Antwort auf einen ganz besonderen Brief

Am 15.11. erhielt ich ganz besondere und überraschende Post aus meinem Märchenreich Erui. Oder sollte ich besser sagen, aus meiner Alptraumwelt? Denn was meine Protagonistin Fenia schreibt klingt nicht danach, als würde sie das Reich der Träume so traumhaft finden. (Zum Brief geht es hier)

In ihren Worten liegen so viele Anschuldigungen, dass ich wohl nicht umhin komme, Stellung zu beziehen. Darum hier mein Brief an dich liebe Fenia:

 

 

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Illustration von Dorothee Rund

 

Geliebtes Tintenkind,

Ja und immer wieder ja, zu allem, was du mir an den Kopf geworfen hast. Du hast Recht wenn du schreibst, ich habe dich erschaffen, ich habe deinen Weg geschrieben und ich habe dich dem Schatten überlassen. Mit Recht fragst du, Warum, und mit noch mehr Recht forderst du von mir, die allmächtig scheinen muss in deiner Welt, dieses eine Wort und diesen einen Satz, der dich vielleicht mit all dem Grauen wieder versöhnen könnte.

Du mutmaßt, dass auch ich dem Schatten begegnet sein muss, auch ich ihn schon kennengelernt habe, und du bringst an, dass auch ich nur ein Mensch bin. Und Ja, wiederum ja, du hast Recht. Der Schatten, der deine Welt in die Verdammnis stürzt, ich kenne ihn, ich sehe ihn. Manchmal ist er so groß und schwarz und bedroht die meine, dass ich verzweifeln möchte. Gerade in den jüngsten Tage hat erst wieder großes Elend meine Welt heimgesucht. Menschen, Kinder einer Welt, eines Ursprungs, bekriegen sich. Friedliche Ereignisse werden zum Massengrab für Unschuldige. Flüchtlinge stehen vor Grenzen, werden nicht eingelassen in Ländern, die mehr als Schuld tragen an der Tatsache, dass diese Menschen ihre eigenen Länder überhaupt fliehen müssen.

All das, das Grauen, welches Menschen sich schon immer gegenseitige antaten, weil sie in einer fremden Hautfarben in einem fremden Glauben in einem unbekannten Weltbild eine Bedrohung sehen, das alles hat mich schon früh erschüttert. Oft tun Menschen schlimme Dinge aus Angst oder Verzweiflung, doch manche auch aus reiner Bosheit und Gier.

Immer wieder habe ich mich fortgewünscht in eine bessere Welt, eine Welt voll goldener Träume. In deine Welt, Fenia. Erui war so schön und strahlend in den Tagen, als es in mir erwachte, doch je mehr Schatten ich in meiner Welt sah, umso mehr begriff ich, wenn es einen Ort gibt, an dem Menschenträume Gestalt haben, dann wird es kein friedlicher Ort sein. Vielleicht für eine Weile, doch gewiss nicht für immer.

Doch in dieser Welt der Träume, wo wir Träumer allmächtig sind, da können wir das Böse vielleicht nicht einfach fortwünschen, doch wir können uns ihm stellen. Wenn die Wut, der Hass, die Korruption und politisch Intrigenspiel neue Schattenwesen sät in Erui, dann kann ich dir ein Schwert in die Hand träumen, mit dem du sie bekämpft und wenn der Schatten sich deiner bemächtigt, dich durch die Hölle treibt und dir alles nimmt, kann ich dir Stärke geben und Hoffnung.

Du sagst es gäbe keine Hoffnung mehr für dich, doch du willst weiterkämpfen. Nun, mein kleiner Stern, ich wusste, dass mehr Kraft in dir steckt, als ich selbst bisher zu hoffen wagte. Auch ich kann deinen Weg nicht so frei wählen, wie du glaubst, denn ich bin nur das Medium. Deine Geschichte erzählt sich in meinem Kopf nur allzu oft von selbst. Vieles habe ich nicht gesehen, vieles war anders vorgesehen. Nie war gedacht, dass du Lew wählst und nicht Joe. Doch du hast dich entschieden und vor dem, was danach folgte konnte ich dich nicht bewahren.

Noch liegen Teile deines Weges im Dunkel. Doch ich habe weitergeblickt ich habe das Ende schon gesehen. Und glaube mir mein Stern, du musst dich nicht fürchten. Du musst nur stark bleiben. Den letzten aller Zauber hast du schon gewirkt, wenn dir das klar wird, kann nicht einmal der Schatten dich noch schrecken. Darum suche weiter, auf dass es mit Erui vielleicht ein gutes Ende nehmen kann.

 

Deine Traumweberin

 

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