Fahndungsbild Martin

Bonusszene – Der schwerste Schritt

Sternschnuppen für euch

Immer wieder gibt es kleine Blitzlichter aus und rund um den Stern von Erui, die ich einfach festhalten muss. Es sind ikonische Szenen, die ich so schon taussendmal vor Augen hatte, die aber selbst in der Geschichte keinen Platz haben. Nur die Fakten dazu wurde irgendwo mal genannt. Dennoch sind manche davon so schön, dass ich sie nicht für mich behalten will.

Ich habe mir auch fest vorgenommen, diese Szenen eines Tage in einem Buch zusammenzufassen und für euch auf Amazon zu stellen. Also für alle wirklichen Fans, die einfach nicht genug bekommen können.

Diese Szene hier ist ein winziger Einblick in Llewellyns Leben, bevor es ihn durch die Nebel getragen hat. Ich hoffe, euch damit einen Einblick in seine Seele zu schenken, die vielleicht verstehen lässt, warum er manches mal so handelt, wie er es tut. Geschrieben habe ich sie schon lange, doch veröffentlicht wird sie nun erst im Rahmen der Fantasyzeit auf Zebrabooks. 🙂

 

Der schwerste Schritt

„Wenn du so weitermachst, Gaya, dann wird der Junge bis zum Ende seines Lebens an deinem Rockzipfel hängen.“

Cormac runzelte missbilligend die Augenbrauen. Seine Frau hob gerade ihren Sohn wieder auf die Füße, klopfte ihm Staub und Schmutz von seinem weiß-goldenen Hemdchen und streichelte zart über die aufgeschürften Handflächen. Unter der sanften Berührung heilten die kleinen Kratzer in Sekunden zu. Dennoch liefen weiterhin Tränen über die blassen Wangen und man sah, wie der Junge die kleinen Fäuste ballte.

Traurig und wütend starrte Llewellyn auf den Abhang hinter dem die anderen Kinder verschwunden waren. Cormacs Blick folgte seinem und er konnte nur den Kopf schütteln, als seine Frau ihren Sohn vom Abhang fort und hinter sich her wieder in Richtung Schloss zog.

„Es ist ohnehin viel zu gefährlich da unten. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich gar nicht erst zu ihnen gelassen.“

Llewellyns Blick flog sehnsüchtig über die Schulter. Von unten auf dem schmalen Felsenpfad drangen das Lachen und die Rufe der anderen Kinder hinauf. Es war das erste Mal, dass er mit ihnen hatte spielen dürfen. Tagelang hatte er gebeten und gebettelt, bis seine Mutter es ihm schließlich erlaubt hatte. Eigentlich wollte sie von solchen Unternehmungen nichts hören. Oben im Schlossgarten war genug Platz, wie sie befand, und alle mal gab es ausreichend Zerstreuung für den kleinen Prinzen. Wenn er unten in die Höfe wollte, konnte er zu den Ställen gehen und den Stallmeister bitten, ihn auf einer der alten Stuten reiten zu lassen. Außerdem beschäftigte die Königin sich ja selbst oft Stunden und Stunden mit ihrem Sohn.

Bevor man ihn aber diesmal mit seiner Kinderfrau hoch in den Turm zu seinen Gemächern schickte, nahm sein Vater ihn auf die Seite und blinzelte ihm verschwörerisch zu.

„Morgen reiten wir hinaus zu den Weilern hinter den Brücken, was meinst du?“

„Cormac!“, hörte man im Hintergrund die Feenkönigin sich entrüsten, doch ihr Mann ließ keinen Protest zu.

„Llewellyn ist unser Sohn. Er ist der Kronprinz von Fenlar. Und du versteckst ihn schon viel zu lange hinter diesen Mauern. Kein Wunder, dass sie ihn in den Dreck schubsen und nicht dabei haben wollen.“

„Sie haben ihn nicht geschubst. Der Schmied sagte, er sei gefallen. Für einen Fünfjährigen ist es entschieden zu gefährlich unten im Bruch zu spielen.“

Jetzt drehte sich Cormac um und funkelte sie an. Früher wäre er wütend geworden. Doch Gayas aufbrausendes Temperament hatte ihn gelehrt nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

„Liebes, alle Kinder des Schlosses haben immer schon da unten gespielt. Die Älteren haben den Kleinen die Pfade hinab gezeigt und die Größeren fliegen sowieso hinunter.“

„Es mag sein, dass alle Kinder des Schlosspersonals schon immer da gespielt haben. Ich selbst kann mich nicht erinnern, jemals dort hinabgeklettert zu sein. Der Weg ist steil und gefährlich. Und unser Sohn ist fünf!“

„Ich bin schon zwölfmal mit euch beim Eisfest unten in den Fjorden gewesen“, warf der kleine Prinz ein, „und Papa hat mir erzählt, dass er auch immer in den Bruch runter geklettert ist.“

Das Funkeln in den grauen Augen der Feenkönigin nahm zu. Cormac wusste, dass jetzt der Zeitpunkt war, an dem man nicht weiter mit ihr diskutieren sollte. Dabei konnte er Llewellyn so gut verstehen.

„Lew, deine Mutter und ich besprechen das. Aber wir beide reiten auf jeden Fall morgen raus. Darauf hast du mein königliches Wort.“

Er strich ihm über den Kopf, der im Licht der untergehenden Sonne so gleißend golden funkelte wie seiner. Dann schickten sie nach der Kinderfrau, dass sie den Prinzen für das Abendessen umziehen möge. Bis sie gekommen war, um Llewellyn mitzunehmen, sprachen König und Königin weiter nur über Belanglosigkeiten. Kaum aber war die Tür hinter ihnen zugefallen, fauchte Gaya ihren Mann an.

„Wie kannst du ihm solche Versprechungen machen? Du weißt, was ausgemacht war.“

„Dass er das Schloss nicht verlässt, bis er zwölf ist. Gaya, das ist lächerlich! Lew ist ein kluger Junge. Er ist aufgeweckt und neugierig, und du kannst ihn nicht von der Welt fernhalten.“

„Ach nein? Ich soll ihn also dieser Welt lieber zum Fraß vorwerfen? Und das nächste Mal, wenn die Dörfer im Osten an der Küste brennen, dann müssen wir darum bangen, dass er dort sein könnte, weil er mit seinen Freunden jenseits der Brücken gespielt hat?“

Cormacs Miene verfinsterte sich nun.

„Unser Sohn hat jenseits der Brücken keine Freunde. Er hat ja nicht einmal welche innerhalb dieser Mauern. Die anderen Kinder meiden ihn, weil sie wissen, dass du mit den Augen eines Greifen jedem seiner Schritte folgst.“

„Ja, richtig! Aber weißt du auch warum? Weißt du, wie sie ihn nennen?“ Sie machte eine theatralische Pause. „Prinz der Pferdeställe. König der Heuhaufen!“

Cormac schluckte. Ihm lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ich weiß, du beharrst darauf, dass du auch immer mit den anderen frei und wild unten an den Kampfarenen und im Bruch umher gestreift bist. Aber du warst auch kein Prinz. Du willst, dass sie lernen, ihn ernst zu nehmen? Dann mach ihn nicht zum Spielkameraden und Prügelknaben des gemeinen Volkes. Er kann sein Land und sein Reich kennenlernen, wenn er alt genug dafür ist; als der Königssohn, als der er geboren wurde.“

Cormac schüttelte den Kopf. Bitterkeit mischte sich in seinen Blick und eine lange Stille senkte sich zwischen sie. Es brannte ihm dabei auf der Zunge, auszusprechen, was ihm als erstes in den Sinn kam, doch er scheute sich davor. Er drehte die Worte im Kopf hin und her, wusste, dass sie wahr waren und dass sie genügen würden, Gaya über all das Gesagte nachdenken zu lassen. Dennoch brachte es nicht fertig.

Als sie nach einer Weile von hinten an ihn herantrat, ihm ihre weichen Finger auf die Schultern und in den Nacken legte, sich leise flüsternd vorbeugte und sagte: „Lass uns aufhören zu streiten, mein Lieber“, da konnte er ihr fast verzeihen, dass sie so verstockt auf ihrer Meinung beharrte, so überängstlich ihr Kind zu schützen versuchte, vor einer Gefahr, die mehr eingebildet als real war.

„Ihr könnt doch morgen genauso gut ein wenig auf dem Übungsplatz reiten. Llewellyn sitzt doch erst seit ein paar Wochen sicher im Sattel. Gib ihm Zeit“, fügte sie schließlich mit versöhnlicher Stimme hinzu.

Doch es reichte, damit dem Feenkönig nun endgültig der Kragen platzte.

„Hör auf damit, mich manipulieren zu wollen! Früher mag das mal funktioniert haben, als ich noch blind war vor Liebe. Blind, weil ich dachte, ich sei für dich der Einzige, wie du es für mich stets gewesen bist. Aber die Zeit hat mich eines besseren belehrt. Und sie wird dich lehren, dass du irgendwann loslassen musst, Gaya. Niemand fordert von dir, diesen Sohn fortzugeben. Du sollst ihm lediglich ein paar Freiheiten gewähren, damit er kein weinerliches Muttersöhnchen werden muss. Wenn ich richtig höre, dann reitet der Sohn von König Melias bereits mit dem Pferd seines Vaters Wettrennen auf den Straßen Caer‘Arions.“

Diese letzten Worte setzte er leise aber mit sehr viel Nachdruck hinzu und konnte beobachten, wie seiner Frau alle Gesichtszüge entglitten. Im gleichen Moment, wie er sie ausgesprochen hatte, hätte er darum auch am liebsten alles wieder ungesagt gemacht. Doch jetzt war es geschehen.

„Wie der König von Arvindûras seinen Spross erzieht, das ist ganz und gar seine Sache. Ich wüsste nicht, was uns das angeht“, presste sie zwischen den Lippen hervor und verließ anschließend mit eiligen Schritten den Raum.

Den Streit der Eltern konnte Llewellyn noch die ganze Nacht hindurch hören. Nicht das, was sie genau sagten. Aber ihre Stimmen drangen unentwegt vom Balkon unten durch seine Fenster herein. Dabei waren Mutter und Vater normalerweise ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung. Immer ein Vorbild sein. Immer Haltung bewahren. Nie die Kontrolle verlieren. Das predigten sie ihm tagtäglich. Ein Fürst von Erui musste besonnen und beherrscht sein. Dennoch stritten sie. Immer häufiger in den letzten Wochen. Und immer wegen ihm.

Es hatte begonnen, als er das erste Mal nach den Nebeln gefragt hatte. An und für sich waren die Schleier nichts Ungewöhnliches hier in der Nähe des Meeres. Küstennebel, Moornebel, Nebel, bevor heftige Regengüsse einsetzten; morgens, abends, oft den ganzen Tag hindurch, dass man die Hand vor Augen bloß erahnen konnte.

Llewellyn mochte ihn nicht, den Nebel, denn er verhinderte, dass er von seinem Zimmer hier oben im Turm bis weit hinaus über die für ihn bekannten Grenzen schauen konnte.

Er saß manchmal stundenlang hier und träumte von der Welt jenseits dieser Mauern. Und hier war es auch, wo er ihn das erste Mal gesehen hatte: jenen silbrigen Schleier, der so ganz anders war, als der übliche salzgeschwängerte Dunst. Er war plötzlich erschienen, hatte die Welt um sich her verzerrt und irgendwie völlig surreal gewirkt.

Es hatte ihn an die Lieder der Barden erinnert, die er manchmal unten an den Feuern bei der Schmiede gehört hatte, wenn die Bediensteten und Handwerker des Schlosses abends zusammenkamen. Lieder von den Schleiern, die dünner wurden zwischen Erui und dem, was sie Gar‘Elahad nannten; – das Menschenreich.

Llewellyn wusste dabei nicht, was Menschen waren. Doch dem Gesang entnahm er, dass es sich mit ihnen anders verhielt, als mit den Nymphen, die im Nachbarreich Norimar lebten, oder den Trollen oben in den Bergen im Süden. Seine Eltern waren allerdings alles andere als erfreut gewesen, als er sie danach gefragt hatte. Abgewimmelt hatten sie ihn. Sprachen davon, dass er mit fünf Jahren noch zu klein war, es zu begreifen, dabei wusste er nicht wie sie diese Jahre zählten. Er konnte sich an dreizehn Sommer erinnern. Und davor lagen vermutlich noch ein oder zwei, an die er sich nicht erinnerte, weil er wirklich zu klein gewesen war.

Fünf Jahre, – Menschenjahre -, hatte seine Kinderfrau ihm verraten. Menschenjahre. Darin rechnete man hier. Aber doch sprach man nicht über diese Menschen, als ginge von ihnen ein böser, dunkler Zauber aus.

Einen Moment ging ihm durch den Kopf, dass er die Menschen gerne kennenlernen würde. Mindestens so gern, wie die Welt jenseits der sieben geschwungenen Brücke, die sich über den Bruch spannten, der ganz Peleneth umgab. So wie die silbernen Nebelschwaden Tore in eine andere Welt zu sein schienen, waren diese Brücken für ihn Tore in ein Land, das unbekannt und magisch jenseits all seiner Vorstellungskraft lag.

Er lächelte bei dem Gedanken. Da quietschte die Tür hinter ihm und seine Kinderfrau kam herein.

„Ihr schlaft ja immer noch nicht, mein Prinz“, tadelte sie und deutete auf das Himmelbett mit den Brokatvorhängen.

Während er mit einem tiefen Seufzer der Aufforderung hinter dem strengen Blick folgte, flog sein Blick noch einmal hinab auf die Brücken, hinter denen die Sonne langsam unterging.

„Glaubst du, Vater hält sein Versprechen? Glaubst du, ich darf morgen mit ihm hinaus?“

„Er hat sein Wort gegeben, oder?“ Llewellyn nickte. „Und was ist oberstes Gebot für einen König?“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht. „Ein König steht immer zu seinem Wort.“

Damit ließ er sich bereitwillig zudecken und schlief zur leise summenden Stimme seiner Amme ein.

Es war in der Tat noch ganz früh am nächsten Tag. Tau überzog das Heidekraut, während ihre Pferde fröhlich schnaubend über den weichen Sandboden trabten. Llewellyn konnte sein Glück kaum fassen und seine Augen saugten gierig jedes noch so winzige Detail der Umgebung in sich auf.

Jenseits der Brücken lagen flache Hügel, durchzogen von kleinen Mooren. Lichter tanzten zwischen den Nebelfetzen, von denen Llewellyn wusste, dass manche davon recht harmlose Irrwische waren. – Winzig kleine Fey-Kreaturen, die nur in den flacheren Sümpfe zu Hause waren, die es aber schätzten, wenn sie von den Feen in ihre Häuser und Höfe eingeladen wurden. Im Winter hatte schon oft die ganze mittlere Halle des Schlosses in ihrem Schein geleuchtet, wenn das kalte Wetter die kleinen Wesen nach drinnen zog.

Bevor er allerdings auf die Idee kommen konnte, anzuhalten und den Lichtern hinterher zu laufen, war in der Ferne ein langezogenes Jaulen zu hören und weitere Lichter, grünlicher als die in der Nähe, tauchten auf.

„Das war ein Feyschakal“, erklärte Cormac, noch bevor Llewellyn fragen konnte. „Vor denen muss man sich in Acht nehmen. Sie stammen noch aus den ersten Zeitaltern und sind nicht ganz ungefährlich. Sie sind harmlos, wenn sie nicht hungrig sind und sie brauchen nicht oft zu Fressen. Doch wenn, dann machen sie keinen Unterschied, ob es die Haut einer Kuh, eines Kaninchens oder eines Sterblichen ist, die sie zwischen die Fänge bekommen.“

Llewellyn lauschte andächtig und Cormac erklärte weiter: „Und diese Lichter dahinten“, er deutete auf die Nebelbänke mit ihrem geisterhaften Strahlen, „denen darfst du niemals folgen.“

„Warum nicht?“, wollte Llewellyn wissen.

Sein Vater zog allerdings die Augenbrauen kraus, als wolle er lieber nicht darüber berichten müssen.

„Sie sind gefährlich wie die Schakale. Es ist einer von vielen Gründen, warum Mama nicht will, dass du diesseits der Brücken spielst. Du kennst diese Welt nicht genug. Und sie ist nicht immer nur gut.“

„Aber du kannst es mir doch erklären, und dann passe ich auf.“

Cormac konnte das fiebrige Glühen hinter den blauen Augen bei dieser Worten erkennen. Gefahr schreckte seinen Sohn nicht. Im Gegenteil. Sie machte ihn nur umso neugieriger.

Das war gut, wie er befand, denn einen feigen König konnte sein Volk nicht gebrauchen. Aber solcher Mut und solche Abenteuerlust mussten schon früh gelenkt werden. Sonst liefen sie aus dem Ruder. So wie damals bei ihm.

Er seufzte bitter, als er an seine Kindheit dachte. Sein Vater hatte auch stets versucht, ihn aus den Sümpfen und Mooren und von der Küste fern zu halten. Sein Platz sei in den Ställen, im Schloss. Doch hätte er sich daran gehalten, wäre er damals nicht der Prinzessin zu Hilfe gekommen.

Daran erinnerte er sich noch sehr gut. Gaya war vielleicht nicht in schmutzigen Hosen durch die Schlucht geturnt. Doch die brave Königstochter war auch sie nicht gewesen, und es hatte sie fast das Leben gekostet.

Eigentlich, dachte Cormac, machte es nur umso verständlicher, dass sie nicht wollte, dass ihr Sohn diesem Drang in sich nachgab. Er aber fürchtete, was Lew tun würde, wenn sie ihn noch länger von allem fernhielten. Er war zu klug, zu neugierig, um es noch ewig im Schloss auszuhalten. Er fragte jetzt schon nach den Nebeln und den Menschen. Dinge, die die meisten erûischen Kinder kaum vor ihrem zwanzigsten Sommer interessierten. Manche interessierten sie ein Leben lag nicht.

Er blickte zu der erfahrenen Stute vor sich auf dem Pfad, die die Unaufmerksamkeit seines Jungen ausglich, in dem sie von ganz allein auf den Weg achtete, während Lews Augen immer neue Wunder neben dem Pfad und in der Weite der Heiden fanden.

Zwei Stunden ritten sie und Llewellyn war die ganze Zeit sehr still. Er fragte manches Mal, was dies oder jenes sein mochte. So viele Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte. So viele Wesen, die ihnen auf dem abgelegenen Pfad begegneten, den der Vater ihn führte. Pixies und Leprechauns, Feld-, Wald- und Wiesengeister, pelzige kleine Nermen, die wie winzig Drachen über die Steine krochen und Glutklümpchen nach Käfern spien. Als sie allerdings über die letzte sandige Hügelkuppe ritten, war all das mit einem Augenblick vergessen. Das gewaltige Rauschen und der unstete Wellentanz nahmen den Blick des kleinen Prinzen sofort gefangen.

„Das Meer“, hörte Cormac den Sohn ehrfürchtig flüstern.

Bisher hatten sie ihn nie mit hierher genommen. Bloß im Winter in eine der sicheren Buchten, wenn das Wasser von einem dicken Eispanzer bedeckt wurde. Diese Wellen allerdings, die konnte kein noch so harter Winter zähmen. Wie überall an der Küste war das Wasser hier rau und schäumend. Seine Wucht wurde lediglich gemildert durch die breite Sandzunge, auf der es anlandete. Rechts und links von ihnen erhoben sich die hohen Klippen, die überall in Fenlar die Küstenlinie bildeten.

Von Llewellyns Turmfenster aus konnte man sie sehen und an ganz klaren Tagen auch die weite blaue Fläche dahinter erahnen.

Nun aber stand er davor. Der Wind trieb Sand und Salz in seine Augen. Die Sonne brannte trocken vom Himmel herab, obwohl es noch immer nicht spät am Tag war. Doch ihre Strahlen wurden von den Kronen der Wellen reflektiert und stachen damit doppelt grell.

Eine halbe Stunde standen der Feenkönig und sein Sohn einfach nur nebeneinander und sahen dem Spiel des Lichtes zu, wie es über das Wasser tanzte. Danach schlug Llewellyns Erstaunen allerdings schlagartig in unbezwingbare Neugier um.

„Was ist hinter dem Meer, Papa?“

König Cormac schluckte. Er hatte mit vielem gerechnet. Dass sein Sohn vielleicht in den Wellen spielen wollte, oder dass er den Strand entlang zu den Klippen reiten und diese erkunden wollte. Als er selbst mit seinen älteren Brüdern das ersten Mal hier gestanden hatte, da war das Meer für ihn das Ende der Welt gewesen. Dass es dahinter weitergehen könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.

Er blieb die Antwort schuldig und Llewellyn löste seine Hand nach einer Weile aus der des Vaters und ging den Wellen entgegen. Er war dabei vorsichtig, wartete, bis das Wasser das erste Mal ganz nah zu ihm kam, seine Füße seicht umspülte, sich dann zurückzog, um erneut Anlauf zu nehmen und diesmal vielleicht noch weiter an den Strand zu gelangen.

So ging es eine Weile hin und her. Quietschend vor Vergnügen lief der blonde Junge mit dem Wasser hinaus und vor ihm davon, sobald es zurückkam. Solange, bis er ins Straucheln kam. Cormac hielt die Luft an. Seine Gestalt spannte sich sofort und seine Flügel waren drauf und dran, ihn in die Luft zu heben, als die Welle über Llewelyns Körper hinwegrollte.

Nass und von ein paar Algen bedeckt rappelte der Junge sich allerdings schnell wieder auf. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, was dem Vater Lachtränen in die Augen trieb, und zog sich dann ein bisschen weiter an den Strand zurück, missmutig und gleichzeitig sehnsüchtig auf die urgewaltigen Wassermassen starrend.

Aber auch diese Lektion hielt nicht ewig. Schon bald widmete er sich einer neuen Beschäftigung und fischte in sicherer Entfernung zu den hohen Wellen in der Brandung nach Treibgut. Ein Bernstein fiel ihm dabei als erstes in die Finger, den er der Mutter für eine Haarspange mitbringen wollte. Das nächste war ein Seeigel, den er behutsam ins tiefere Wasser zurücktrug. Schneller, als die Wellen das Tierchen dem Meer wieder zurückbringen konnten, lief er allerdings vor den sich nähernden Wassern wieder davon.

Sein Vater hatte sich derweil weiter hinten am Strand auf einem großen Felsen niedergelassen, hielt die Zügel ihrer Pferde und winkte ihm nur hin und wieder einmal zu. Die Vorsicht, mit der sein Sohn Erfahrungen sammelte, gefiel ihm, und er hatte keinerlei Bedenken, dass er etwas Dummes anstellen würde. Gaya unterschätzte ihren Jungen maßlos.

Llewellyn hätte bestimmt noch Stunden an diesem Strand verbringen können, das blonde Haar mittlerweile ganz verklebt von der überall aufspritzenden Gischt. Da spülte das Meer allerdings als nächstes etwas vor seine Füße, dass erneut Fragen in ihm aufwarf. Seine Finger tasteten vorsichtig nach dem metallenen Gegenstand. Er musste schon eine Weile im Wasser gelegen haben, denn er war angerostet. Dennoch konnte man gut erkennen, dass es einmal die Klinge eines krummen Dolches gewesen war. An ihrem Ende befanden sich zwei Zacken im Stahl.

Llewellyn hatte eine solche Waffe noch nie gesehen. Er begriff, dass man die Klinge nicht aus einer Wunde ziehen konnte, ohne mit den Zacken das Fleisch weiter aufzureißen, und er fragte sich, wer sich so etwas Grausames ausdenken mochte.

Er trug den Fund zu seinem Vater und die Frage lag bereits in seinem Blick. Doch auch diesmal sollte er keine Antwort bekommen. Cormac nahm ihm das Fundstück nur stillschweigend ab, drehte es eine Weile versonnen und mit schwermütigem Blick hin und her, bevor er weit ausholte und es mit einem kräftigen Wurf zurück ins Meer schleuderte.

Llewellyn wollte protestieren. Er hatte es gefunden. Er empfand es als sein Recht, es auch behalten zu dürfen. Er hatte die anderen Kinder im Schloss schon oft von ihren Schatzsuchen am Strand berichten hören. Er wusste, dass das Gesetz galt, das alles, was das Meer hergab, dem gehörte, der es fand. Er hatte den Dolch mitnehmen und den anderen zeigen wollen. Dann hätten sie ihn bestimmt auch endlich ernst genommen und er hätte mit ihnen hinab in die Schlucht gekonnt. Ganz gleich, was seine Mutter davon hielt. So aber brachte er nun nichts mit von diesem Ausflug.

Auch auf dem Rückweg war er sehr still. Es war allerdings eine andere Stille, als sein bewunderndes Schweigen vom Vormittag.

Als sie schließlich wieder ins Schloss zurückkamen, hatte Llewellyn die Füße schneller wieder aus den Steigbügeln draußen, als einer der Burschen die Zügel seiner Stute ergriffen hatte. Gottlob war das Pferd brav genug, nicht einfach davonzulaufen, als sein Reiter es achtlos stehen ließ.

Königin Gaya hatte voll Sorge den ganzen Tag darauf gewartet, dass ihr Mann und ihr Sohn von ihrem Ausflug zurückkamen. Jetzt sah sie ihren kleinen Prinzen mit zerzaustem Haar und roten Wangen die Treppen hinaufstürmen. Allerdings nicht, um ihr wie erhofft stürmisch um den Hals zu fallen. Mit starrem Blick ließ er sie links liegen, konnte gar nicht eilig genug die Treppen hinauf in seine Gemächer gelangen und die Tür hinter sich zuwerfen.

Seine Amme klopfte zaghaft und trat ein, musste sich aber schnell wegduckten, da eines der vielen Kissen vom Bett nach ihr geflogen kam.

„Lasst mich alle in Ruhe!“, rief der Prinz aufgebracht.

Drei Stockwerke weiter unten waren auch seine Eltern mittlerweile in einen bitterbösen Streit geraten. Gaya machte Cormac natürlich Vorwürfe, dass sie so etwas ja hatte kommen sehen. Dabei verstand sie nicht einmal, was ihren Sohn so aufgebracht hatte. Auch Cormac begriff es nicht, doch die Schimpftiraden seiner Frau gaben ihm nicht die Möglichkeit, sich mit Lew auseinanderzusetzen.

Der schrie derweil zornig in sein Kissen. Er hielt es nicht aus. Er hielt es einfach nicht mehr aus!

Dieser Tag heute am Meer, die Weite des Himmels darüber, das war für ihn wie eine Offenbarung gewesen. Endlich draußen aus der Enge des Schlosses hatte er sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Er hatte sein Herz schlagen hören, so laut wie nie zuvor. Er hatte das Gefühl gehabt, eine völlig neue Welt zu sehen. Eine Welt, außerhalb von goldenen Säle und prunkvollen Hallen. Und vermutlich war ihm wirklich das erste Mal klargeworden, dass die Welt auch gefährlich sein konnte. So richtig gefährlich.

Was sonst hatte diese fremde Waffe vor Fenlars Küste zu bedeuten?

Aber war das nicht immer das, wovon der Vater sprach? Dass ein König die seinen beschützen musste? War das nicht die Aufgabe, die irgendwann auf ihn warten würde?

„Er ist erst fünf, Cormac“, hörte er von unten in den Sälen heraufschallen und wieder machte ihn dieser Satz nur endlos wütend.

Ein kleines Kind! Mehr sah sie nicht in ihm, seine Mutter. Ein Kind, dem man nichts erklären musste und das man besser von der Welt fernhielt.

Sie haben ja keine Ahnung‘, dachte eine Stimme in ihm und eine lodernde Glut zuckte durch seine Eingeweide, dass er selbst im nächsten Moment erschrak.

Er wusste nicht, wo dieser Gedanke herkam, er spürte nur den Zorn, den die Worte mit sich brachten. Und die unbezähmbare Macht, mit der es ihn überkam, ängstigte ihn mehr, als die Unendlichkeit und die Stärke der unbarmherzigen See. Ein Schaudern durchfuhr ihn. Noch einmal war da dieses seltsam urtümliche Dröhnen ganz tief in ihm. Llewellyn spürte, dass sie schon früher dagewesen sein musste, doch war es ihm nie wirklich bewusst gewesen. Die Angst wurde größer. Überwog die Neugier und es half ihm, wieder zu sich zu kommen.

Er setzte sich auf, sah auf seine Fäuste, mit denen er wütend auf seine Kissen eingetrommelt hatte. Er fühlte sich hilflos und nicht ernst genommen und begriff doch, dass er nichts tun konnte, dies zu ändern. Hier in Peleneth würden noch endlos viele Sommer verstreichen, bis man ihn für groß genug halten würde, um ihm seine Fragen zu beantworten.

Dabei hatte er so viele.

Was ging vor sich in der Welt? Wovor hatten der Vater und die Mutter solche Angst? Konnte man etwas dagegen tun? Warum waren diese Schleier so gefährlich? Wer genau waren die Menschen, und warum hieß es aller Orten nur, dass sie schlecht waren?

Als schließlich die untergehende Sonne sein westliches Fenster traf und alles in seinem Zimmer in ein feuriges Licht tauchte, beschloss Llewellyn für sich, dass er all das herausfinden wollte. Er wollte kein kleiner Junge sein, der nichts wusste. Er wollte von den anderen Kindern, die teils jünger waren als er, nicht länger gehänselt werden. Er wollte so stark und tapfer werden, wie sein Vater. Aber dazu musste er wissen, was sein Vater wusste. Vielleicht sogar mehr.

Das alles ging ihm auch noch durch den Kopf, als schließlich seine Mutter zu ihm kam, um ihn wie an jedem Abend ins Bett zu bringen. Auch sie brachte keine Erklärungen mit und keine Antworten auf seine Fragen. Er sei noch zu klein, er müsse das alles noch nicht wissen, sagte sie nur, bevor sie ihm wie jeden Abend sein Schlaflied vorsang.

Llewellyn sah dabei in ihre grauen Augen und lauschte ihrer wundervollen sanften Stimme. Er liebte sein Mutter, aber irgendwie fühlte er auch, dass sie ihn davon abhalten würde, das zu werden, was er sein musste.

„Schlaf schön, mein Liebling. Hörte er sie noch sanft flüstern, während ihre Lippen seine Stirn berührten. „Und morgen bleibst du wieder bei mir im Schloss. Die Welt da draußen ist noch viel zu aufregend für dich.“

Der nächste Tag begann mit Nebel. Bis vor die Fenster seiner Turmgemächer war er gekrochen und nahm Llewellyn die Sicht auf die Welt um sich. Enttäuscht trat er von den verglasten Spitzbögen zurück. Die Wut von gestern war verraucht. Nur die Sehnsucht war geblieben. Die Sehnsucht nach etwas, für das er keine Worte hatte, und sie wuchs mit dem Blick hinauf zum Himmel, der sich in dichte Wolken hüllte.

Beim Frühstück blieb er zunächst ganz still. Schließlich aber konnte er nicht mehr an sich halten und musste seinen Vater einfach noch einmal fragen: „Warum darf ich so viel noch nicht wissen, Papa? Wenn ich irgendwann ein König sein soll, dann muss ich es doch auch mal lernen.“

Cormac horchte bei diesen Worten auf. Er war schon lange überzeugt davon, dass sein Sohn für sein zartes Alter viel zu viel nachdachte.

Er konnte launisch und unbeherrscht sein, so wie gestern. Doch entstand das eigentlich immer nur aus der Frustration heraus, dass man ihm mal wieder etwas verboten hatte. Manche der Diener mochte Lew dafür nicht. Sie proklamierten, dass er mal sehr reizbar und herrschsüchtig werden würde. Doch Cormac fühlte sich dadurch nur an sein eigenes jüngeres Selbst erinnert.

Wie oft hatte er Fragen gehabt, wie oft hatte sein Vater ihm keine Antwort gegeben. Er verstand es heute, denn obwohl die tiefblauen Augen so intelligent blitzten, hatte Gaya recht. Er war ein Kind. Dreizehn Sommer hatte er gesehen. Fünf Menschenjahre waren seit seiner Geburt vergangen. Und doch, den Söhnen seiner Ritter, seiner Handwerker, seiner Bauern traute er in diesem Alter schon zu, den Beruf ihres Vaters verstanden zu haben und ihm nachzueifern. Und seinen eigenen Jungen sollte er wie ein dummes Kleinkind behandeln?

„Lew, hör mal, es gibt Mächte da draußen, von denen du noch nichts weißt und …“

„Untersteh dich Cormac!“, fuhr ihm seine Frau dazwischen.

Ihr Ton war so schrill und scharf, dass die Bediensteten verwirrt die Köpfe hoben. Sogleich fing die Feenkönigin sich wieder. Ihr Blick wurde milder, flehend fast.

„Fürs erste reicht es, wenn du weißt, dass das Land und die Küste gefährlich ist. Du wirst noch früh genug begreifen warum. Und Schuld daran sind die Menschen, Lew. Darum mögen wir sie nicht. Weil sie gefährlich sind und man sich vor ihnen in Acht nehmen muss.“

Llewellyn nickte darauf. Es war nicht die Antwort, die er hatte hören wollen, aber es war eine Antwort gewesen. Willig folgte er nach dem Essen seiner Mutter hinaus in den inneren Garten, der im dritten Stock des Schlosses direkt an den großen Saal grenzte. In sich gedrehte und gewundene blau-silberne Bäume mit bizarr geformten Blättern und dichtem Laub bis zum Boden standen hier.

Die alten Eskarbäume waren selbst in den Feenlanden selten zu finden. Doch sie waren Omen und man sagte ihnen nach, wer in ihrem Schatten ein Haus baue, den würde da Schicksal niemals falsch leiten.

Von diesen Dingen hatte der kleine Prinz genauso wenig Ahnung, wie von dem Wahrspruch, der wie eine drohende Klinge über seiner Mutter hing. Sie erinnerte sich fast täglich an die Worte der Priesterin, damals in Nualschadan. Würde sie sich für ihre wahre Liebe entscheiden, dann sollte sie keines ihrer Kinder groß werden sehen.

Die bitteren Worte ließen sie auch jetzt nicht los, während ihr Sohn immer wieder vor ihr davon lief und sich zwischen den niedrig hängenden Ästen versteckte. Diesmal hatten sie seine Fragen abspeisen können, ihn beruhigen können. Diesmal konnten sie wieder friedlich zusammen spielen und lachen. Doch die Fragen würden wiederkommen und sein Wunsch nach Wissen, sein Durst sich endlich beweisen zu dürfen wie ein wahrer Prinz, endlich lernen zu können, er würde nicht versiegen. Und diese Neugier würde ihn aus Peleneth fortführen. Das wusste Gaya, so sicher, wie sie wusste, warum jeder Vergleich ihres goldgelockten Sonnenscheins mit dem Sohn des Graslandkönigs ihr so wehtat. Der Tag würde kommen, an dem sie auch ihn gehen lassen musste. Und es würde sie so unvorbereitet treffen wie damals an den heiligen Feuern, obwohl sie genau wusste, warum sie diesen Schritt hatte tun müssen.

Ein kurzes Lachen riss sie aus ihren Gedanken. „Mama, such mich!“, hörte sie Lews Stimme.

Sie wischte die Tränen weg und folgte dem Ruf.

Sie konnte froh sein, dass ihr Sohn so ein wohlwollendes und verzeihendes Wesen hatte. Vielleicht war er einsichtig, wenn sie ihm sagte, dass sie all das nur tat, um ihn zu schützen. Weil sie ihn liebte. Vielleicht konnten sie dann noch ein paar unbeschwerte Sommer zusammen durch diesen Garten tollen.

„Lew, ich komme jetzt. Wo bist du!“, rief sie in die Stille des Morgens.

Es war selten, dass der Nebel so dicht war, dass er sich sogar hier im Garten antreffen ließ.

Lew hörte den Ruf unterdessen. Doch etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zwischen den nassen Tropfen, die ihm durch die Kleider drangen, hatte er ein Streifchen Nebel erspäht, das anders war. Leuchtend, silbern wie der Schleier, den er manchmal über dem Sumpf sah.

Er hatte mit den Menschen zu tun. Mit dem, was so gefährlich und so verboten war. Er wollte zurückweichen, wie gestern vor den Wellen des Ozeans. Doch dann entschied es sich anders.

„Lew, wo bist du? Ruf einmal, dass ich dich finden kann!“

Er wollte so gern Antworten finden. Über seine Welt, über die Menschen. Über die Wut und die Sehnsucht, die er in sich hatte. Über so viel, was er nicht verstand. Er liebte seine Eltern und er wollte nicht, dass sie sich sorgen mussten. Aber vielleicht mussten sie genau darum sehen, dass er mit gefährlichen Dingen umgehen konnte.

Wenn er ihnen erzählen würde, dass der Nebel ihm gar nichts getan hatte …

„LEEEEEEEEEW!“

Er stand nun genau davor. Streckte die Hand danach aus und spürte ein Prickeln. Er musste lachen, und es nahm ihm jede Angst.

Menschen sind gefährlich!, klang es in ihm. Alles, was von ihnen kommt.

Wirklich?

„Llewellyn MacCormac, Schluss mit dem Versteckspiel!“

Die Stimme, die ihn rief, wurde nun fordernder. Doch der silberner Nebel faszinierte ihn zu sehr. Nur noch ein bisschen, dachte er.

„Llewellyn, Na meir, an daluieven!“

Die Worte hinter dem Nebel schienen an ihn gerichtet zu sein, doch sie waren so weit fort. Ein Schritt nur, war als einziges in ihm noch übrig. Ein Schritt und ich werde Antworten finden.

„Llewellyn!“, klang ein fremdes Wort durch die grauen Schleier um ihn.

Ein Schritt noch, und er würde sehen, wo er hier überhaupt war.

Ein Schritt und er würde überhaupt wieder irgendwas sehen.

Ein Schritt. Ein ferner Ruf. Ein Wort, ohne Bedeutung für ihn.

Der Nebel lichtete sich. Er stand mitten zwischen Bäumen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass alles falsch war. Müssten die Bäume nicht krumm und in sich gedreht sein? Müssten ihre Ästen nicht dicht sein und bis zum Boden gehen?

Diese Stämme hier waren hoch und glatt. Ein weiterer Schritt. Ein trockener Ast barst unter seinen Füßen. In der Nähe ein panisches Rascheln im Gebüsch. Wilde Schritte, die sich entfernten. Doch er konnte das Tier nicht erkennen. Dann wieder Stille in diesem seltsam fahlen Wald mit dem fernen blassen Licht.

Stumm wanderte er durch die hüfthohen Sträucher. Ein wenig fühlte er sich wie in einem Traum, aus dem man aufwachte und der einem entglitt, je mehr man sich zu erinnern versuchte.

Er war auf der Suche nach etwas gewesen. Ein Schritt noch, dann hätte er es finden müssen.

Aber was? Wo war er überhaupt? Wie kam er hierher?

Ein ferner Gedanke streifte die wild aufwogende Oberfläche eines weiten Ozeans.

Dann waren da Stimmen.

Gefahr!

Sie sind gefährlich!

Der Junge duckte sich tief ins Gebüsch, doch es war zu spät. Die beiden Leute hatten ihn in seinem weißen Hemdchen inmitten all des fahlen Grün und Braun und Grau schon gesehen. Mit lauten, fremden Stimmen redeten sie auf ihn ein. Er verstand zunächst kein Wort. Sein Mund stand ein wenig offen. Er spürte den Rest einer Warnung in sich.

Gefahr! Von diesen beiden ging Gefahr aus. So wie von jedem, den er treffen würde.

„Wir sollten ihn zur Polizei bringen“, hörte er schließlich die Stimme der Frau. „Er ist ja total traumatisiert.“

Nein‘, dachte er daraufhin, ‚nein, ich war doch nur auf der Suche nach der Wahrheit.‘

Doch selbst an diesen Gedanken konnte er sich schon nicht mehr erinnern, als er den Wald an der Hand der fremden Frau verließ und mit ihr und dem Mann in das blaue Gefährt stieg.

 

 

 

 

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