest nicht, wenn es das nicht wünscht.

Und so können auch die Silberfürsten wählen, sich entscheiden – gegen das Leben und für den Tod.

So können sie ihre Gaben weitergeben an ein Kind von ihrem Geiste, dass doch wie sie sein wird, denn es trägt alles Wissen der Vorväter in sich. Und darum auch ist es eigentlich völlig unnötig. Überflüssig. Denn wenn das Alte wie das Neue ist, wozu sollte dann Neues entstehen?

All diese Überlegungen waren auch ihm gekommen. All diese Dinge waren dem Fürsten der Einhörner bekannt gewesen, als er den goldenen Drachen gebeten hatte, mit seinen Klauen die sterbliche Hülle zu zerreißen, die er um sich gelegt hatte. Anders aber als bei seinen Brüdern und Schwestern hatte Ljosalfur gewusst, dass aus seinem Opfer etwas Neues werden konnte, etwas Niedagewesenes.

Und so gebar der Tau des nächsten Morgens in Erui ein Einhornfohlen. Es erhob sich aus dem blutbenetzten Gras der Lichtung und blickte mit glut-dunklen Augen in den erwachenden Tag. Es blickte an sich herab und begriff, dass es anders war, als alle anderen seiner Art, denn sein Fell war rot wie Sonnenglut, Drachenfeuer und das Blut, das in Menschenherzen fließt.

Seine silbernen Brüder und Schwestern versammelten sich ringsum. Sie neigten die Häupter vor ihrem neuen Fürsten, denn er war der Sohn des alten und trug damit sein Erbe in sich. Kein Erstaunen und Erzittern war in ihren Blicken, denn wundern konnten sie sich nicht.

Er aber, Lykill, wunderte sich. Denn fern in den Schleiern, die Seinesgleichen schon lang nicht mehr durchschritten, hörte er einen Schrei und spürte ein zweites Herz und er wusste, das Blut seines Vaters hatte nicht nur ein Kind geboren.

Deleted Scenes – Von Königen und Pferden

Hier habe ich ein kleine Episode für euch aus der Zeit, die Fenia als vermeintlicher Junge in Arvindûras lebte. Ich hoffe ihr mögt es. 🙂

 

Dûrowinn von Arvindûras

 

Dûrowinns Finger krallten sich in die Mähne und mit seinen Waden umklammerte er den schweißnassen Leib des Hengstes. Noch zwei Bocksprünge hielt er sich so im Sattel, bevor er unter dem unbändigen Aufbegehren des Tieres letzten Endes den Kürzeren zog. Ein Schütteln noch und ein abprubter Stopp, dann flog er in hohem Bogen von seinem Rücken, prallte auf den Boden und konnte sich grade noch über die Schulter abrollen, um den wild keilenden Hufen zu entgehen, die in elegantem Sprung über ihn hinweg setzten. Die jungen Damen auf der Tribüne der Arena ringum hielten ängstlich den Atem an. Die Stallburschen im Rund sprangen auf die Füße, griffen nach Stricken und Stöcken, um das tobende Pferd wieder einzufangen. Nur der zweite königliche Stallbursche, ein besonnener Mann mit Namen Aswin, schlenderte gemächlich zu dem Prinzen hinüber und reichte ihm eine Hand, um ihm aus dem Staub aufzuhelfen.

Er schaute dabei absichtlich über die Schulter zurück zu dem anderen Jungen, der konzentriert am Rand der Arena unter den Säulen kauerte und die Augen nicht von dem wundervollen Hengst abwenden konnte. Aswin hoffte dadurch, sein Grinsen vor dem Kronprinzen verbergen zu können.

Der Sturz war vorherzusehen gewesen, gleich als sich der junge Mann forsch und tollkühn in den Sattel geschwungen hatte. Ihm das zu sagen, oder es ihn auch nur spüren zu lassen, würde seine Laune aber kaum verbessern.

„Was gibt es da zu lachen?“, fuhr Dûrowinn Aswin dennoch an.

Er zuckte mit den Schultern, setzte zu einer Antwort an, die dem Prinzen wohl keineswegs schmecken würde, doch ließ der hitzköpfige junge Mann ihn nicht zu Wort kommen.

„Der Befehl meines Vaters lautete, dass Ihr mir das beste Pferd von Eurer Reise zu den Gletschern mitbringt, das Ihr finden könnt, und nicht den erstbesten unzähmbaren braunen Teufel, der mir nach dem Leben trachtet!“

Seine Stimme sollte wohl überlegen und abgklärt klingen, während er ein paar Schritte zum Rand der Arena hinkte. Der hochmütige Tonfall erinnerte Aswin aber eher an einen trozigen Jungen, der mit aufgeschlagenen Armen, Knien und angeknackstem Stolz vor ihm stand. Aswin schüttelte den Kopf. Er war sonst ein guter Junge. Doch manchmal hatte er das dringenden Bedürfnis, ihn für solche Bemerkungen wie einen ungezogenen Bengel noch übers Knie zu legen. Aus dem Alter war er längst entwachsen und so mussten es ein paar wohlbedachte Worte tun.

Sein Blick flog zu den Rängen, von wo die tuschelnden Mädchen ihrem Schwarm sorgenvolle Blicke zuwarfen. Aswin hatte schon gewusst, warum er eigentlich darauf bestanden hatte, dem Prinz das neue Pferd heute erst nur unten in den Ställen allein und in aller Ruhe zu zeigen. Doch Dûrowinn hatte in seinem Übermut mal wieder ein Spektakel daraus machen müüssen. Die Blutergüsse geschahen ihm ganz recht.

„Mein Prinz, lasst es jetzt gut sein. Morgen versuchen wir es noch einmal, aber dann mit weniger Druck und mehr gutem Zureden. Ihr werdet sehen, er ist ein feiner Kerl.“

„Gut zureden?! Seid Ihr von Sinnen? Soll ich mich erschlagen lassen? Der muss gleich lernen, wer der Herr ist, sonst …“

Das Gesicht des Prinze war hochrot, vor Zorn und Scham wie Aswin vermutete, und seine Schimpftirade wäre gewiss auch noch weitergegangen, wenn er nicht aus den Augenwinkel etwas bemerkt hätte, was ihn im nächsten Moment schlohweiß werden ließ.

Der jüngere Freund hatte sich aus dem Kreis der Stallburschen gelöst, die respektvollen Abstand zu dem jungen Hengst haltend um diesen herum standen. Ohne Scheu trat er auf das bebende Tier zu. „Fen, nicht!“, schrie Dûrowinnn und schien sein schmerzendes Bein ganz zu vergessen.

Auch Aswin konnte sehen, wie die schmächtige Gestalt sich dem Pferd näherte. Dabei war jeder Muskel unter dem kastanienbraunen Fell zum Zerreißen gespannt, die Augen weit aufgerissen, dass man das Weiße in ihnen sehen konnte, und die Nüstern bis zum Anschlag gebläht. Das Pferd war misstrauisch und ängstlich und im Zweifelsfall zu allem bereit. Dem Jungen hingegen schien jede Angst und auch jede Vernunft zu fehlen.

Er war noch zwei Armlängen von dem Hengst entfernt und streckte behutsam eine Hand nach vorn, unablässig beruhigende Worte vor sich hinmurmelnd. Er blendete dabei alles andere um sich herum aus, überhörte die furchtsamen Zurufe der übrigen Burschen und auch den lauten Befehl des Prinzen, von dem Pferd wegzubleiben. Er bemühte sich, keine hastigen Bewegungen zu machen und seine noch sehr helle Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen.

Am Ohrenspiel erkannte Aswin, dass das Tier tatsächlich auf ihn reagierte. Es zögerte, hielt inne in seiner blinden Panik und begann zu überlegen, ob diese Geste tatsächlich freundlich gemeint sein konnte. Schon im nächsten Moment überwog allerdings die Skepsis und Fen musste sich unter fliegenden Vorderhufen hinweg ducken.

Dûrowinn und Aswin hielten dabei den Atem an, konten aber weiter nichts tun, denn in die Nähe des tobenden Pferdes zu gehen, würde den Jungen nur noch mehr in Gefahr bringen.

Es dauerte gut fünf Minuten, bis der Hengst sich wieder beruhigte. Der Prinz und der Stallbursche waren derweil kreidebleich geworden.

„Komm da endlich weg, Fen!“, rief Dûrowinn, als der Hengst schnaubend und nervös scharrend ein wenig Platz gemacht hatte.

Der junge mit dem dunkelblonden Kriegerzopf aber schüttelte abwesend den Kopf, ohne das Tier aus den Augen zu lassen. Seine Stimme blieb weiterhin ruhig und tief, soweit ihm das zumindest möglich war. Mit seiner ganzen Körperhaltung versuchte er dem Pferd zu vermitteln, dass es sich nicht fürchten musste. Aswin schaute fasziniert zu, und als Dûrowinn Anstalten machte, zwischen die anderen Burschen zu treten und Fen zurückzuholen, hielt er ihn am Ärmel zurück, legte den Finger an die Lippen und deutete auf die Szene, die sich nun vor ihnen abspielte.

Der Junge hatte sich erneut dem Pferd bis auf eine Armlänge genähert. Der Hengst stand wie angewurzelt. Schaum bedeckte noch immer seine Flanken und immer noch waren auch seine Nüstern gebläht. Dennoch wölbte er den kräftigen Hals nun der Hand entgegen, die sich ihm hinstreckte.

Dabei wurde Fen nicht ungeduldig, stellte Aswin fest. Als die Nüstern des Pferdes seine Fingerspitzen berührten, hielt er einfach nur ganz still, statt wie so manch anderer zuzugreifen und den Kontakt einzufordern. Nein. Der schmächtige Junge ließ Augenblicke und Augenblicke verstreichen, in denen das Pferd immer wieder bis auf Millimeter an ihn herankam, dann aber skeptisch die Mähne schüttelte und den Hals wieder zurückzog. Nach einer Ewigkeit, wie es den Umstehenden schien, fasste das Pferd schließlich Vertrauen und presste seine Nüstern in die dargebotene Hand.

Spätestens jetzt, so wusste der Stallbursche, machte jeder den Fehler, zu glauben, dass das Tier ihm willig folgen würde. Nicht so der Junge. Zehn weitere Minuten verstrichen, die er dem Hengst erlaubte ihn überall zu beschnuppern. Das Pferd trat auf ihn zu und um ihn herum und er verharrte still, wie festgenagelt. Erst als der Hals sich vertrauensvoll vor ihm senkte, ein Schauer durch die angespannten Muskeln ging und ein langes Schnauben den Nüstern entfuhr, wagte Fen, sich zu regen.

Ganz langsam und behutsam, ohne übereilte Bewegungen zu machen, schnallte er das Seil von seinem Gürtel. Mit ruhigen Worten erklärte er dem Tier, was er zu tun gedachte, und dass er nichts zu fürchten hatte, weil alles gut werden würde. Die kleinen spitzen Ohren drehten sich dabei in seine Richtung.

Dûrowinn blieb der Mund offen stehen, als sein Freund es tatsächlich schaffte, dem Pferd seinen Strick über die zerissenen Zügel zu legen, den Sattel abzuschnallen und ihn ohne Bocksprümge und Auskeilen neben sich her zu ihnen herüber zu führen. Eine Hand hatte er dabei beständig auf dem Nacken liegen und das Tier ließ den Kopf fallen und kaute wohlig.

„Am besten bringst du ihn für heute in den Stall“, meinte Fen nur schlicht, während er Dûrowinn den Strick in die Hand gab.

Für eine Sekunde ging ein Zucken durch das Tier, doch ein sanftes Tätscheln von Fens Händen versöhnte ihn mit der Situation.

„Wie hast du …?“, wollte Dûrowinn wissen, doch dann fiel sein Blick über seine Schulter auf die Zuschauer. Er hatte sich heute genug Blöße gegeben.

Aswin lächelte nur und ließ den Prinzen vorgehen. Er selbst schloss zu Fen auf, der wie üblich stillchweigend hinter dem älteren Freund herging.

„Das hast du sehr gut gemacht“, lobte der Stallbursche den Jungen. „Die meisten meiner Lehrjungen verstehen bis zum Schluss nicht, dass man Geduld haben muss. Sie sehen Sanftmut als Schwäche und mangelndes Durchsetzungsvermögen.“

Fen nickte nur abwesend. Dann plötzlich sah er Aswin allerings an und die blaugrüngrauen Augen des Jungen erschienen dem Mann für einen Moment ein wenig zu strahlend. Irritiert schüttelte er den Kopf während Fen leise erklärte: „Dieses Pferd ist frei geboren worden. Es kannte keine Hand und keinen Strick, bis Ihr ihm einen umgelegt habt. Ein solches Pferd zu führen, ist wie ein freies Volk zu führen. Man muss erst sein Vertrauen erlangen, bevor man es beherrschen kann und es einem folgt. Aber das sollte Dwinn besser wissen als ich.“

Der Stallbursche zog die schwarzen Augenbrauen zusammen.

„Nunja, du kannst dir sicherlich denken, dass sein Vater mich nicht mit dem Gedanken fortschickte, seinem Sohn nur ein schönes Pferd von den westlichen Bergen zu holen.“

„Nein, gewiss nicht. König Melias hat meist einen Grund für sein Tun. Er wollte sicherlich, dass dieses Geschenk für seinen Sohn gleichsam eine Lektion ist.“

„Du bist ein kluger Junge, Fen“, antwortete Aswin und sah die schmale Gestalt neben sich mit forschendem Blick an.

„Bin ich das?“, fragte der nur zurück und wieder war da etwas in seinen Augen, dass Aswin irritierte.

„Naja, vermutlich schon, denn du hast die Lektion bereits gelernt, die unser zukünftiger König vielleicht gerade erst zu begreifen beginnt.“

Als habe Dûrowinn ihre leisen Unterhaltung gehört, drehte er sich auf einmal zu ihnen um und sah den Stallburschen ein wenig reumütig an. Dann fragte er: „Wie heißt er eigentlich?“

Aswin klopfte Fen auf die Schultern und machte zwei schnelle Schritte, um neben den Kronprinz zu gelangen.

„Er heißt Kijanji, euer Hoheit. Der den Wind unter den Hufen trägt.“

Mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern drehte er sich noch einmal zu Fen um und dieser erwiderte beides.

Deleted Scenes – Ein Sturm zieht auf

Manche haben sich vielleicht gefragt: Wie ist das eigentlich weitergegangen? Also jetzt nach diesem unerwarteten ersten Kuss? Fenia und Martin ein Paar? Und was war mit diesem seltsamen Nebel?

Wohin das alles führte, das habe ich in Heimkehr ja geschrieben. Doch gibt es da wirklich so viel mehr. Im Prinzip all die Tage, die zwischen den Zeitsprüngen liegen. Aber wie hat eine liebe Kollegin neulich geschrieben? Kill your Darlings! – Verliere dich nicht in Belanglosigkeiten!

Für die Handlung war es nicht wichtig. Aber jetzt, jetzt kennt ihr die Geschichte und ich lass euch gern noch einmal zurückkehren zu der Nacht und dem Mond und dem unverhofften Kuss, um vielleicht zu sehen, was ihr beim ersten Lesen gar nicht sehen konntet. 😉

Zwei Herzen – Augen eines Sturms, der im Aufziehen begriffen war.

Fahndungsbild Fenia     Fahndungsbild Martin

 

Sein Herz zitterte, als seine Lippen ihre berührten. Alles in ihm schien in Aufruhr zu geraten. Es war wie ein Sturm, der durch sein Inneres fegte, während er gleichzeitig nach außen eine Ruhe spürte, wie sie ihn noch nie umfangen hatte. Alles war gut. Hier und jetzt. Er hielt sie in den Armen und nichts anderes zählte als das. Er spürte, dass es auch für sie befremdlich war, doch sie ließ sich ganz und gar darauf ein.

Zwei bebende Herzen, Augen eines Sturms, von dem sie nicht ahnten, dass er im Aufziehen begriffen war.

Nach einer Weile löste er sich vorsichtig von ihr. Er sah sie an und lächelte, bemerkte aber, dass ihr Blick schon wieder an ihm vorbei in die Ferne wanderte. Er drehte sich um und sah nur den Himmel und den vollen Mond daran. „Ich kann nicht mit euch gehen“, hörte er sie flüstern und begriff, was los war. „Fenia“, sagte er energisch, doch nicht zu laut, auch wenn alles in ihm schrie. Er hätte sie am liebsten fest an den Schultern gerüttelt, angeschrien, ihn anzusehen, sich nicht auf die einzulassen.

„Fenni, hey bitte. Sieh mich an“, forderte er noch einmal und legte ihr eine Hand an die Wange, die im Mondlicht fast silbern glitzerte. Für einen winzigen Augenblick glaubte er dabei wie durch einen feinen Schleier zu greifen, bevor seine Haut ihre berührte. Dann aber schüttelte er den Kopf. Das war Blödsinn. Hier war nichts weiter zwischen ihr und ihm. Nicht jetzt; nicht in dieser Nacht. Und wenn es nach ihm ginge, dann würde da auch nie wieder etwas sein.

„Ich glaube“, gestand er ihr schließlich, selbst kein wenig überrascht von seinen Worten, „Ich glaube, ich habe mich zum allerersten Mal verliebt.“ … Und ich hoffe, es wird ewig halten.

Auf diese Worte hin zuckte es kurz in Fenias Augen und sie sah wieder zu ihm. Ein kurzes Lächeln, flüchtig wie ein Wolkenschatten vor dem hellen Vollmond, huschte über ihre Lippen. Dann wurde ihr Blick wieder glasig.

Martin verstand, dass sie noch mehr sah als nur ihn, mehr hörte als allein seine Stimme. Er schloss die Augen, zog sie fester an sich. Er lauschte, ob auch er die klare, fordernde Stimme erneut vernehmen konnte, doch bließ ihm nur ein rauer Wind aus Richtung des Waldes ins Gesicht.

Sie will nicht, dass ich mich einmische, verstand er.

Sie wird ihren Willen bekommen. Wieder einmal. Sie fordert alles. Erneut. Immer fordert sie alles. Dieser zweite Gedanke kam so plötzlich wie ungebeten. Er war einfach da. Eine klaffende Wunde schwärender Gewissheit, dass es keinen Ausweg geben würde. Doch wusste er nicht, woher um alles in der Welt, er das wissen konnte. Sein Geist malte ihm erneut das unheimliche Bild jener Frau in den langen Gewändern ins Gedächtnis, wie sie über dem Nebel des Sees geschwebt war, unwirklich und substanzlos. Aber etwas in ihm wusste es besser. Sie hatte die Macht alles zu ändern, wüde nicht Ruhe geben, und sie forderte erneut einen Preis.

Er schüttelte den Kopf. Alles fühlte sich auf einmal taub und benommen und vernebelt an. Wieder diese Schleier, die sich auf seine Hände legten, die Fenia von ihm trennen wollten. Mehr Wind kam auf. Mehr Wolken schoben sich vor den Mond. Er spürte sie zittern und auch sich selbst.

„Komm weg hier“, flüsterte er, dabei wollte er es zornig schreien.

Überhaupt spürte er brodelnde Wut in sich. Er war hier mit ihr. Alles war gut. Endlich. Zum ersten Mal. Er liebte sie. Nein, es war nicht zu früh das zu denken. Er liebte sie, ganz gleich, was noch kommen würde. So wie sie war, weil sie ihn annahm, so wie er war. Er sah zu ihr und blickte immer noch in glasige Augen. Halb gefangen in Atemlosigkeit, halb in Angst.

„Ich bring dich hier weg“, sagte er entschlossen und sah zu der Wolkenwand, die über dem Wald aufzog wie ein drohendes Omen. „Du darfst nicht hierbleiben und du darfst nie wieder in die Nähe dieser Lichtung gehen.“

Fenia hörte seine Worte kaum, schmeckte immer noch die ungewohnt süße Berührung seiner Lippen auf ihren. Doch sie hörte auch die Stimmen, die riefen und flehten. Ihr Kopf drehte sich. Sie fühlte sich benommen. Martins Hände hielten sie, aber sie war sich nicht sicher, ob das nicht gleichzeitig alle Kraft aus ihr saugte.

Blödsinn, ermahnte sie sich zur Vernunft zu kommen. Doch das Schwindelgefühl wurde nicht besser. Als sie schließlich das Haus erreichten war sie leichenblass und kaum noch in der Lage selbst auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Joe wartete bereits im einsetzenden Regen vor der Tür. Er sagte nichts. Nur Sorge lag in seinem Blick. Sorge und etwas, dass weder Fenia noch Martin bemerkten, und selbst wenn, hätten sie es vermutlich nicht einordnen können.

Martin brachte sie ins Haus. Mit ein paar knappen Worten erklärte er den anderen, dass Fenia wohl unter den Folgen ihrer Gehirnerschütterung litt und er sie nach Hause fahren würde. Ihre Gesichter schwankten alle zwischen Erstaunen, Entsetzen und Ratlosigkeit, doch kam keine Widerrede.

Martin griff nach seiner Jacke, in der er den Schlüssel für sein Mottorrad hatte. Er legte sie um Fenias Schultern und noch bevor irgendwer die Situation kommentieren konnte, waren sie auch schon wieder vor der Tür. Der Wind frischte weiter auf und es war klar, dass das Wetter nicht mehr lange halten würde. Aber es war nicht weit bis zu Fenias Elternhaus.

Als der Regen schließlich einsetzte, hatte Martin Fenia schon zu Hause abgeliefert. Ihre sehr besorgte Mutter hatte die neben sich stehende Tochter in Empfang genommen. Martin hatte in Fenias Blick lesen können, dass die Stimmen sie immer noch erreichten; sie immer noch quälten und nicht losließen. Er hatte den dringenden Wunsch verspürt, Frau Edani zu sagen, wie wichtig es war, dass sie ihre Tochter heute Nacht nicht mehr aus dem Haus ließ. Überhaupt in keiner Nacht. Doch wer war er schon, dass er sowas hätte bringen können?

Er hatte sich kaum gewagt mit Namen vorzustellen, denn was konte Fenia daheim schon über ihn erzählt haben? Außerdem war Frau Edani gewiss nicht die Sorte Mutter, die ihre verwirrte und offensichtlich benommene Tochter aus den Augen lassen würde, wenn sie ihr so mitten in der Nacht gebracht wurde.

Für einen Moment musterten die braunen Augen Martin auch und ihr Blick war nicht weniger eindringlich als der blaugrüngraue ihrer Tochter. Er musste schlucken, und als sie ihn zuletzt gefragt hatte, wer er überhaupt sei, hatte er nur gelogen: ein Freund.

Jetzt raste er in strömendem Regen die nassen Feldwege entlang. Dann bog er scharf in den Wald ab. Nein, er hatte nicht vor, zu Nina und den anderen zurückzufahren. Zumindest nicht sofort. Er wusste, dieses Unwetter hier war kein gewöhnliches. Nicht die Gewalten der Natur waren dafür verantwortlich, sondern sie; einzig und allein sie: die Frau im Nebel, die ihn und Fenia zu trennen gedachte, jetzt, wo sie sich gerde erst gefunden hatten.

Er fuhr schneller als er sollte auf dem rutschigen Untergrund und kam mehr als einmal ins Schlingern. Aber das störte ihn nicht. Die zwanzig Minuten, die er brauchte um die kleine Waldlichtung zu erreichen kamen ihm dennoch wie eine Ewigkeit vor. Er ließ sein Motorrad so achtlos in den regenanssen Boden vor dem schmalen Durchgang durch die Brombeeren fallen, wie vor drei Wochen erst, als er Fenias Schrei dahinter vernommen hatte. Er spürte wie auch an diesem Tag, dass etwas nicht stimmte. Diese fremde Präsenz, sie erfüllte die Lichtung und seine Gedanken und sie hieß ihn fortzugheen. Aber er dachte ja nicht im Traum daran.

Auf der Lichtung selbst war nichts. Nichts außer dem kleinen See und dem Felsen und dem Regen, der durch die dicht belaubten Blätter der Äste ringsum fiel. Martin ging zum Rand des Gewässers. Er fixierte die Stelle, an der er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er wollte sie beinahe heraufbeschwören, nur um es ihr ins Gesicht schreien zu können.

„Du kriegst sie nicht!“, rief er schließlich, wutentbrannt, ohne ganz zu verstehen, woher diese ganze Wut kam. „Du kriegst sie nicht, den sie gehört dir nicht!“

Ein Blitz zuckte über den Himmel, ein krachender Donner folgte wie als Warnung. Martin fühlte sich dadurch erst recht provoziert. Er watete in das Wasser, bis es ihm bis über die Knie ging. Wütend schlugen seine Fäuste auf die augepeitschten Wellen ein. Er glaube, einen schwachen grauen Schein vor sich über dem Basaltbrocken erkennen zu können.

„Lass sie in Ruhe! Lass sie ein für alle Mal in Ruhe. Sie ist ein Mensch. WIR sind nur Menschen. Wir haben mit euresgleichen nichts zu schaffen. Also bleib fern von ihr!“

Wieder ein Leuchten, dass den Himmel über ihm erhellte. Wieder Donnerkrachen. Die Folge von Licht und Lärm wurde immer schneller. Martin überkam das ungewöhnliche Verlangen nun hoch oben selbst zwischen den Wolken zu sein und Blitz und Donner aus nächster Nähe zuzusehen, wie sie wütend auf die Erde einschlugen. Aber der Gedanke war so absurd wie die Tatsache, dass er hier war.

Nach einer Weile, die er weiterhin gegen die Naturgwalten angeschrien hatte wie ein Wahnsinniger, kam er schließlich wieder zu sich. Der Regen ließ nach. Der Sturm zog weiter. Die Wut in ihm legte sich ein bisschen. Die Angst nicht. Angst nicht vor der Frau, sondern davor, was er in Fenias Augen gesehen hatte, was in ihrer Stimme mitgeklungen war vor Tagen.

Bist du denn gar nicht neugierig?“

Nein, er war nicht neugierig. Nicht darauf. Nicht so. Er wusste, es zog sie an und würde sie weiterhin anziehen und sie würde nicht locker lassen, sie zu rufen. Auf dem Rückweg zu den anderen dachte er noch einmal darüber nach, ob er nicht doch mit Joe sprechen sollte. Er war Fenias bester Freund. Ihm war sicherlich ebenfalls daran gelegen, ihr zu helfen.

Allerdings verwarf er den Gedanken so schnell wieder wie er aufgekommmen war. Joe und die anderen mussten jetzt erstmal die neue Situation verstehen. Das war das Allerwichtigste. Und es würde noch schwierig genug werden. Er grübelte lange darüber, was er ihnen sagen sollte. Als er aber schließlich am Hof von Ninas Eltern ankam, hatte der Sturm sich bereits verzogen und auch alle Worte mit denen er hätte erklären können, was los war.

Stumm nahm er das Handtuch an, dass Nina ihm reichte. Stumm ertrug er auch ihre frgenden Blicke. Nur die von Joe waren nicht fragend. Sie waren bohrend, anklagend fast. Er verstand nicht wieso.

„Geht es ihr gut?“, fragte Joe schließlich, als sie sich auf dem Heuboden der Scheune in die Schlafsäcke wickelten.

Martin hatte sich bewusst weit von den anderen weg gelegt, damit Lena nicht weiterhin irgendwelche Annäherungsversuche starten konnte. Seine Gedanken waren bei Fenia. Bei ihrem Kuss. Bei all dem Neuen und all dem Fremden, was plötzlich über ihm hereinbrach. Dennoch musste er lächeln.

„Keine Sorge, Joe“ murmelte er, bevor er einschlief, „für heute Nacht ist alles okay. Aber ich pass in Zukunft besser auf sie auf. Ich versprech’s.“

 

Deleted Scenes – Fenia und Martin

Ich hate euch ja versprochen, dass ich euch noch ein paar der Szenen zusammenschreiben werde, die ich immer im Kopf hatte, die es aber nie ins Buch geschafft haben. Heute gibt es einen ersten Teil davon.

Dieses Fragment setzt nach Fenias Sturz am See ein, als Martin sie ins Krankenhaus brachte. Ich bin oft gefragt worden, wie sie sich in ihn verlieben konnte und nicht in Joe. Die Antwort ist simpel und ihr kennt sie schon: “Ein Herz und ein Verstand liegen manchmal soweit auseinander, dass man schwerlich glauben kann, dass sie zu ein und derselben Person gehören.”

 

Viel Spaß hiermit. Im übrigen werden diejenige, die alle drei Bände kennen, glaube ich, die Andeutungen verstehen. Eine Fortsetzung hierzu folgt bald. 🙂

 

Fenia_jünger  Martin_Llewellyn

 

Die Hände tief in den Taschen vergraben schlenderte Martin langsam die kahlen, weißen Flure entlang. Sie gab ihm Rätsel auf. Mehr als je zuvor. Dennoch konnte er sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn er an ihr blasses, zorniges Gesicht dachte, mit dem sie ihn anfangs angestarrt hatte. Kein Mädchen sah ihn je so an … so herausfordernd, durchdringend; und er hatte das Gefühl, sich vor dem Blick ihrer Augen nicht verstecken zu können.

Die ganze Fahrt nach Hause und die ganze folgende Nacht lag er wach und dachte über ihr Gespräch nach. Er lächelte und zuletzt hatte auch sie gelächelt. Mit diesem Bild im Kopf wollte er sich umdrehen, einschlafen, konnte aber nicht. Seine Erinnerungen wanderten zurück zur Lichtung im Wald.; die Frau im Nebel über dem Wasser; wie ihre langen Gewänder geweht hatten; wie sie ihre Finger nach Fenia ausgestreckt hatte, als könnte sie sie zu sich ziehen, sie besitzen.

Er presste die Augen fest zu. Fenias Gesicht vor seinem Gedächtnis verschwamm. Er blickte in ein paar dunkel funkelnde Augen wie Kohlestücke. Seine Fäuste ballten sich. Wut kochte in ihm hoch.

Sie forderte einen Preis. Immer forderte sie diesen Preis, dachte es in ihm, doch er wusste nicht, woher der Gedanke kam. Er war einfach da. Genauso wie dieses Gefühl von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein.

Man konnte dem Schicksal nicht entfliehen! Niemals. Es war unvermeidlich.

Angst griff nach ihm, sowie der Nebel in seinen Gedanken höher stieg und Fenias am Boden liegende Gestalt erreichte. In ihrem Gesicht las er seine Angst. Angst vor der Frau, die nicht existieren konnte. – Das durfte alles nicht echt sein.

‘Schluss!’, dachte er, riss die Augen auf und kehrte zurück ans Fenster, um auf den sternenübersäten Himmel zu starren.

Wenn Joe hier wäre, dachte er einen Moment, dann könnte er mit ihm darüber reden. Gleichzeitig aber wusste er, dass dies Ausflüchte waren. Er sprach immer über alles mit Joe. Aber das hier? Würde er es wirklich erwähnen können? Würde Joe ihn nicht gar am Ende für völlig verrückt halten?

„Wir sollten niemandem davon erzählen“, tat Martin zwei Tage später kund, während Fenia im Park um das Krankenhaus die ersten, noch ganz wackeligen Schritte tat.

Martin saß auf der Lehne einer Bank und sah ihr dabei zu. Wann immer sie für einen kurzen Moment ins Taumeln geriet, zuckte sein Körper nach vorn, als wolle er aufspringen, um sie vor dem Stürzen zu bewahren. Ein Blick von ihr reichte allerdings, dass er still auf der Bank verharrte.

Sie hatte bereits vorhin, als er ungefragt in ihrem Zimmer aufgetaucht war, deutlich gemacht, dass sie keinen Babysitter wollte.

Martin sah, dass sie sich quälte und das Laufen ihr noch sehr schwerfiel. „Es hat dich ganz schön erwischt“, stellte er fest.

Wieder antwortete nur ihr Blick, der einen lebendigen Drachen eingeschüchtert hätte. Martin musste grinsen. Dann aber sprang er mit einem Satz von der Bank.

„Komm. Du solltest dich wieder hinlegen.“

Fenia protestierte nicht, als er sie auf ihr Zimmer begleitete. Im Gegenteil. Sie war dankbar, dass er sie ohne Worte schließlich allein ließ.

Auch nach diesem Besuch kreisten Martins Gedanken noch lange um nichts anderes als sie. Diesmal musste er an den Augenblick denken, als sie sich das erste Mal gegenübergestanden hatten.

Lena hatte ihm ihre Freundinnen vorstellen wollen. Fenia hatte mehr zufällig still neben Yvonne gesessen. Sie hatte vor sich hin gelächelt, war in Gedanken weit fort gewesen. Als Lena kühl ihren Namen genannt hatte, hatte sie aufgeblickt, ihn angesehen. Da war zunächst nur Neugier gewesen. Dann aber war etwas mit ihr geschehen und mit ihm.

Der Ausdruck auf ihren Zügen, bis dahin friedlich und entspannt, war abweisend und verschlossen geworden. Ein Gedanke war ihm urplötzlich gekommen: ‘Als zöge sie einen grauen Schleier um sich.

Völlig absurd!

Doch dieses Gefühl hatte alles geändert. Sie mochte ihn nicht, das hatte ihm jede Regung auf ihrem erstarrten Gesicht gesagt. Und Etwas in ihm hatte beschlossen, sie auch nicht zu mögen.

Totaler Blödsinn, wie er jetzt befand.

Sein dummer Stolz, das ewige Gefühl und der Drang immer gleich überall und von jedem gemocht werden zu müssen, im Mittelpunkt zu stehen, hatten in ihre stille Art etwas hineingelesen, was vermutlich gar nicht darin gewesen war. Zumindest nicht am Anfang, bis er begonnen hatte, sie mit seiner herablassenden Art zu behandeln.

„Du glaubst immer, wenn dir einer nicht gleich um den Hals fällt, dass derjenige dich dann direkt abgrundtief hasst. Aber hast du mal daran gedacht, dass man erst mal Zeit braucht, jemanden kennenzulernen, bevor man diese Entscheidung treffen kann?“

Joes Worte hatten ihn damals wütend gemacht. Und das war gewesen lange bevor sie Lena oder Fenni überhaupt getroffen hatten. Vieles macht ihn ständig wütend. Auch heute kam er mit ihrer Zurückhaltung und ihrem Schweigen nicht gut klar. Dennoch, in den Momenten, wenn sie lächelte, dann konnte er dieses seltsame Etwas in sich, das sie nicht leiden wollte, vergessen. Dann konnte er bemerken, wie außergewöhnlich ihre Augen waren, die groß und dunkel und grau-grün-blau nicht von dieser Welt schienen.

Er ertappte sich einmal mehr in diesen Tagen bei jenem dümmlichen Grinsen, dass diese Art von Gedanken immer in sein Gesicht schnitt. Er sah es, als er durch die Glastür hinter dem Eingang in Richtung der Treppe nach oben ging und kurz einen Blick auf sein Spiegelbild darin erhaschte. Er ignorierte den Betreuer, der ihn fragte, wie es ihm ging und wie sein Tag gewesen war, – aufgesetzte Nettigkeit konnte ihm gestohlen bleiben. Er sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo sein und Joes Zimmer lag.

Ob er mit Joe darüber sprechen sollte? Wenn schon nicht über ihre seltsame Begegnung im Wald, dann musste er ihm doch wenigsten begreiflich machen können, wie nett und faszinierend er Fenia mittlerweile fand, je mehr er sie kennenlernte. Dabei hatte er sich nie für ein Mädchen interessiert, dem er nicht auf Anhieb einen zweiten Blick hinterher geworfen hätte. Aber es war nicht das. Mit ihr reden war … war so einfach und unkompliziert. Es war ein wenig, wie wenn er mit Joe redete. Sie war nie falsch, nie unehrlich. Auch wenn sie immer erst mal lange darüber nachzudenken schien, was sie sagte und wann.

Er ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen. Vermutlich, dachte er, brauchte er mit Joe darüber gar nicht reden. Der wusste schließlich am besten, wie gut man mit Fenia befreundet sein konnte. Er würde es verstehen, wenn sie ihn in vier Tagen gemeinsam abholten. Vorausgesetzt Fenia durfte mitkommen. Morgen kam sie erst wieder nach Hause. Aber sie hatten ausgemacht, dass sie Joe überraschen wollten.

Naja, dachte Martin bei sich, er konnte sie ja übermorgen mal daheim besuchen gehen und schauen, wie es ihr ging.

Nur unter Protest und der Auflage, dass sie auch ja ihr Handy mitnahm, hatte Fenias Mutter schließlich zugestimmt, dass Martin Fenia abholen durfte und sie gemeinsam Joe vom Bus abholten. Sie sollte außerdem anrufen, wenn sie heim wollte, und auf gar keinen Fall später als sechs. Fenia hatte das Gesicht verzogen, was Martin gut nachvollziehen konnte. Sie hatte kurz erwähnt, dass sie das letzte Mal mit neun Jahren um sechs Uhr zu Hause hatte sein müssen, doch dann hatte sie es brav versprochen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

Martin hatte sie die ganze Fahrt damit aufgezogen und sie hatte sich nicht anders als mit trotzigen Worten wehren können, weil sie hinter ihm saß und sich festhalten musste.

„Das Ding fährt aber garantiert schneller, als die angegebene Höchstgeschwindigkeit!“, kommentierte sie, als sie schließlich abstieg und den Helm von ihrem zerzausten Haar nahm. Martin grinste nur.

Sie hatten noch gut eine halbe Stunde Zeit, die sie es sich kaugummikauend auf den Bänken des Busbahnhofes gemütlich machten.

„Ihm wird alles aus dem Gesicht fallen, wetten?“

Martin lachte und Fenia nickte dazu. Doch sie wirkte abwesend.

„Mit welchen Fabelwesen bist du denn schon wieder in Narnia?“, fragte er und schob sich rücklings auf die Lehne der Bank.

Die Erwachsenen ringsum warfen ihm dafür missbilligende Blicke zu. Martin störte sich aber nicht daran. Er war es nicht anders gewohnt.

Fenia schwieg beharrlich. Erst nach einigen Minuten schüttelte sie schließlich den Kopf und meinte: „Nein, das ist es nicht. Ich denke gerade darüber nach, dass du vermutlich Recht hast.“

„Hört, hört!“, kommentierte Martin, „Das ist schön. Aber womit genau, wenn ich fragen darf?“

„Na, als du im Krankenhaus meintest, wir sollten Joe nichts davon sagen. Also von der Sache am See.“

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum, warf energisch eine Haarlocke aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, und fügte hinzu: „Zumindest nicht, bis wir Näheres herausgefunden haben.“

Bei dieser Bemerkung war es nun Martin, dem sprichwörtlich alles aus dem Gesicht fiel. Sein Mund blieb offen stehen. Der Kaugummi landete auf den Sitzbrettern der Bank, was ihm nicht einmal auffiel.

„Bitte was?“, fragte er entsetzt. „Du hast doch nicht etwa vor, dahin zurückzugehen?“

Fenia starrte ungläubig zurück. Dann sah sie sich um, legte den Finger an die Lippen und sprach leise weiter: „Nicht so plärren. Und doch. Ja. Warum nicht? Ich mein, bist du nicht neugierig? Wer sie ist? Was sie wollte?“

Martin rang mühsam um seine Beherrschung. Er hatte das Gefühl nicht vergessen, das ihre Anwesenheit in seinen Gedanken ausgelöst hatte. Diese beklemmende Ahnung, dass sie sich ganz und gar seiner bemächtigen und ihn vernichten würde, wenn er sie nicht davon abhielt.

„Das … das kann nicht dein Ernst sein“, stotterte er fassungslos. „Du möchtest es tatsächlich darauf anlegen, diesem … diesem Ding wieder zu begegnen?“

Fenia ließ eine Kaugummiblase platzen, sah ihn mit funkelndem Blick an und nickte.

„Stell dir doch mal vor, was das alles bedeuten könnte. Wir …“

„Fenni!“, schrie Martin sie nun unbeherrscht an und die Blicke der anderen Wartenden wandten sich ihnen zu. Er senkte die Stimme und flüsterte fast, als er fortfuhr: „Fenni, sei vernünftig. Bleib da weg. Das ist zu gefährlich. Du hast gerade zehn Tage deswegen im Krankenhaus gelegen.“

„Aber doch nur, weil ich mich erschrocken habe. Begreifst du nicht, was für ein Wunder das war?“

Er blickte sie skeptisch an.

„Unsere Definition von ‘Wunder’ scheint relativ stark zu differieren“, machte er einen hohlen Scherz und setzte dann hinzu: „Bitte tu mir einen Gefallen, und geh da nie wieder hin.“

Jetzt wurde der Blick in ihrem Gesicht wirklich wütend.

„Ich brauche niemanden, der mich bemuttert! Danke auch!“

Damit sprang sie auf und kam gleich ins Taumeln, da das für ihren angeschlagenen Kopf noch zu viel war. Martins Hand zuckte vor, doch sie fing sich selbst wieder. In diesem Moment bog der Bus um die Ecke.

„Es sollte kein Bemuttern oder Bevormunden sein“, erklärte er rasch.

„Sondern was?“, hakte Fenia nach. Ihr Stimme war kühl und bissig, doch verflog bei seinen nächsten Worten der eisige Blick von ihren Zügen.

„Nimm es als gut gemeinten Rat eines Freundes, der sich um dich sorgt“, entfuhr es Martin, bevor mit einem Zischen neben ihnen die Bustüren aufgingen und Joe als einer der Ersten hinausdrängte. Völlige Verblüffung war noch immer reichlich untertrieben für den Ausdruck in seinem Gesicht, als Fenia und Martin sich nun gemeinsam zu ihm umwandten und beide ein Lächeln aufsetzten.

Später, als sie wieder in ihrem Zimmer waren und Joe in einem fort redete, weil er sowohl von seinem Urlaub berichten wollte, als auch seine Fassungslosigkeit über die jüngsten Ereignisse zum Ausdruck bringen musste, gingen Martin nur wieder und wieder seine eigenen Worte durch den Kopf.

eines Freundes, der sich um dich sorgt. …

Warum schaffte sie es eigentlich jedes Mal, dass er sich in ihrer Gegenwart wie ein dummer, kleiner Junge benahm?

Er wollte wütend darüber werden, doch er konnte nicht. Er wusste längst, dass er verloren und kapituliert hatte. Dem Blick aus ihren Augen, fragend, forschend und immer ein wenig verschleiert, hielt er nicht stand. Joes Geplapper tröpfelte in seinen Kopf, während er sein Herz rasen fühlte und nur noch ihr Gesicht in Gedanken vor sich sah.

 

gelöschte Szene zu “Der Stern von Erui – Heimkehr – “

Drachengeburt

Mit literarischen Adventskalender wird man ja zugeschüttet dieses Jahr, darum gibt es bei mir auch keinen. Aber Nikolaus ist eine Ausnahme. Darum gibt es heute einen kleinen Schnipsel von mir. Er gehört in kein größeres Werk. Ich habe ihn geschrieben um mich auf mein Novemberprojekt dieses Jahr einzustimmen (Das Herz des blauen Drachen).

Ein kleiner Einblick wie es sein könnte, wenn am Drachenberg in Erui neues Leben aus den feurigen Felsen erwacht und zum Himmel aufsteigt. Meine Drachenkinder für euch. Ich wünsche euch einen wunderschönen zweiten Advent.

 

Überall wäre das Gelege aus glutroten Eierschalen mit den zartgoldenen Streifen aufgefallen. Überall, nur nicht in diesem abgelgenen Winkel der speienden Schlucht. Zwischen den zähfließenden Bächen kochender Lava, weiß und hellorange strahlend, gingen die fragilen Schalen unter und hoben sich kaum ab von der Landschaft die heißer zu glühen schien, als der Kern der Erde selbst. Kochender, schwefelgelber Dampf stieg hin und wieder aus einzelnen Erdspalten auf und entfleuchte zum Himmel. Dort nahm er für Augenblicke die Sicht auf den Berg, der in der Ferne aufragte. Riesige Schwärme schwingentragender Echsen umflogen ihn.

Dort unter ihnen befand sich auch das Drachenweibchen, das vor Jahr und Tag das Gelege an den Hang eines der heißesten Vulkane dieser Gegend gelegt hatte. – Die Eier des roten Schwarms brauchten die Hitze, den Dampf und mit sehr viel Glück auch genug Schwefel, der sich als feine Schicht auf den Eiern ablagerte, den schlüpfenden Jungen direkt in die geblähten Nüstern kroch, um ihnen gleich die ersten Flammen zu entlocken.

Ein Geysir in der Nähe sprühte zornig zischend Dampf in die Luft und als er sich legte, als das Zischen nachließ, war es für einen Moment totenstill. Dann zerriss ein Krachen diese Stille, ein Krachen, wie das Brechen eines Knochens oder das Bersten eines Schädels. Ein zweites gesellte sich dazu und dann ein drittes.

Die glutroten Eier bekamen feine Risse entlang ihrer goldenen Linien. Ein erstes sprang auf und ein Jungtier von rot-violetter Farbe entstieg der Schale. Die Schwefelkammer unter der Erde kommentierten seinen Schlupf mit einer geballten Ladung Dampf, den der junge Drache mit dem ersten Atemzug in die Lungen bekam. Eine wütende Flame schoss aus seinem Maul und traf das übrige Gelege.

Knack, knack! Zwei weitere barsten. Ein orangefarbener und ein kupferner Drache entstiegen ihren zu eng gewordenen Behausungen. Auch sie schüttelten sich. Dann blickten sie sich um, sahen einander an, sahen auf das Gelege mit ihren Geschwistern, die noch im Schlupf begriffen waren. Der Geysir zischte ein weiteres Mal und neue Schwefelfontänen schossen in die Luft.

Als wäre dies ein Zeichen, sprangen alle drei auf einmal in die Luft, klappten die ledrigen, noch ein wenig knittrigen Schwingen das erste Mal auf. Grelle Schreie donnerten durch die Schlucht. Der Berg begann zu rumoren. Aschewölkchen stoben empor aus dem Krater.

Der Orangeling stieß sich gleich hinauf bis zu seinem Rand, glitt dicht über den Lavasee dahinter. Seine Flügelspitzen tauchten ein Stück weit in das geschmolzene Gestein. Die Hitze ließ ihn schreien. Seine magentafarbene Schwester war ihm gefolgt. Er drehte sich um, spie eine Feuerfontäne in ihre Richtung. Sie duckte sich darunter weg. Ihr Atem sammelte sich. Die winzige Brust schwoll an. Eine Druckwelle fuhr in den See und Lava schwappte dem Bruder entgegen.

Auch der dritte Schlüpfling erhob sich über den Rand, dann ein vierter in flammenrot und ein fünfter, blauviolett, wie nur die heißesten Flammen werden können.

Feuer, Schwefel und Dampf machten die Winzlinge rasend vor Wut und Freude darüber, am Leben zu sein. Wütend über den See und den Hang hinweg tobend und rasend vor Zorn und ungebändigter Lebensfreude schossen die Jungtiere Stunden und Stunden dahin. Zu gefährlich selbst, als dass sich die Älteren in ihre Nähe trauten. Doch das mussten sie auch gar nicht. Die Zeit würde ihre Gemüter abkühlen. In fünfzig bis hundert Jahren würden sie sanfter, ruhiger werden, das Feuer in sich zu bezähmen wissen. Dann, wenn sie die Luft und den Boden um sich her nicht mehr jede Sekunde zu versengen drohten, würden sie zu dem riesigen Schwarm stoßen. Doch bis dahin konnten sie Feuer, Dampf und Schwefel spucken, so viel sie wollten.

So ist es und so war es schon immer, wenn die Drachen geboren wurden, an den Hängen des Irdonîn – der Heimat aller Drachen, weit im Südwesten der magichen Welt.