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Erfolgreich Schreiben – ein völlig missverstandener Begriff

Erfolgreich Schreiben hat rein gar nichts mit gut oder schlecht Schreiben zu tun!

Nur mit Beharrlichkeit.

Das behaupte ich jetzt einfach mal so ins Blaue und die unendliche Weite des Worldwideweb hinein. Warum ich ausgerechnet heute das Bedürfnis verspüre, ausgerechnet darüber zu reden? – Nun, sagen wir, ich bin über einen Artikel gefallen. Einen sehr guten, sehr hilfreichen Artikel. Ihr Autoren da draußen, die ihr euch immer gefragt habt, wo eigentlich der Trick, die Abkürzung dabei ist, über Nacht erfolgreich zu werden – ‘entdeckt zu werden’ – ihr solltet ihn lesen.

Meine Gedanken zu diesem Artikel sind auch so ein bisschen eine Selbstreflektion und eine Lobeshymne an ein Wesen, das mir in den letzten zwei Jahren mein Leben zur Hölle gemacht hat. Ja, ich weiß, DU hasst den Begriff, darum nenne ich hier keine Namen, aber Dank an dieser Stelle geht an meinen eigenen persönlichen ‘Marketing Demon from Hell’ (TM) ;).

Kommen wir erstmal dahin, wo jeder irgendwann mal steht: Dem Anfang.

Und da geht es schon los. Denn welcher Punkt ist denn eigentlich dieser Anfang? Der, an dem das 4-jährige Kind die Fibel des Bruders entdeckt und sich für Lesen und Schreiben begeistert? Der, an dem die erste kleine Geschichte, meist noch ausgeschmückt mit handgemalten Bildern, mit krakeliger Schrift in ein Schulheft gebannt wird? Der, an dem sich der heranwachsende Mensch zum ersten Mal mit dem Gedanken trägt, ob die Schriftstellerei was für ihn wäre?

Vermutlich sind das alles irgendwie die Anfänge. Denn so oder so ähnlich ist es nicht nur bei mir gewesen. Ich lese es auch immer wieder in den Interviews meiner Kollegen. Was uns gemein ist, ist der dringende Wunsch, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die in unseren Herzen entstehen und die unsere Phantasie zum Leben erweckt und die wir versuchen, mit wortgewandter Finesse aufs Blatt zu bannen.

Somit sind das irgendwie alles Anfänge. Und so, wie es mit diesen Schritten angefangen hat, so zieht es sich dann auch weiter.

Denn das Geheimnis zu erfolgreichem Schreiben ist simple: Es gibt keines.

Man kann für sich definieren, gut schreiben zu wollen, außergewöhnlich, oder auch in einer gewissen Zeit ein gewissen Projekt abgeschlossen zu haben. Man kann Unterhaltungsliteratur oder dann doch die hohe Kunst der E-Literatur verfolgen. Doch man muss einen Gedanken aus seinem Kopf verbannen: “Wenn ich ein gutes Buch habe, ist es egal, wie introvertiert ich bin, die Leute werden es schon entdecken. – Ansonsten war ich nicht gut genug.”

Ja, ernsthaft, das ist der Stolperstein, an dem sich viele Autoren aufhängen, messen und dann teilweise verzweifeln. ( Und wer sich jetzt fragt: Japp! Been there – done that – bought the T-Shirt!)

Dieser Gedanke hat mich lange Zeit davon abgehalten, meinen Stern abzuschließen. Ich hatte Kontakt mit einigen Verlagen. Ich hatte schon verstanden, dass aus kaufmännischer Sicht ein unbekannter Autor und ein Dreiteiler als Debüt einfach nicht zusammengehen. Und obwohl ich wusste, dass mein Schreiben ankam, selbst bei Leuten vom Fach, hat mich die Vorstellung blockiert: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn ich nicht sofort über Nacht berühmt werde?

Einzig logischer Schluss: Es wäre die Ansage an mich, dass ich doch nicht wirklich gut genug bin. Die unumstößliche Gewissheit, dass ich schlecht schreibe, dass ich nichts in der Riege echter Autoren verloren habe. Ein Mahnmal meines Scheiterns.

Doch dann habe ich mir immer wieder vor Augen gehalten, was für Bücher sich auf den Bestsellerlisten tummeln. Und nein, geben wir es ehrlich zu: Das sind nicht immer die literarisch hochwertigsten. Also fragt man sich doch: Wie kommen die dahin?

Mit Geduld, Beständigkeit und dem Wissen, was sie sind und wen sie erreichen wollen.

Ja, schaut nochmal nach oben. Lest den Satz nochmal.

Und nochmal.

Und jetzt ein drittes Mal.

So. Verinnerlicht? Nein? – Na gut. Zugegeben, bei mir ging es auch nicht so schnell. Es gab gefühlt Tausende solcher Gespräche wie dieses hier:

MarketingDemonfromHell (MD im Folgenden): “Meld dich mal in der und der FB-Gruppe an und stell dich mal vor.”

Ich: “Warum sollte ich das tun?”

MD: “Du willst doch, dass die Leute dein Buch kaufen.”

Ich: “Ich will, dass die mein Buch LESEN! Die meisten schreien doch eh nur bei irgendwelchen Glitzi-Covern, werfen sie auf ihren SuB und dann liegt es da.”

MD: “Der Weg ins Herz eines Blogers führt über seinen SuB.”

Ich: “Aha. Aber warum muss ICH mich dann vorstellen. Die sollen sich für MEIN BUCH interessieren. Ich würde am liebsten unsichtbar bleiben.”

MD: Na, aber die Leute kennen dich nicht. Sie wissen nichts über dich. Nicht, wer du bist, wie du tickst, wie du schreibst.”

Ich: “Letzteres könnten sie ändern, wenn sie mein Buch lesen. Ich will nicht mein halbes Privatleben öffentlich legen müssen.”

MD: “Musst du auch nicht. Erzähl das, was du erzählen willst. Wir könnten ein Interview machen.”

Ich: “Wer will denn ein Interview von MIR lesen. Mich kennt doch keiner.”

MD: “Merkste was?”

 

25 Monate, 9 Interviews und eine Buchmesse später kann ich darüber nur noch lachen.

Denn MD hatte recht. In einfach allem.

Leser wollen unbekannte Autoren schon entdecken. Aber dafür braucht es ein paar Dinge:

  1. Sie müssen wissen, dass man existiert.
  2. Sie müssen wissen, dass mein Buch existiert. Welches Genre, welcher Stil, welche Richtung.
  3. Dafür muss ich eine ZIELGRUPPE definieren. (Für den Stern fiel mir das schwer. Es ist ein so komplexes Werk, dass ich lange überlegen musste, bis ich zu dem Schluss kam, welche Art Leute ich erreichen will: Träumer, Querdenker, Weltverbesserer, Menschen mit einem Sinn für tiefgründige Geschichten, die in eine neue Welt führen, ohne dabei die eigenen Welt aus dem Blick zu verlieren.)
  4. Dann braucht man den unbedingten Glauben ans eigene Werk. – Die Zweifel sind da. Macht euch keine Illusion. Aber sucht euch eine Kritik von einer neutralen Person. Eine Rezension, eine Kritik, irgendwas, anhand dessen ihr euch ehrlich bewertet gefühlt habt. Und wenn der Zweifel zuschlägt: Lest es wieder und wieder. – Für mich war es dieser Brief, der alles verändert hat.
  5. Wenn ihr das alles habt, dann seid ihr immer noch nicht am Ziel. Denn nun müsst ihr Geduld mitbringen. Es ist harte Arbeit und erfordert viel Zeit, sich unter all den Schreibern da draußen einen Namen zu machen.
  6. Immer noch nicht am Ziel? Schreibt weiter. Gebt nicht auf. Schaut, was ihr besser machen könnt. Und oft ist die Antwort nicht “Ein besseres Buch schreiben”, sondern schlicht, eure Bücher den richtigen Lesern vorsetzen.

Zusammenfassend kann man sagen: Einen richtigen Weg gibt es nicht. Einen goldenen auch nicht. Es gibt nur euren Weg. Aber dafür müsst ihr aus eurem Elfenbeintürmchen herauskommen und in die Welt gehen. Dahin, wo die Leser sind, die ihr gern erreichen wollt.

Zum Schluss bemühe ich damit auch einen der Größten unter den Fantasy Autoren, denn vielleicht stellt der eine oder andere dabei fest:

Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.

Im Moment stehe ich auf dieser Straße, staunend, wenn ich bedenke, von wo ich komme, und wo es mich bereits hingetragen hat und vor allem frage ich mich, wo es mich hintragen wird. Aber keine Sorge: Das erzähle ich euch alles hier. 🙂

Einen guten Start in ein wundervolles Sommerwochenende wünscht euch

 

Eure Sylvia

 

Sternenfakten Teil 3: Der Wendepunkt – eine Geschichte wird zum Epos

Melias_Dave
Königsfamilie aus Arvindûras, Dave, D’winn, Melias (von Dorothee Rund)

 

Erst einmal muss ich mich kurz entschuldigen, dass ich so lange nichts geschrieben habe, wollte ich doch eigentlich diesen Monat wirklich nutzen um euch mit mehr Hintergründen vertraut zu machen. Leider kam das Reallife dazwischen.

Über die Anfänge Eruis habe ich euch ja am Beginn des Monats schon etwas erzählt. Auch darüber, wie eine Charaktere sich gewandelt haben. Das Charaktere sich entwickeln, das sollte in jedem guten Roman aus meiner Sicht der Fall sein, doch manchmal ist das nicht genug.

Es war so circa zu meiner Abiturzeit, da hatte ich die erste Version der Geschichte geschrieben. Ich fand sie zum allerersten Mal so gut, dass ich mich getraut habe, sie mit meinen damals besten Freunden zu teilen. Ich weiß noch, dass wir stundenlang bis tief in die Nacht über ICQ Ideen ausgetauscht haben und ich ganz stolz immer ein paar Absätze geschickt habe, wenn sie mir nach der dutzendsten Überarbeitung richtig gut gefielen. Das Feedback hat mich total umgehauen. Und ich bin da gelandet, wo jeder Jungautor meiner Meinung nach einmal durch muss: In der Oh-Mein-Gott-ich-werde-wirklich-der-nächste-Tolkien-Phase!

Heute kann ich darüber lachen. Doch ja, wenn man das erste Mal die Begeisterung entgegen gebracht bekommt und man darum gebeten wird bitte, bitte sofort weiterzuschreiben, dann fühlt sich das großartig an. Wohl einer der vielen Gründe, warum Plattformen und Foren wie Deviant-Art sich so gut etablieren konnten. Sie geben einem ein unglaublich gutes Gefühl. Was sie nicht geben, ist ein realistischer Blick auf das, was man da geschaffen hat. Ich meine, klar die eigenen Freunde finden das gut, weil sie vielleicht die eigenen RPG-Geschichten schon immer gut fanden, weil der Kern des ganzen schon ganz gut getroffen war. Doch was meinen Stern wirklich weitergebracht hat, war das Urteil eines mir sehr wichtigen Freundes.

Seine Worte waren: “Ganz nett, aber zieht sich ein wenig!”

Die einzig mögliche Reaktion eines jungen Schreiberlings auf solch blasphemischen Worte kann immer nur sein: “Du Banause, du hast die Kunst dahinter nicht verstanden. Du siehst das große Ganze nicht und verstehst nicht, wie toll diese Geschichte ist.”

Ich habe danach aufgehört zu schreiben. Es hat mich tatsächlich in eine Sinnkrise geworfen. Das Abi hat dann sein übriges getan, dass ich keine Zeit mehr zum Schreiben fand. Dass ich in dieser Zeit selbst auch ziemlich krank war, und niemand so wirklich wusste warum, hat dann meine Schreiberei den Rest gegeben.

Ich machte die Schule fertig. Ich wurde langsam wieder gesund. Ich ging mit Schulfreundinnen nach Neuseeland. Eine Erfahrung, die mich heute noch gefangen hält. Es waren sechs ganz wundervolle Monate, doch zu Weihnachten kam ich ungeplant wieder nach Hause. Ich wollte wieder bei meiner Familie, bei meinen Pferden, bei meinen Freunden sein. Und: Ich wollte wieder schreiben!

In Neuseeland habe ich, ganz untypisch für mich, begonnen Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag in einer kurzen Notiz festzuhalten und zu reflektieren. Das hat mir geholfen, auch das Urteil meines Freundes zu meiner Geschichte noch einmal genauer zu betrachten. Ihm war vermutlich gar nicht bewusst, was er damit angerichtet hatte, doch ich musste letzten Endes eines erkennen: Wenn jemand aus meiner Geschichte nicht das herauslesen kann, was ich in meinem Kopf gesehen habe, er die Gefühle nicht spürt, er die Welt nicht sieht, dann ist das nicht der Fehler des Lesers. Vielmehr habe ich als Autor dann verpasst, es so zu schreiben, dass es bei ihm ankommen kann.

Das soll jetzt um Gottes Willen kein Aufruf dazu sein, unsere Geschichten nur leserorientiert zu schreiben. Ich meine klar, der Großteil der professionellen Buchbranche läuft so: Glitzervampire gehen grade. Wer kann denn einen guten Glitzervampirroman schreiben? Jeder Autor, der damit seine Brötchen verdienen muss, hat schon einmal zu so einer Anfrage etwas geschrieben. Und es ist nichts falsches dran. Auch der Buchmarkt ist ein Business. Doch meiner Meinung nach entstehen die großen und fantastischen Geschichten anders. Es sind die geliebten Gedankenkinder, die wir Jahrzehntelang in unseren Schubladen liegen haben. Die vielleicht schon tausendmal bei einem Verlag vorlagen und abgelehnt wurden, weil noch nicht ausgereift, – was wir erst begreifen müssen -, oder weil die Zeit dafür grade nicht passt, – was abwarten bedeutet -, oder schlicht, weil sie zu groß sind und unsere Namen noch zu unbekannt, als dass ein Verlag ein solches Risiko eingehen könnte.

Nichtsdestotrotz sind wir beim Schreiben blind. Wir sehen die Szene in unserem Kopf, wir hören die Worte, können ihre Aussagen kopieren. Aber gelingt uns das auch mit dem Rest einer Situation? Den leichten Untertönen, den Spannungen zwischen den Charakteren? Und das, ohne dass es endlos ausschweifend wird?

Mit all diesen Gedanken im Kopf begann ich damit eine neue Version des Sterns zu schreiben. Ich kam weg von der chronologischen Erzählweise, verlegte den Beginn der Geschichte an jenen Wendepunkt, der heute ihren Anfang bildet: Eine junge Frau kehrt nach Hause zurück, nachdem sie vor vier Jahren für tot erklärt wurde. Aus einer Auflistung an Ereignissen wurde ein Rätsel.

Mein einziges Problem: Ich habe gefühlt zehntausend Anfänge geschrieben und jeder klang gut. Aber früher oder später liefen alle in eine Sackgasse. Ich kam nicht weiter. Der Übergang nach Erui war irgendwie versperrt. Es dauerte lange, bis ich sah, dass es nicht etwas war, nicht das Wie, das fehlte, sondern ein WER. Eine Figur, durch die Fenia es schaffen konnte ein weiteres Mall den Weg zurück in jenes Reich zu finden, das ihr alles gegeben und noch viel mehr genommen hatte.

Dieser letzte Charakter, der sich mir erst vorstellte, nachdem ich die Geschichte meines Sterns schon in und auswendig kannte, war Dave. Ich weiß nicht mehr genau wie und wann, doch irgendwann schrieb ich eine Szene, in der Fenia versuchte mit Yvonne über das zu reden, was jenseits der Schleier geschehen war. Und plötzlich fiel ihr Blick auf ihn. Danach war alles einfach. Die Worte flossen nur so aus meinen Fingern. Ich konnte ein weiteres Mal von vorn beginnen, und wie bei einem Puzzle, wo ein letztes Teil gefehlt hatte, bevor man das Bild erkennen konnte, fügte sich alles ganz simpel und einfach ineinander.

Wenn also mein damals bester Freund nicht gewesen wäre, hätte ich niemals selbst den verschollenen Prinzen aus Arvindûras kennengelernt und mein Stern wäre eine ganz nette Geschichte mit 400 Seiten geblieben.