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Eine grüne Fee für euch

Ab und zu schreibe ich ja mal Kurzgeschichten. Meist, wenn mich tolle Wettbewerbe dazu inspirieren. Das Thema ‘Absinth – Im Bann der grünen Fee’ vom ASP Verlag fand ich besonders schön.

Verlegerin Grit Richter musste aus 114 Geschichten wählen. Es ging um geschichtliche Persönlichkeiten, um Absinth, um Rausch und natürlich um jede Menge Feen. Mein schwebte letztendlich nicht in die Anthologie. Doch das ist nicht schlimm. Ich bin sicher, dass es 12 ganz wundervolle Feen geworden sind. Das heißt nun aber, dass ich meine mit euch teilen kann. 😀

Also wer es gern ein bisschen düster mag, wer dem Horror des großen H.P. Lovecraft nicht abgetan ist, der darf hier lesen. 🙂

 

 

Der Schlüssel zum Tor

von Helena Henriette Phillips Lovecraft

„I am the gate, I am the key.“

„Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel“, murmelte mein Cousin während er weiter in die Dunkelheit des langen Flures vordrang, an dessen Ende die Tür zum hinteren Dachboden lag.

Schon seit Nächten hatten mich die schlurfenden Schritte auf dem abgewetzten Teppich aus dem Schlaf gerissen. Doch gefangen zwischen Traum und Erwachen, war ich nie rechtzeitig zur Tür gelangt, um die Quelle der Geräusche ausfindig zu machen. Jetzt starrte ich wie gebannt in die Finsternis.

Die monotone Wiederholung der Worte, die an einen Sprechgesang erinnerten, ließen mir eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Zerrissen wurden sie nur von Howards wahnhaftem Kichern, das jedes zweite oder dritte Mal zwischen den Zeilen des Singsangs erklang. So stand ich gelähmt vor Angst und sah ihm zu, bis sein Körper völlig mit dem lichtlosen Gang zu verschwimmen begann und er sich darin auflöste; wie eingesaugt von einem gigantischen schwarzen Loch mitten in unserem Haus.

Irgendwann muss ich schließlich der Kälte oder der Müdigkeit in meinen Beinen Rechenschaft getragen haben und zurück unter die Daunendecken geschlüpft sein. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr genau daran, als ich am anderen Morgen erwachte.

Wie jeden Tag ging ich hinab zum Frühstück. Tante Susan und Großvater Phillips saßen auf ihren üblichen Plätzen und zu meiner Überraschung auch Howard. Er sah kein bisschen blass aus. Keine Ringe unter den Augen. Im Gegensatz zu mir. Er trug ein frisches Hemd und sein Haar war akkurat gekämmt, was auch nicht immer vorkam. Ich kommentierte es nicht. Setzte mich einfach und schenkte mir stillschweigend Tee ein. – Das Dienstmädchen kam nur noch unregelmäßig. Vor ein paar Tagen hatte ich sie über das Ausbleiben ihres Lohns schimpfen hören. Seit vorgestern war sie mir gar nicht mehr über den Weg gelaufen. – Die Ereignisse der vergangenen Nacht kamen nicht zur Sprache. Wie auch? Glaubte ich doch mittlerweile ganz fest, mir das alles nur eingebildet zu haben.

Nach dem Frühstück zog Großvater Phillips sich in sein Arbeitszimmer zurück, murmelte etwas von Korrespondenzen. Der sorgenvolle Blick meiner Tante streifte ihn dabei. Der alte Mann war in letzter Zeit nicht gerade bei bester Gesundheit. In Ermangelung des Personals fing sie dann allerdings an, das Geschirr abzuräumen und in die Küche zu tragen.

Ich hatte vor meiner Ankunft im vergangenen Herbst nicht gewusst, dass es mit den Finanzen der Lovecrafts so schlecht stand. Eigentlich hatte meine Familie immer voll Neid auf die Verbindung meiner Tante mit Howards Vater geblickt. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die nur ein kleines Geschäft in eine unbedeutenden Provinzstadt führten, waren sie hier an der Küste zu Geld und Einfluss gelangt. Den Vorschlag, ich solle Howard in den Monaten seiner Genesung Gesellschaft leisten, bevor er ab Sommer auf die neue Schule ging, hatten meine Eltern darum gern angenommen. Meiner Lunge bekam die Seeluft hier sehr gut und meiner Bildung der Austausch mit meinem belesenen Cousin.

So glitt mein Blick auch wie immer zu ihm. Wobei die Frage, ob wir gemeinsam etwas machen sollten, fast schon obsolet war. Er schüttelte aber den Kopf. „Muss noch was nachlesen“, wimmelte er mich ab. Meinen Vorschlag, ihn in die Bibliothek zu begleiten, schlug er energisch aus. So blieb mir nichts anderes, als Tante Susan in der Küche zur Hand zu gehen, bis es Mittagessen gab.

Das Mahl fiel spärlich aus. Großvater nahm kaum drei Bissen und verschwand dann wieder. Howard kam gar nicht. Der trübe Januarhimmel zog sich mit Wolken zu und ohne Zweifel würde es bald Schnee oder Eisregen geben.

Ich verkroch mich also in mein Zimmer und las weiter in meinem Buch. Alice hinter den Spiegeln. Meine Familie hatte es mir zu Weihnachten geschenkt. Schon da hatte ich es nach wenigen Tagen verschlungen. Ich weiß nicht, zum wievielten Male ich es nun las, doch es faszinierte mich nach wie vor. Wege in andere Welten zu finden; – ob das tatsächlich möglich war? Ob es sie gab, die anderen Wirklichkeiten neben der unseren?

Zuhause tat man solche Gedankenspielereien meinerseits stets nur mit Kopfschütteln ab. In meinem Cousin Howard hingegen hatte ich vom ersten Tag meiner Ankunft an einen Verbündeten gefunden. Auch er fabulierte von Türen und Toren in andere Dimensionen. Doch unser reger Austausch über dieses Thema war in den letzten Wochen fast gänzlich eingeschlafen. Missmutig legte ich das Buch beiseite und ich dachte an seine Abfuhr beim Frühstück.

Ja, es störte mich wirklich, dass Howard so abweisend geworden war. Ich beschloss, ihn entgegen seinem Wunsch in der Bibliothek aufzusuchen.

Vor meinem Zimmer blickte ich einmal kurz über die Schulter zum Ende des Flures, wo das diesige Licht des Tages nur spärlich den Alkoven erhellte. Sofort kam mir mein Traum wieder in Erinnerung und ich fragte mich, was wirklich die Geräusche auf dem Gang verursachen mochte. Den ganzen kurzen Weg bis zur Bibliothek ließ mich die Frage nicht los und erst mit dem Öffnen der Tür konnte ich sie abschütteln.

Der Raum dahinter verdiente den Namen Bibliothek eigentlich gar nicht. Es war ein bescheidenes Zimmer mit einem Damensekretär neben dem Fenster und zwei Reihen von Regalen, in denen sich die Bücher stapelten. Natürlich waren es damit ungleich mehr, als man im Haus meiner Familie fand. Dennoch war es nicht zu vergleichen mit den hohen Hallen der Stadtbibliothek, in die mich Howard in meiner ersten Woche hier mitgenommen hatte.

Ich erwartete nun, meinen Cousin wie üblich mit dem Rücken gegen das Regal gelehnt vorzufinden. Meist war er dabei völlig in seine Lektüre vertieft und kritzelte Notizen auf einen Zettel, ohne dabei den Kopf zu heben. Doch Howard war nicht hier. Dafür aber Tante Susan, die erschrocken herumfuhr, als ich eintrat und fast das Glas in ihrer Hand hätte fallen lassen. Sie konnte es gerade noch festhalten und sich gleichzeitig am Sekretär.

„Helena! Du meine Güte! Kind!“, rief sie, und hielt sich die Hand an die Brust, als habe sie einen Geist gesehen. „Du kannst hier doch nicht einfach herumschleichen. Das gehört sich nicht.“

„Ich bin nicht geschlichen, Tante. Ich suche Howard.“

„Der ist in seinem Zimmer“, wimmelte sie mich kurz angebunden ab und bedeutete mir mit einer Handbewegung zu gehen. Im Umdrehen konnte ich aus den Augenwinkeln erkennen, wie sie den Inhalt des Glases in einem Zug lehrte, und hörte dann ein Kratzen, als würde eine geschliffene Karaffe entkorkt werden.

Ich wunderte mich darüber ein wenig und fragte mich, woher ich diesen würzi-herben Geruch kannte, den der Inhalt des Glases verströmte. War Tante Susan am Ende krank? Wollte sie es verbergen, damit wir uns nicht sorgten? Hatte sie mich darum gerade so angefahren?

Ich beschloss, Howard darüber auszufragen. Vorsichtig, verstand sich. Das war schließlich kein Thema, welches man einfach frei zur Sprache brachte. Die Schwindsucht grassierte auch in Providence, wie in allen größeren Städten Amerikas derzeit.

Vor seinem Zimmer angekommen klopfte ich und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Mir bot sich das übliche chaotische Bild seiner Zeichnungen und Notizen, die alle wild auf dem Boden verstreut lagen. Unzählige Augen blickten mich dabei von den losen Blättern an.

Die teils nur rasch skizzierten, teils säuberlich ausgearbeiteten Wesenheiten mit den langen Gliedmaßen schreckten mich aber schon lange nicht mehr. Ich kannte sie zur Genüge. Howard musste als sehr kleines Kind einmal eine schreckliche Begegnung mit einem Tintenfisch gehabt haben. Er liebte weder die Vielarmer, noch liebte er die See und das Wasser. Dennoch zeichnete er sie ständig. Außer seinen skurrilen Machwerken war sein Zimmer allerdings leer.

Ich stand inmitten der befüllten Seiten und zuckte ratlos mit den Schultern. Wenn er nicht hier und nicht in der Bibliothek war, wusste ich keinen Ort, an dem ich nach ihm hätte suchen sollen. Er mied die anderen Räume des Hauses, ging nur ungern in den dunklen Keller und auf den Speicher nur, wenn er mich mit Schauergeschichten erschrecken wollte. Kurz musste ich an die Treppe zum hinteren Dachboden denken. Doch alles in mir sträubte sich dagegen, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. So blieb mir nichts, als mich wieder mit Alices Geschichte zu befassen und das Abendessen abzuwarten.

Zu diesem fanden nur Tante Susan und ich mich ein. Großvater Phillips ging in letzter Zeit oft schon früh schlafen. Meine Tante versuchte nicht einmal, den besorgten Tonfall deswegen zu verbergen. Ich kaute wortlos mehrere Minuten auf einem Bissen herum. Dann rang ich mich dazu durch, nach Howard zu fragen. Immerhin war es schon dunkel und ich hatte ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen.

„Er war unten an der Küste. Hat sich vermutlich mit Freunden getroffen. Jetzt ist er oben. Er wollte noch etwas fertig schreiben“, überraschte mich meine Tante mit einer Antwort. Ich ließ sie jedoch unkommentiert.

Küste? Entweder wusste diese Frau gar nichts über ihren Sohn, oder die Tatsache, dass sie mir eine so offensichtliche Lüge auftischte, sollte deutlich machen, dass ich nicht weiter in dieser Sache vorzudringen hatte.

Bis ich schließlich vom Tisch entlassen wurde, wippte ich ungeduldig mit den Füßen. Dann gestattete Tante Susan mit einem kurzen Kopfnicken, dass ich gehen dürfe, und ich sprang auf. Im Hinaushasten vernahm ich hinter mir einmal mehr das Kratzen einer sich öffnenden Glaskaraffe und erneut stieg mir ein bitterer Duft in die Nase. Diesmal scherte ich mich aber nicht darum. Mit wenigen Schritten nahm ich die Treppe und war im oberen Stock. Ich ging zu Howards Tür, öffnete sie ohne zu klopfen und musste sofort angeekelt einen Schritt zurückweichen. Es roch im ganzen Zimmer so intensiv nach totem Fisch, dass ich mich fast übergeben hätte.

Als ich mit dem Ärmel vor der Nase einen erneuten Versuch wagte mich umzusehen, sah ich auch gleich, woher der penetrante Gestank kam. Inmitten der Bilder und Notizen auf dem Boden lag Howard. Seine rechte Hand mit der Zeichenfeder darin fuhr unentwegt in eine widerlich grüne Pampe, deren Aroma sich nun auch auf dem Flur ungehindert ausbreitete. Howards Blick löste sich von seinem Tun und streifte mich. Ich sah, dass mein Ekel sich darin widerspiegelte, aber gleichzeitig blinzelte mir auch eine Entschlossenheit entgegen, die fast schon dem wahnhaften Funkeln aus meinem Alptraum gleichkam.

„Dann warst du wirklich an der Küste“, brachte ich über die Lippen und sofort zuckte Howard unter den Worten zusammen, als habe ich ihn geschlagen.

„Ich brauchte die Algen“, beantwortete er meine nicht ausgesprochene Frage. „Ihre Haare sind grün, Helena. Grün! Verstehst du?“

Er erhob sich, kam auf mich zu. Sein Blick, mit dem er zunächst hinter sich schaute, als erwarte er dort jemanden stehen zu sehen, durchfuhr mich wie ein Blitz. Das Gefühl, das augenblicklich durch meinen ganzen Leib zog, war für mich nicht in Worte zu fassen. Ich wusste nur, ich wollte nicht, dass er nur einen Schritt näher kam.

Ich rannte hinaus schlug die Tür hinter mir zu und war mit wenigen Sätzen bei der meinen und hindurch, die ich von innen versperrte. Dann verkroch ich mich unverzüglich unter meiner Bettdecke, zog die Knie an und presste fest die Augen zusammen. Ich hegte die Hoffnung, dass sich die Erinnerung an Howards Gesicht damit verdrängen ließ. Aber im Gegenteil! Es brannte sich nur umso fester in meinem Gedächtnis ein und vermischte sich mit dem Singsang der vergangenen Nacht, während ich langsam wegdämmerte.

„Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel. Lass mich dir folgen.“

Diese Worte, obwohl ich wusste, dass ich sie mir in Wahn und Angst und Halbschlaf nur eingebildet haben konnte, blieben vorerst das Letzte, was ich von Howard hörte. Am nächsten Tag sah ich ihn weder beim Frühstück, noch später irgendwann. Seine Zimmertür war stets verschlossen wenn ich klopfte und Tante Susan wimmelte meine besorgte Frage nach ihm nur ab. Sie schien abwesend. Wie benebelt.

Auch am folgenden Tag tauchte mein Cousin nicht auf und nicht am Tag danach. Mittlerweile schien das auch meine Tante bemerkt zu haben. Wobei ich es ihr kaum vorwerfen konnte. Am Tag musste sie den Haushalt nun ganz allein machen und in der Nacht hielt sie die offensichtlich schlechter werdende Verfassung ihres Vaters an seiner Seite und auf den Beinen.

„Wo steckt der Junge nur? Er ist doch nicht etwa auch krank?“, gab sie mit schleppender Stimme von sich.

Ohne dass ich es wollte, fielen mir sofort die Worte aus meinem Alptraum ein: Ich bin das Tor. Ich bin der Schlüssel. Lass mich dir folgen.‘ Daraufhin verschluckte ich mich an meinem Tee und musste so heftig husten, dass ich kleine Tröpfchen überall auf dem Frühstückstisch verteilte.

Tante Susan wischte den mit Spucke vermengten Tee angewidert von ihrem Teller, sah mich missbilligend durch ihre tiefen Augenringe an. „Du wirst doch nicht etwa auch krank?“, fragte sie. Den Blick, den sie mir dabei zuwarf, kannte ich. So sah man all jene an, die erste Anzeichen der Schwindsucht zeigten. Es war jene Mischung aus Mitleid, Panik, Ekel und Selbsterhaltungstrieb, die dem Gegenüber genau zu verstehen gab, dass man sich nicht länger in seiner Gegenwart wünschte.

Ich wollte mich erklären, keuchte aber immer noch und letztlich hielt ich es nicht mehr aus. Weiter aus vollem Halse hustend sprang ich vom Tisch auf und lief ins Obergeschoss. Erst auf dem letzten Treppenabsatz fühlte sich meine Kehle wieder einigermaßen frei an und ich kam mir nur noch dumm und unhöflich vor. Noch einmal hinabzugehen und mein Frühstück zu beenden, traute ich mich allerdings nicht, und so ging ich schnurstracks zu Howards Zimmer. All die finsteren Gedanken an die Alpträume und die Stimme beiseite schiebend, klopfte ich. Unter meiner Berührung schwang die Tür diesmal gleich nach innen auf.

Das Zimmer war leer. Meine Augen tasteten das übliche Chaos ab, fingen sich dann aber in Zeichnungen, die ich zuvor nie gesehen hatte. Das Wesen, welches der wirren Phantasie meines Cousin zuletzt entsprungen war, starrte mich von unzähligen losen Blättern an.

Am auffälligsten war dabei, dass die Kreatur für HowardssonstigeKreationen viel zu wenig Tentakeln hatte. Wohlproportioniert und weiblich, warsie auch fast zu hübsch, um ein Teil von seiner bizarren Gedankenwelt zu sein. Nur ihr giftgrünes Haar sonderte noch immer diesen fischigen Geruch ab, dass mir das Frühstück wieder hochkam.

Meine Hände wühlten sich durch den Berg an Papier und ich stellte fest, dass Howard in den letzten Tagen und Nächten nichts anderes gezeichnet hatte als diese Frau. Manchmal war dazu ein Schlüssel in eine Ecke des Bildes gekritzelt, manchmal hielt sie ihn in der Hand und manchmal stand sie damit vor einer Tür. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und fand auch keinen Hinweis, wo Howard sein könnte. Ich beschloss daher, das Haus einmal vom Keller bis zum Giebel auf den Kopf zu stellen. Irgendwo musste mein Cousin schließlich sein. Das von der Küste her aufziehende Unwetter verbot immerhin jeden Gedanken daran, er könne sich draußen aufhalten.

Drei Stunden später gab ich dieses Unterfangen jedoch auf. Auch wenn das Haus groß war, hatte ich nun jeden Raum schon zweimal durchsucht. Tante Susan hatte sich derweil in ihrer verzweifelten Apathie in die Bibliothek zurückgezogen und kam nicht mehr daraus hervor. Das Mittagessen fiel somit aus. Die Köchin war ohnehin nicht gekommen. Ich durchstöberte noch einmal den vorderen Dachboden. Als ich voll Staub und mit Spinnweben in den Haaren zum dritten mal für heute herunterkam und nach meiner Tante sah, war es bereits vier Uhr.

Howards Mutter saß mit in die Hände gestütztem Kopf an ihrem Sekretär.Eine Flasche mit bloß nocheinem Bodensatz grünlichen Inhaltesstand geöffnet neben ihr. Der schwere, bittere Geruch breitete sich auch jetzt wieder im ganzen Raum aus und ich erkannte ihn diesmal: Wermut.

Ich begriff, dass dies nicht der erste Nachmittag in ihrem Leben war, an dem sie ihren Kummer in Alkohol ertränkte.

Ich ging auf sie zu. Wollte wissen, ob Tante Susan eingedöst war, doch hob sie augenblicklich den Kopf, als ich mich näherte. Sogleich fiel mir eine Kette mit einem Siegel um ihren Hals auf, wie ich sie von meiner Mutter kannte. Außerdem bemerkte ich, dass sich das gleiche Symbol auch auf dem Sekretär und der Flasche mit dem Absinth befand.

Meine Frage lag mir noch auf der Zunge. Ich fand aber keine Worte. TanteSusan winkte mich zu sich. Sie nahm meine Hand. Ihr glasiger Blick ging dabeian mir vorbei über meine Schulter. Es erinnerte mich an Howards wahnhaftes Vor-Sich-Hin-Stieren. Das Schaudern durchzuckte mich wieder. Ich wollte zurückweichen, aber sie ließ nicht los. Mit einer Kraft, die ich ihr nicht zugetraut hatte, zog sie mich zu sich hinab und flüsterte mir ins Ohr: „Ich wusste, dass sie ihn irgendwann holen würde. Das hat sie schon immer mit den Kindern dieser Familie getan.“

Dann schenkte sie sich nach und trank direkt in einem Zug aus. Ich war gelähmt vor Entsetzen.Wollte fort von ihr. Erst Howard und jetzt ihr seltsames Verhalten. Kein Wunder, dass die Bediensteten fort blieben!

Dann aber atmete ich tief durch. So wie man es mir beigebracht hatte, wenn mich die Atemnot überkam. Es half mir. Ich konnte mich zusammenreißen. „Hier ist außer uns keiner, Tante Susan“, erklärte ich ihr mit so ruhiger und fester Stimme, wie ich konnte.

Sie lachte nur. Starrte an mir vorbei. Setzte das Glas wieder an die Lippen. Einen winzigen Schluck ließ sie diesmal am Boden des bauchigen Gefäßes zurück. Sie hielt es auffordernd in meine Richtung.

„Trink, wenn du sehen willst, Helena.“

Ich hob abwehrend die Hände.

„Kluges Mädchen. Aber du kannst nicht entkommen. Es ist unser Blut. Wir kamen aus der alten Welt. Und sie mit uns.“

Sie deutete neben mich, wo noch immer nichts war als die Wand und das Bücherregal. Ich wusste nicht, was sie meinte. Sicher, unsere Familie ließ sich bis zu den ersten Siedlern in der Massachusetts Bay zurückverfolgen. Aber von welcher ‚sie‘ redete meine Tante?

Zögernd stand ich vor ihr. Angstvoll. Doch konnte ich die Neugier nicht bezwingen und ergriff schließlich das Glas. Ich nahmden letzten Schluck daraus, spürte, wie der bittersüße Tropfen mir brennend die Kehle hinablief. Ich drehte mich um, ein mitleidiges Lächeln schon auf den Lippen. Ich wollt ihr sagen, dass hier niemand war, dass wohl der Alkohol sie dem Wahnsinn immer näher brachte. In dem Moment aberfiel mein Blick auf die Stelle, die Tante Susan nicht aus den Augen ließ.

Ich prustete. Keuchte. Bekam den Absinth in die Nase und spürte, wie er sofort in meinen Kopf drang. Mir wurde schwummerig, denn mein Körper war den Alkohol nicht gewohnt. Dennoch war mir klar, dass ich bei Weitem nicht betrunken genug war, um zu halluzinieren. Mit jeder Sekunde, die ich sie anstarrte, wurde sie wirklicher.

Die fahle, hellgrüne Haut spannte sich über die hohen Wangenknochen. Das wallende, moosfarbene Haar umgab ein Gesicht so unwirklich schön und gleichzeitig bizarr, dass mein Verstand es weder fassen konnte, noch Worte dafür fand. Mein Gehirn rief sich sofort jenen fischigen Geruch in Erinnerung zurück, der ihren Anblickin Howards Zimmer begleitet hatte. Dabei wusste ich, dass er nicht real war. Nur eine Einbildung. Denn sie war diesmal nicht nur eine Zeichnung aus Tusche und Algenschlamm. Sie war echt!

Ein Grinsen legte sich über ihre Züge, als unsere Blicke sich trafen. Ich wollte das Glas aus meiner Hand fallen lassen und davonlaufen, aber ich konnte nicht. Und sie spürte das. Sie löste sich von ihrem Platz, ging auf Tante Susan zu, der sie sanft mit der Hand über die Augen fuhr. Der Kopf meiner Tante sank augenblicklich auf ihre Brust. Dann wandte das Wesen sich wieder mir zu, kam auf mich zu, dass die aufwallende Panik mir die Brust zuschnürte und ich Angst haben musste, einen Erstickungsanfall zu erleiden.

Sie ging aber einfach an mir vorbei. Ihre Äthergestalt streifte mich bloß, was mich frösteln ließ. „Du bist das Tor. Du bist der Schlüssel“, hörte ich sie flüstern.

Bei der Tür drehte sie sich um und gab mir einen Wink ihr zu folgen. Ich wollte nicht. Ich wollte hierbleiben, sehen, ob meine Tante nur eingeschlafen oder tot war. Ich wollte nicht mit diesem atemberaubend furchtbaren Wesen gehen. Aber meine Füße taten nicht, was ich ihnen befahl. Sie setzten sich von ganz allein in Gang, folgten dem Flüstern der grünen Fee vor mir. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ihr fahles, grünes Licht verblasste und sie für einen Moment pechschwarz aufflackerte. Vielleicht war das aber auch nur mein umnachteter Verstand.

Ich ging ihr nach aus dem Raum den Treppenabsatz in den Flur hinabund sah sie schon auf halber Höhe zum Aufgang in den hinteren Dachboden stehen. Sie winkte und ich musste folgen. ‚Ob Howard sich auch nicht dagegen hatte wehren können?‘, dachte der letzte noch vernünftige Teil in mir. Schon Augenblicke später war die Frage allerdings unerheblich. Ich stand vor der schäbigen alten Tür. Spinnweben hingen in ihrem Rahmen, als wäre sie seit Jahren nicht mehr geöffnet oder auch nur beachtet worden. Ich erwartete, dass die grüne Gestalt einen Schlüssel ziehenwürde, um mir zu öffnen. Stattdessen aber ging sie einfach durch die geschlossene Tür hindurch.

Ich stand da und wartete. Einen Lidschlag später kam sie zurück. „Komm, Helena. Folge mir. Howard ist schon hier. Es ist für euresgleichen gemacht.“

Mein Herz begann zu rasen. Mein Puls sprengte jede Grenze und Blut rauschte wie ein tosender Gebirgsbach durch meinen Schädel, dass ich glaubte, gleich ohnmächtig zu werden. Ich wurde es aber nicht.

Erneut wartete ich darauf, dass sie einen Schlüssel zückte. Stattdessen ergriff sie meine Hand, führte sie näher an das alte Holz heran. Ich wollte es nicht und doch wollte ich nichts anderes mehr. „Du bist das Tor. Du bist der Schlüssel“, hauchte sie einmal mehr geheimnisvoll in mein Ohr und tauchte dann wieder durch das massive Holz, kaum dass meine Finger Millimeter davor verharrten.

Ich schloss die Augen. Zuckte innerlich zurück. Dort auf den alten Brettern erschien jenes Zeichen, das Mutter und Tante Susan trugen. Das Zeichen, das auch in den Sekretär geschnitzt war. Es loderte vor meinen Augen. Ich glaubte zu wanken. Lehnte mich von den Brettern fort, während meine Hände nicht mehr zu mir gehörten und etwas in die Luft malten. MeineFüße gingen die letzten My auf die Tür zu. Gleich würden meine Finger das Holz berühren. Ich würde aufwachen aus diesem schaurigen Traum und … Dann fiel ich einfach hindurch.

Ich spürte, wie mich die Substanz der Tür streifte, also etwas in mir streifte. Ich begriff nicht ganz, wollte mich fragen, ob nur mein Geist hindurch getreten war, und mein Körper am Ende noch im Gang vor der Tür verharrte. Aber das war alles belanglos, kaum dass meine Augen in die alptraumhafte Surrealität um mich blickten.

Ich stand in einer Stadt, die schon lange nicht mehr bewohnt sein konnte. Alles an diesem Ort war grün und es roch … wieder fiel es mir nicht ein. Mein Verstand verdrängte es einfach. Über mir an einem fahlgrünen Himmel zogen gigantische Monstrositäten ihre Runden, die Fangzähne, Klauen, Schuppen und Tentakel hatten. Alles gleichzeitig und in beliebiger Zusammensetzung. Ich tat einen Schritt, denn mir wurde plötzlich klar, dass ich für sie offen sichtbar in dieser breiten Straße mit den zerfallenen Prachtbauten stand. Von der grünen Fee mit dem zauberhaft scheußlichen Gesicht fand ich keine Spur mehr. Als ich mich bewegte, schmatzte es allerdings zäh und klebrig unter meinen Füßen.

Ich wollte nicht hinabblicken. Ich konnte es aber auch nicht verhindern. Entsetzen überkam mich, formte sich zu einem Schrei ganz tief in mir und drang nach oben. Ich verkniff es mir im letzten Moment und stieß mit dem Fuß die Überreste einer Kreatur zur Seite, aus deren offener Brusthöhle ein zäher Teer gelaufen kam. Wie alles an diesem Ort war auch der Teer grün.

Meine Augen wandten sich ab, doch wo sie hinsahen, lagen weitere zerfledderte Körper. Mal waren ihr Bauch oder ihre Brust geöffnet. Mal konnte ich ihre Körperteile gar nicht richtig zuordnen, denn sie hatte einfach nichts an sich, was in irgendeiner Weise an die Anatomie der Welt erinnerte, die ich hinter mir gelassen hatte. ‚Vielleicht für immer?‘, stieg ein schauriger Gedanke in mir hoch. Die Tür war nicht mehr da, und so blieb mir nichts, als der Spur aus Leichen zu folgen, in der Hoffnung, Howard zu finden, bevor der Wahnsinn, der an diesem Ort verborgen lag, mich fand.

Manchmal auf meinem Weg über ausgestorbene Plätze und durch verwaiste Straßenzüge glaubte ich, von jemandem beobachtet zu werden. Drehte ich mich dann aber in die Richtung um, sah ich nichts weiter, als den grünen Schimmer, der alles umgab. Ein paar Mal war ich kurz davor nach Howard zu rufen. Doch die Dinger am Himmel drehten weiter unablässig ihre Schleifen. Wie Maschinen. Nur dass Maschinen sich nicht gegenseitig zerfleischten, sobald ihre Wege einander kreuzten. Grünes Blut regnete nach einer solchen Begegnung vom Himmel, und meine Haare, meine Kleider, jeder Zentimeter an mir war bald damit bedeckt. Ich glaube, ich weinte sogar. Aber sicher bin ich mir nicht. Ich weiß nur, dass da der Gedanke war: Wenn ich Howard finde, dann wird alles gut.

Der Himmel über mir zog sich dreimal zu und dreimal wurde das Grün um mich heller. Meine Beine waren bald taub, meine Gedanken ebenfalls, denn anders konnte ich diesen Ort nicht ertragen. Mein Weg führte mich weiter und weiter undzweimal glaubte ich sogar, zwischen den Toten so etwas wie menschliche Gestalten zu erblicken. Sie kamen mir vage bekannt vor. Eine trug ein weißes Häubchen, die andere eine blutbefleckte Schürze.

Baldstolperte ich apathisch über die Trümmer einer zerbrochenen Statue, bahnte mir den Weg um sie herum. Ich glaubte schon nicht mehr daran, je wieder etwas anderes als grünes Grauen zu Gesicht zu bekommen, vermischt mit diesem bitter-würzigen Geruch, als ich in der fahlen Dämmerung plötzlich die Umrisse einer vertrauten Gestalt erblickte. Das dunkle Haar, die schmalen Schultern, die energische Haltung. Wie immer, wenn er ganz in etwas vertieft war.

„Oh, Gott sei Dank, Howard!“, entfuhr es mir.

Ich stürmte auf ihn zu, wollte ihm um den Hals fallen. Doch schrak ich in letzter Sekunde zurück. Eine Kreatur aus Stacheln und langen Fortsätzen lag mit aufgerissenen Eingeweiden vor ihm. Am Zucken der Tentakel erkannte ich zu meinem Entsetzen, dass sie noch lebte.

„Howard! Komm weg da! Es lebt!“

Mein Cousin drehte sich zu mir um. Ganz langsam. Jener Ausdruck von Wahn, den ich schon zuhause bei ihm bemerkt hatte, hatte sich tief in seine Züge eingegraben und war mit dem Gesicht, das ich wie das eines Bruder liebte, zu etwas Neuem, Unaussprechlichen, verschmolzen.

„Ich weiß, Helena“, entgegnete er. „Ich weiß, aber keine Sorge. Es lebt nicht mehr lange.“

Mit der bloßen Hand griff er in das schleimige Gewirr aus Gedärmen und was sich sonst im Innern dieses Unwesens befand. Das brachte alles in mir zum Einsturz und ich schrie. Lang und laut und es war mir egal, welche Wesen nun alle auf uns aufmerksam wurden.

Mit blutbeschmierten Händen kam Howard auf mich zu. „Psst, Helena. Psst. So nah wie heute war ich ihr noch nie. Ich muss hinter das Geheimnis kommen. Die letzte Flasche ist leer.“

„Was redest du da? Wessen Geheimnis? Howard, wir müssen hier weg!“

„Nein, Helena. Wir gehören hierhin. So, wie die grüne Fee gesagt hat. Nur wir können die Geheimnisse dieses Ortes entwirren. Doch um hierher zu kommen, müssen wir den Absinth trinken. Ich kenne die letzte Zutat nicht, die sie nutzt, damit sich das Tor für uns öffnet. Es ist nicht ihre Haut. Es ist nicht ihr Blut. Wenn es nicht ihre Herzen sind, weiß ich es auch nicht. Aber vielleicht …“

Ich starrte ihn fassungslos an. In seiner linken Hand hielt er ein schrumpeliges Ding, das hin und wieder noch zuckte. Ich dachte an die Leichen, die ich auf meinem Pfad hierher gesehen hatte. Mein Verstand wollte die Konsequenz nicht ziehen. „Ichbin das Tor. Ich bin der Schlüssel“, murmelte ich halb im Wahn die Worte, die mir als erstes in den Sinn kamen. Der herbe Geruch durchdrang jetzt ganz meinen Verstand. Ich blickte mich um und sah nun auch, woher er kam. Wermut. Überall an den alten Mauern und zerbrochenen Steinen wuchs Wermut. Und dort hinten an der Wand lehnte die Fee und nickte mir lächelnd zu.

Damit hatte ich genug gesehen und genug begriffen. Noch schmeckte ich ihn auf der Zunge, im Gaumen, und die Worte dieses grünen Scheusals, das mich – das uns – hergelockt hatte, gaben mir die Gewissheit, was ich tun musste.

Ich streckte die Hand aus und meine Finger malten das Siegel in die Luft. Ich stürzte ein weiteres Mal durch eine Tür und bevor die Himmelsbestien uns erreichten, oder Howard es schaffte, den grünen Inhalt des Herzens in seine mitgebrachte Flasche auszupressen, kamen wir polternd mit aufgeschlagenen Knien am Fuß der Treppe zum hinteren Dachboden zu liegen.

„Wir sind das Tor. Wir sind der Schlüssel“, presste er hervor,und nichts als tiefes Bedauern und manische Entschlossenheit lagen in dem Blick, mit dem er die alte Holztür anstarrte.

Nach diesem Erlebnis wollte ich nichts mehr, als meinen Aufenthalt in Providence so schnell als irgend möglich zu beenden. Ich schrieb einen eiligen Brief an meine Mutter, der nichts erklärte, außer, dass ich dringend nachhause zu kommen wünschte.

Bis zum Tag meiner Abreise zwei Wochen danach verließ ich mein Zimmer nur, wenn ich musste. Ich aß so selten es ging, um der Gesellschaft meiner Verwandten zu entgehen. Und doch sah ich sie – vor allem Howard – für meinen Geschmack noch zu oft.

Ich wollte vergessen, doch gelang es mir in Monaten und Jahren danach nicht annähernd, die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf zu bekommen. Sobald es vom Gesetz her für mich erlaubt war, suchte ich mir einen geeigneten Mann unter den Fremden, die alljährlich in unsereStadt kamen.

Mit dem Namen hoffte ich, die letzte Erinnerung an dieses furchtbare Erlebnis abzulegen, und zeichnete fortan alle Briefe nur noch mit den Initialen H. S., Henriette Smith. Niemand sollte auf die Idee kommen, der wirre Geist, der in der New Yorker Schreiberszene derweil zu fragwürdigem Ruhm gelangte, könne auch nur das Geringste mit mir zu tun haben.

Meine Neugier konnte ich allerdings nicht bezwingen, und so las ich jedes neue Schriftstück, das mein Cousin in den folgenden Jahren verfasste. Die Welt verharrte in ehrfürchtigem Staunen, was sein Geist hervorzubringen vermochte. Ich allerdings betete jedesmal inständig, dass seine nächste Geschichte endlich Zeuge davon sein möge, dass er sich dem unheilvollen Einfluss seiner grünen Führerin hatte entziehen können.

Ich schenke euch eine Geschichte – Aus Tautränen und Schleierblut

So ihr Lieben,

 

Die hier hab ich mir für euch für heute aufgehoben. Sie ist so ein bisschen anders, als das, was ich sonst so schreibe. Darum mag ich sie heute mit euch teilen.

Ab und zu muss man sich selbst neu erfinden, sonst tritt man auf der Stelle. 🙂

Tausend Dank für all die vielen Glückwünsche, die schon bei mir eingegangen sind. Ihr seid einfach unbeschreiblich.

 

Aus Tautränen und Schleierblut

Dem nächtlichen Tau auf den Wiesen waren sie entsprungen, als das erste Mal die erste Sonne sich erhob über der erwachenden Welt. Tränenkinder der Allmacht, die Wissensdurst und Schöpfergeist in jenes Reich entließen. Anmutig zauber-zarte magiegewobene Söhne und Töchter aus goldenen Schleiern und Sphären noch weit wundersamer als die Hügel und Berge, Täler und Flüsse und Seen, die die Klänge des allerersten Liedes um sie woben.

Ohne Schuld und ohne Scheu, gefüllt mit Weitsicht, Hellsicht, nicht aber mit mit Gefühl. Nein, die klingenden, leuchtenden Herzen der Nebelgänger waren nicht geschaffen für Leid und Freude, Zorn oder Angst. Nicht einmal für Liebe. Denn Liebe verklärt, was sich verbirgt in den Gespinsten des Gestern, den Geweben des Heute, den Schleiern des Morgen.

Es brennt! Es brennt! Ich verbrenne! Zunderzauber, Schwefelspucke, gewaltgeifernde, silberhautzerfetzende, diabolische Drachenklaue! Geh weg! Lass mich! Nein!

Warum nur? Warum habe ich das getan? Wieso mich entschieden, dafür? Was soll es bringen? Was kann Gutes werden aus etwas, das so schrecklich ist?

Blut rinnt aus meinen Armen. – Arme! Wie konnte ich nur? Ein sterblicher Körper. Eine plumpe, fleischliche Gestalt!

Ich erschaudere tief im Herzen. Dieses Ziehen und Zerren und Reißen und Klopfen. Ich spüre, was ich nie zuvor erlebt habe, was nur als vages Konzept im Innern meiner Selbst und der ewig kühlen Gefasstheit meiner allumgreifenden Überlegenheit geschlummert hat.

Schmerzen!“, stöhne ich. „Solche Schmerzen!“

Die goldenen Augen blicken mitleidlos auf mich hinab, fasziniert wohl von dem Wandel, den meine Züge in weniger als dem Bruchteil einer Sekunde durchgemacht haben.

Als zwei Konzepte waren sie geschaffen worden. Zwei Prinzipien, zwei dumpfe Herzschläge, die die Welten antrieben wie Zahnräder eine Uhr.

Erwacht aus der ungezähmten Dunkelheit der ewigen Nacht, die vor dem ersten Morgen gelegen hatte, waren sie, die Himmelsfürsten, begabt worden mit so viel Magie wie gleichsam gerechter Wut, bebendem Zorn, brennender Leidenschaft, die ihre Herzen am Schlagen und ihre Flügel in der Luft hielt; der Inbegriff von überschäumenden Gefühlen und roher Allmacht.

Die anderen, die Tauwanderer, Grenzgänger, Schleiertänzer, begabt mit allem Wissen, doch ohne jegliche Empfindung. – So hatten sie sein sollen. Vom Anbeginn bis in alle Ewigkeiten, die die Welten sich drehten. So hatten die Herzen der Gottkinder es erträumt, es gewünscht, es geschaffen.

Und dennoch liege ich hier. Obwohl der Anbeginn mir Ewigkeit versprochen hatte. Doch Ewigkeit wofür?

Ich sah sie, die Fehler der Sterblichen, lange bevor sie geschahen, und konnte sie dennoch nicht hindern. Denn unbelehrbar wie sie sind, ist jedes Wort an sie Verschwendung.

Dieser Gedanke zuckt kurz auf aus all dem roten Nebel und all der eisfeurigen Qual. – Erde und Wasser, Magie des Lebens, mir gegeben vom ersten Augenblick, – Schöpfermagie.

Doch wofür hatte ich sie genutzt?

Allein hatte ich die Welten durchwandert von Ewigkeit zu Ewigkeit, von Augenblick zu Augenblick. Niemals hatte es mich gestört. Dann aber habe ich sie gesehen, spürte ich ihr Kommen, das Erwachen ihrer Seele. Der Himmel träumte schon von ihr, von diesem seinem schönsten und gleichzeitig seinem gefährlichsten Kind, als ich meine Hufe auf den Tau des ersten Morgens setzte. Doch damals habe ich sie noch nicht verstanden. Nur ihr Lied gehört.

drei Zeichen dir geben die Himmel fern …

Ich selbst war nicht in der Lage, ihre Wundersamkeit bis ins Letzte zu begreifen, und ich wusste damals schon, ich würde es nie sein.

Doch das Wissen um ihren Pfad hat uns geleitet. Nicht nur mich, Ljosalfur, den König der Schleiergeborenen, sondern auch die Drachenfürsten. Wir haben das Erwachen der Sterblichen bestaunt und ignoriert hier in unserer Welt jenseits der Schleier. In der Arroganz unserer Unendlichkeit und Unberührbarkeit haben wir uns sicher gewähnt vor der Veränderung, die im Reich der Träume um sich griff. Aber letzten Endes hat sie auch vor uns nicht Halt gemacht.

Während ich halb fasziniert, halb erschüttert dem Wimmern meiner eigenen Stimme lausche, unter der die Bäume ringsum erzittern, frage ich mich, ob er sich auch so gefühlt hat. Er, der blaue Bruder jenes goldenen Schwingenträgers, der mir meinen letzten Wunsch erfüllte.

Ja“, höre ich die Antwort in meinem Geist klingen. „Ja, er hatte schreckliche Angst vor dem Tod. Das Ende der eigenen Existenz, es ist für uns so unbegreiflich und unfassbar wie für die Menschen, aus deren Seelen wir geboren wurden.“

Teijûns dunkle Augen stechen aus seinem gleißenden Schuppenkleid hervor. Es zuckt kurz darin, als er meine Gedanken liest. – Doch so etwas wie Mitleid?

Ein Drache, der Mitleid mit einem Einhorn hat! Ein dumpfes, schnaubendes Lachen würgt sich aus meiner Kehle. So etwas hat es nie gegeben!

Wir können uns nicht verstehen; nicht miteinander, nicht füreinander fühlen. Denn wir, die Söhne und Töchter des Wissens, fühlen gar nichts. – Außer wir entscheiden uns, der Unsterblichkeit zu entsagen; so, wie ich es gerade getan habe.

Bei diesem Gedanken verschwimmt die Lichtung mit ihren Bäumen und dem See vor meinem Blick. Meine sterblichen Finger krallen sich um die dichten Grashalme, greifen hinein in das üppige Grün mit den weißen Sternenblüten, die aufgehen, wo mein Blut die Erde benetzt.

Über Erde und Wasser – die Elemente des Lebens – habe ich geherrscht. Jeder Tropfen meines Blutes war mächtig genug Wunden zu schließen, die kein anderes Heilmittel zu lindern vermochte. Doch jetzt, jetzt gebe ich all das und aus dem blutgetränkten Tau des Morgens, der folgen wird, soll sich mein Sohn erheben.

Ich lächle, denn das Wissen um diesen Sohn hilft mir, die Angst zu überwinden, die sich um meine Kehle legt. Auch wenn ich ihm niemals gegenüberstehen werde, so weiß ich doch, er wird rot sein, wie das Feuer der aufgehenden Sonne, die sich in meinem Blut spiegeln wird. Sein Name wird Lykill sein. Lykill, der Flammende, die Antwort auf alle Rätsel.

So viel Kraft der Gedanke mir gibt, so steigt nun doch etwas in meiner Kehle empor, das ich nicht einordnen kann. Ich fühle mich, als müsse ich ersticken. Es dringt nach oben, bricht sich Bahn. Ich gebe neuerlich einen Laut von mir, den meine Ohren niemals aus einer unsterblichen Kehle vernommen haben.

Doch ja, natürlich! Unsterblich bin ich nicht mehr.

Ich gebe mich dem Gedanken hemmungslos hin und schluchze, um des Sohnes Willen, der mich nie kennen wird, von dem ich aber weiß, was für ein Schicksal ich ihm auferlege.

Er muss das Bindeglied werden. Er allein hat die Macht dazu. Aus meinen Tränen und meinem Schmerz geboren, hat er eine Gabe, die kein anderer unseres Volkes je hatte und je haben wird.

Ein Schaudern packt mich. Kälte kriecht über meinen Rücken. Ich spüre, wie der Drache seine goldenen Schwingen um mich breitet.

Es ist soweit“, flüstert er.

Ich nicke. Meine Augen wollen sich noch einmal öffnen. Ich will ihn sehen, den letzten Nebel, den ich durchschreite. Anders aber als erwartet, ist es nicht der letzte Schleier, dessen Kühle mich umfängt. Der silberne Nebel, der aufzieht, sich mir um Hände, Knöchel und das Herz legt, er ist magischen Ursprungs. Jene eine Sterbliche, die annähernd weiß, was Ewigkeit bedeutet, und die an den Geschicken dieser Welt schon lange dreht, sie hat ihn gerufen. Ahnungslos darüber, was er alles bringen sollte.

Ich werde also nicht hier sterben, denke ich. Nicht hier in dieser Welt, deren ersten Morgen ich erblickte und von der ich dachte, dass ich einst an ihrem letzten Abend stehen würde.

Nein.

Ein Beben durchdringt die Erde, als Teijûn sich in die Lüfte erhebt. Mein Weg ist nicht für ihn bestimmt und er muss hier verweilen, denn er wird sie kennenlernen, die Kinder, die meinem Blut entspringen. Denn nun weiß ich es. Nun verstehe ich, warum mein Sohn die Sternenprinzessin lieben kann.

Mit einem letzten Atemzug tauche ich durch die Grenzen und spüre noch, wie mein Körper eine Lichtung im Wald erreicht, die nicht in der magischen Welt gelegen ist.

Zwischen hohen Bäumen, die einen winzigen Teich umgeben, liege ich und kann mich nicht mehr rühren. Stimmen nähern sich von fern. Aus meinen Armen, die die Drachenkrallen aufgerissen haben, rinnt das letzte bisschen Blut, das in mir war. Es läuft in den See. Ich schließe die Augen.

Als letztes Geschenk trifft mich das Wissen, dass eine junge Frau heute in diesem See baden wird. Sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen. Ein Kind, das meinem Lykill eine Schwester werden soll.

Die silbernen Fürsten der Ewigkeit, sie waren nie dazu gemacht, zu fühlen. Weitsicht, Allsicht war ihre Gabe. Der Tau des ersten Morgens hatte sie geboren. Der erste Traum der Menschheit. Doch wie die Menschen selbst ist nichts ewig. Zumindest nicht, wenn es das nicht wünscht.

Und so können auch die Silberfürsten wählen, sich entscheiden – gegen das Leben und für den Tod.

So können sie ihre Gaben weitergeben an ein Kind von ihrem Geiste, dass doch wie sie sein wird, denn es trägt alles Wissen der Vorväter in sich. Und darum auch ist es eigentlich völlig unnötig. Überflüssig. Denn wenn das Alte wie das Neue ist, wozu sollte dann Neues entstehen?

All diese Überlegungen waren auch ihm gekommen. All diese Dinge waren dem Fürsten der Einhörner bekannt gewesen, als er den goldenen Drachen gebeten hatte, mit seinen Klauen die sterbliche Hülle zu zerreißen, die er um sich gelegt hatte. Anders aber als bei seinen Brüdern und Schwestern hatte Ljosalfur gewusst, dass aus seinem Opfer etwas Neues werden konnte, etwas Niedagewesenes.

Und so gebar der Tau des nächsten Morgens in Erui ein Einhornfohlen. Es erhob sich aus dem blutbenetzten Gras der Lichtung und blickte mit glut-dunklen Augen in den erwachenden Tag. Es blickte an sich herab und begriff, dass es anders war, als alle anderen seiner Art, denn sein Fell war rot wie Sonnenglut, Drachenfeuer und das Blut, das in Menschenherzen fließt.

Seine silbernen Brüder und Schwestern versammelten sich ringsum. Sie neigten die Häupter vor ihrem neuen Fürsten, denn er war der Sohn des alten und trug damit sein Erbe in sich. Kein Erstaunen und Erzittern war in ihren Blicken, denn wundern konnten sie sich nicht.

Er aber, Lykill, wunderte sich. Denn fern in den Schleiern, die Seinesgleichen schon lang nicht mehr durchschritten, hörte er einen Schrei und spürte ein zweites Herz und er wusste, das Blut seines Vaters hatte nicht nur ein Kind geboren.

Deleted Scenes – Von Königen und Pferden

Hier habe ich ein kleine Episode für euch aus der Zeit, die Fenia als vermeintlicher Junge in Arvindûras lebte. Ich hoffe ihr mögt es. 🙂

 

Dûrowinn von Arvindûras

 

Dûrowinns Finger krallten sich in die Mähne und mit seinen Waden umklammerte er den schweißnassen Leib des Hengstes. Noch zwei Bocksprünge hielt er sich so im Sattel, bevor er unter dem unbändigen Aufbegehren des Tieres letzten Endes den Kürzeren zog. Ein Schütteln noch und ein abprubter Stopp, dann flog er in hohem Bogen von seinem Rücken, prallte auf den Boden und konnte sich grade noch über die Schulter abrollen, um den wild keilenden Hufen zu entgehen, die in elegantem Sprung über ihn hinweg setzten. Die jungen Damen auf der Tribüne der Arena ringum hielten ängstlich den Atem an. Die Stallburschen im Rund sprangen auf die Füße, griffen nach Stricken und Stöcken, um das tobende Pferd wieder einzufangen. Nur der zweite königliche Stallbursche, ein besonnener Mann mit Namen Aswin, schlenderte gemächlich zu dem Prinzen hinüber und reichte ihm eine Hand, um ihm aus dem Staub aufzuhelfen.

Er schaute dabei absichtlich über die Schulter zurück zu dem anderen Jungen, der konzentriert am Rand der Arena unter den Säulen kauerte und die Augen nicht von dem wundervollen Hengst abwenden konnte. Aswin hoffte dadurch, sein Grinsen vor dem Kronprinzen verbergen zu können.

Der Sturz war vorherzusehen gewesen, gleich als sich der junge Mann forsch und tollkühn in den Sattel geschwungen hatte. Ihm das zu sagen, oder es ihn auch nur spüren zu lassen, würde seine Laune aber kaum verbessern.

„Was gibt es da zu lachen?“, fuhr Dûrowinn Aswin dennoch an.

Er zuckte mit den Schultern, setzte zu einer Antwort an, die dem Prinzen wohl keineswegs schmecken würde, doch ließ der hitzköpfige junge Mann ihn nicht zu Wort kommen.

„Der Befehl meines Vaters lautete, dass Ihr mir das beste Pferd von Eurer Reise zu den Gletschern mitbringt, das Ihr finden könnt, und nicht den erstbesten unzähmbaren braunen Teufel, der mir nach dem Leben trachtet!“

Seine Stimme sollte wohl überlegen und abgklärt klingen, während er ein paar Schritte zum Rand der Arena hinkte. Der hochmütige Tonfall erinnerte Aswin aber eher an einen trozigen Jungen, der mit aufgeschlagenen Armen, Knien und angeknackstem Stolz vor ihm stand. Aswin schüttelte den Kopf. Er war sonst ein guter Junge. Doch manchmal hatte er das dringenden Bedürfnis, ihn für solche Bemerkungen wie einen ungezogenen Bengel noch übers Knie zu legen. Aus dem Alter war er längst entwachsen und so mussten es ein paar wohlbedachte Worte tun.

Sein Blick flog zu den Rängen, von wo die tuschelnden Mädchen ihrem Schwarm sorgenvolle Blicke zuwarfen. Aswin hatte schon gewusst, warum er eigentlich darauf bestanden hatte, dem Prinz das neue Pferd heute erst nur unten in den Ställen allein und in aller Ruhe zu zeigen. Doch Dûrowinn hatte in seinem Übermut mal wieder ein Spektakel daraus machen müüssen. Die Blutergüsse geschahen ihm ganz recht.

„Mein Prinz, lasst es jetzt gut sein. Morgen versuchen wir es noch einmal, aber dann mit weniger Druck und mehr gutem Zureden. Ihr werdet sehen, er ist ein feiner Kerl.“

„Gut zureden?! Seid Ihr von Sinnen? Soll ich mich erschlagen lassen? Der muss gleich lernen, wer der Herr ist, sonst …“

Das Gesicht des Prinze war hochrot, vor Zorn und Scham wie Aswin vermutete, und seine Schimpftirade wäre gewiss auch noch weitergegangen, wenn er nicht aus den Augenwinkel etwas bemerkt hätte, was ihn im nächsten Moment schlohweiß werden ließ.

Der jüngere Freund hatte sich aus dem Kreis der Stallburschen gelöst, die respektvollen Abstand zu dem jungen Hengst haltend um diesen herum standen. Ohne Scheu trat er auf das bebende Tier zu. „Fen, nicht!“, schrie Dûrowinnn und schien sein schmerzendes Bein ganz zu vergessen.

Auch Aswin konnte sehen, wie die schmächtige Gestalt sich dem Pferd näherte. Dabei war jeder Muskel unter dem kastanienbraunen Fell zum Zerreißen gespannt, die Augen weit aufgerissen, dass man das Weiße in ihnen sehen konnte, und die Nüstern bis zum Anschlag gebläht. Das Pferd war misstrauisch und ängstlich und im Zweifelsfall zu allem bereit. Dem Jungen hingegen schien jede Angst und auch jede Vernunft zu fehlen.

Er war noch zwei Armlängen von dem Hengst entfernt und streckte behutsam eine Hand nach vorn, unablässig beruhigende Worte vor sich hinmurmelnd. Er blendete dabei alles andere um sich herum aus, überhörte die furchtsamen Zurufe der übrigen Burschen und auch den lauten Befehl des Prinzen, von dem Pferd wegzubleiben. Er bemühte sich, keine hastigen Bewegungen zu machen und seine noch sehr helle Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen.

Am Ohrenspiel erkannte Aswin, dass das Tier tatsächlich auf ihn reagierte. Es zögerte, hielt inne in seiner blinden Panik und begann zu überlegen, ob diese Geste tatsächlich freundlich gemeint sein konnte. Schon im nächsten Moment überwog allerdings die Skepsis und Fen musste sich unter fliegenden Vorderhufen hinweg ducken.

Dûrowinn und Aswin hielten dabei den Atem an, konten aber weiter nichts tun, denn in die Nähe des tobenden Pferdes zu gehen, würde den Jungen nur noch mehr in Gefahr bringen.

Es dauerte gut fünf Minuten, bis der Hengst sich wieder beruhigte. Der Prinz und der Stallbursche waren derweil kreidebleich geworden.

„Komm da endlich weg, Fen!“, rief Dûrowinn, als der Hengst schnaubend und nervös scharrend ein wenig Platz gemacht hatte.

Der junge mit dem dunkelblonden Kriegerzopf aber schüttelte abwesend den Kopf, ohne das Tier aus den Augen zu lassen. Seine Stimme blieb weiterhin ruhig und tief, soweit ihm das zumindest möglich war. Mit seiner ganzen Körperhaltung versuchte er dem Pferd zu vermitteln, dass es sich nicht fürchten musste. Aswin schaute fasziniert zu, und als Dûrowinn Anstalten machte, zwischen die anderen Burschen zu treten und Fen zurückzuholen, hielt er ihn am Ärmel zurück, legte den Finger an die Lippen und deutete auf die Szene, die sich nun vor ihnen abspielte.

Der Junge hatte sich erneut dem Pferd bis auf eine Armlänge genähert. Der Hengst stand wie angewurzelt. Schaum bedeckte noch immer seine Flanken und immer noch waren auch seine Nüstern gebläht. Dennoch wölbte er den kräftigen Hals nun der Hand entgegen, die sich ihm hinstreckte.

Dabei wurde Fen nicht ungeduldig, stellte Aswin fest. Als die Nüstern des Pferdes seine Fingerspitzen berührten, hielt er einfach nur ganz still, statt wie so manch anderer zuzugreifen und den Kontakt einzufordern. Nein. Der schmächtige Junge ließ Augenblicke und Augenblicke verstreichen, in denen das Pferd immer wieder bis auf Millimeter an ihn herankam, dann aber skeptisch die Mähne schüttelte und den Hals wieder zurückzog. Nach einer Ewigkeit, wie es den Umstehenden schien, fasste das Pferd schließlich Vertrauen und presste seine Nüstern in die dargebotene Hand.

Spätestens jetzt, so wusste der Stallbursche, machte jeder den Fehler, zu glauben, dass das Tier ihm willig folgen würde. Nicht so der Junge. Zehn weitere Minuten verstrichen, die er dem Hengst erlaubte ihn überall zu beschnuppern. Das Pferd trat auf ihn zu und um ihn herum und er verharrte still, wie festgenagelt. Erst als der Hals sich vertrauensvoll vor ihm senkte, ein Schauer durch die angespannten Muskeln ging und ein langes Schnauben den Nüstern entfuhr, wagte Fen, sich zu regen.

Ganz langsam und behutsam, ohne übereilte Bewegungen zu machen, schnallte er das Seil von seinem Gürtel. Mit ruhigen Worten erklärte er dem Tier, was er zu tun gedachte, und dass er nichts zu fürchten hatte, weil alles gut werden würde. Die kleinen spitzen Ohren drehten sich dabei in seine Richtung.

Dûrowinn blieb der Mund offen stehen, als sein Freund es tatsächlich schaffte, dem Pferd seinen Strick über die zerissenen Zügel zu legen, den Sattel abzuschnallen und ihn ohne Bocksprümge und Auskeilen neben sich her zu ihnen herüber zu führen. Eine Hand hatte er dabei beständig auf dem Nacken liegen und das Tier ließ den Kopf fallen und kaute wohlig.

„Am besten bringst du ihn für heute in den Stall“, meinte Fen nur schlicht, während er Dûrowinn den Strick in die Hand gab.

Für eine Sekunde ging ein Zucken durch das Tier, doch ein sanftes Tätscheln von Fens Händen versöhnte ihn mit der Situation.

„Wie hast du …?“, wollte Dûrowinn wissen, doch dann fiel sein Blick über seine Schulter auf die Zuschauer. Er hatte sich heute genug Blöße gegeben.

Aswin lächelte nur und ließ den Prinzen vorgehen. Er selbst schloss zu Fen auf, der wie üblich stillchweigend hinter dem älteren Freund herging.

„Das hast du sehr gut gemacht“, lobte der Stallbursche den Jungen. „Die meisten meiner Lehrjungen verstehen bis zum Schluss nicht, dass man Geduld haben muss. Sie sehen Sanftmut als Schwäche und mangelndes Durchsetzungsvermögen.“

Fen nickte nur abwesend. Dann plötzlich sah er Aswin allerings an und die blaugrüngrauen Augen des Jungen erschienen dem Mann für einen Moment ein wenig zu strahlend. Irritiert schüttelte er den Kopf während Fen leise erklärte: „Dieses Pferd ist frei geboren worden. Es kannte keine Hand und keinen Strick, bis Ihr ihm einen umgelegt habt. Ein solches Pferd zu führen, ist wie ein freies Volk zu führen. Man muss erst sein Vertrauen erlangen, bevor man es beherrschen kann und es einem folgt. Aber das sollte Dwinn besser wissen als ich.“

Der Stallbursche zog die schwarzen Augenbrauen zusammen.

„Nunja, du kannst dir sicherlich denken, dass sein Vater mich nicht mit dem Gedanken fortschickte, seinem Sohn nur ein schönes Pferd von den westlichen Bergen zu holen.“

„Nein, gewiss nicht. König Melias hat meist einen Grund für sein Tun. Er wollte sicherlich, dass dieses Geschenk für seinen Sohn gleichsam eine Lektion ist.“

„Du bist ein kluger Junge, Fen“, antwortete Aswin und sah die schmale Gestalt neben sich mit forschendem Blick an.

„Bin ich das?“, fragte der nur zurück und wieder war da etwas in seinen Augen, dass Aswin irritierte.

„Naja, vermutlich schon, denn du hast die Lektion bereits gelernt, die unser zukünftiger König vielleicht gerade erst zu begreifen beginnt.“

Als habe Dûrowinn ihre leisen Unterhaltung gehört, drehte er sich auf einmal zu ihnen um und sah den Stallburschen ein wenig reumütig an. Dann fragte er: „Wie heißt er eigentlich?“

Aswin klopfte Fen auf die Schultern und machte zwei schnelle Schritte, um neben den Kronprinz zu gelangen.

„Er heißt Kijanji, euer Hoheit. Der den Wind unter den Hufen trägt.“

Mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern drehte er sich noch einmal zu Fen um und dieser erwiderte beides.

Tausend Wunder … und ein Tropfen Ghulspucke Teil 1

Hier ist er also der Anfang meiner neuen Kurzgeschichtenreihe über Zitara, Maljosh und den Hamster Ambros. Es gibt Dungeons zu erkunden, böse Vamipir-Hexen zu bezwingen und jede Menge zu lachen.

Ach ja, ich weiß zwar nicht, ob die drei Mitglieder meines Autorenforums, die sich für das hier verantwortlich zeichnen dürfen, namentlich genannt werden wollen, dennoch gebührt euch ein dickes, fettes DANKE denn ihr habt da echt was bei mir getriggert. 😉 ( –> nach positiver Rückmeldung kommt ihr dann unten hin 🙂 )

 

 

Aber jetzt wünsche ich euch einfach viel Spaß!!

 

Tausend Wunder … und ein Tropfen Ghulspucke

ein Kurzgeschichten Fortsetzungs-Roman

von Sylvia Rieß

mit Dank an Zitkalasa, Amberle und Malinche

in Gedenken an einen Hamster.

Ein dröhnendes Hämmern an der Haustür und aufgeregte Schreie ließen Zitara aufschrecken. Schlaftrunken drehte sie den Kopf in Richtung Tür und fragte sich, ob sie in einem ihrer üblichen Träume gefangen war. Geübt sondierte sie die Umgebung. Finger fünf, Ecken annähernd rechte Winkel, – so gut das bei einem Zwergenbau eben möglich war -, alle Gegenstände ihres Laboratoriums an ihrem Platz, der alte Kupferkessel, die Destillierkolben, die Reagenzien im Regal daneben, alles schön geordnet.

Nein, kam Zitara zu dem Schluss, sie war nicht in einem Traum. Sie würde heute keine prophetischen Erkenntnisse über ihre oder irgendjemand anderes Zukunft erlangen und auch keinen Auftrag ausführen. Wenn sie es sich recht überlegte, hatte sie ja derzeit nicht einmal einen Auftrag. Kundschaft zu bekommen war schwer. Dennoch. Mitten in der Nacht?!

Gähnend schlurfte sie zur Tür, zog sie auf, starrte in zwei Knopfaugen und ein pelziges, aufgedunsenes Gesicht. Winzige Pfötchen hingen schlaff in einer Hand, die in schwarzes Leder gehüllt war. Der Hamster keuchte. Sie schob den Arm beiseite, der ihr das Tierchen unter die Nase hielt, und blickte dahinter in die stahlgrauen Augen eines Gnoms.

„Atemnot. Schon seit Tagen“, brachte er hervor. Die Stimme war dabei panisch, überschlug sich fast.

Zitara sah noch einmal auf ihre Hände. Fünf Finger. Eindeutig. Sie sah auf die Hand des Gnoms. Sechs Finger, wie es sich gehörte. – Alle Gnome hatten einen Finger mehr. War praktisch, wenn man mit feinen Mechaniken arbeitete. – Darauf fuhr sie sich mit der Hand durchs Gesicht. „Ernsthaft jetzt?“, fragte sie, noch nicht ganz entschieden, ob sie lachen, weinen oder einfach die Tür zumachen sollte. „Es ist zwei Uhr in der Früh.“

„Ich weiß, ich weiß“, überging der aufgelöste Gnom diesen Einwand und schob sich durch den geöffneten Türspalt „Aber Ambros hustet sich die Seele aus dem Leib.“

„Und da kommt Ihr zu mir? Gibt es nicht irgendwelche mildtätigen Elfen in der Nähe, die sich zu sowas berufen fühlen?“ Zitara musste stark an sich halten, nicht völlig unfreundlich zu werden.

Sie war Hexe. Vodoo-Dienstleistung aller Art. Entzaubern, entfluchen, verbannen. Oder auch das jeweilige Gegenteil davon. Ganz wie gewünscht. Mit Haustierseuchen oder Humunculus-Leiden hatte sie herzlich wenig am Hut.

Sie holte tief Luft, wollte ihrem Gegenüber das in aller Deutlichkeit klarmachen und ihn dann mit einem ‘Gute Nacht’ vor die Tür schieben, da ertönte aus der Hand des Gnoms ein erbärmlicher, schrill krächzender Laut. „Ähü, Ähü“, gab der Hamster ein Husten von sich, das mitleiderregend und schwach klang. Seine schwarzen Knopfaugen verdrehten sich zur wurzelüberzogenen Decke. Rotzfähnchen blubberte aus beiden Nasenlöcher und aus dem kleinen Mund kroch mit einem Mal ein silbriger Dunst hervor.

„Oh nein! Nicht noch ein Stück!“, schrie der Gnom, drückte Zitara den Hamster in die Hand, fummelte sich umständlich eine Tasche vom Gürtel, ebenfalls aus schwarzem Leder, und wühlte mit zittrigen Finger darin herum. Das Klappern von Metall auf Glas war zu hören. Dann zog er einen Kristallflacon heraus, entkorkte den Deckel und konnte ihn gerade noch rechtzeitig unter die feucht glänzende Schnauze halten, bevor der silbrige Nebel sich im Raum verteilte. In dem Fläschchen gerann der Dunst zu dem Bild einer schummrigen Höhle in der ein ganzer Haufen kleiner Hamster sich eng aneinander kuschelte.

„Bei allen Drachen, Geistern und Göttern! Ambros Kindheitserinnerungen! Die braucht er doch noch!“

Akribisch verkorkte der Gnom das Fläschchen und schob es zurück in die Tasche. Dann nahm er Zitara behutsam den Hamster aus der Hand und ließ sich mit theatralischer Geste auf einem Stuhl zusammensinken.

Die Zwergin verschränkte die Arme vor der Brust. „Geisterhusten also“, schlussfolgerte sie.

Der Gnom schielte auf seine Stiefelspitzen, wagte nicht aufzublicken. Zitara war nun klar, dass er das mit dem Seele aus dem Leib husten eben wörtlich gemeint hatte. Eine der wirklich unangenehmsten Folgen eines Geisterhusten. Einzelne Fragmente seiner Persönlichkeit auszuspucken war genau so unangenehm wie es klang, und mit dem Fortschreiten der Krankheit wurden es immer mehr. Es war somit auch keine Frage mehr, warum er ausgerechnet zu ihr kam, und sie wusste auch, dass ihm klar sein musste, wie schwierig die Umkehrung einer solchen, durch Fluch verursachten Krankheit war.

„Wie viele Stückchen hat er schon ausgespuckt?“, wollte sie wissen. In ihre rostbraunen Augen legte sich ein Funkeln. Trotz aller Widerigkeiten und der frühen Morgenstunde war jetzt ihre Neugier geweckt.

Der Gnom begann kommentarlos erneut in seiner Tasche zu wühlen und förderte einen Flacon nach dem anderen zutage. „Nur drei insgesamt in der ersten Wochen. Darum hab ich es auch so spät erst begriffen. Als erstes muss ihm seine Wasserphobie abhanden gekommen sein. Aber wir hatten nichts mit Wasser zu tun. Gstern hab ich nur noch die Reste davon am Boden seiner Schlafhütte aufkratzen können.“

Er deutete auf ein Fläschchen, in dem ein einzelner Wassertropfen klebte. Sah man hinein schien er von unendlicher Tiefe, dennoch rief das Seelenfragment kein wirkliches Schaudern in Zitara hervor. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie auch mit dem richtigen Gegenmittel diesen Teil von Hamster Ambros Seele nicht wieder herstellen konnten.

„Das zweite war dann seine Langschläfernatur. Die kam mir entgegengeflogen, als ich morgens von der Kundenaquise zurückkam und er quietschvernügt noch vor dem ersten Hahnenschrei eine Runde nach der anderen im Generator-Rädchen drehte. Ich konnte sie grade noch fangen, bevor sie aus dem Fenster zog. Als er dann sein sonniges Gemüt ausspuckte, wurde es schlimmer. Da habe ich auch verstanden, was er sich da gefangen hat.“

Zitara hatte aufmerksam zugehört und sah mit an, wie er nun noch weitere vier Fläschchen neben die drei besagten stellte. Eins davon war das Bild der Hamsterhöhle.

„Die sind alle von heute Nacht!“, erklärte der Gnom. Seine Stimme nahm dabei schon wieder diesen unangenehm schrillen Tonfall an.

Zitara musterte ihn nun zum ersten Mal genauer. Wie Handschuhe und Tache war auch die restliche Kleidung aus schwarzem Leder. Typisch für seine Branche.

„Neue Märkte?“, fragte sie, während sie zu ihrem Reagenzienregal ging und in den Kisten, Beuteln und Flaschen nach den richtigen Zutaten Ausschau hielt.

Der Gnom gab ein Geräusch von sich, das sowohl Zustimmung wie Verneinung der Frage sein konnte. Auch typisch.

„Ich müsste auf jeden Fall wissen, wo er sich das gehollt hat. Die Macht desjenigen, der den Fluch ausgesprochen hat, bestimmt die Stärke des Gegenmittels.“

Weiterhin Schweigen. Zitara drehte sich um, nagelte ihn mit Blicken fest.

„Spucks aus! Wen habt ihr beklaut?“

Auf diese Frage reckte er gekränkt das spitze Kinn.

„Ich darf doch sehr bitten!“, entrüstete er sich. „Wenn ihr so fragt, klingt das, als wäre ich ein gewöhnlicher Dieb. Die neuen Märkte verstehen sich eher als Dienstleistungsbranche. Umverteilung von Werten, Beschaffung, Entsorgung und Neuorientierung von Mobilien aller Art. Wenn es uns nicht gäbe, würde die gesamte Sicherheitsbranche den Bach runtergehen. Ohne uns wären Meteoritenstahltresore völlig unnötig und Dragonsecurity würde ihre Wachwyvern auch an keinen mehr loswerden …“

„Jajajaja“, unterbrach Zitara ihn. Neue Märkte-Entrepreneure waren dafür bekannt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit gleich eine Grundsatzdiskussion zur Umorietierung der Weltmärkte zum besten geben zu müssen. Ein Blick auf den Hamster sagte ihr, dass sie dafür die Zeit gerade nicht hatten.

Der Gnom schwieg allerdings eisern, was Zitara dazu veranlasste, sich ganz ihren Reagenzien zu widmen und geschäftig an ihrem Labortisch zu werkeln. Sie begann Fläschchen aufzubauen, schüttete dieses und jenes zusammen, worauf das Gemisch im Kolben zu blubbern begann und mit jeder neuen Zutat die Farbe wechselte. Die Antwort auf ihre Frage blieb der Gnom ihr dabei weiterhin schuldig. Er schaute nur fasziniert mit vor der Brust verschränkten Armen zu.

„Ihr wollt also nicht, dass ich eurem Freund helfe“, stellte Zitara nüchtern fest, nachdem sie eine giftgrüne Flüssigkeit abfiltriert hatte und wieder zu ihm aufsah.

Trotzig blickten die grauen Augen unter dem blaumelierten Haar zurück. Eigentlich, stellte sie fest, sah er für einen Gnom fast schon zu gut aus, und eigentlich war er für einen Gnom auch etwas zu groß. Beides half ihr aber nicht bei der Lösung des Problems.

Ambros gab derweil einmal mehr ein keuchendes Pfeifen von sich. Der Gnom zuckte zusammen. Seine Finger schoben sich in Richtung Tasche. Es kam jedoch kein weiteres Seelefragment aus dem kleinen Mund hervor.

Zitara nahm derweil in aller Seelenruhe eine Pipette, zog etwas von der giftgrünen Flüssigkeit auf und flößte ihm drei Tropfen davon ein. Schon nach Sekunden meinte man, eine gewisse Erleichterung auf den pelzigen Gesichtszügen ausmachen zu können.

„Ihr habt ihn geheilt!“

Der Gnom sprang auf und machte Anstalten, Zitara um den Hals zu fallen. Sie streckte allerdings abwehrend die Hand aus, bevor er sich ihr auch nur auf drei Schritte nähern konnte. Dann schüttelte sie energisch den Kopf.

„So einfach ist das nicht. Und ich habe eben nicht aus Neugier gefragt, sondern weil es wirklich relevant für den Trank ist. Das hier ist lediglich die Elementarmischung. Es verzögert das Fortschreiten und mildert fürs Erste die Symptome. Doch kurrieren wird ihn nur die richtige Zugabe weiterer, sehr mächtiger Substanzen.“

Sie zog vielsagend die grünen Augenbrauen hoch. Der Gnom starrte zurück, als würde er nicht verstehen können, was sie ihm mitzuteilen versuchte. Minuten vergingen. Die Stille war angespannt und irgendwie albern. Die Zeiger der Uhr wanderten in Richtung drei.

„Sehr mächtige, sehr schwer zu beschaffende, sehr kostspielige Substanzen“, versuchte Zitara ihrem Gegenüber auf die Sprünge zu helfen.

„Ja also?! Worauf wartet ihr noch? Geld spielt keine Rolle. Ihr habt jeden Gefallen bei mir gut, den ihr wollt, aber mixt den Kram schon zusammen und rettet Ambros!“

Ein wenig tat er ihr schon leid. So naiv. So überaus naiv. Wie hatte er sich bisher in seiner Branche halten können?

„Hör mal“, sagte sie und ließ jede Förmlichkeit und damit auch jede Höflichkeit aus ihrer Stimme weichen, „Ich kenne mich mit dem Ehrenkodex deiner Branche nicht aus, gehe dennoch einfach mal davon aus, dass ihr ebenfalls unter einem Kundengeheimnisgelübde steht wie wir praktizierenden Schwarzmagier auch. Doch in diesem Fall hilft diese Einstellung nicht. Ihr könnt entweder eurem Kunden gegenüber loyal sein, oder ihr rettet das Tier da. Beides geht nicht.“

„Aber wieso nicht? Wenn ihr die Substanzen da habt, dann tut sie in den Trank. Die stärksten die nötig sind. Geht doch einfach davon aus, es ist der mächtigste mögliche Zauber gewesen.“

Jetzt musste Zitara lachen.

„Du hast keine Ahnung, oder? Aber auch echt gar keine. Weißt du eigentlich, was passiert, wenn ich Drachenschuppen und Phasenspringertentakeln hineinmische, der Fluch aber bloß vom stümperhaften Hummunculus eines mittelgradig magiebegabten neureichen Elfensöhnchens stammt?“

Die grauen Augen blinzelten sie nun fast schon treudoof an.

„Nein“, erwiderte er wahrheitsgemäß.

„Nein!“, platzte Zitara hervor. Sie musste tief Luft holen. „Nein“, japste sie, mehr zu sich als zu ihm. „Arbeitet in den neuen Märkten, und hat keine Ahnung von simpelster Wirkungs-Gegenwirkungs-Chemiolystik.“ Ihre Stimme bebte dabei ein wenig und ihre gift-grünen Zöpfe wackelten hin und her.

„Bei der Umkehrung von Flüchen, der Kategorie drei, ist darauf zu achten, dass das Gegenmittel, sei es oraler, mentaler oder metaphysischer Natur stets dem Grad der Wirkung angepasst ist“, zittierte sie das einschlägige Standardwerk zu diesem Thema, „Bei zu schwacher Wirkung passiert besten Falls gar nichts. Meist erreicht man jedoch eine kurzzeitige Aufhebung, -Erstverbesserung-, die von einem massiven Rückfall gefolgt ist, der schneller als der ursprünglich ausgesprochene Fluch seine maximale Wirkung erreicht. Kommt man in die Versuchung, einen zu starken Gegenfluch zu wählen, implodiert die betroffene Kreatur.“

„Wie bitte!“, dem Gnom standen die blau-grauen Haare noch mehr zu Berge als ohnehin schon.

„Implodieren, das ist …“

„Ich weiß was Implodieren heißt. Ich bin ja nicht blöd!“, entrüstete er sich. Zitara hätte gerne widersprochen, doch ließ er sie nicht zu Wort kommen. „Wer denkt sich denn einen solchen Schwachsinn aus. Viel hilft viel! Das weiß doch jedes Kind.“

„Nur bei Flüchen der Kategorie eins, zwei und sieben. Doch Geisterhusten ist leider ein Kategorie drei Fluch. Also einer, der nicht spezifisch personengebunden ist, sondern objekt- und handlungsabhängig. Somit ist er also nicht gerichtet, und die Umkerung ist ein difiziler Prozess, bei dem alle Komponenten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen. Nachzulesen bei Servatius von Hohensteins grundlegenden Technik der chemophysikalischen, objektgebundenen Schwarzmagie. Außerdem habe ich gar keine Drachenschuppen da. Wenn es also ein mächtigerer Fluchwirker war, dann …“

„Dann was?“

Zitara zögerte. Ein Blick auf das kleine Fellbündel in seiner Hand ließ ihr Herz allerdings mitleidig zusammenzucken.

„Es gibt nicht viele Orte, wo man auf die Schnelle all die Zutaten bekommt, die wir brauchen werden. Sobald du mir allerdings endlich gesagt hast, wo er verflucht wurde und von wem, ist vielleicht etwas möglich.“

Der Gnom biss sich auf die Lippen, nestelte nervös an den bronzefarbenen Schnallen seiner Weste herum und schaute immer wieder zwischen der Höhlendecke, Zitaras starrem rotbraunen Blick und seinem keuchenden Gefährten hin und her.

„Roxor“, murmelte er schließlich, als wolle er nicht, dass Zitara den Namen verstand.

Wie alle Zwerge hatte sie aber ein unglaublich gutes Gehör und bei der Nennung des Namens fiel ihr die Kinnlade herunter. Ihre goldbraune Haut nahm einen ungesunden aschfahlen Farbton an und sie schluckte.

„Hast du Roxor gesagt?“

„Hm hm.“

„Rangun Roxor der Dritte, Präsident der Kings-Lair-Trust-and-Wealth-Foundation (KLTWF), Multitrilliardär und finanzieller Berater aller sieben Königreiche, Inhaber von Rox-Defenses und nebenbei mächtigster Schwarzmagier unserer Zeit?“

So kurz das Zucken seines Kopfes auf diese Frage auch war, es konnte leider nicht anders als als Nicken interpretiert werden. Zitara wurde schlecht.

„Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte sie, stellte den Kolben mit der Flüssigkeit ab und sank auf ihrem Laborstuhl zusammen.

„Heißt das“, fragte der Gnom mit unschuldigem Blick, „heißt das, es wird sehr teuer?“

Zitara starrte ihn auf diese Frage minutenlang einfach nur an. Er starrte mit seinen tiefgrauen Augen zurück. Die Hände fuhren dabei unablässig beruhigend über den Rücken der kleinen Kreatur, die endlich ein wenig Schlaf gefunden zu haben schien. Vor dem Fenster begann es bereits zu dämmern und in der Ferne kam die Silhouette eines risiegen kegelförmigen Berges in Sicht. Zitara seufzte. Doch eigentlich hatte sie sich schon entschieden.

„Sag mir wenigstens wie du heißt, bevor wir aufbrechen. Ich will wissen, mit wem ich heute sterbe.“

Der Gnom war zu perplex, um zu fragen, was genau sie damit sagen wollte, und stotterte: „Maljosh. Man nennt mich Maljosh.“

„Schön“, nickte Zitara, „Sehr schön. Dann lass uns gehen. Ich hoffe, du hast genug Fläschchen dabei, falls Ambros wieder zu husten anfängt.“

„Hab ich, aber sag, wo gehen wir denn hin?“

Zitara deutete aus dem Fenster. „Dahin. Zum Berg der brennenden Vorsehung, in die Grotte der tausend Wunder.“

 

… to be continued.