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Folge deinem eigenen Stern – Jahresrückblick

“Folge deinem eigenen Stern”

 

Dieser Spruch stand damals silbern auf unseren Abitur-Shirts drauf. Anfangs fand ich ihn eigentlich blöd und hatte ihn auch nicht gewählt, weil er der alten A-Klasse-Werbung entliehen war. Naja, wo so Inspiration für Abi-Sprüche eben herkommt. Dann aber hat eine meiner Schulkameradinnen auf dem Abschlussball ihre Rede gehalten zu diesem Satz. Was er für sie, für uns alle bedeutet.

Das Leben ist eine Straße aus Sternen, die wir uns selbst wählen. Jedes Ziel, jeder Traum ein heller Himmelskörper an unserem persönlichen Firmament.

Ein paar meiner Sterne standen für mich schon lange fest. Tierarzt werden. Bücher schreiben. Doch das war ja nur der erste Schritt. Viele Fragen blieben ja offen. Noch in der Uni habe ich mich manches mal darüber nachgedacht: Wo lande ich mal? Auf was spezialisiere ich mich? Und beim Schreiben habe ich mich gefragt: Gibt es da noch andere Geschichten, als den Stern?

Ein wenig hat mir das immer Angst gemacht. Denn was, wenn man seine Ziele, erreicht hat? Ist das das Ende des Weges? Ist danach alles nur noch langweilige Routine?

Heute kann ich behaupten, dass ich in gewisser Weise dort bin, wo ich mich vor 11 Jahren hinträumte. Und mein schönsten Geschenk in diesem Jahr, ist das Gefühl, mit dem ich heute von der Arbeit nach Hause gefahren bin: Zu wissen, dass ich hier und jetzt und da, wo ich bin, glücklich bin; und dass das Erreichen seiner Sterne nur der Weg zu neuen Sternen ist.

Genau das wünsche ich euch allen ebenso. Und wenn ihr es dieses Jahr nicht gefunden habt, dann hoffentlich im nächsten Jahr.

 

Liebste Grüße,

 

Sylvia

 

 

 

Foto: Dorothee Rund

Rasenmähen, Autowaschen, Hausflur putzen – anständige Menschen machen sowas samstags

Heute gibt es mal einen kleinen Schwank aus meinem Leben, abseits des Autorseins, denn wie viele ja wissen, bin ich hauptberuflich (und mit Leidenschaft) Tierärztin. Wie sieht er also aus, so ein typischer Samstag bei mir, wenn alle anderen ihre Wocheneinkäufe erledigen, ihre Autos zur Waschstraße fahren, oder die Straße kehren?

Nun, bei mir beginnt der Samstag eine halbe Stunde später als die Wochentage. Aber nur, wenn vor der Sprechstunde um 9.00 Uhr nicht noch Pferdetermine anstehen. Dach manchmal, ja, manchmal muss ich tatsächlich erst um 8.30 dort sein. Ich lese mich dann schon mal in Blutbefunde ein oder telefoniere mit dem Labor und Patientenbesitzern. Grade kritische Fälle vom Vortag brauchen Extr-Aufmerksamkeit, denn ich muss dem Labor auf den Füßen stehen, um noch rechtzeitig eventuell lebenswichtige Ergebnisse zu bekommen.

Dann geht es los. Manchmal ist es ruhig es kommen nur Junghunde zum Routinecheck, Katzen zum Impfen, oder Wellensittiche zum Krallenschneiden. An anderen Tagen, wie heute, stehen schwerere Fälle auf dem Programm. Da ist der kleine Hund, der gestern mit schwerer Blutarmut und Fieber kam. Ursache zunächst unbekannt. Erste Laborhinweise deuten auf Blutparasiten durch Zecken hin. Doch dem habe ich gestern schon nicht getraut, dafür ging es ihm zu schlecht. Also habe ich auf Verdacht behandelt. Tatsächlich kommt er heute schon wieder auf den eigenen Pfoten herein gelaufen. Gestern hing er nur apathisch im arm des Herrchens. Er kann sogar schon wieder knurren und beißt nach mir, als ich ihm seine Spritze gebe.

Ich lächle und freue mich. Allein sein gesteigerter Appetit und die Tatsache, dass er mir für die Behandlung wieder böse sein kann, sind Lohn genug. Manchmal der einzige, den ich kriege.

So geht es weiter, den ganzen Morgen. Noch eine Katze, die seit Wochen schon immer weiter abnimmt. Die Behandlung auch so ein letzter verzweifelter Versuch. sie kratz und faucht schon wieder.

Noch mehr Patienten, noch mehr Herrchen und Frauchen, mit Fragen, mit Sorgen, mit manchmal nur Kleinigkeiten. Für sie alle hat man ein offenes Ohr. Als um 11.00 Uhr schließlich der letzte geht, hole ich erleichtert Luft und freu mich auf einen ruhigen Mittag. Doch halt, die Telefone klingeln. Es kommt noch ein verletzter Hund. Kein anderer Tierarzt hat Zeit für ihn. Und ein Pony hat wohl eine Blasenentzündung. Da muss ich auch noch hin.

Also schnell ein Kaffee, dann muss der Hund in Narkose gelegt und seine Wunde genäht werden. Dann das Pony. … Doch halt, wieder ein Anruf. Ein Pferd mit Kolik. Das Pony muss warten. Das hier könnte lebensbedrohlich sein.

So geht das in einem fort. Ein Hund mit Verdacht auf Giftaufnahme. Eine Katze, die angefahren wurde. an manchen Wochenende ist es ganz ruhig, aber heute steht das Telefon nicht still.

Die Einladung zum Kaffeetrinken habe ich abgesagt. Als ich nach Hause fahre um noch mein eigenes krankes Pferd zu versorgen, wird es schon wieder dunkel. So ist das eben in dem Job. ein freundliches Lachen, ein gut gemeintes ‘noch nen ruhigen Dienst’ ist meist alles an Entschädigung.

“Es ist ja gut, dass Sie immer da sind.” “Schön, dass man auch am Wochenende kommen kann.”

Irgendwann bin ich so müde, dass ich nur noch lächle und nicke. Smalltalk geht nicht mehr. Aber ich weiß, was die Leute meinen.

Dann komme ich zur Tür rein. Im Hausflur treffe ich meinen Vermieter. Er fragt, ob der Tag angstrengend war. Ich nicke nur erschöpft.

“Aber Frau Rieß, denken sie dran, die Straße ist noch nicht gekehrt, und der Flur ist auch noch nicht geputzt.”

Dazu kann ich nicht mehr als müde lächeln.