Alle Beiträge von Sylvia Rieß

Marketing für Selfpublisher – Teil 1

Hilfe, ich habe ein Buch geschrieben!

     – Ein Ratgeber für Betroffene.

 

Hallo ihr Lieben und willkommen bei meinem kleinen Exkurs in die Welt des Marketing.

Eigentlich, dachte ich, gibt es genug Infos über Selfpublishing und Marketing und all das bereits online zu finden. Sehr schön strukturiert und informativ ist zum Beispiel die Selfpublisher-Bibel, die mir auf den ersten Schritten auch eine wesentliche Stütze war. In allen Belangen was dann die Finanzen, Steuern und Anmeldung anging, hat mir Kia Kahawas Blog das Leben gerettet. Und das sind nur zwei Blogs in der Unendlichkeit des Internets, die einem angehenden Selfpublisher weiterhelfen.

Warum ich nun dennoch auf die Idee kam, eine weitere Blogreihe mit kleinen Hilfestellungen zu schreiben?

Ganz einfach: Ich werde immer wieder drauf angesprochen. Ja, ich. Der Inbegriff des schüchternen, eigenbrödlerischen und schwierigen Autors (TM) in persona. Doch vermutlich ist mir das deswegen so ein Anliegen. Denn wenn ich nach zwei Jahren, vier Büchern und einem viel zu großen Gemeinschaftsprojekt eins weiß, dann das:

 

Man wächst mit seinen Fehlern!

Und ich habe eine Menge davon gemacht am Anfang – und mache sie heute noch!

Manche kamen, weil ich es nicht besser wusste, andere, weil ich sturer bin als ein Esel. Doch wesentlich und essentiell, und darum will ich heute damit anfangen, ist vor allem die EINSTELLUNG!

OMG! Kommt jetzt sowas wie Karma-Scheiße? Positives Denken? Visualisieren von Zielen?

Das mag sich jetzt vielleicht manch einer denken. Und ja, ein bisschen geht es darum. Aber ohne diese innere Einstellung geht es eben nicht.

 

Das Wesentliche dazu habe ich bisher allerdings nur von der negativen Seite aufgerollt gefunden.

Es gibt gefühlt 1001 Blogartikel von frustrierten Buchcoaches und Marketing-Agenten, die aufgeben. Nicht, weil sie nur schlechtes Zeug vermarkten sollen, sondern weil sie durch diese Mauer an Unwillen bei ihren Kunden nicht durchkommen. Der Stolperstein, mit dem alles steht und fällt ist:

DIE EINSTELLUNG, MIT DER WIR AUTOREN AN DIE SACHE RANGEHEN.

Und jetzt bitte, lest und verinnerlicht den oben stehenden Satz bitte erst 256x, bevor wir hier weitermachen.

… *wart* …

Alles klar, dann können wir ja. Warum das nämlich so wesentlich ist, das versuche ich euch jetzt mal anhand meines eigenen Try-and-Error Werdeganges aufzudröseln.

 

Tief in uns sind wir alle Künstler.

… und ja, Künstler sind schwierig. Wir sind diese sonderbaren Mischwesen irgendwo zwischen abgrundtiefen Löchern der Selbstzweifel und des Schams und den Höhen der gottgleichen Perfektion. Und nein. Ihr könnt mir nicht erzählen, dass dem nicht so ist. Es gibt Tage, da lieben wir, was wir schreiben, nur, um es am nächsten Tag wieder in die Tonne zu kloppen. Und doch, auch wenn ich immer wieder von Kollegen höre, dass meine First Drafsts supergut sind, so bin ich doch in 95% der Fälle nicht zufrieden mit mir. – Bei den anderen 5% bin ich dann überzeugt, dass noch kein lebendes Wesen auf dieser Welt etwas literarisch Volkommeneres zustande gebracht hat ;P.

Also ja. Ich kenne das Leben als Künstler im Allgemeinen und als Autor im Speziellen. Das Warten und Bangen und Hoffen und Zittern, wenn man irgendein Schriftstück irgendwo eingereicht hat, sei es Verlag, Wettbewerb, oder simpel ein Reziexemplar.

Nur:

 

Der Künstler in uns ist beim Marketing unser größter Feind.

Denn er ist es, der uns unterbewusst Fragen stellen lässt wie: Und wenn sie es nicht mögen? Vielleicht sollten wir nicht gleich so groß denken. Erstmal kleine Brötchen backen und dann … möglicherweise …

In einem Verlag hättet ihr einen Lektor, der euch sagen würde, was ihr tut ist gut. Als Selfpublisher braucht ihr EHRLICHE TESTLESER, die das tun. Testleser, die nicht genetisch mit euch verwandt sind oder euch schon die Hälfte eures Lebens kennen. Erst dann erfahrt ihr, ob das, was ihr macht taugt.

Wenn ihr dann zu diesem Schluss gekommen seid, dann müsst ihr euch darüber klar werden, dass der Autor, der Künstler, in euch, der Einzige ist, der das Buch zu Ende bringen kann.  Aber die Arbeit die mit dem Abschluss und mit der Veröffentlichung (und im besten Fall davor) anfängt, die nimmt er euch nicht ab.

Er wird mosern und meckern, dass er weiterschreiben will. Dass er jetzt hier nicht schon wieder wie ein Marktschreier über die Social Media Kanäle flackern will. Dass er findet, dass es reicht, was ihr tut. Und überhaupt, wenn das Buch gut genug ist, dann werden die Leser es schon ‘entdecken’.

 

Und der Pilot dreht um und fliegt zurück.

(- Zitat Michael Mittermeier)

Ja ne, is schon klar. Weil ihr ja auch so total unbekannt seid und es ja nur jährlich gefühlt 85.000 Neuerscheinungen auf dem SP-Markt gibt, kann der Leser gar nicht anders, als über euch zu fallen. (Wer keinen Sensor dafür hat: Ja, das war jetzt Ironie.)

Was euch bewusst sein muss, ist: Niemand kennt euch. Niemand, außer den 300 Menschen, denen ihr in Kinergarten, Schule, weiterführende Bildungseinrichtung und später auf der Arbeit begegnet seid, weiß, wer ihr seid. – Und wenn diese 300 hören, dass ihr schreibt, dann glauben die alle, sie hätten ein Freiexemplar verdient.

Das heißt, wenn ihr wirklich gesehen und gelesen werden wollt, dann müsst ihr das selbst auf euch nehmen. Und das ist harte Arbeit.

Im übrigen ist es ein weiterer Irrglaube, dass dieser Part euch abgenommen wird, wenn ihr das Glück hattet, euer Buch in einem Verlag unterzubringen. Eine befreundete Autorin und ich streiten sehr oft darüber, wenn sie im Chat dann mal wieder proklamiert, wie anstrengend sie das findet, was ich tue und dass sie nie SP machen würde, weil “Ich mir lieber einen Verlag suche, dann muss ich nur Schreiben und der macht das dann alles.”

 

Wer gesehen und gelesen werden will, der muss die bittere Pille des Marketings schlucken.

Ende der Durchsage.

Manche von euch, die das schon kapiert haben und die hier vielleicht konkrete Tipps erwartet haben, werden wohl nun enttäuscht sein. Doch ihr glaubt einfach nicht, wie oft mir das begegnet: Ein Kollege oder eine Kollegin, die begnadet gut und witzig schreiben, sich dann mal für ein, zwei Monate zum Bewerben ihrer Neuerscheinung aufraffen und wenn es dann nicht läuft und die Verkäufe in die Tausende schießen, geben sie auf. Bestenfalls schreiben sie ein neues Buch, um es damit erneut zu versuchen. Denn der Irrglaube sitzt in den Gehirnwindungen: Vielleicht war ich diesmal einfach wirklich nicht gut genug. 

Die gute Nachricht aber ist:

 

Marketing kann auch Spaß machen.

Das habe ich von meinem personal Marketing Demon from Hell (TM) gelernt. Denn die (deren Name nicht genannt werden soll 😛 ) hat vor etwas mehr als zwei Jahren nämlich genau das angetroffen, als ich die ersten wackeligen Schritte in der Welt des Selfpublishings machte: Einen völlig verkopften Autor mit einer Wagenladung Issues und Selbstzweifel, Angst vor dem Versagen und gleichzeitig dem absoluten Unwillen, ein Interview zu geben oder auch nur irgendwie im Entferntesten persönlich in das Ganze einbezogen zu werden.

Mein liebster Satz war: Die Leute sollen doch mein Buch lieben und nicht mich. Das beides irgendwie zusammengehört, das habe ich in abendfüllenden Chatgespräche langsam Stück für Stück kapiert.

Anfangs war es dann eine Qual, aber mit der Zeit wurde es besser.

Der Trick ist, es zu einem Teil seiner Identität als Autor zu machen. Und wie das geht, das will ich versuchen mit euch in den nächsten Beiträgen zu erörtern. 🙂

 

Ich hoffe, ihr bleibt dran. Wir lesen uns.

 

Mit den besten Grüßen,

 

Eure Sylvia

Bonusszene – Der schwerste Schritt

Sternschnuppen für euch

Immer wieder gibt es kleine Blitzlichter aus und rund um den Stern von Erui, die ich einfach festhalten muss. Es sind ikonische Szenen, die ich so schon taussendmal vor Augen hatte, die aber selbst in der Geschichte keinen Platz haben. Nur die Fakten dazu wurde irgendwo mal genannt. Dennoch sind manche davon so schön, dass ich sie nicht für mich behalten will.

Ich habe mir auch fest vorgenommen, diese Szenen eines Tage in einem Buch zusammenzufassen und für euch auf Amazon zu stellen. Also für alle wirklichen Fans, die einfach nicht genug bekommen können.

Diese Szene hier ist ein winziger Einblick in Llewellyns Leben, bevor es ihn durch die Nebel getragen hat. Ich hoffe, euch damit einen Einblick in seine Seele zu schenken, die vielleicht verstehen lässt, warum er manches mal so handelt, wie er es tut. Geschrieben habe ich sie schon lange, doch veröffentlicht wird sie nun erst im Rahmen der Fantasyzeit auf Zebrabooks. 🙂

 

Der schwerste Schritt

„Wenn du so weitermachst, Gaya, dann wird der Junge bis zum Ende seines Lebens an deinem Rockzipfel hängen.“

Cormac runzelte missbilligend die Augenbrauen. Seine Frau hob gerade ihren Sohn wieder auf die Füße, klopfte ihm Staub und Schmutz von seinem weiß-goldenen Hemdchen und streichelte zart über die aufgeschürften Handflächen. Unter der sanften Berührung heilten die kleinen Kratzer in Sekunden zu. Dennoch liefen weiterhin Tränen über die blassen Wangen und man sah, wie der Junge die kleinen Fäuste ballte.

Traurig und wütend starrte Llewellyn auf den Abhang hinter dem die anderen Kinder verschwunden waren. Cormacs Blick folgte seinem und er konnte nur den Kopf schütteln, als seine Frau ihren Sohn vom Abhang fort und hinter sich her wieder in Richtung Schloss zog.

„Es ist ohnehin viel zu gefährlich da unten. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich gar nicht erst zu ihnen gelassen.“

Llewellyns Blick flog sehnsüchtig über die Schulter. Von unten auf dem schmalen Felsenpfad drangen das Lachen und die Rufe der anderen Kinder hinauf. Es war das erste Mal, dass er mit ihnen hatte spielen dürfen. Tagelang hatte er gebeten und gebettelt, bis seine Mutter es ihm schließlich erlaubt hatte. Eigentlich wollte sie von solchen Unternehmungen nichts hören. Oben im Schlossgarten war genug Platz, wie sie befand, und alle mal gab es ausreichend Zerstreuung für den kleinen Prinzen. Wenn er unten in die Höfe wollte, konnte er zu den Ställen gehen und den Stallmeister bitten, ihn auf einer der alten Stuten reiten zu lassen. Außerdem beschäftigte die Königin sich ja selbst oft Stunden und Stunden mit ihrem Sohn.

Bevor man ihn aber diesmal mit seiner Kinderfrau hoch in den Turm zu seinen Gemächern schickte, nahm sein Vater ihn auf die Seite und blinzelte ihm verschwörerisch zu.

„Morgen reiten wir hinaus zu den Weilern hinter den Brücken, was meinst du?“

„Cormac!“, hörte man im Hintergrund die Feenkönigin sich entrüsten, doch ihr Mann ließ keinen Protest zu.

„Llewellyn ist unser Sohn. Er ist der Kronprinz von Fenlar. Und du versteckst ihn schon viel zu lange hinter diesen Mauern. Kein Wunder, dass sie ihn in den Dreck schubsen und nicht dabei haben wollen.“

„Sie haben ihn nicht geschubst. Der Schmied sagte, er sei gefallen. Für einen Fünfjährigen ist es entschieden zu gefährlich unten im Bruch zu spielen.“

Jetzt drehte sich Cormac um und funkelte sie an. Früher wäre er wütend geworden. Doch Gayas aufbrausendes Temperament hatte ihn gelehrt nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

„Liebes, alle Kinder des Schlosses haben immer schon da unten gespielt. Die Älteren haben den Kleinen die Pfade hinab gezeigt und die Größeren fliegen sowieso hinunter.“

„Es mag sein, dass alle Kinder des Schlosspersonals schon immer da gespielt haben. Ich selbst kann mich nicht erinnern, jemals dort hinabgeklettert zu sein. Der Weg ist steil und gefährlich. Und unser Sohn ist fünf!“

„Ich bin schon zwölfmal mit euch beim Eisfest unten in den Fjorden gewesen“, warf der kleine Prinz ein, „und Papa hat mir erzählt, dass er auch immer in den Bruch runter geklettert ist.“

Das Funkeln in den grauen Augen der Feenkönigin nahm zu. Cormac wusste, dass jetzt der Zeitpunkt war, an dem man nicht weiter mit ihr diskutieren sollte. Dabei konnte er Llewellyn so gut verstehen.

„Lew, deine Mutter und ich besprechen das. Aber wir beide reiten auf jeden Fall morgen raus. Darauf hast du mein königliches Wort.“

Er strich ihm über den Kopf, der im Licht der untergehenden Sonne so gleißend golden funkelte wie seiner. Dann schickten sie nach der Kinderfrau, dass sie den Prinzen für das Abendessen umziehen möge. Bis sie gekommen war, um Llewellyn mitzunehmen, sprachen König und Königin weiter nur über Belanglosigkeiten. Kaum aber war die Tür hinter ihnen zugefallen, fauchte Gaya ihren Mann an.

„Wie kannst du ihm solche Versprechungen machen? Du weißt, was ausgemacht war.“

„Dass er das Schloss nicht verlässt, bis er zwölf ist. Gaya, das ist lächerlich! Lew ist ein kluger Junge. Er ist aufgeweckt und neugierig, und du kannst ihn nicht von der Welt fernhalten.“

„Ach nein? Ich soll ihn also dieser Welt lieber zum Fraß vorwerfen? Und das nächste Mal, wenn die Dörfer im Osten an der Küste brennen, dann müssen wir darum bangen, dass er dort sein könnte, weil er mit seinen Freunden jenseits der Brücken gespielt hat?“

Cormacs Miene verfinsterte sich nun.

„Unser Sohn hat jenseits der Brücken keine Freunde. Er hat ja nicht einmal welche innerhalb dieser Mauern. Die anderen Kinder meiden ihn, weil sie wissen, dass du mit den Augen eines Greifen jedem seiner Schritte folgst.“

„Ja, richtig! Aber weißt du auch warum? Weißt du, wie sie ihn nennen?“ Sie machte eine theatralische Pause. „Prinz der Pferdeställe. König der Heuhaufen!“

Cormac schluckte. Ihm lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ich weiß, du beharrst darauf, dass du auch immer mit den anderen frei und wild unten an den Kampfarenen und im Bruch umher gestreift bist. Aber du warst auch kein Prinz. Du willst, dass sie lernen, ihn ernst zu nehmen? Dann mach ihn nicht zum Spielkameraden und Prügelknaben des gemeinen Volkes. Er kann sein Land und sein Reich kennenlernen, wenn er alt genug dafür ist; als der Königssohn, als der er geboren wurde.“

Cormac schüttelte den Kopf. Bitterkeit mischte sich in seinen Blick und eine lange Stille senkte sich zwischen sie. Es brannte ihm dabei auf der Zunge, auszusprechen, was ihm als erstes in den Sinn kam, doch er scheute sich davor. Er drehte die Worte im Kopf hin und her, wusste, dass sie wahr waren und dass sie genügen würden, Gaya über all das Gesagte nachdenken zu lassen. Dennoch brachte es nicht fertig.

Als sie nach einer Weile von hinten an ihn herantrat, ihm ihre weichen Finger auf die Schultern und in den Nacken legte, sich leise flüsternd vorbeugte und sagte: „Lass uns aufhören zu streiten, mein Lieber“, da konnte er ihr fast verzeihen, dass sie so verstockt auf ihrer Meinung beharrte, so überängstlich ihr Kind zu schützen versuchte, vor einer Gefahr, die mehr eingebildet als real war.

„Ihr könnt doch morgen genauso gut ein wenig auf dem Übungsplatz reiten. Llewellyn sitzt doch erst seit ein paar Wochen sicher im Sattel. Gib ihm Zeit“, fügte sie schließlich mit versöhnlicher Stimme hinzu.

Doch es reichte, damit dem Feenkönig nun endgültig der Kragen platzte.

„Hör auf damit, mich manipulieren zu wollen! Früher mag das mal funktioniert haben, als ich noch blind war vor Liebe. Blind, weil ich dachte, ich sei für dich der Einzige, wie du es für mich stets gewesen bist. Aber die Zeit hat mich eines besseren belehrt. Und sie wird dich lehren, dass du irgendwann loslassen musst, Gaya. Niemand fordert von dir, diesen Sohn fortzugeben. Du sollst ihm lediglich ein paar Freiheiten gewähren, damit er kein weinerliches Muttersöhnchen werden muss. Wenn ich richtig höre, dann reitet der Sohn von König Melias bereits mit dem Pferd seines Vaters Wettrennen auf den Straßen Caer‘Arions.“

Diese letzten Worte setzte er leise aber mit sehr viel Nachdruck hinzu und konnte beobachten, wie seiner Frau alle Gesichtszüge entglitten. Im gleichen Moment, wie er sie ausgesprochen hatte, hätte er darum auch am liebsten alles wieder ungesagt gemacht. Doch jetzt war es geschehen.

„Wie der König von Arvindûras seinen Spross erzieht, das ist ganz und gar seine Sache. Ich wüsste nicht, was uns das angeht“, presste sie zwischen den Lippen hervor und verließ anschließend mit eiligen Schritten den Raum.

Den Streit der Eltern konnte Llewellyn noch die ganze Nacht hindurch hören. Nicht das, was sie genau sagten. Aber ihre Stimmen drangen unentwegt vom Balkon unten durch seine Fenster herein. Dabei waren Mutter und Vater normalerweise ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung. Immer ein Vorbild sein. Immer Haltung bewahren. Nie die Kontrolle verlieren. Das predigten sie ihm tagtäglich. Ein Fürst von Erui musste besonnen und beherrscht sein. Dennoch stritten sie. Immer häufiger in den letzten Wochen. Und immer wegen ihm.

Es hatte begonnen, als er das erste Mal nach den Nebeln gefragt hatte. An und für sich waren die Schleier nichts Ungewöhnliches hier in der Nähe des Meeres. Küstennebel, Moornebel, Nebel, bevor heftige Regengüsse einsetzten; morgens, abends, oft den ganzen Tag hindurch, dass man die Hand vor Augen bloß erahnen konnte.

Llewellyn mochte ihn nicht, den Nebel, denn er verhinderte, dass er von seinem Zimmer hier oben im Turm bis weit hinaus über die für ihn bekannten Grenzen schauen konnte.

Er saß manchmal stundenlang hier und träumte von der Welt jenseits dieser Mauern. Und hier war es auch, wo er ihn das erste Mal gesehen hatte: jenen silbrigen Schleier, der so ganz anders war, als der übliche salzgeschwängerte Dunst. Er war plötzlich erschienen, hatte die Welt um sich her verzerrt und irgendwie völlig surreal gewirkt.

Es hatte ihn an die Lieder der Barden erinnert, die er manchmal unten an den Feuern bei der Schmiede gehört hatte, wenn die Bediensteten und Handwerker des Schlosses abends zusammenkamen. Lieder von den Schleiern, die dünner wurden zwischen Erui und dem, was sie Gar‘Elahad nannten; – das Menschenreich.

Llewellyn wusste dabei nicht, was Menschen waren. Doch dem Gesang entnahm er, dass es sich mit ihnen anders verhielt, als mit den Nymphen, die im Nachbarreich Norimar lebten, oder den Trollen oben in den Bergen im Süden. Seine Eltern waren allerdings alles andere als erfreut gewesen, als er sie danach gefragt hatte. Abgewimmelt hatten sie ihn. Sprachen davon, dass er mit fünf Jahren noch zu klein war, es zu begreifen, dabei wusste er nicht wie sie diese Jahre zählten. Er konnte sich an dreizehn Sommer erinnern. Und davor lagen vermutlich noch ein oder zwei, an die er sich nicht erinnerte, weil er wirklich zu klein gewesen war.

Fünf Jahre, – Menschenjahre -, hatte seine Kinderfrau ihm verraten. Menschenjahre. Darin rechnete man hier. Aber doch sprach man nicht über diese Menschen, als ginge von ihnen ein böser, dunkler Zauber aus.

Einen Moment ging ihm durch den Kopf, dass er die Menschen gerne kennenlernen würde. Mindestens so gern, wie die Welt jenseits der sieben geschwungenen Brücke, die sich über den Bruch spannten, der ganz Peleneth umgab. So wie die silbernen Nebelschwaden Tore in eine andere Welt zu sein schienen, waren diese Brücken für ihn Tore in ein Land, das unbekannt und magisch jenseits all seiner Vorstellungskraft lag.

Er lächelte bei dem Gedanken. Da quietschte die Tür hinter ihm und seine Kinderfrau kam herein.

„Ihr schlaft ja immer noch nicht, mein Prinz“, tadelte sie und deutete auf das Himmelbett mit den Brokatvorhängen.

Während er mit einem tiefen Seufzer der Aufforderung hinter dem strengen Blick folgte, flog sein Blick noch einmal hinab auf die Brücken, hinter denen die Sonne langsam unterging.

„Glaubst du, Vater hält sein Versprechen? Glaubst du, ich darf morgen mit ihm hinaus?“

„Er hat sein Wort gegeben, oder?“ Llewellyn nickte. „Und was ist oberstes Gebot für einen König?“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht. „Ein König steht immer zu seinem Wort.“

Damit ließ er sich bereitwillig zudecken und schlief zur leise summenden Stimme seiner Amme ein.

Es war in der Tat noch ganz früh am nächsten Tag. Tau überzog das Heidekraut, während ihre Pferde fröhlich schnaubend über den weichen Sandboden trabten. Llewellyn konnte sein Glück kaum fassen und seine Augen saugten gierig jedes noch so winzige Detail der Umgebung in sich auf.

Jenseits der Brücken lagen flache Hügel, durchzogen von kleinen Mooren. Lichter tanzten zwischen den Nebelfetzen, von denen Llewellyn wusste, dass manche davon recht harmlose Irrwische waren. – Winzig kleine Fey-Kreaturen, die nur in den flacheren Sümpfe zu Hause waren, die es aber schätzten, wenn sie von den Feen in ihre Häuser und Höfe eingeladen wurden. Im Winter hatte schon oft die ganze mittlere Halle des Schlosses in ihrem Schein geleuchtet, wenn das kalte Wetter die kleinen Wesen nach drinnen zog.

Bevor er allerdings auf die Idee kommen konnte, anzuhalten und den Lichtern hinterher zu laufen, war in der Ferne ein langezogenes Jaulen zu hören und weitere Lichter, grünlicher als die in der Nähe, tauchten auf.

„Das war ein Feyschakal“, erklärte Cormac, noch bevor Llewellyn fragen konnte. „Vor denen muss man sich in Acht nehmen. Sie stammen noch aus den ersten Zeitaltern und sind nicht ganz ungefährlich. Sie sind harmlos, wenn sie nicht hungrig sind und sie brauchen nicht oft zu Fressen. Doch wenn, dann machen sie keinen Unterschied, ob es die Haut einer Kuh, eines Kaninchens oder eines Sterblichen ist, die sie zwischen die Fänge bekommen.“

Llewellyn lauschte andächtig und Cormac erklärte weiter: „Und diese Lichter dahinten“, er deutete auf die Nebelbänke mit ihrem geisterhaften Strahlen, „denen darfst du niemals folgen.“

„Warum nicht?“, wollte Llewellyn wissen.

Sein Vater zog allerdings die Augenbrauen kraus, als wolle er lieber nicht darüber berichten müssen.

„Sie sind gefährlich wie die Schakale. Es ist einer von vielen Gründen, warum Mama nicht will, dass du diesseits der Brücken spielst. Du kennst diese Welt nicht genug. Und sie ist nicht immer nur gut.“

„Aber du kannst es mir doch erklären, und dann passe ich auf.“

Cormac konnte das fiebrige Glühen hinter den blauen Augen bei dieser Worten erkennen. Gefahr schreckte seinen Sohn nicht. Im Gegenteil. Sie machte ihn nur umso neugieriger.

Das war gut, wie er befand, denn einen feigen König konnte sein Volk nicht gebrauchen. Aber solcher Mut und solche Abenteuerlust mussten schon früh gelenkt werden. Sonst liefen sie aus dem Ruder. So wie damals bei ihm.

Er seufzte bitter, als er an seine Kindheit dachte. Sein Vater hatte auch stets versucht, ihn aus den Sümpfen und Mooren und von der Küste fern zu halten. Sein Platz sei in den Ställen, im Schloss. Doch hätte er sich daran gehalten, wäre er damals nicht der Prinzessin zu Hilfe gekommen.

Daran erinnerte er sich noch sehr gut. Gaya war vielleicht nicht in schmutzigen Hosen durch die Schlucht geturnt. Doch die brave Königstochter war auch sie nicht gewesen, und es hatte sie fast das Leben gekostet.

Eigentlich, dachte Cormac, machte es nur umso verständlicher, dass sie nicht wollte, dass ihr Sohn diesem Drang in sich nachgab. Er aber fürchtete, was Lew tun würde, wenn sie ihn noch länger von allem fernhielten. Er war zu klug, zu neugierig, um es noch ewig im Schloss auszuhalten. Er fragte jetzt schon nach den Nebeln und den Menschen. Dinge, die die meisten erûischen Kinder kaum vor ihrem zwanzigsten Sommer interessierten. Manche interessierten sie ein Leben lag nicht.

Er blickte zu der erfahrenen Stute vor sich auf dem Pfad, die die Unaufmerksamkeit seines Jungen ausglich, in dem sie von ganz allein auf den Weg achtete, während Lews Augen immer neue Wunder neben dem Pfad und in der Weite der Heiden fanden.

Zwei Stunden ritten sie und Llewellyn war die ganze Zeit sehr still. Er fragte manches Mal, was dies oder jenes sein mochte. So viele Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte. So viele Wesen, die ihnen auf dem abgelegenen Pfad begegneten, den der Vater ihn führte. Pixies und Leprechauns, Feld-, Wald- und Wiesengeister, pelzige kleine Nermen, die wie winzig Drachen über die Steine krochen und Glutklümpchen nach Käfern spien. Als sie allerdings über die letzte sandige Hügelkuppe ritten, war all das mit einem Augenblick vergessen. Das gewaltige Rauschen und der unstete Wellentanz nahmen den Blick des kleinen Prinzen sofort gefangen.

„Das Meer“, hörte Cormac den Sohn ehrfürchtig flüstern.

Bisher hatten sie ihn nie mit hierher genommen. Bloß im Winter in eine der sicheren Buchten, wenn das Wasser von einem dicken Eispanzer bedeckt wurde. Diese Wellen allerdings, die konnte kein noch so harter Winter zähmen. Wie überall an der Küste war das Wasser hier rau und schäumend. Seine Wucht wurde lediglich gemildert durch die breite Sandzunge, auf der es anlandete. Rechts und links von ihnen erhoben sich die hohen Klippen, die überall in Fenlar die Küstenlinie bildeten.

Von Llewellyns Turmfenster aus konnte man sie sehen und an ganz klaren Tagen auch die weite blaue Fläche dahinter erahnen.

Nun aber stand er davor. Der Wind trieb Sand und Salz in seine Augen. Die Sonne brannte trocken vom Himmel herab, obwohl es noch immer nicht spät am Tag war. Doch ihre Strahlen wurden von den Kronen der Wellen reflektiert und stachen damit doppelt grell.

Eine halbe Stunde standen der Feenkönig und sein Sohn einfach nur nebeneinander und sahen dem Spiel des Lichtes zu, wie es über das Wasser tanzte. Danach schlug Llewellyns Erstaunen allerdings schlagartig in unbezwingbare Neugier um.

„Was ist hinter dem Meer, Papa?“

König Cormac schluckte. Er hatte mit vielem gerechnet. Dass sein Sohn vielleicht in den Wellen spielen wollte, oder dass er den Strand entlang zu den Klippen reiten und diese erkunden wollte. Als er selbst mit seinen älteren Brüdern das ersten Mal hier gestanden hatte, da war das Meer für ihn das Ende der Welt gewesen. Dass es dahinter weitergehen könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.

Er blieb die Antwort schuldig und Llewellyn löste seine Hand nach einer Weile aus der des Vaters und ging den Wellen entgegen. Er war dabei vorsichtig, wartete, bis das Wasser das erste Mal ganz nah zu ihm kam, seine Füße seicht umspülte, sich dann zurückzog, um erneut Anlauf zu nehmen und diesmal vielleicht noch weiter an den Strand zu gelangen.

So ging es eine Weile hin und her. Quietschend vor Vergnügen lief der blonde Junge mit dem Wasser hinaus und vor ihm davon, sobald es zurückkam. Solange, bis er ins Straucheln kam. Cormac hielt die Luft an. Seine Gestalt spannte sich sofort und seine Flügel waren drauf und dran, ihn in die Luft zu heben, als die Welle über Llewelyns Körper hinwegrollte.

Nass und von ein paar Algen bedeckt rappelte der Junge sich allerdings schnell wieder auf. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, was dem Vater Lachtränen in die Augen trieb, und zog sich dann ein bisschen weiter an den Strand zurück, missmutig und gleichzeitig sehnsüchtig auf die urgewaltigen Wassermassen starrend.

Aber auch diese Lektion hielt nicht ewig. Schon bald widmete er sich einer neuen Beschäftigung und fischte in sicherer Entfernung zu den hohen Wellen in der Brandung nach Treibgut. Ein Bernstein fiel ihm dabei als erstes in die Finger, den er der Mutter für eine Haarspange mitbringen wollte. Das nächste war ein Seeigel, den er behutsam ins tiefere Wasser zurücktrug. Schneller, als die Wellen das Tierchen dem Meer wieder zurückbringen konnten, lief er allerdings vor den sich nähernden Wassern wieder davon.

Sein Vater hatte sich derweil weiter hinten am Strand auf einem großen Felsen niedergelassen, hielt die Zügel ihrer Pferde und winkte ihm nur hin und wieder einmal zu. Die Vorsicht, mit der sein Sohn Erfahrungen sammelte, gefiel ihm, und er hatte keinerlei Bedenken, dass er etwas Dummes anstellen würde. Gaya unterschätzte ihren Jungen maßlos.

Llewellyn hätte bestimmt noch Stunden an diesem Strand verbringen können, das blonde Haar mittlerweile ganz verklebt von der überall aufspritzenden Gischt. Da spülte das Meer allerdings als nächstes etwas vor seine Füße, dass erneut Fragen in ihm aufwarf. Seine Finger tasteten vorsichtig nach dem metallenen Gegenstand. Er musste schon eine Weile im Wasser gelegen haben, denn er war angerostet. Dennoch konnte man gut erkennen, dass es einmal die Klinge eines krummen Dolches gewesen war. An ihrem Ende befanden sich zwei Zacken im Stahl.

Llewellyn hatte eine solche Waffe noch nie gesehen. Er begriff, dass man die Klinge nicht aus einer Wunde ziehen konnte, ohne mit den Zacken das Fleisch weiter aufzureißen, und er fragte sich, wer sich so etwas Grausames ausdenken mochte.

Er trug den Fund zu seinem Vater und die Frage lag bereits in seinem Blick. Doch auch diesmal sollte er keine Antwort bekommen. Cormac nahm ihm das Fundstück nur stillschweigend ab, drehte es eine Weile versonnen und mit schwermütigem Blick hin und her, bevor er weit ausholte und es mit einem kräftigen Wurf zurück ins Meer schleuderte.

Llewellyn wollte protestieren. Er hatte es gefunden. Er empfand es als sein Recht, es auch behalten zu dürfen. Er hatte die anderen Kinder im Schloss schon oft von ihren Schatzsuchen am Strand berichten hören. Er wusste, dass das Gesetz galt, das alles, was das Meer hergab, dem gehörte, der es fand. Er hatte den Dolch mitnehmen und den anderen zeigen wollen. Dann hätten sie ihn bestimmt auch endlich ernst genommen und er hätte mit ihnen hinab in die Schlucht gekonnt. Ganz gleich, was seine Mutter davon hielt. So aber brachte er nun nichts mit von diesem Ausflug.

Auch auf dem Rückweg war er sehr still. Es war allerdings eine andere Stille, als sein bewunderndes Schweigen vom Vormittag.

Als sie schließlich wieder ins Schloss zurückkamen, hatte Llewellyn die Füße schneller wieder aus den Steigbügeln draußen, als einer der Burschen die Zügel seiner Stute ergriffen hatte. Gottlob war das Pferd brav genug, nicht einfach davonzulaufen, als sein Reiter es achtlos stehen ließ.

Königin Gaya hatte voll Sorge den ganzen Tag darauf gewartet, dass ihr Mann und ihr Sohn von ihrem Ausflug zurückkamen. Jetzt sah sie ihren kleinen Prinzen mit zerzaustem Haar und roten Wangen die Treppen hinaufstürmen. Allerdings nicht, um ihr wie erhofft stürmisch um den Hals zu fallen. Mit starrem Blick ließ er sie links liegen, konnte gar nicht eilig genug die Treppen hinauf in seine Gemächer gelangen und die Tür hinter sich zuwerfen.

Seine Amme klopfte zaghaft und trat ein, musste sich aber schnell wegduckten, da eines der vielen Kissen vom Bett nach ihr geflogen kam.

„Lasst mich alle in Ruhe!“, rief der Prinz aufgebracht.

Drei Stockwerke weiter unten waren auch seine Eltern mittlerweile in einen bitterbösen Streit geraten. Gaya machte Cormac natürlich Vorwürfe, dass sie so etwas ja hatte kommen sehen. Dabei verstand sie nicht einmal, was ihren Sohn so aufgebracht hatte. Auch Cormac begriff es nicht, doch die Schimpftiraden seiner Frau gaben ihm nicht die Möglichkeit, sich mit Lew auseinanderzusetzen.

Der schrie derweil zornig in sein Kissen. Er hielt es nicht aus. Er hielt es einfach nicht mehr aus!

Dieser Tag heute am Meer, die Weite des Himmels darüber, das war für ihn wie eine Offenbarung gewesen. Endlich draußen aus der Enge des Schlosses hatte er sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt. Er hatte sein Herz schlagen hören, so laut wie nie zuvor. Er hatte das Gefühl gehabt, eine völlig neue Welt zu sehen. Eine Welt, außerhalb von goldenen Säle und prunkvollen Hallen. Und vermutlich war ihm wirklich das erste Mal klargeworden, dass die Welt auch gefährlich sein konnte. So richtig gefährlich.

Was sonst hatte diese fremde Waffe vor Fenlars Küste zu bedeuten?

Aber war das nicht immer das, wovon der Vater sprach? Dass ein König die seinen beschützen musste? War das nicht die Aufgabe, die irgendwann auf ihn warten würde?

„Er ist erst fünf, Cormac“, hörte er von unten in den Sälen heraufschallen und wieder machte ihn dieser Satz nur endlos wütend.

Ein kleines Kind! Mehr sah sie nicht in ihm, seine Mutter. Ein Kind, dem man nichts erklären musste und das man besser von der Welt fernhielt.

Sie haben ja keine Ahnung‘, dachte eine Stimme in ihm und eine lodernde Glut zuckte durch seine Eingeweide, dass er selbst im nächsten Moment erschrak.

Er wusste nicht, wo dieser Gedanke herkam, er spürte nur den Zorn, den die Worte mit sich brachten. Und die unbezähmbare Macht, mit der es ihn überkam, ängstigte ihn mehr, als die Unendlichkeit und die Stärke der unbarmherzigen See. Ein Schaudern durchfuhr ihn. Noch einmal war da dieses seltsam urtümliche Dröhnen ganz tief in ihm. Llewellyn spürte, dass sie schon früher dagewesen sein musste, doch war es ihm nie wirklich bewusst gewesen. Die Angst wurde größer. Überwog die Neugier und es half ihm, wieder zu sich zu kommen.

Er setzte sich auf, sah auf seine Fäuste, mit denen er wütend auf seine Kissen eingetrommelt hatte. Er fühlte sich hilflos und nicht ernst genommen und begriff doch, dass er nichts tun konnte, dies zu ändern. Hier in Peleneth würden noch endlos viele Sommer verstreichen, bis man ihn für groß genug halten würde, um ihm seine Fragen zu beantworten.

Dabei hatte er so viele.

Was ging vor sich in der Welt? Wovor hatten der Vater und die Mutter solche Angst? Konnte man etwas dagegen tun? Warum waren diese Schleier so gefährlich? Wer genau waren die Menschen, und warum hieß es aller Orten nur, dass sie schlecht waren?

Als schließlich die untergehende Sonne sein westliches Fenster traf und alles in seinem Zimmer in ein feuriges Licht tauchte, beschloss Llewellyn für sich, dass er all das herausfinden wollte. Er wollte kein kleiner Junge sein, der nichts wusste. Er wollte von den anderen Kindern, die teils jünger waren als er, nicht länger gehänselt werden. Er wollte so stark und tapfer werden, wie sein Vater. Aber dazu musste er wissen, was sein Vater wusste. Vielleicht sogar mehr.

Das alles ging ihm auch noch durch den Kopf, als schließlich seine Mutter zu ihm kam, um ihn wie an jedem Abend ins Bett zu bringen. Auch sie brachte keine Erklärungen mit und keine Antworten auf seine Fragen. Er sei noch zu klein, er müsse das alles noch nicht wissen, sagte sie nur, bevor sie ihm wie jeden Abend sein Schlaflied vorsang.

Llewellyn sah dabei in ihre grauen Augen und lauschte ihrer wundervollen sanften Stimme. Er liebte sein Mutter, aber irgendwie fühlte er auch, dass sie ihn davon abhalten würde, das zu werden, was er sein musste.

„Schlaf schön, mein Liebling. Hörte er sie noch sanft flüstern, während ihre Lippen seine Stirn berührten. „Und morgen bleibst du wieder bei mir im Schloss. Die Welt da draußen ist noch viel zu aufregend für dich.“

Der nächste Tag begann mit Nebel. Bis vor die Fenster seiner Turmgemächer war er gekrochen und nahm Llewellyn die Sicht auf die Welt um sich. Enttäuscht trat er von den verglasten Spitzbögen zurück. Die Wut von gestern war verraucht. Nur die Sehnsucht war geblieben. Die Sehnsucht nach etwas, für das er keine Worte hatte, und sie wuchs mit dem Blick hinauf zum Himmel, der sich in dichte Wolken hüllte.

Beim Frühstück blieb er zunächst ganz still. Schließlich aber konnte er nicht mehr an sich halten und musste seinen Vater einfach noch einmal fragen: „Warum darf ich so viel noch nicht wissen, Papa? Wenn ich irgendwann ein König sein soll, dann muss ich es doch auch mal lernen.“

Cormac horchte bei diesen Worten auf. Er war schon lange überzeugt davon, dass sein Sohn für sein zartes Alter viel zu viel nachdachte.

Er konnte launisch und unbeherrscht sein, so wie gestern. Doch entstand das eigentlich immer nur aus der Frustration heraus, dass man ihm mal wieder etwas verboten hatte. Manche der Diener mochte Lew dafür nicht. Sie proklamierten, dass er mal sehr reizbar und herrschsüchtig werden würde. Doch Cormac fühlte sich dadurch nur an sein eigenes jüngeres Selbst erinnert.

Wie oft hatte er Fragen gehabt, wie oft hatte sein Vater ihm keine Antwort gegeben. Er verstand es heute, denn obwohl die tiefblauen Augen so intelligent blitzten, hatte Gaya recht. Er war ein Kind. Dreizehn Sommer hatte er gesehen. Fünf Menschenjahre waren seit seiner Geburt vergangen. Und doch, den Söhnen seiner Ritter, seiner Handwerker, seiner Bauern traute er in diesem Alter schon zu, den Beruf ihres Vaters verstanden zu haben und ihm nachzueifern. Und seinen eigenen Jungen sollte er wie ein dummes Kleinkind behandeln?

„Lew, hör mal, es gibt Mächte da draußen, von denen du noch nichts weißt und …“

„Untersteh dich Cormac!“, fuhr ihm seine Frau dazwischen.

Ihr Ton war so schrill und scharf, dass die Bediensteten verwirrt die Köpfe hoben. Sogleich fing die Feenkönigin sich wieder. Ihr Blick wurde milder, flehend fast.

„Fürs erste reicht es, wenn du weißt, dass das Land und die Küste gefährlich ist. Du wirst noch früh genug begreifen warum. Und Schuld daran sind die Menschen, Lew. Darum mögen wir sie nicht. Weil sie gefährlich sind und man sich vor ihnen in Acht nehmen muss.“

Llewellyn nickte darauf. Es war nicht die Antwort, die er hatte hören wollen, aber es war eine Antwort gewesen. Willig folgte er nach dem Essen seiner Mutter hinaus in den inneren Garten, der im dritten Stock des Schlosses direkt an den großen Saal grenzte. In sich gedrehte und gewundene blau-silberne Bäume mit bizarr geformten Blättern und dichtem Laub bis zum Boden standen hier.

Die alten Eskarbäume waren selbst in den Feenlanden selten zu finden. Doch sie waren Omen und man sagte ihnen nach, wer in ihrem Schatten ein Haus baue, den würde da Schicksal niemals falsch leiten.

Von diesen Dingen hatte der kleine Prinz genauso wenig Ahnung, wie von dem Wahrspruch, der wie eine drohende Klinge über seiner Mutter hing. Sie erinnerte sich fast täglich an die Worte der Priesterin, damals in Nualschadan. Würde sie sich für ihre wahre Liebe entscheiden, dann sollte sie keines ihrer Kinder groß werden sehen.

Die bitteren Worte ließen sie auch jetzt nicht los, während ihr Sohn immer wieder vor ihr davon lief und sich zwischen den niedrig hängenden Ästen versteckte. Diesmal hatten sie seine Fragen abspeisen können, ihn beruhigen können. Diesmal konnten sie wieder friedlich zusammen spielen und lachen. Doch die Fragen würden wiederkommen und sein Wunsch nach Wissen, sein Durst sich endlich beweisen zu dürfen wie ein wahrer Prinz, endlich lernen zu können, er würde nicht versiegen. Und diese Neugier würde ihn aus Peleneth fortführen. Das wusste Gaya, so sicher, wie sie wusste, warum jeder Vergleich ihres goldgelockten Sonnenscheins mit dem Sohn des Graslandkönigs ihr so wehtat. Der Tag würde kommen, an dem sie auch ihn gehen lassen musste. Und es würde sie so unvorbereitet treffen wie damals an den heiligen Feuern, obwohl sie genau wusste, warum sie diesen Schritt hatte tun müssen.

Ein kurzes Lachen riss sie aus ihren Gedanken. „Mama, such mich!“, hörte sie Lews Stimme.

Sie wischte die Tränen weg und folgte dem Ruf.

Sie konnte froh sein, dass ihr Sohn so ein wohlwollendes und verzeihendes Wesen hatte. Vielleicht war er einsichtig, wenn sie ihm sagte, dass sie all das nur tat, um ihn zu schützen. Weil sie ihn liebte. Vielleicht konnten sie dann noch ein paar unbeschwerte Sommer zusammen durch diesen Garten tollen.

„Lew, ich komme jetzt. Wo bist du!“, rief sie in die Stille des Morgens.

Es war selten, dass der Nebel so dicht war, dass er sich sogar hier im Garten antreffen ließ.

Lew hörte den Ruf unterdessen. Doch etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zwischen den nassen Tropfen, die ihm durch die Kleider drangen, hatte er ein Streifchen Nebel erspäht, das anders war. Leuchtend, silbern wie der Schleier, den er manchmal über dem Sumpf sah.

Er hatte mit den Menschen zu tun. Mit dem, was so gefährlich und so verboten war. Er wollte zurückweichen, wie gestern vor den Wellen des Ozeans. Doch dann entschied es sich anders.

„Lew, wo bist du? Ruf einmal, dass ich dich finden kann!“

Er wollte so gern Antworten finden. Über seine Welt, über die Menschen. Über die Wut und die Sehnsucht, die er in sich hatte. Über so viel, was er nicht verstand. Er liebte seine Eltern und er wollte nicht, dass sie sich sorgen mussten. Aber vielleicht mussten sie genau darum sehen, dass er mit gefährlichen Dingen umgehen konnte.

Wenn er ihnen erzählen würde, dass der Nebel ihm gar nichts getan hatte …

„LEEEEEEEEEW!“

Er stand nun genau davor. Streckte die Hand danach aus und spürte ein Prickeln. Er musste lachen, und es nahm ihm jede Angst.

Menschen sind gefährlich!, klang es in ihm. Alles, was von ihnen kommt.

Wirklich?

„Llewellyn MacCormac, Schluss mit dem Versteckspiel!“

Die Stimme, die ihn rief, wurde nun fordernder. Doch der silberner Nebel faszinierte ihn zu sehr. Nur noch ein bisschen, dachte er.

„Llewellyn, Na meir, an daluieven!“

Die Worte hinter dem Nebel schienen an ihn gerichtet zu sein, doch sie waren so weit fort. Ein Schritt nur, war als einziges in ihm noch übrig. Ein Schritt und ich werde Antworten finden.

„Llewellyn!“, klang ein fremdes Wort durch die grauen Schleier um ihn.

Ein Schritt noch, und er würde sehen, wo er hier überhaupt war.

Ein Schritt und er würde überhaupt wieder irgendwas sehen.

Ein Schritt. Ein ferner Ruf. Ein Wort, ohne Bedeutung für ihn.

Der Nebel lichtete sich. Er stand mitten zwischen Bäumen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass alles falsch war. Müssten die Bäume nicht krumm und in sich gedreht sein? Müssten ihre Ästen nicht dicht sein und bis zum Boden gehen?

Diese Stämme hier waren hoch und glatt. Ein weiterer Schritt. Ein trockener Ast barst unter seinen Füßen. In der Nähe ein panisches Rascheln im Gebüsch. Wilde Schritte, die sich entfernten. Doch er konnte das Tier nicht erkennen. Dann wieder Stille in diesem seltsam fahlen Wald mit dem fernen blassen Licht.

Stumm wanderte er durch die hüfthohen Sträucher. Ein wenig fühlte er sich wie in einem Traum, aus dem man aufwachte und der einem entglitt, je mehr man sich zu erinnern versuchte.

Er war auf der Suche nach etwas gewesen. Ein Schritt noch, dann hätte er es finden müssen.

Aber was? Wo war er überhaupt? Wie kam er hierher?

Ein ferner Gedanke streifte die wild aufwogende Oberfläche eines weiten Ozeans.

Dann waren da Stimmen.

Gefahr!

Sie sind gefährlich!

Der Junge duckte sich tief ins Gebüsch, doch es war zu spät. Die beiden Leute hatten ihn in seinem weißen Hemdchen inmitten all des fahlen Grün und Braun und Grau schon gesehen. Mit lauten, fremden Stimmen redeten sie auf ihn ein. Er verstand zunächst kein Wort. Sein Mund stand ein wenig offen. Er spürte den Rest einer Warnung in sich.

Gefahr! Von diesen beiden ging Gefahr aus. So wie von jedem, den er treffen würde.

„Wir sollten ihn zur Polizei bringen“, hörte er schließlich die Stimme der Frau. „Er ist ja total traumatisiert.“

Nein‘, dachte er daraufhin, ‚nein, ich war doch nur auf der Suche nach der Wahrheit.‘

Doch selbst an diesen Gedanken konnte er sich schon nicht mehr erinnern, als er den Wald an der Hand der fremden Frau verließ und mit ihr und dem Mann in das blaue Gefährt stieg.

 

 

 

 

Märchenralley der Märchenspinnerei – Haltestelle Aquarium

Darum ist der Lösungsbuchstabe, den ihr hier findet, auch:

 

 Lösungsbuchstabe A

wie Axolotl oder der Beginn des Alphabeths. 😀 Passend eigentlich, dass der kleine Lurch also den Anfang in der Spinnerei machen durfte. Als Band 1 in unserer Reihe kam er im Februar raus und schwimmt seitdem über die Bücherblogs des www und durch eure Regale. Großartiges Feedback hat mich seit der LBM erreicht. Meine jüngste Leserin bisher ist 12. Die älteste 73. Das allein zeigt schon, dass Märchen einfach über Generationen hinweg verbinden können, da sie etwas in jedem von uns ansprechen.

Froschkönig meets Schneekönigin

Wie es dazu kam, dass wir die Spinnerei gründeten, dazu gibt es mittlerweile genug Infos auf unserer Homepage. In den Veröffentlichungsmeldungen der einzelnen Titel beschreibt auch jede von uns noch einmal selbst, wie sie dazu gestoßen ist und wie sie es empfand. Warum ich den Froschkönig wählte, habe ich ebenfalls in vielen Interviews erzählt.

Darum widme ich mich heute dem zweiten Märchen, das mehr subtil und schleichend seinen Eingang in die Geschichte von Leonie und Fynn fand.

Die Schneekönigin.

Den meisten wird dazu derzeit wohl die Disneyversion Frozen einfallen, die sich selbst ja schon weit vom Original entfernt hat. Dennoch interessant, dass diese Figur, die wunderschöne Herrscherin mit dem Herz aus Eis, immer wieder in die Literatur und Popkultur Eingang findet.

So wird sie unter anderem auch zum ikonischen Bösen in “The lion The Witchh an the wardrobe” (“Der König von Narnia”), wo sie einen der vier Geschwister umgarnt und mit sich nimmt, wie Kay im Original.

Subway to Sally (eine von Leonies Lieblingsbands) hat das Motiv auch schon umgesetzt, in ihrem Song Schneekönigin.

 

Was fasziniert also so daran?

 

Oder vielleicht noch besser: Was hat mich so daran fasziniert?

Ich könnte darüber jetzt ewig lamentieren, doch ich glaube, nichts zeigt euch das so gut, wie wenn ich es euch einfach vorlese. 🙂 Hier kommt also mein exclusives Lesevideo der Spiegelszene aus dem Axolotlkönig:

 

 

 

Zu guter Letzt …

 

… hab ich dann auch noch eine Frage im Gepäck. Sie bezieht sich auf das ORIGINAL Märchen und ihre richte Antwort wird euch zum nächsten tollen Blogbeitrag und damit auch zum nächsten Buchstaben des Lösungswortes bringen. 🙂

 

Wie bewältigt Gerda die letzte Strecke auf dem Weg zur Schneekönigin?

a) Sie läuft. -> dann dackelt mal schön weiter zu Frau Schreibseele
b) Sie reitet auf einem Rentier. -> mit Rudolf weitergetrottet zu Barbara Schinko
c) Sie reitet auf einem Pferd. -> im Galopp gehts zu Unsere Bücherwelt

 

Und hier nochmal für alle, die auf der Suche nach der Startlinie durch die Gegend irren 😉 :

Dieser Beitrag gehört zur großen Märchensommer Märchenrallye, bei der ihr ein märchenhaftes Paket gewinnen könnt. Den Start der Märchenrallye findet ihr auf der Märchenspinnerei.

Jetzt bleibt mir nur noch, euch viel Spaß beim Rätseln zu wünschen und viel Glück, falls ihr es zum Lösungsbeitrag schafft, und nicht vorher in unserem märchenahften Irrgarten strandet. 😉

 

Liebste Grüße,

eure Sylvia

 

 

Der Axolotlkönig – Bonusszene

Ein Ende auch für Leonie!

Meine Geschichte vom Axolotlkönig in der Märchenspinnerei beginnt und endet ja mit Fynn. Er ist immerhin der, der sich in einen Lurch verwandelt. Er war es auch, aus dessen Figur die ganze Geschichte überhaupt erst entstanden ist, und somit hatte von Anfang an beschlossen, dass ich mich (wieder einmal) gegen die gängigen Konventionen des Buchmarktes stelle.

Normalerweise sollten nämlich Geschichten, die aus der Sicht mehrerer Protagonisten geschrieben sind, immer mit dem weiblichen Part beginnen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich sehr gut darin bin, solche Regeln geflissentlich zu ignorieren. Denn hey! Öfter mal was Neues.

 

Dann aber kam der Märchensommer,

den die liebe Anne von Poisonpainter ins Leben gerufen hat. ( Poison … ich komm immer noch nicht drüber weg! 😀 😉 )

Sie mochte den Lurch hat aber am Ende eine Szene schmerzlich vermisst. Wie nämlich hat Leonie ihren ersten Schultag erlebt nach all dem?

Darum bin ich noch einmal ins Aquarium getaucht und habe geschrieben. Für Anne. Für Leonie. Für euch, die ihr gerne hören wollt, was passierte, nachdem der Zauber brach, Fynn wieder ein Junge sein durfte und Leo sich endlich der Realität stellen musste.

 

Leonie

Schlussendlich sind wir bei der Geschichte geblieben, die Robby am Anfang für wahr hielt: Fynn hatte Stress mit seinem Vater, wollte daheim weg und nicht gefunden werden. Darum hat er absichtlich ne falsche Fährte gelegt und sich dann bei mir versteckt.

Meine Eltern waren natürlich erstmal fassungslos, denn das hätten sie von mir mit Sicherheit nicht erwartet. Doch Mambas Zauber hält noch ein bisschen vor, und so haben sie nicht allzu viele Fragen gestellt. Ich glaube, sie begreifen so langsam, dass es einfach eine Menge gibt, was sie über mich nicht wissen.

Mama hat sich tatsächlich einmal Urlaub genommen. Nur für mich. Auch Papa hat viele seiner Termine abgesagt oder verschoben und wir haben nun jeden Nachmittag ein wenig Zeit miteinander verbracht. Mit ihnen zu reden, von der Schule, den Lehrern, meinen Mitschülern zu erzählen, das tut gut. So zugehört hat mir zuletzt Oma. Mama war dann sogar mit mir in der Stadt. Wir haben eine neue Brille ausgesucht und ich war beim Friseur. Naja. Nichts aufregendes. Nur ein bisschen Schnitt für etwas mehr Volumen. Ich mag meine langen Haare schließlich, auch weil sie im gleichen Kastanienbraun leuchten wie Mamas.

Wenn Fynn in dieser Woche nachmittags vorbeikam, haben sie sich dann aber Gott sei Dank recht schnell verzogen. Manchmal haben wir was mit Robby und Mamba zusammen unternommen. Sind zum See gefahren, oder zur alten Fabrik. – Mamba hat auch versucht, Poison zu finden. Bisher aber ohne Erfolg – . Manchmal habe ich mit Fynn auch einfach nur zusammen in meinem Zimmer gehockt, Musik gehört und an meine violette Decke gestarrt, bis einer von uns ganz fürchterlich lachen musste. „Ob du es glaubst oder nicht, hin und wieder vermisse ich Kurt und Amy sogar“, zieht Fynn mich dann auf. Aber ich spüre, dass es nur halb im Scherz ist. Klar. Er hat vier Wochen hier gewohnt. Ein bisschen ist das jetzt auch sein Zimmer. „Meinst du, ich soll die Wände mal neu streichen?“ „Du könntest Schwarz nehmen“, ist sein Vorschlag und dann lachen wir beide wieder.

An diesem Montag streicht er mir schließlich mit den Fingern über die blassen Arme. An jeder meiner Narben bleibt er kurz hängen. Er schaut mich dabei nie an. „Sie sind nicht deine Schuld“, will ich ihm einreden. Aber wir beide wissen es besser. „Traust du dich morgen?“, fragt er schließlich, bevor er geht.

Ich sage wie immer „Mal sehen“, aber ich spüre, dass morgen ein guter Tag dafür ist.

Am nächsten Tag betrete ich mit wild pochendem Herzen den Schulflur. Ich habe getrödelt, darum bin ich zu spät. Im letzten Moment hätte ich mich beinahe umentschieden. Jetzt sehe ich auf meinen gelben Flaterrock und die türkisfarbenen Ärmel meines Oberteils.

‚Wie ein Papagei‘, tönt es hämisch durch meinen Kopf. Doch ich schiebe den Gedanken fort. Ebenso wie das Bedürfnis, die grauen Stulpen aus meiner Schultasche zu ziehen, die ich für den Notfall eingepackt habe. Auf meinen Handrücken sieht man die Ausläufer meiner Narben. Sie winden sich um mein Handgelenk und verschwinden in den Ärmeln meines Pulis. Zu übersehen sind sie nicht. Werden sie aber auch nie sein. Sie sind ein Teil von mir, und es ist besser, ich fange endlich an mit ihnen zu leben.

Ich schiebe meine neue Brille zurecht. Im Glas des Anschlagboards schaue ich noch einmal, dass die Haarspange mit dem Frosch gut sitzt. Fynn mag es, wenn ich die Haare hochstecke. Und ich mag es auch.

Bisher haben wir in der Klasse nicht breitgetreten, dass wir jetzt zusammen sind. Dafür brauche ich ebenso Zeit wie für alles andere. Ich hole tief Luft und gehe durch die leeren Flure zu meinem Klassenzimmer. Der Gong wird gleich die erste Stunde einläuten. Es ist gut, dass ich so knapp erst da bin, da muss ich nicht so viel mit den anderen reden.

Mein Blick wandert kurz zu meinem Handy. Ein bisschen fürchte ich, dass wieder Hashtags und fiese Nachrichten den Bildschirm zieren werden. ‚Die Brillenschlange ist wieder mal nicht da‘ ‚Wird langsam zur Blaumachschlange‘

Doch nein! Stopp!‘, ermahne ich mich. Immerhin war letzte Woche nachmittags ja auch ein Socialmedia-Gespräch mit einem Psychologen. Da musste ich Gott sei Dank nicht hin, denn sie haben auch von mir erzählt. Einfach, damit die anderen es wissen. Wissen, was sie da tun. Wissen, wie es ist. Es was notwendig, das weiß ich. Eigentlich ist es völlig verantwortungslos, dass sowas nicht eh auf unseren Stundenplänen steht. Aber trotzdem. Es fühlt sich komisch an.

Ich komme mit all diesen Gedanken im Kopf vor der Klassenzimmertür an. In der Scheibe spiegle ich mich ein letztes Mal. Ich, Leonie, mit den bunten Kleidern, der violetten Brille, der Ethnohaarspange und den Narben am Arm.

Gelb und Türkis. Die Farben der Ehrlichkeit und der Freude‘, höre ich Mambas Stimme in meinem Kopf und fühle mich gleich ruhiger.

Fynn zwinkert mir lächelnd zu, als er mich vor der Tür in Empfang nimmt.

„Bist du bereit?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf. Dennoch öffnet er die Tür. Wann ist man jemals wirklich bereit dafür, das erste Mal man selbst zu sein?

Na? Was meint ihr? Lasst gerne einen Kommentar da. <3

Liebste Grüße,

Sylvia

 

 

 

Sommerloch – Liegen wir da alle faul am Strand?

Ihr habt bestimmt schon gemerkt, dass auch hier auf der Seite das berüchtigte SOMMERLOCH zugeschlagen hat.

 

Aber wie kommt denn das? Hängen wir da alle hitzebedingt einfach durch? Schreiben Autoren nur zu bestimmten Jahreszeiten? Liege ich die ganze Zeit faul am Strand/im Pool/im Garten?

Klar sind jetzt auch Ferien. Und Klar ist man mehr draußen. Dadurch, ja, ich schreibe grade eher weniger. Dafür habe ich aber tausend andere Sachen zu tun. Und doch. Die drehen sich ganz oft rund um die Bücher. 😀 Allerdings nicht nur.

Wer mir auf Facebook folgt, der weiß, dass da seit ein paar Wochen so ominösen Ankündigungen stehen, dass sich hier bei uns was ändert. Und ja, das ist das nächste große Paket, dass mich derzeit umtreibt. Und es gehört zu der Art von Ereignis, die nicht einfach mal in wenigen Tagen abgehandelt ist. (Nein, konkreter werde ich dazu nicht. In den Kommentaren raten bringt auch nix. Es wird keine Antwort geben. Manches ist einfach privat. 😛 )

 

Damit ihr aber wisst, dass ich euch nicht vergessen habe:

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Bücher signieren am frühen Morgen …
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… damit sie mit euch in den Urlaub fliegen können. 😀 

 

Eine große Kiste Buchbestellungen hat nur darauf gewartet, dass ich die Feder zücke. Jetzt kann ich zur Post tingeln und dann dürfen die Sterne und Lurche erst zu euch und dann dahin reisen, wohin auch immer es euch verschlägt.

Die Bilder sehe ich dann ja vielleicht auf Facebook oder Twitter. 😀

 

Genießt den Sommer!!

 

Liebste Grüße,

 

eure Sylvia

 

 

Schreibtagebuch – Webinar, Übersetzung und neue Ideen für das Drachenherz

Mitte Juni. Das Jahr ist mehr als halb rum.

Das schreit nach einem neuen Eintrag in meinem Schreibtagebuch.

Einerseits ist da irgendwie dieses Gefühl, auf der Stelle zu treten, da ich nicht schon wieder schreien kann “Leute, bald kommt mein neues Buch!”. Aber andererseits tut sich auch hinter den Kulissen gewaltig viel.

In der Märchenspinnerei wird es nun mit 5 veröffentlichten Titeln und noch 8 Büchern im Werden richtig quirlig und belebt, und ich muss versuchen, da nicht den Überblick zu verlieren. Es ist anstrengend, macht aber riesig Spaß.

 

Dann habe ich ja endlich den Übersetzer für mich und den Stern gefunden.

Sprich, der erste Teil von Heimkehr liegt bereits auf dessen virtuellem Schreibtisch und ich warte gespannt auf allererste Schnipsel. Nach den ausführlichen sehr netten Emails, die wir schon ausgetauscht haben, bin ich von seiner sprachlichen Kopetenz und seinem Feingefühl sowohl fürs Deutsche als auch fürs Englische total überzeugt. Ich refreshe quasi stündlich meinen Posteingang, um zu schauen, ob es da schon was Neues gibt. 😉

 

Mein Webinar bei den Book Doctors ist morgen

Und das ist damit gleich der nächste ganz spannende Punkt auf meinem Juni-Termikalender. Ich habe ja am Pitchapalooza teilgenommen und es gab die Möglichkeit, ein Webinar kostenfrei mitzumachen, welches noch mal auf Einzelheiten des eingesandten Pitches eingeht.

Was der Pitchapalooza genau war, könnt ihr hier nochmal nachlesen, wenn ihr mögt. Im Prinzip haben Schreiber aus aller Welt einen Pitch zu ihrem letzjährigen Nano-Roman verfassen und einsenden können. Es ging darum zu sehen, ob man mit seiner Kurzfassung der Romanidee (Pitch) denn das richtige Publikum anspricht und den Leser neugierig genug macht, ohne zu viel zu erzählen.

Ich habe ja im letzten Nano an “Das Blut der alten Zeit” geschrieben; einem Erui-Prequel zum Stern und zum Drachenherz, das den Beginn der zweiten dunklen Zeit mit Prinzessin Laurins Entführung durch den Schatten einläutet.

Die Kuzbeschreibung ist nun im Englischen wie folgt:

The Chronicles of Erui

‘Ancient Blood’

Gar’Erui, the world made of human dreams and desires, seems to be an endless fairytale of golden summerdays, glistening snowrides and lush ballnights. The alldevouring Shadow has not been seen for over a millenium. And the mists between the worlds have become so thick and deep, that human thoughts no longer influence the fragile magic world.

But within all this peaceful quietude the Highkings as well as the Heavens Gaurdians became dull and unobservant. None of them recognizes, that Erui’s new hope, the blossoming princess Laurin of Edin, abandons the path of the Highkings and falls under the spell of a young admirer.

Inveigled by Fionlaghs courtship, Laurin sees for the first time, that life could hold more to her than just the crowns’ duties. He also offers her a completely unexpected view on the life she thought she has lived. Her world crushes in pieces, when she discovers, that the tragic death of her loving mother was coldblooded murder. And the abominable truth about the father, turns her away from ever claiming the throne and thus sustain the spell, that safeguards Erui.

Laurin believes she chooses freedom, but instead the oldest of all prophecies comes true, and the Shadow rises once again.

This novel is a dark prequel for the German fantasy series „Der Stern von Erui“ (Planed English Title: „Song of a falling Star“), comparible to Anne Bishop‘s ‚Black Jewels‘, opening the door to a world magnificient and prestine and pitchblack, just as the human soul.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die Profis dazu sagen. Wenn ich merke, dass mich deren Coaching weiterbringt, dann habe ich auch auf jeden Fall vor, den Kontakt auszubauen, eventuelle weitere Coachings mitzumachen, denn zugegeben, vor dem englischen Buchmarkt habe ich Respekt.

Die Philosophie der Book Doctors ist zwar, dass jedes Buch seine Nische findet. Aber ausländische Autoren haben es dort garantiert nicht leicht. Ich bin gespannt, wie sich mein Stern dort machen wird.

Aber neben diesen ganzen neuen Entwicklungen musste ich natürlich auch mal ausspannen.

Und dazu habe ich mir das Wochenende mal freigenommen von allen heimischen Verpflichtungen und eine Freundin besucht, die ich gefühlt schon ewig kenne, die ich ohne den Stern aber nie getroffen hätte.

Reden wir sonst immer nur über Bücher, das Schreiben, Lesungen, Messen, Conventions und Ideen für neue Projekte, war es einfach wundervoll, mal nur privat zusammenzuhocken. Beim Trivial Pursuit haben wir herausgefunden, dass für uns beide das Gegenteil von Rasen ‘zu langsam’ ist. 😉

Aber sicher, wenn zwei Bücherwürmer sich treffen, dann geht es nicht ganz ohne. Also habe ich ihr schnell noch ein paar Autogrammkarten signiert, bevor ich wieder heimgebraust bin. (Immerhin haben wir ja etabliert, dass ich nicht über Autobahnen schleiche 😉 )

 

Und dann kommt ganz unerwartet die Muse vorbeigeschlichen.

Zum Beispiel während ich nach der Hälfte der Strecke auf dem Beifahrersitz vor mich hinlümmelte und meine Gedanken in diesem lieblichen Strudel aus Entspannung dahin dümpeln ließ.

‘Was hatte sie im Gepäck?’, fragt ihr euch nun sicherlich. – ‘Neue Ideen für das Drachenherz!’, lautet die Antwort.

Am Anfang hat eine Stelle noch nicht viel Sinn ergeben. Ich zerstöre ein Schloss und vernichte eine Familiendynastie (mal wieder), bei der sich die Frage stellte, wieso das alles nicht schon lange vorher so gekommen war. Aber Eruis Schleier sind für mich nie so undurchdringlich, dass ich die Antworten auf solche Fragen nicht finden würde. Somit muss ich nun also nochmal an ein paar Anfangssequenzen aus dem Drachenlied.

Ich freu mich schon drauf. 😀

 

Positives und Negatives Feedback -weil nicht alles jedem gefallen kann.

Zu guter Letzt ist diese Woche auch etwas passiert, was schon lange überfällig war. Eigentlich rechne ich seit dem ersten Tag damit, den mein Stern sich so auf Amazon herumtreibt, denn eins ist sicher: Da nicht alles jedem gefallen kann, gibt es irgendwann auch für jedes Buch mal eine schlechte Kritik.

Das war ja, zugegeben, immer meine persönliche Angst, gerade weil der Stern mir ja sehr viel bedeutet und eben einfach wahnsinnig wichtig ist. Wenn man so viel Zeit in etwas investiert, dann kann es einen ganz schön runterziehen, wenn einer daherkommt und es in zwei drei Sätzen zerlegt oder abfertigt. Somit wusste ich nie, wie ich mit sowas mal umgehen würde.

Nach der letzten Woche, in der ich ja sagenhaft wundervolles Feedback sowohl für den Stern als auch für den Lurchi aus allen Richtungen bekommen habe, war das dann also mein Wochenabschluss. Aber was soll ich sagen. Es hat mich irgendwie kaum berührt.

Ich weiß einfach mittlerweile, welche Art von Leser der Stern erreichen kann … und welche eben nicht. Dass ich das weiß, liegt vor allem an euch, meinen wundervollen Lesern. All den tapferen weißen Rittern, die sich nach Erui wagen und sich dem Schatten stellen. All den Kriegern von Arvindûras, die durch das Grasland reiten und versuchen, die Welt vor dem Bösen zu bewahren und den Stern zum Leuchten zu bringen.

 

Das Forum kommt nun bald.

Um diesen Austausch noch zu vertiefen, der bisher meist nur per Email stattfindet, wird nun auch das Forum wieder freigeschaltet werden. Manche Punkte, Ideen, kritischen Anmerkungen, die einzelne mir senden, würde ich so gern mit euch anderen teilen und drüber diskutieren. Auch meine ganzen Ideen zum Drachenherz und zum alten Blut wollen raus und mit euch besprochen werden.

Darum mag ich gerne meiner Stammleserschaft diese Möglichkeit geben, sich noch interaktiver an Erui und meinem Schreibprozess zu beteiligen. Ihr seht also, auch wenn es Tage gibt, an denen es still ist auf meiner Seite, in meinem Leben bleibt es turbulent.

Ich freue mich, dass ihr und der Stern in diesem Trubel ein beständiger Teil seid, eine Konstante, die es immer wieder schafft, mich zum Lachen zu bringen und die den Traumgespinsten in meinem Kopf neue Nahrung liefert.

 

Wir lesen uns hier oder auf meinen anderen Kanälen.

 

Liebe Grüße,

Eure Sylvia

 

Autoren fragen Bloger – Sylvia meets Ania

Hallo und guten Morgen an diesem wunderschönen Wochenende!

 

Vor ein paar Tagen wurde in der Gruppe Autoren&Bloggerclub auf Facebook eine tolle Initiative gestartet. Sonst sind es ja üblicherweise wir Autoren, die uns den Fragen der Blogger stellen müssen. Diesmal ist es umgekehrt. Wir AUTOREN INTERVIEWEN BLOGER. 😀

Ich wurde mit der lieben Ania von Buchversum zusammengelost. Und hier kommt unser netter Plausch am Vormittag.

 

Buchversum
          https://buchversum.wordpress.com/     

Sylvia fragt Ania

 

Sylvia:

Hallo Ania, schön, dass das Los uns beide zusammengebracht hat. Zuerst erzähl uns doch mal drei Dinge, die man über dich wissen muss, wenn man verstehen will, wie du so tickst.

Ania:

  • lesesüchtig

  • tierlieb (Besitzerin eines 4.jährigen Hundedame)

  • dickköpfig

 

Sylvia :

Nachdem wir dich nun ein bisschen persönlich kennen, wie bist du zum Bloggen gekommen? Wolltest du schon immer gerne über Bücher schreiben, oder hast du andere Blogs gelesen und wolltest dann auch unbedingt?

Ania:

Um ehrlich zu sein, habe ich erst in kurzen Sätzen bei lovelybooks zu meiner eigenen Übersicht rezensiert & nach und nach bekam ich durch Facebook, die Gelegenheit unterschiedlichste Blogs kennenzulernen. Tja und ich fand, ich könnte auch einfach ins kalte Wasser springen, es versuchen und einfach mal gestalten! Erst gab es meine Facebook-Seite; anschließend erstellte ich dann den Blog zur besseren Übersicht meiner Beiträge … und brachte meine Liebe zu Büchern zum Ausdruck. <3

Sylvia :

Was ist das Besondere an DEINEM Blog. Bücherblogs gibt‘s ja viele. Verrate uns, warum wir gerade deinem folgen sollten. Was ist deine persönliche Note?

Ania:

Da gibt es Verschiedenes. Ich versuche immer aktuell dabei zu sein, sowohl bei Buchvorstellungen als auch bei Autoren! Außerdem bin ich gerne bei kreativen Challenges dabei oder Blogtouren allgemein.

Sylvia :

Deine Lieblingsgenre unterscheiden sich teilweise von meinen. Hin und wieder darf es für mich mal romantisch werden. Für dich ist das an der Tagesordnung. Was bedeutet Lesen also für dich?

Ania:

Für mich ist Lesen wichtig. Durch die Bücher kann ich in eine romantische Begebenheit oder in eine fantasievolle Welt eintauchen. Dort kann ich entspannen, mich mit den Protagonisten, ihren Problemen beschäftigen oder dem Happy End entgegen lesen.

Sylvia :

Das ist sehr interessant. Legst du eigentlich Wert darauf, dass deine Bücher von Verlagsautoren sind, oder liest du auch Selfpublisher, wie ich es bin? Wenn ja, was denkst du über diese Bücher, und wenn nein, warum nicht? 🙂

Ania:

Ich lese alles, da ist es nicht wichtig, ob der Autor an einen Verlag gebunden ist. Mich lockt mal das Cover, mal der Klapenptext, mal alles zusammen. 🙂
In letzter Zeit kommt es mir vor, dass ich eigentlich nur Selfpublischer lese, darunter ist übrigens auch meine Lieblingsautorin Jane S. Wonda. 🙂

Ich bin immer wieder beeindruckt von den Büchern, meistens sind diese viel besser oder können locker mit Verlagsbüchern gleich halten! Der Schreibstil oder die Geschichte, den Feinheiten sind meistens besser als ein Verlagsbuch. Leider werden Sie meistens nicht so beworben … es gehen viele Top Autoren dadurch mit ihren lesenswerten Büchern unter.

Sylvia :

Wenn ich mich jetzt so durch deinen Blog klicke, dann finde ich vor allem 5-Sterne-Bewertungen. Da fragt man sich natürlich: Weißt du einfach so genau, was dir gefällt, dass du dich da gar nicht vergreifen kannst, oder bist du eine so unvoreingenommene Leserin, dass du jedem Buch etwas abgewinnen kannst?

Ania:

Mir ist selber bewusst, dass in letzter Zeit nur sehr gute Bücher in meine Hände gefunden habe, jedoch bin ich da weniger enttäuscht über meine Gute Wahl. 🙂

Tatsächlich suche ich meist selber aus, bekomme aber auch immer wieder Anfragen

von neuen Autoren, die ich gerne kennenlerne.

Ich durfte mir in letzter Zeit tatsächlich vorrangig Bücher aussuchen, wo ich von der Autorin schon mit anderen Werken begeistert wurde oder das Buch von einer meiner favorisierten Autorin, wie Jennifer L. Armentrout oder Mary E. Pearson ist!

Ich beurteile jedes Buch voreingenommen, es wird nach bestimmten Kriterien beurteilt & wenn diese zutreffen sind schon 3 / 5 Sternen erreicht. Außerdem gibt es dann noch das Gefühl, wie das Buch begeistert & das ist in letzter Zeit zu meiner Freude oft eingetroffen.

Bisher habe ich aber auch schon einmal eine 1 Sterne verfasst & auch paar mal 2 Sterne Rezi, da konnte mich dich Bücher gar nicht bis kaum begeisterten, kommt aber eher selten vor, trotzdem versuche ich immer kritikfähig zu bleiben.

Sylvia :

Sehr schön! Und jetzt Butter bei die Fische! Gibt es ein Buch, das du so gar nicht mochtest, wo sich dir so richtig die Zehennägel hochgerollt haben? Und wenn ja, was hast du getan? Durchgehalten und dann eine ehrliche kritische Rezi geschrieben, oder abgebrochen?

Ania:

Ich habe bisher noch kein Buch abgebrochen, ich hatte bisher denke ich 5 Bücher, die mich kaum begeistert haben, dann durften diese pausieren und wurden immer wieder mal Stückchen Weise durchgelesen. Besonders kritische Rezis gab es bisher 2, eine davon ist „Emba – Bittersüße Lüge“ dort hab ich leider einfach nicht rein gefunden sowie „Verschwundene Seelen“, da war die Autorin noch recht jung und hätte das Buch mit Hilfe der Lektorin etwas überarbeiten sollen, bevor es veröffentlicht wurde.

Zum Schluss hat Ania mir noch verraten, ob und wenn ja welches meiner Bücher sie lesen würde. Als Geschenk für dieses wundervolle Interview darf sie nun mit dem Lurchi planschen gehen. Ich hoffe, es hat euch gefallen.

Habt einen schönen Samstag. 🙂

Eure Sylvia.

Erfolgreich Schreiben – ein völlig missverstandener Begriff

Erfolgreich Schreiben hat rein gar nichts mit gut oder schlecht Schreiben zu tun!

Nur mit Beharrlichkeit.

Das behaupte ich jetzt einfach mal so ins Blaue und die unendliche Weite des Worldwideweb hinein. Warum ich ausgerechnet heute das Bedürfnis verspüre, ausgerechnet darüber zu reden? – Nun, sagen wir, ich bin über einen Artikel gefallen. Einen sehr guten, sehr hilfreichen Artikel. Ihr Autoren da draußen, die ihr euch immer gefragt habt, wo eigentlich der Trick, die Abkürzung dabei ist, über Nacht erfolgreich zu werden – ‘entdeckt zu werden’ – ihr solltet ihn lesen.

Meine Gedanken zu diesem Artikel sind auch so ein bisschen eine Selbstreflektion und eine Lobeshymne an ein Wesen, das mir in den letzten zwei Jahren mein Leben zur Hölle gemacht hat. Ja, ich weiß, DU hasst den Begriff, darum nenne ich hier keine Namen, aber Dank an dieser Stelle geht an meinen eigenen persönlichen ‘Marketing Demon from Hell’ (TM) ;).

Kommen wir erstmal dahin, wo jeder irgendwann mal steht: Dem Anfang.

Und da geht es schon los. Denn welcher Punkt ist denn eigentlich dieser Anfang? Der, an dem das 4-jährige Kind die Fibel des Bruders entdeckt und sich für Lesen und Schreiben begeistert? Der, an dem die erste kleine Geschichte, meist noch ausgeschmückt mit handgemalten Bildern, mit krakeliger Schrift in ein Schulheft gebannt wird? Der, an dem sich der heranwachsende Mensch zum ersten Mal mit dem Gedanken trägt, ob die Schriftstellerei was für ihn wäre?

Vermutlich sind das alles irgendwie die Anfänge. Denn so oder so ähnlich ist es nicht nur bei mir gewesen. Ich lese es auch immer wieder in den Interviews meiner Kollegen. Was uns gemein ist, ist der dringende Wunsch, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die in unseren Herzen entstehen und die unsere Phantasie zum Leben erweckt und die wir versuchen, mit wortgewandter Finesse aufs Blatt zu bannen.

Somit sind das irgendwie alles Anfänge. Und so, wie es mit diesen Schritten angefangen hat, so zieht es sich dann auch weiter.

Denn das Geheimnis zu erfolgreichem Schreiben ist simple: Es gibt keines.

Man kann für sich definieren, gut schreiben zu wollen, außergewöhnlich, oder auch in einer gewissen Zeit ein gewissen Projekt abgeschlossen zu haben. Man kann Unterhaltungsliteratur oder dann doch die hohe Kunst der E-Literatur verfolgen. Doch man muss einen Gedanken aus seinem Kopf verbannen: “Wenn ich ein gutes Buch habe, ist es egal, wie introvertiert ich bin, die Leute werden es schon entdecken. – Ansonsten war ich nicht gut genug.”

Ja, ernsthaft, das ist der Stolperstein, an dem sich viele Autoren aufhängen, messen und dann teilweise verzweifeln. ( Und wer sich jetzt fragt: Japp! Been there – done that – bought the T-Shirt!)

Dieser Gedanke hat mich lange Zeit davon abgehalten, meinen Stern abzuschließen. Ich hatte Kontakt mit einigen Verlagen. Ich hatte schon verstanden, dass aus kaufmännischer Sicht ein unbekannter Autor und ein Dreiteiler als Debüt einfach nicht zusammengehen. Und obwohl ich wusste, dass mein Schreiben ankam, selbst bei Leuten vom Fach, hat mich die Vorstellung blockiert: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn ich nicht sofort über Nacht berühmt werde?

Einzig logischer Schluss: Es wäre die Ansage an mich, dass ich doch nicht wirklich gut genug bin. Die unumstößliche Gewissheit, dass ich schlecht schreibe, dass ich nichts in der Riege echter Autoren verloren habe. Ein Mahnmal meines Scheiterns.

Doch dann habe ich mir immer wieder vor Augen gehalten, was für Bücher sich auf den Bestsellerlisten tummeln. Und nein, geben wir es ehrlich zu: Das sind nicht immer die literarisch hochwertigsten. Also fragt man sich doch: Wie kommen die dahin?

Mit Geduld, Beständigkeit und dem Wissen, was sie sind und wen sie erreichen wollen.

Ja, schaut nochmal nach oben. Lest den Satz nochmal.

Und nochmal.

Und jetzt ein drittes Mal.

So. Verinnerlicht? Nein? – Na gut. Zugegeben, bei mir ging es auch nicht so schnell. Es gab gefühlt Tausende solcher Gespräche wie dieses hier:

MarketingDemonfromHell (MD im Folgenden): “Meld dich mal in der und der FB-Gruppe an und stell dich mal vor.”

Ich: “Warum sollte ich das tun?”

MD: “Du willst doch, dass die Leute dein Buch kaufen.”

Ich: “Ich will, dass die mein Buch LESEN! Die meisten schreien doch eh nur bei irgendwelchen Glitzi-Covern, werfen sie auf ihren SuB und dann liegt es da.”

MD: “Der Weg ins Herz eines Blogers führt über seinen SuB.”

Ich: “Aha. Aber warum muss ICH mich dann vorstellen. Die sollen sich für MEIN BUCH interessieren. Ich würde am liebsten unsichtbar bleiben.”

MD: Na, aber die Leute kennen dich nicht. Sie wissen nichts über dich. Nicht, wer du bist, wie du tickst, wie du schreibst.”

Ich: “Letzteres könnten sie ändern, wenn sie mein Buch lesen. Ich will nicht mein halbes Privatleben öffentlich legen müssen.”

MD: “Musst du auch nicht. Erzähl das, was du erzählen willst. Wir könnten ein Interview machen.”

Ich: “Wer will denn ein Interview von MIR lesen. Mich kennt doch keiner.”

MD: “Merkste was?”

 

25 Monate, 9 Interviews und eine Buchmesse später kann ich darüber nur noch lachen.

Denn MD hatte recht. In einfach allem.

Leser wollen unbekannte Autoren schon entdecken. Aber dafür braucht es ein paar Dinge:

  1. Sie müssen wissen, dass man existiert.
  2. Sie müssen wissen, dass mein Buch existiert. Welches Genre, welcher Stil, welche Richtung.
  3. Dafür muss ich eine ZIELGRUPPE definieren. (Für den Stern fiel mir das schwer. Es ist ein so komplexes Werk, dass ich lange überlegen musste, bis ich zu dem Schluss kam, welche Art Leute ich erreichen will: Träumer, Querdenker, Weltverbesserer, Menschen mit einem Sinn für tiefgründige Geschichten, die in eine neue Welt führen, ohne dabei die eigenen Welt aus dem Blick zu verlieren.)
  4. Dann braucht man den unbedingten Glauben ans eigene Werk. – Die Zweifel sind da. Macht euch keine Illusion. Aber sucht euch eine Kritik von einer neutralen Person. Eine Rezension, eine Kritik, irgendwas, anhand dessen ihr euch ehrlich bewertet gefühlt habt. Und wenn der Zweifel zuschlägt: Lest es wieder und wieder. – Für mich war es dieser Brief, der alles verändert hat.
  5. Wenn ihr das alles habt, dann seid ihr immer noch nicht am Ziel. Denn nun müsst ihr Geduld mitbringen. Es ist harte Arbeit und erfordert viel Zeit, sich unter all den Schreibern da draußen einen Namen zu machen.
  6. Immer noch nicht am Ziel? Schreibt weiter. Gebt nicht auf. Schaut, was ihr besser machen könnt. Und oft ist die Antwort nicht “Ein besseres Buch schreiben”, sondern schlicht, eure Bücher den richtigen Lesern vorsetzen.

Zusammenfassend kann man sagen: Einen richtigen Weg gibt es nicht. Einen goldenen auch nicht. Es gibt nur euren Weg. Aber dafür müsst ihr aus eurem Elfenbeintürmchen herauskommen und in die Welt gehen. Dahin, wo die Leser sind, die ihr gern erreichen wollt.

Zum Schluss bemühe ich damit auch einen der Größten unter den Fantasy Autoren, denn vielleicht stellt der eine oder andere dabei fest:

Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.

Im Moment stehe ich auf dieser Straße, staunend, wenn ich bedenke, von wo ich komme, und wo es mich bereits hingetragen hat und vor allem frage ich mich, wo es mich hintragen wird. Aber keine Sorge: Das erzähle ich euch alles hier. 🙂

Einen guten Start in ein wundervolles Sommerwochenende wünscht euch

 

Eure Sylvia

 

Schreibtagebuch – Wenn ich mal nen freien Tag habe

… dann komme ich immer auf dumme Ideen.

 

Zum Beispiel: mich endlich auf die Suche nach einem Übersetzer für meine Sternenlied-Saga zu machen.

MOMENT! ÜBERSETZER?! – Ja, das denke ich mir derzeit auch noch. Ein Teil von mir fragt sich, wo der Ausschaltknopf für den Größenwahn ist. Dennoch. Ich habe ja sowas wie einen Plan aufgestellt. Schon vor Jahren.

2014 – fertig sein mit den Alpha-Versionen aller Romane, und Heimkehr und Schattenkriege am besten schon in der Beta.  – Naja … hat fast geklappt. Sternenstaub war ne harte Nuss.

2015 – Veröffentlichung! -Yes. I totally did this!

Alles was danach kam, habe ich nicht mehr wirklich an Jahreszahlen festgemacht, denn ich wusste ja, jedes Buch hat seinen eigenen Lebenszyklus. Manche sind von Null auf Hundert Hot und am nächsten Tag wieder abgemeldet. Andere brauchen lange, und wachsen stetig in ihrer Bekanntheit. Und andere, viele, schaffen es gar nicht, irgendwie bekannt zu werden.

Darum: Übersetzung stand auf meinem Plan, sobald die Bücher genug abwerfen, dass ich einen professionellen Übersetzer davon bezahlen könnte. Und … was soll ich sagen. Vom Spiegel-Bestseller sind wir noch weit entfernt, doch ja, die Übersetzung zu finanzieren ist nun realistisch.

Und gestern hatte ich also mal wieder frei und noch nichts geplant. Also Entsprechend gute Portale gesucht, eins gefunden, Anzeige verfasst. Und Warten. … Dachte ich. Seitdem pingt mein Email-Postfach in einem durch.

Ich dacht natürlich: Das werden vor allem so Hobbyübersetzer mit völlig unrealistischen Preisvorstellungen sein. Und klar. auch solche sind dabei. Aber auch welche, die absolut meinem Suchprofil entsprechen: lange Erfahrung, Muttersprachler, sehr gutes Sprachgefühl im Deutschen und mit der Liebe zur Fantasy. Denn das ist natürlich auch eine Sache. Ein Buch braucht eine persönliche Note. Und einen Autor gut zu übersetzen ist fast so schwer, wie selbst gut zu schreiben. – Wenn nicht schwerer.

Derzeit befinde ich mich also mitten in einem spannenden Prozess und ich halte euch auf dem Laufenden, wo das alles noch so hinführt.

 

Liebe Grüße,

 

Eure Sylvia

500 Facebook Likes – Ein Dankeschön an meine treuen Leser

Für manche mögen 500 Likes auf Facebook nicht der Rede wert sein.

Ich finde schon. Denn WOW! 500 Menschen, die in irgendeiner Weise an dem interessiert sind, was ich da schreibe. Und im besten Fall 500, die den Stern wirklich kennen und lieben.

Darum möchte hier DANKE sagen. Danke für die letzten zwei aufregenden Jahre. Danke dafür, dass ihr der Kern der Fangemeinde um meine Bücher seid, ohne den vieles einfach nie passiert wäre. Und weil sich Anfang der Woche schon gewünscht wurde, ich möge euch doch einen längeren auszug aus dem blauen Drachen spendieren, tu ich das hiermit.

Ein Figur, die ja im Stern ein wenig blass hinter manch anderer zurück bleibt, ist Hohepriester Mendric. Er, der weise aber auch alternde Führer des Zirkels. Wo nahm eigentlich sein Weg einmal seinen Anfang? Wie wurde er zum Hohepriester und mit welchen Beweggründen?

Ja, ein bisschen freue ich mich darauf, euch meine Ewigen Wächter in dieser neuen Trilogie in einem ganz anderen Licht präsentieren zu können. Ein wenig hoffe ich, dadurch mehr Verständnis für sie und ihr Handeln im Stern zu bekommen, denn ihre Absichten waren einmal gut und ehrenhaft. Also viel Spaß in einem ganz neuen alten Erui mit vertrauten und doch völlig fremden Persönlichkeiten. 🙂

Ach ja, und weil sie so schön sind, gibt es hier noch ein paar mehr Bilder von Hohepriester Saworno, Mendrics Meister und Mentor im Zirkel der Sonne.

Savorno Screenshot Action      Savorno Screenshot     Savorno Bright Robes

 

 

Saworno traten Schweißperlen auf die Stirn. Mendric sah seinen Mentor und Obersten im Kreis der Brüder der Sonne mit besorgtem Blick an. Noch vor Monden wäre ihm das nicht passiert. Da war der alte Armati noch der Inbegriff von Kraft und Magie gewesen. Nachdem er von seiner letzten Reise zum Mondtempel in den Sümpfen der Mittlande zurück war, reichte allerdings schon die kleinste Anstrengung ihn aus der Puste zu bringen.

Die Gruppe an Schattenwesen, gegen die sie sich heute zur Wehr setzen mussten, war dabei verhältnismäßig klein. Mendric legte seine Hände wie selbstverständlich neben die des Katzenmannes auf die silbern glänzende Kuppel und sein Zauber floss durch ihn hindurch auf den Schutzwall über. Dieser spannte sich zwischen den beiden hohen Säulen, die wie zwei grimmige Wächter den Eingang ins Tal der Sonne säumten. Von ihren schwarzen Basaltkörpern gingen die Fäden aus, an denen die magische Mauer hochgezogen war, dazu gemacht, Flüchtigen und Verbündeten Einlass zu gewähren, doch alles fern zu halten, was dem Tal und seinen Bewohnern schaden wollte.

Die alptraumhaften Wesen, deren Körper unwirklich dunklen Nebelschwaden gleichkamen, bis an die Zähne bewaffnet und mit rotglühenden Blicken, gehörten dabei ganz gewiss zu letzter Kategorie. Das unermüdliche Einschlagen ihrer Schwerter, Äxte und Morgensterne oder allein der bloßen Schattenfäuste auf die durchscheinende Barriere hatten diese an manchen Stellen gefährlich dünn werden lassen. Mit Mendrics Unterstützung gelang es dem Hohepriester allerdings, sie zu hallten.

Mendric ging sogar noch ein Stück weiter. Er wusste, was die Mauer konnte, wenn der Hohepriester selbst das Netz durch die Rückkopplung seiner Magie zum Schwingen brachte. Er schloss die Augen, suchte nach dem Momentum, aus dem der Meister das fragil wirkende Gebilde gewebt hatte. Er spürte dabei die Angst seiner Brüder, die um sie standen. Keinem entging, dass Sawornos Kraft nicht mehr ausreichte, die Verteidigungsmechanismen zu aktivieren, die er selbst vor vielen Sommern gewoben hatte.

Mendric schob das beklemmende Gefühl beiseite, welches die Luft erfüllte. Angst half ihnen jetzt nicht. Angst half nur denen da draußen, die Einlass begehrten. Das Tal war einer der wenigen Rückzugsorte hier im Westen. Viele Dörfer und Weiler waren längst überrannt. Andere aufgegeben. Doch daran durfte er jetzt nicht denken. Dieser Schutz stand schon, so lange er im Tal lebte. Solange er denken konnte.

Wenn dir die Straßen Sindoreds zu gefährlich geworden sind, dann geh doch und verkriech dich hinter dem silbernen Netz der Priester. Ein geflügeltes Wort dort, wo er einst sein Zuhause gewähnt hatte. Gleichzusetzen mit Flucht und dem Verrat an der eigenen Stadt.

Mendrics Hände bebten. Der Schlag eines eisernen Flegels ging neben seiner linken Hand nieder. Er spürte den Schmerz durch seine Arme fahren bis hinauf in die Schulter. Instinktiv wollte er zurückschrecken. Unter seinen Fingern war ein Riss im Netz entstanden.

Du bist nicht mehr das Kind von damals, durchfloss ihn allerdings direkt der nächste Gedanke. Er wusste, er kam nicht nur aus ihm allein. Dennoch half er.

Nun ebenfalls mit Schweißperlen auf der Stirn, schob er alle störenden Einflüsse von sich fort. Der Junge, der zu schwach gewesen war zum Schwert zu greifen, den gab es nicht mehr. Es gab nur noch ihn, Mendric, den nächsten Hohepriester in der Gemeinschaft von Sonne und Mond.

Diese Gewissheit ließ etwas in ihm auflodern. Unter seinen Füßen bekam er das Gefühl, als würde der Boden selbst glühende Steine gegen seine Sohlen stemmen, um ihm Halt zu geben. Seine ganze Energie stemmte sich gegen die Mauer und das, was sie bedrohte. Er merkte selbst nicht, dass seine Hände zu glühen begannen wie ein Strom aus Lavagestein, der in das silberne Netz floss, sich zwischen die bereits gewebten Fäden goss und jeden einzelnen davon verstärkte. In ihm begann der Ton zu schwingen, aus dem sein Meister den Wall einst erschaffen hatte. Doch er beließ es nicht bei diesem einen. Er fügte weitere Töne seiner eigenen Seele hinzu, nährte den Wall damit, ließ ihn schwingen und vibrieren und im nächsten Augenblick schossen Blitze und heiße Feuerfontänen auf der anderen Seite aus dem Gespinst hervor. Wo sie die Schatten trafen, da lösten sie sich mit einem spitzen hohen Schrei in schwarzen Rauch auf.

Als der Letzte von ihnen sein erbärmliches Dasein ausgehaucht hatte, sank der alte Priester neben ihm schließlich erschöpft nach hinten. Mendric selbst brauchte noch einen Augenblick, um sich von dem neuen Wall zu lösen, der nun nicht mehr nur noch silbrig glänzte. Feuer schien ihn nun zu durchfließen. Seine Brüder wichen ehrfürchtig einen Schritt weit zurück, gaben ihm und Saworno Platz.

Mendric holte ein paarmal tief Luft, bevor er sich schließlich zu seinem Meister umwandte. Zum ersten Mal gewann er beim Blick in dessen Gesicht den Eindruck, dass die ewig zeitlosen Züge auf einmal alt erschienen. Gestern, hätte er schwören können, war der Mann keinen Tag älter gewesen, als am dem Tag, an dem er ihn geweiht hatte und ihm verkündet worden war, dass er in Sawornos Fußstapfen treten würde. Heute war das Fell um seine Mundwinkel angegraut. Die Augen wirkten eingefallen, nicht mehr so strahlend und wachsam. Ihr Grün schien einen trüben Schimmer bekommen zu haben.

Mendric schreckte zurück. Sawornos krallenbesetzte Tatze legte sich auf seinen Arm und tätschelte ihn, wie er es manchmal schon mit ihm gemacht hatte, als er noch jünger gewesen war. „Deine Magie ist stark geworden, Mendric. Ich sehe, du hast dich an meinen Rat gehalten und deine Kräfte jeden Tag geübt.“

Mendric nickte, doch sein Gesicht verzog sich dabei unwillig. „Natürlich habe ich mich jeden Tag geübt, Meister. Diese Abscheulichkeiten lassen ja auch nicht einen Tag lang locker und das schon seit zwei Wochen. Während Ihr weg wart, war es noch einmal schlimmer. Es ist kein Wunder, dass uns die Kraft langsam schwindet.“

Du meinst wohl, dass mir die Kraft schwindet.“ Mendric wollte protestieren, doch der Alte ließ ihn nicht. „Ah ah ah, Dren, mein Junge. Wir machen uns beide mal besser nichts vor. Wir wissen, doch, dass man einen toten Baum nicht wiederbeleben kann. Doch an seiner Statt kann eine neue Knospe treiben und aufgehen.“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf die pulsierenden Flammen in dem feinen Netz, die deutlicher als alles jeden sehen ließen, wer dieses Tal nun schützte. „Du warst ein junges Stämmchen, immer schwankend im Wind, als ich dich traf, doch jetzt bist du der Baum, unter dessen Krone Eruis Kinder Zuflucht vor dem Sturm suchen werden, welcher über ihnen tobt.“

Mendric neigte ehrerbietig das Haupt. Er wusste, dass sein Meister recht hatte. Er brauchte ihn nur anzusehen und sah, es ging tatsächlich auf sein Ende zu. Hohepriester Saworno würde den Winter nicht überstehen, der vor der Tür stand, und noch vor dem Fest der Sonnenwende würde der Zirkel der Sonne einen Neuen Führer wählen. – Ihn.

So war der Kreislauf seit vielen Jahrtausenden. Seit die sterblichen Völker das Antlitz Eruis betreten hatten. So würde er es einst an seinen Nachfolger weitergeben und der an seinen und so fort. Es gab keinen Grund, darüber in Trauer zu versinken, und dennoch fühlte Mendric, wie ihn der Gedanke grämte.

Behutsam bot er dem alten Priester an, ihn zu stützen, auf ihrem Weg von den äußeren Felsen zurück zur anderen Seite des Tales, wo ihre Wohnhöhlen in den dunklen Stein der Berghänge gemeißelt waren. Das einzige Gebäude, das man nicht den schwarzen Bergen abgetrotzt hatte, war der große Tempel, der unten in der Talsenke auf einem erhöhten Plateau stand. Er war aus dem gleichen weißen Marmor errichtet, aus dem auch der Zwillingstempel in den Sümpfen weit fort von hier gebaut worden war. Die Schwestern des Mondes lebten und lernten dort und gemeinsam mit ihnen waren sie der Orden von Sonne und Mond, die einzige Geistlichkeit, die Erui kannte und brauchte. Denn trotz all seiner unterschiedlichen Völker und ihrer vielen Namen, die sie für die Macht des Himmels hatten, gab es keine Frage darüber, dass es alles nur Gesichter ein und der selben Urgewalt waren. – Jener Kraft, die einst Gar‘Elahad geschaffen hatte, die den Menschen Leben und Weitsicht und Weisheit und Schöpferdrang eingehaucht hatte, um zu sehen, wie sie auf Erden vollbrachten, was die Macht des Himmels im Universum getan hatte. Doch die Menschen waren nicht sorgsam umgegangen mit ihrer Gabe.

Eigentlich, dachte Mendric bitter, wenn er an die Schattenwesen dachte, die die gesamten westlichen Berge und die Lande an ihren Füßen durchstreiften, eigentlich hatten die Menschen ihre Gabe gar nicht verdient. Es war ein Segen gewesen, dass die alten Könige die Verbindung zwischen den Welten unterbrochen hatten. So konnten der Menschen Träume zwar nichts Neues mehr erschaffen, doch ihre Bosheit und ihre Niedertracht war auch nicht in der Lage, den Schatten so schnell weiter zu nähren, wie sie es in der alten Zeit getan hatten.

Saworno schüttelte den Kopf, während er seine gebrechlichen Knochen auf die Schultern des jüngeren Mannes stützte. „Was sind denn das für bittere Gedanken, Dren? Als Oberhaupt unserer Ordens wirst du der Führer dieser Welt sein, vergiss das nie. Sie werden zu dir aufsehen, sich an deine Worte klammern und deinem Beispiel folgen. Wenn du die Menschen verteufelst, werden die Herzen dieser Welt sich von ihnen abkehren.“

Na und?!“, entfuhr es Mendric wütend. Der alte Mann konnte es bis heute nicht lassen, ungefragt in seinem Geist ein- und auszugehen, und er nannte ihn immer noch bei seinem Kindernamen.

Und was ist daran so schlecht, Dren?“, fuhr Saworno fort. „Schon in dem Jungen, den alle Dren nannten, konnte ich die Macht erkennen, die heute aus all deinen Taten spricht. Du bist noch immer er und er wird stets ein Teil von dir sein. Das hoffe ich zumindest. Und zu deinem anderen Problem: Die Gabe der Gedankenmagie war immer deine Schwachstelle. Du bist wie ein offenes Buch. Du bist durch und durch ehrlich, trägst dein Herz auf der Zunge und deine Seele in deinen Augen. Dadurch kannst du deine Gefühle nur schwer vor anderen verbergen. Es ist das Letzte, was ich hoffte, dich noch lehren zu können, denn ein Meister im Sonnenzirkel muss sich abschirmen können gegen andere, wenn er dies wünscht.

Aber wer weiß, vielleicht bleibt uns ja noch ein bisschen Zeit. Noch sind meine Tage nicht gezählt.“

Daraufhin schwiegen sie beide und ihre Schritte folgten bloß dem Pfad, bis sie die Versammlungshöhle erreicht hatten. Mendric wollte Saworno eigentlich direkt hinauf in seine privaten Hallen bringen, damit er sich ausruhen konnte. Doch der Alte bestand darauf, mit seinen Brüdern und den Novizen gemeinsam das Abendessen einzunehmen.

aus “Das Herz des blauen Drachen” Teil 1 – Ein uralter Schwur –