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Schreibtagebuch – wenn die Muse heimkehrt

Huhu ihr Lieben!

 

Es ist Freitag und eigentlich ist derzeit viel los. Mittwoch war ich sehr niedergeschlagen aus unendlich vielen Gründen. Aber der Donnerstag hat alles wieder wett gemacht. Eine Menge Unklarheiten sind aus dem Weg geräumt und was passiert immer, wenn mein Kopf entspannen kann?

Genau!

 

Die Muse ist wieder bei mir eingezogen.

Heute früh weckte sie mich mit einem wundervoll feurigen Dialog zwischen Gwendolyn und Thoran. Also bin ich direkt vor der Arbeit noch an den PC und habe eine Runde geschrieben. Auch jetzt arbeitet es fleißig und so langsam fügen sich die ganzen kleinen Steinchen in meinem Kopf zu dem großen und – hoffentlich – wundervollen Gesamtbild der neuen Erui-Trilogie “Das Herz des blauen Drachen” zusammen.

 

400 Seiten schon geschrieben – vermutlich noch 1000 vor mir!

Wie das mit Erui ja immer so ist, wird auch das hier diesmal keine kleine Geschichte. Wer meine Seite schon ein wenig länger verfolgt, der weiß ja, dass es sich um die zeit drehen wird, als die zweite dunkle Zeit in Erui endete, als Gomar die Macht im Norden übernommen hatte, Thoran Blaudrache seinen Schwur einlösen musste und die Ewigen Wächter aus der Sternenlied-Saga noch jung und teilweise sehr unbedarft waren.

 

Ein ganz neues Licht für altbekannte Protagonisten.

es ist damit unglaublich spannend, herauszufinden, wo Gwendolyn, Mendric, Luani und Ariman eigentlich herkamen. Was ihre Wünsche und träume waren und wieso sie irgendwann Wächter wurden. Gerade Gwen mochten ja die wenigsten am Ende der Sternenlied-Saga, und haben das Ende sogar begrüßt, dass ich ihr schrieb.

Für mich war das damals ein schwerer Schritt, denn ich hatte ja schon immer im Kopf, woher sie einmal kam und welcher Weg hinter ihr lag. Ein Mädchen voll Träume und Wünsche, das ähnlich meiner Heldin Fenia eine einzige große und wahre Liebe gekannt hat. Aber keine Sorge, um Liebe wird es nicht gehen.

 

Ein neuer Epos entsteht

Ich will euch Erui von einer ganz anderen Seite zeigen. Denn nein, früher war nicht alles besser. Und es gibt so viele Geschichten, die ihr sehen müsst! Ich selbst stehe immer wieder staunend, wenn ich neue Bruchstück von meiner Muse ins Ohr geraunt bekomme und es fühlt sich wieder an wie damals, als ich den Stern schrieb.

Erui lebt! Wirklich. Ich habe das Gefühl, dass ich mir das nicht alles ausdenke, denn es ist so groß und gewaltig und oft genug überraschend und ich würde euch so gern schon mitnehmen. Aber es wird wohl noch eine ganze Weile dauern. Ihr kennt mich ja. auf die Frage “Dürfen es auch 200 Seiten mehr sein?” würde ich nie mit Nein antworten.

Der erste teil “Ein uralter Schwur” ist ja im Nano 2015 schon ganz gut gewachsen. Da muss ich jetzt aber viel polieren und die Lücken auffüllen. Das Ende für die ganze Reihe kenne ich dabei schon und habe auch den Epilog bereits geschrieben. Der ist tatsächlich eher ein Schmankerl für jene, die den Stern gelesen haben. Denn ja, so ein klein bisschen nehme ich euch mit zurück zu den Helden, die ihr kennen und hoffentlich auch lieben gelernt habt.

 

Also dann. Jetzt muss ich aber wieder Schreiben. Habt einen schönen Freitag und ein tolles Wochenende.

Das Herz des blauen Drachen – Prolog

ACHTUNG! SPOILERGEFAHR für die Sternenlied-Saga.

 

Ich habe euch hier ja schon gezeigt, wie der erste Versuch für das Drachenlied vor 4 Jahren ausgesehen hat. Das hier ist jetzt der neue Anfang. Und mittlerweile weiß ich, dass das Drachenlied auch wieder eine dreiteilige Reihe wird.

Band I – Ein uralter Schwur-

Band II – Der dreizehnte Prinz –

Band III – Zeit und Ewigkeit –

🙂 Ich freu mich schon voll, das zu schreiben und bin wieder total drin in meiner Welt. Und das auch dank eurer vielen tollen Kommentare auf Facebook, die sich so unbedingt neue Erui-Geschichten wünschen.

 

Prolog

Das Mondlicht schien auf ihre schlafende Gestalt. Der zarte Busen hob und senkte sich ganz ruhig. Ihr goldenes Haar umfloss das geliebte und vertraute Gesicht. Er roch ihren Duft und fühlte ihre zarte Haut unter seinen Fingern. Nach all den Sommern war es für ihn noch immer unbegreiflich, dass sie ausgerechnet ihn gewählt hatte. Ihn, der am wenigsten von allen zu ihr passte.

Seine Hände strichen sanft über ihre Wangen und ihren Hals. Er küsste ihre Stirn – vorsichtig, denn er wollte sie nicht wecken.

‘Budum!’, machte es da mit einem Mal.

Sein eigener Herzschlag, sonst so rhythmisch und regelmäßig wie der ihre, setzte eine Weile aus. Er fasste sich an die Brust, schloss die Augen und versuchte langsam ein- und auszuatmen. – Nur die Ruhe bewahren, dann würde es schon wieder vergehen.

‘Budum!’ machte es zum zweiten Mal.

Er fühlte wie das Blut in seinen Kopf schoss. Ein Rauschen in seinen Ohren setzte ein. Die warme Haut unter seinen Fingern wurde mit einem Mal kühl und fremd und etwas schien ihre Gestalt zu verschleiern wie Schlieren aus dunstigem Mondlicht oder Schlimmeres.

Er hörte das Vorbeiziehen der Wolken und den fernen Wind vor dem Balkon. Alte Vertraute, Freunde aus einem anderen Leben, die ihn riefen.

‘Budum!’ machte es zum dritten Mal.

Es würde sich nicht aufhalten lassen. Das wurde ihm nun klar. Egal, mit welchen Mitteln er dagegen ankämpfte. Er würde ihm geben müssen, wonach er verlangte. Vorsichtig, einen letzten Blick auf seine wunderschöne Frau werfend, schälte er sich unter den Decken hervor. Außerhalb des Bettes war es kühl. Das Jahr war noch jung, das Feuerfest noch nicht gefeiert.

‘Feuer kannst du haben’, hörte er ihn flüstern.

Er seufzte tief. Sah zu ihr zurück, die immer fremder wirkte. „Ich liebe dich, mein Stern“, hauchte er, dann durchschritt er den Vorhang und ging auf den Balkon hinaus.

Der Nachtwind empfing ihn und er breitete die Arme aus, um den alten Freund willkommen zu heißen. Er hatte es versprochen. Und seine Versprechen hatte er bis heute noch immer gehalten, ganz gleich wie unmöglich ihre Erfüllung schien.

‘Budum!’

Er ließ es einfach zu, spürte das Winden und Zerren und Reißen in sich, wie die Bewegungen einer übergroßen Raupe, die aus ihrem Kokon drängte.

‘Budum, Budum, Budum!’

Er spannte die Schenkel, sprang auf das Geländer. Seine durchscheinenden Flügel surrten auseinander und hoben ihn hoch in die Luft. Seine Gedanken vermischten sich mit dem tiefen dumpfen Schlag und dem Schmerz und der Stimme, die langsam immer lauter und fordernder und herrisch wurde.

Freiheit! Endlich wieder frei!

Ich kann es riechen, fühlen schon fast. Irgendwo ganz weit fort dringt der Schmerz der anderen Seele in mein Bewusstsein. Doch das ist mir egal. Ich kann auf ihn keine Rücksicht nehmen. Nicht, wenn ich frei sein und leben wollte.

Viel zu lange habe ich darauf verzichtet und viel zu lange hat er mich gebunden und eingesperrt, dazu gezwungen mit ihr das Bett zu teilen. Mit ihr, einer Schleierschwester! In ihren Armen hat er gelegen Nacht für Nacht, und damit auch ich.

Weiß er nicht, was er mir damit antut?

Meine Flügelspitzen spannen sich. Eine Wolke schiebt sich vor die Mondsichel. Verdeckt sie für einen Augenblick und alles fühlt sich wieder so an wie damals. Damals, als ich geboren wurde.

An den Augenblick erinnere ich mich noch genau. Dunkel war es gewesen. Blau in blau und nochmals blau um mich herum. Die Nacht vor dem Erwachen hatte ewig gewährt und ewig war auch ich.

Ich fühlte es, so wie ich es jetzt fühle, das Entfalten meines Geistes, der immer dagewesen war, sich doch nicht seiner selbst bewusst. Damals weit fort, als ich diesen Laut vernahm und diesen Gedanken spürte, als der Traum mich gebar. Mich und die ganze Welt um mich herum, da hat es sich genau so angefühlt.

Dann war es dunkel geworden an einem Morgen; dunkler als ich es jemals vernommen hatte. Und lange hatte es gedauert, bis ich diesen Augenblick des Erwachens wieder erleben durfte.

Jedes Mal aufs Neue war es die Nacht, die mich umspannte, aber gleichzeitig war ich die ganze Nacht. Sie überzog Stück für Stück mein neu erkanntes Selbst, umfloss mich, wob mich ein, gab mir Flügel. Sie nahm mich gefangen und gab mich doch im gleichen Moment wieder frei.

Thor’allion An Deterin Ad Aran, hörte ich es über all um mich ertönen.

Schwingen, die die Mitternacht geboren hat.

Das war ich. Das bin ich. Bis heute. Viele Male hat mein Herz seitdem die Enge dieses Kerker gefühlt. Viele Male seit jenem einen Tag, der alles veränderte. Wie viele Jahre, Jahrtausende musste ich schweigen, nicht wissend wer ich war, was ich war, ob ich denn überhaupt noch war?!

Schwächliche Körper und noch schwächere Seelen, sich meiner kaum oder gar nicht erst bewusst, sie trugen mich, seit dem Tag, als er versagt hatte.

Doch wie kann ich jenem heute noch zürnen? Wie kann ich böse sein dem, der meine Schuld und mein Versprechen auf sich lud und es bewahrte und weitergab, an den, der mich heute in sich trägt?

Er, der eine König, geboren von altem und von neuem Blute, einzig und allein würdig, mein Herz und die Bruchstücke meines Geistes bis in alle Ewigkeit zu tragen.

Jetzt spüre ich, wie seine Seele in mir sich zurückzieht. Einmal mehr hat er seine Flügel gegen meine getauscht. Entlässt mich erneut in die Nacht, so wie es ausgemacht und versprochen war. Dabei, wenn ich ehrlich bin, bin ich doch nur noch ein kleiner Teil von ihm. Doch er ist stärker als seine Vorfahren waren; stärker als alle Könige, über die ich in all den Jahrhunderten wachte und richtete.

Freude steigt in mir auf bei diesem Gedanken. Freude und gleichzeitig unbändiger Zorn. Ich fliege hoch und immer höher, den Wolken entgegen, durch sie hindurch, spüre, wie ihr Dunst meine kobaltblauen Schuppen benetzt, fühle den Wind und breche dann durch die Decke hindurch ins gleißende Mondlicht und zu den Sternen. Das Gold der Strahlen auf meiner Drachenhaut erinnert mich an das Gold der Schuppen meines Bruder. Mein Bruder!

Bruder Teijun! Ich weiß, du wartest. Ich weiß, du sehnst dich nach mir. Ich weiß, ich war viel zu lange fort. Ich komme! Ich bin auf dem Weg. Ich werde bei dir bleiben, so lange er mich lässt.

Feurig ergießt sich mein wiedergewonnener Atem auf die Wolken um mich herum. Manche sind nicht stark genug und verwandeln sich in Dampf und kondensieren zu neuen Wolken. Sie mischen sich mit Asche und mit Zorn … Drachenzorn.

‘Budum!’, höre ich mein Herz schlagen. ‘Budum!’ – wie eine Trommel. ‘Budum! Budum! Budum!’

aus “Das Herz des blauen Drachen -Ein uralter Schwur-“, von Sylvia Rieß, 2016

Artikelbild copyright by Thira F. Bauer, 2016

Das Drachenlied – Ein erster Versuch

Hallo ihr Lieben,

heute habe ich einen unerwarteten Fund auf meiner Festplatte gemacht, den ich mit euch teilen will.

Mein Stern von Erui war nie eine Geschichte, die von Anfang an einfach da war. Sie hat sich auch mir erst Stück für Stück erzählt und die Welt musste erst wachsen, die Figuren erst reifen, bevor ich sie komplett begreifen konnte.

Ein Stolperstein auf meinem Weg, den Stern zu Ende zu erzählen, waren immer schon die Ewigen Wächter. Gerade die Herrin Gwendolyn, deren Geschick ich grob kannte. Ich wusste ungefähr, warum sie war wie sie war, aber sie war mir fremd. Ich habe lange und viel über sie nachgedacht und versucht zu verstehen, warum sie geworden ist, wie sie Fenia im Stern letzten Endes entgegen tritt. Denn eigentlich hätte sie in einem Zeitalter geboren sein müssen, das golden und voll Zauber war. doch je mehr ich über sie und auch die anderen Wächter nachdachte, umso mehr merkte ich, es war eigentlich ganz anders, und Gwendolyn, magisch begabt und hochgeachtet von Anfang an, wollte selbst nie den Weg einschlagen und die Verantwortung übernehmen, die ihr das Schicksal letzten Endes aufzwang.

Der Anfang ihrer Geschichte, die ich damals einfach nur ‘Drachenlied’ nannte, der klang vor vier Jahren noch ganz anders, als ‘Das Herz des blauen Drachen’, an dem ich nun schreibe. Dennoch hat sich einiges nicht geändert. Zum Beispiel der Unwille, mit dem sie die Hohe Herrin wurde, und damit die fehlende Demut, die sie auf den Pfad führten, den sie letzten Endes für sich und die anderen Wächter wählte.

Weil manche von euch sich ja auch dafür interessieren, wie die Geschichten in unseren Köpfen entstehen, mag ich euch diesen ersten Versuch, über den ich heute nur per Zufall gestolpert bin, nicht vorenthalten. Hier also ein Einblick in dem kreativen Prozess in meinem Kopf ;). (Den neuen Anfang werde ich euch dann Morgen vorstellen. )

 

 

Gwendolyn von Nualschadan
Gwendolyn als Hohepriesterin, von Dorothee Rund

Das Drachenlied

1.

Ich weiß noch, es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag, als sie mich einweihten. Ich hatte meinen nunmehr zwanzigsten Sommer in Nualschadan verbracht und ich wusste, der Tag meiner Weihe lag nicht mehr fern. Dennoch wollte Ada mich wissen lassen, welcher Weg mir bevorstand, ehe ich mich endgültig für die Gemeinschaft entschied.

Nach diesem Scheideweg würde es kein Zurück mehr für mich geben, dessen war ich mir bewusst.

Ich war mir allerdings auch ganz sicher, dass es kein Geheimnis der Welt gab, welches mich davon abgehalten hätte, Priesterin in der Gemeinschaft des Mondes zu werden.

Ich war als drittälteste von sieben Schwestern in einer kleinen Siedlung in den westlichen Bergen zur Welt gekommen. Als ich zehn war starb meine Mutter bei der Geburt der jüngsten, Ilani. Vater hatte es schwer uns alle durch diesen ersten Winter zu bringen. Wir wurden alle schlimm krank. Solja und Niska, meine älteren Schwestern starben an dem Fieber, Liri im Frühjahr darauf an der Unterernährung.

Ich tat mein Möglichstes, doch ich konnte ihnen nicht helfen. Als Vater im Jahr darauf in den Bergen verunglückte, als er die Ziegen zu ihren Weiden auftrieb und wir in die größere Siedlung am Rand der Berge zogen, hörte ich das erste Mal von den heiligen Schwestern. Die Gabe zu heilen faszinierte mich so sehr, wie die Aussicht darauf, die Elemente zu kontrollieren.

Wieviel einfacher würde es für mich werden, meine drei kleinen Schwestern zu versorgen. Einmal als Priesterin der Gemeinschaft zurückgekehrt, würde ich großes Ansehen genießen und gutes Geld verdienen können mit meinen Fähigkeiten.

Das zumindest war mein Plan. Die altruistische Einstellung der meisten Ordensmitglieder hatte in all den Jahren nicht auf mich abgefärbt und ich sah den Weg einer Priesterin mehr als Beruf, nicht als Berufung.

Somit schockierte mich umso mehr, was die ältere Schwester mir zu sagen hatte:

Du bist ein kluges und fleißiges Mädchen, Gwendolyn. Das brauche ich dir ja sicher nicht sagen.“ Ich nickte stumm. Ich ahnte es nun schon seit einem halben Mond, und da sie es mir tatsächlich verkünden würden, saß ich einfach nur still und hörte, ohne sie zu unterbrechen. „Du weißt sicher auch, warum ich heute mit dir spreche.“ Wieder nickte ich bloß. Sag es, dachte ich ungeduldig. Sag es doch endlich. „Du hast bei uns alles gelernt, was wir dich lehren konnten. Du hast Demut und Genügsamkeit bewiesen und der Lohn soll nun nicht ausbleiben. Wenn der Mond sich das nächste Mal rundet, wirst du in den Kreis der heiligen Schwestern aufgenommen werden.“

Nur kurz flog ein Lächeln über mein Gesicht, denn auch das hatte man mich gelehrt: Man musste sich immer in der Kontrolle haben. Gefühle durften einen nicht regieren.

Ja, die alte Ada hatte mit mir eine der gewissenhaftesten Schülerinnen gehabt. Ich ließ, die Pause die Bergund mir gab, um etwas zu sagen, also ungenutzt verstreichen und atmete nur innerlich erleichtert auf. Ich hatte mich so sehr auf Zuhause gefreut. All die Sommer. Kein anderer Wunsch in mir war so glühend gewesen.

Die Priesterin vor mir, die uns allen nur als rechte Hand Adas und Stimme der Mondmaid bekannt war, sah mich lange prüfend an.

Willst du denn gar nichts weiter dazu sagen, Kind?“, fragte sie und ich sah irritiert in die faltigen, grauen Augen. So fürsorglich kannte ich sie gar nicht.

Was gibt es da zu sagen? Das ist es wofür ich herkam. Ich hatte nie einen Grund daran zu zweifeln, dass ich meinen Weg gehen würde.“

Nein, Gwen, das hattest du gewiss nicht.“

Nachdenklich wanderten ihre Augen zum Tempel, hinter dem eine flammende Sonne sich gerade zur Nachtruhe neigte. „Ich habe mich in all den Sommern, die du bei uns bist nur manches Mal gefragt, warum du zu uns kamst.“

Ich verstand ihre Frage nicht. Hatte ich ihr das nicht gerade gesagt?

Du wolltest Priesterin werden, gewiss. Doch wieso?“

Ich schwieg. Ada hatte das damals nicht wissen wollen und ich hatte nur allzu gern darauf verzichtet, es zu erläutern.

Gwen, auch wenn die Herrin nie fragte, so weiß sie wohl, wie es um dein Herz bestellt ist.“

Komisch, dass sie stets genau meine Gedanke aufgriff. Ich begann zu ahnen, dass Bergund die Kräfte nutzte, die sie innerhalb der Gemeinschaft so besonders machten, und ich wurde wütend. Man hatte mich nie gelehrt, meinen Geist gegen den Zugriff von außen zu verschließen. Doch ich entsann mich meiner Ausbildung. Vielleicht, so dachte ich, war dies ein Test, ob ich mich tatsächlich unter Kontrolle hatte.

Ja, so musste es sein.

Mein Zorn ebbte also ab und ich fragte, ohne eine Miene zu verziehen: „Warum sprecht Ihr nicht offen, wenn Ihr auf etwas bestimmtes hinaus wollt?“

Wieder musterte sie mich mit diesem langen durchdringenden Blick. Fast kam es mir vor, als wäre ich ihr unheimlich.

Nun, ich verstehe dich zwar nicht immer Kind, doch ich verstehe die Wahl meiner Herrin nun immer mehr. Du bist für dein Alter unglaublich diszipliniert. Dein Geist ist stark. Dennoch scheinst du nicht den Ehrgeiz zu besitzen, den ich bei anderen unserer Novizinnen beobachten konnte. Ada hat Recht. Du bist schon fast zu perfekt.“

Ich nahm ihre Worte als Lob und wartete gespannt, was weiter kommen würde, denn offensichtlich war da noch mehr, als nur meine Weihe, die sie mir verkünden wollte.

Ich sehe das wohl anders als die Herrin, denn ich sehe in dir zwar Fleiß und Strebsamkeit, doch keine Hingabe. Du magst alles können, was eine Priesterin kann. Du hast alle Fähigkeiten, die wir fordern. Doch sehe ich dich nicht im Dienst der Allmacht des Himmels.“

Diese harsche Kritik kam unerwartet und ich wollte protestieren, doch sie ließ mich nicht zu Wort kommen.

Lass gut sein Gwen. Du brauchst nicht fürchten, ich stünde deinem Wunsch im Wege. Im Gegenteil. Auch wenn ich in dir das Licht unseres Glaubens nicht brennen spüre, so muss ich mich doch dem Willen der Herrin beugen. Viel mehr noch als das, muss ich mich auch dem Willen der Mondmaid beugen. Deine Weihe Gwen, wird keine normale Weihe werden, denn gestern Nacht offenbarte sich mir dein Weg.“

Ich schluckte. Bergund sah nicht den Weg jeder Priesterin voraus. Denn nicht jede von uns war wichtig. Mir schwante nichts Gutes.

Gwendolyn, was Ada schon lange ahnt, das habe ich im Willen der Mondmaid bestätigt gefunden. Zum nächsten Vollmond soll mit deiner Weihe der Weg der nächsten Hohepriesterin für dich beginnen. So will es die Herrin des Mondtempels, so will es der Himmel höchstselbst. Ich hoffe du weißt, welche Ehre das für dich bedeutet und welch große Aufgabe dir damit anvertraut wird.“

Damit stand Bergund auf und ließ mich allein auf der Bank vor dem Haus der Schülerinnen zurück.

Im ersten Moment waren meine Gedanken viel zu überrumpelt, um fassen zu können, was sie mir da gerade eröffnet hatte. Ich saß einfach da und starrte auf meine Fußspitzen. Dann mit einem Mal kam die Erkenntnis bei mir an. Mein Herz tat einen Sprung.

Ich, die nächste Hohepriesterin? Herrin von Nualschadan?

Aber das ging doch nicht!

Ich wollte aufspringen und ihr hinterherlaufen. Meine jungen, flinken Beine hätten die ältere Frau im Nu einholen können.

Ich tat es aber nicht. Die eiserne Disziplin, die man mir beigebracht hatte, hieß mich stillhalten.

Wenn es Adas Wille war, musste ich mich dem fügen. Ich hatte diesen Weg schließlich eingeschlagen, somit gab es auch kein Zurück.

Außerdem, beruhigte ich mich selbst, konnte ich meinen Blutsschwestern nicht noch besser helfen, wenn ich nicht bloß Priesterin, sondern Hohepriesterin werden würde?

Mit diesen Gedanken zog ich das blaue Tuch um meine nackten Schultern. Der Abendwind war kühl geworden und die dünnen Roben, die wir Schülerinnen trugen wärmten nicht mehr zu dieser Jahreszeit.

Es wurde wirklich Zeit für mich, sie zu wechseln.

“Das Drachenlied”, Sylvia Rieß, 2012 (First Draft)