Der Zahn von Halimshan – Eine Kurzgeschichte

Seit das Sternenlied mich beschäftigt komme ich äußerst selten dazu, kleinere Dinge zu schreiben, dabei habe ich schon früher gerne Kurzgeschichten verfasst. Heute Schnipsel ich deswegen nicht aus meinem aktuellen Projekt (sonst nehme ich euch noch das Ende vom Sternenstaub vorweg 😉 ) Ihr bekommt aber stattdessen meine neuste Kurzgeschichte. Das Thema waren starke Frauencharaktere in der Fantasy.

Viel Spaß damit und liebe Grüße,

 

Eure Sylvia

 

„Der Zahn von Halimshan“

Ich bin dann mal draußen. Das Heu muss heute noch eingefahren werden. Das Wetter sieht nicht so aus, als ob es halten wird.“

Jakob gab Karla einen bärtigen Kuss. Es kitzelte an ihrer Haut, wie immer. Seine schwieligen Hände strichen ihr eine der wenigen schon angegrauten Strähnen aus dem Gesicht. „Sei pünktlich mit dem Essen. Du weißt wie ungern die Knechte warten und sie arbeiten langsam wenn sie schlechte Laune haben.“

Er zwinkerte ihr verschmitzt zu. Karla lächelte tapfer. Als Jakob zur Tür raus war, sah sie sich in der Küche um. Zunächst würde sie diesen Saustall aufräumen müssen. Dann konnte sie sich ans Kochen machen. Und dann … Ach verflixt! Vorher musste sie erstmal ihren Taugenichts von Sohn finden, damit er das Feuer schürte.

Mikael trieb sich mit Sicherheit wieder irgendwo herum um Landsknecht zu spielen. Der Junge hatte auch nur Flausen im Kopf und nie machte er zuverlässig das, was er sollte. Karla zuckte resignierend die Achseln. Sie brauchte gar nicht fragen, woher er das hatte. Vielleicht, so war ihre Hoffnung, begegnete er ihr ja auf dem Weg zum Brunnen. Missmutig schulterte sie ihre beiden Eimer und machte sich auf den Weg.

Es war bereits helllichter Tag. Die meisten anderen Frauen waren mit ihren Tagesgeschäften schon lang durch, ehe sie überhaupt anfing, was natürlich dazu führte, dass es im Dorf mehr als genug Gerede über sie gab. Jakob war ein angesehener junger Mann gewesen. Fleißig, strebsam, tugendhaft. Mit dem Tod des Vaters hatte er den Hof übernommen und nach besten Kräften bewirtschaftet. Je älter seine Mutter allerdings geworden war, umso mehr hatte er zu spüren bekommen, dass eine Frau im Haus fehlte. Er war eigentlich nicht der romantische Typ und hatte aus rein praktischen Überlegungen schließlich nach einer Frau gesucht.

Dann aber war ihm Karla über den Weg gelaufen und hatte sein Leben aus den Fugen geworfen, – und er das ihre.

Sie hatte nie eine brave Ehefrau sein wollen. Kochen, Putzen, Wäsche waschen. Das war nichts für sie. Sie hatte ein anderes Leben, ein freieres gekannt. Aber auch ein unsteteres. Für ihn hatte sie es hinter sich gelassen.

Na sieh mal einer an. Dass man dich noch vor dem Mittag bei der Hausarbeit trifft!“, hörte Karla eine Stimme hinter sich, als sie ihre Eimer am Brunnen absetzte.

Sie tat, als habe sie die streitsüchtigen Worte gar nicht gehört, strich sich energisch eine ungekämmte Strähne ihres rostroten Haares aus dem Gesicht und drehte die Kurbel.

Dass du dich nicht schämst, als Frau eines Gutsbauern so herum zu laufen. Da ist jedes Bettelweib ordentlicher gekleidet als du.“

Wieder ignorierte sie die bissigen Worte der Blonden. Sie war die Tochter des Dorfmeyers und hatte erst vor einigen Monaten den Schmied geheiratet. Bereits jetzt wölbte sich ihr Bauch unter dem frisch gewaschenen Leinengewand zusehends.

Karla wollte keinen Streit mit dem Mädchen. Ihr albernes Gerede war ihr viel zu engstirnig. Was wussten diese jungen Dinger denn schon von der Welt? Sie hatten noch nie mehr als ihr Dorf und die Felder dahinter gesehen.

Ihre Gedanken begannen in die Ferne zu schweifen und sie konnte ihrem Jungen immer weniger böse sein, dass er sich mal wieder vor der Hausarbeit drückte.

Erst gestern Abend hatte er mit glühenden Augen verkündet, dass er kein Bauer werden wolle, sondern Abenteurer. So wie die Männer des Landvogts, die auszogen um Schurken und Banditen zu jagen.

Karla hatte nichts gesagt und ihm seine Träume noch für eine Weile lassen wollen, doch sein Vater hatte unter schallendem Gelächter erklärt, dass er als Sohn eines Bauer kaum ein anderes Schicksal vor sich hatte, als den Rest seines Lebens auf den Feldern und in den Scheunen zu verbringen.

Noch einmal seufzend hob Karla sich die Eimer auf den Nacken und wollte sich umdrehen, als sie plötzlich eine Handvoll Gestalten auf den Brunnen zureiten sah. Sie trugen das Banner des Landvogts und eine gewichtige Miene, – wenn sie so früh im Jahr auftauchten, dann bedeutete das nie etwas Gutes.

Auch die anderen Frauen verstummten in ihrem steten Tuscheln und sahen mit blassen Wangen zu den Männern auf. Der erste von ihnen räusperte sich, entrollte ein förmlich aussehendes Pergament und begann zu verlesen:

Auf Geheiß eures erlauchten Lehnsherren, des Landvogtes, wird hiermit bekanntgegeben, dass zusätzlich zum üblichen Zehnt, der am Ende der Ernte fällig wird, eine Schutzsteuer erhoben werden muss.“

Murren breitete sich in den Reihen aus. Die Krieger rasselten mit ihren Schwertern und augenblicklich erstarb der aufkommende Lärm.

Wie dem Volke zu Ohren gekommen sein dürfte, sind die Bedrohungen an den Grenzen in diesen Jahren schlimmer geworden. Der Krieg zwischen den Fürstentümern im Westen lässt marodierende Räuberbande immer näher an unsere eigenen Grenzen kommen. Um euch auch weiterhin Sicherheit zu gewähren, sieht der Vogt sich gezwungen, sein Heer aufzustocken. Jede Familie hat also entweder die zusätzliche Steuer zu bezahlen oder einen kampffähigen Mann in den Kriegsdienst zu geben.“

Das empörte Geschrei kam wieder auf und diesmal ließ sich keiner so leicht beruhigen. Karla streckte sich und trat vor die Männer.

Von welchem Krieg im Westen sprecht ihr eigentlich? Nebelau und Drachenstadt haben ihre Konflikte schon vor über dreizehn Jahren beigelegt. Es gibt in diesen Landen keine anderen Marodeure als euch, die der Vogt ausschickt, sein Volk bis auf den letzten Heller auszupressen.“

Sei vorsichtig, was du sagst, Weib. Für solche Rede landet man ganz schnell am Pranger.“

Der Mann beugte sich vom Rücken seines Pferdes tief zu Karla hinab. Sie überlegte, ob sich noch etwas sagen wollte, entschied sich dann aber dagegen.

Sollten sie doch versuchen ihre Steuern einzutreiben. Das hatten sie im letzten Jahr schon und in dem davor. Die Räte der umliegenden Dörfer hatten sich zusammengetan und sich gemeinschaftlich dagegen gestellt. Ihre Männer würden diese Möchtegern-Ritter mit Mistgabeln vom Dorfplatz jagen, wenn das nächste Mal vorbeikamen. Der Vogt konnte ihnen keine Angst machen. Wenn er seine Drohungen wahr machte und die Dörfer plündern ließ, dann hatte er vielleicht in diesem Jahr etwas davon, doch in den kommenden würde die Ernte mau aussehen und damit auch seine Schatzkammern leer bleiben. Er würde sich hüten, diese Tunichtgute mehr als die Säbel rasseln zu lassen.

Sie drehte dem Mann schweigend den Rücken zu, hob ihre Eimer wieder auf und wollte fortfahren, sich um ihre Küche und das Essen zu kümmern. Die Reiter befestigten die Bekanntmachung am Anschlagbrett neben dem Brunnen wie auch die Jahre davor. Statt diesmal aber die Pferde abzuwenden und sich erst einmal davon zu schleichen, stieg ihr Anführer ab.

Dieser junge Schnösel glaubte wohl, er könne andere Seiten aufziehen als seine Vorgänger. Karla lachte vergnügt in sich hinein, bis sie aus den Augenwinkeln sah, wie er die schwangere Frau des Schmieds grob am Arm packte und ihr mit dem Knauf seines Schwertes in ihren Bauch hieb. Unter einem lauten Schrei krümmte sie sich zusammen und wurde kreideweiß.

‘Oh Gott, das Kind!’, dachte Karla zunächst, doch auf einmal ging alles viel zu schnell.

Weitere Reiter mit gezogenen Schwertern und Keulen kamen ins Dorf. Sie ritten die Umstehenden über den Haufen und hieben auf sie ein. Hinter einer Hütte erblickte Karla da plötzlich ein aschfahles Gesicht, das sie fixierte.

Mikael“, flüsterte sie.

Sie ließ die Eimer fallen, wo sie stand und rannte zu ihrem Sohn.

Soll ich Vater holen und die Männer?“, fragte er und versuchte das Zittern in seiner Stimme zu unterbrechen.

Karla schüttelte entschlossen den Kopf. Es war gut, dass die meisten Männer wirklich gerade auf den Feldern waren. Dann konnten diese Schurken sie nicht gleich mitnehmen.

Hol die Leute zu uns ins Haus, schließ die Tür von innen ab und streu das Pulver aus dem silbernen Topf gegen alle Türen und Fenster. Um den Rest kümmere ich mich.“

Der Topf, den ich sonst nicht anfassen darf?“

Karla nickte. In ihren Augen blitzte es drohend und ihr Junge wusste, dass dieses Funkeln nie etwas Gutes bedeutete. Hastig stürmte er los und begann, die Umstehenden in die Gasse zu winken, an deren Ende ihr Hof stand. Manche zögerten, aber andere waren nur allzu glücklich den Männern erst einmal entgehen zu können.

Die hatten in der Zwischenzeit begriffen, dass sich ihnen heute keine ernstzunehmende Gegenwehr in den Weg stellen würde und waren gerade dabei, sich an den anderen jungen Frauen zu vergehen.

Karla fackelte nicht lang. Die Zeit reichte nicht, um zu ihrer Truhe zu gelangen und dann wieder rechtzeitig hier draußen zu sein, also musste reichen, was sie tagtäglich bei sich trug.

Mit einer millionenfach vollführten Bewegung griff sich in ihren lose geknoteten Dutt, zog die augenscheinlich hölzerne Nadel heraus, zielte und warf. Die kupferne Wurfwaffe glühte noch im Flug auf, entfachte den ihr innewohnenden Flammenzauber und bohrte sich einem der Marodeure von hinten in den Nacken. Sein Kopf sank auf die entblößte Brust vor sich und er tat keinen Atemzug mehr.

Für eine erschrockene Sekunde hielten die anderen Männer die Luft an. Das hatten sie von der zerzausten Bäuerin mit dem zerrissenen Rock nicht erwartet.

Schnell fingen sich aber wieder und machten Karla als neues Ziel aus. Mit gezückten Schwertern formierten sie sich und kamen auf sie zu. Es waren sieben, ohne den jungen Anführer, der sich taktierend im Hintergrund hielt.

Karlas Hände zuckten. Die Männer hielten sie für unbewaffnet. – Böser Fehler. Der glühende Dorn aus ihren Haaren war durch einen Seelenzauber an seine Trägerin gebunden und gehorchte jedem Schnippen ihrer Finger.

Aber woher sollten diese Lumpen das wissen? Sie hatten bestimmt noch nie zuvor ein Artefakt aus den knöchernen Grotten zu Gesicht bekommen.

Der Erste schrie überrascht auf, als er den glühenden Stich im Oberschenkel spürte. Augenblicklich sackte er zusammen und hielt sich jammernd das Bein. Zwei weitere versuchten Karla in die Zange zu nehmen. – Das hatten die Drachenbeinräuber in Jörmenhall damals auch versucht und bitter bereut. –

Karla wartete, bis beide so dicht heran waren, dass sie nicht vor und nicht zurück springen konnte. Das wollte sie aber auch gar nicht. Stattdessen tauchte sie unter den erhobenen Schwertern hindurch, rollte sich zur Seite ab und kam hinter dem einen zu stehen. Ein Griff an seinen Gürtel und sein Dolch gehörte ihr. Ein weiteres Zucken ihrer Hand und nur noch das Heft stak aus seinem Rücken. Darauf riefen Karlas Finger erneut die brennende Kupferwaffe. Sie legte sich ihr in die Linke und keine drei Sekunden später steckte sie in der Kehle des Mannes, der gerade dabei war, mit einer Fackel die Scheune in Brand zu setzen.

Wer Funken sät, wird Feuer ernten!“, kommentierte Karla ihren Wurf.

Die übrigen Männer begriffen in diesem Augenblick, dass sie mit dieser Gegnerin nicht fertig wurden. Hastig rafften sie ihre Waffen zusammen und sprangen auf ihre Pferde. Nur ihr Anführer blieb und fixierte die Frau mit dem nun offenen Haar, das so feurig loderte wie ihr Dolch.

Hierher hat es sie also verschlagen, die legendäre flammende Kalymaraya.“

Karlas Augen verengte sich zu Schlitzen. Woher kannte der Bastard ihren richtigen Namen?

Wer …“, wollte sie wissen, doch sie kam nicht dazu, die Frage zu Ende zu stellen, denn schon stürzte sich der Mann mit lautem Gebrüll und gezogenem Schwert auf sie. Gerade noch im letzten Moment registrierte Karla die giftgrünen Edelsteine am Knauf der Waffe. Ein Giftzahn aus Halimshan! Jeder noch so kleine Schnitt davon war Tage später tödlich.

Sie wich zurück. Versuchte in eine Position zu kommen, aus der sie den Kupferdolch werfen konnte, doch der junge Mann wusste offensichtlich, dass man ihr nur gefährlich werden konnte, wenn man ihr keine Distanz zum Werfen ließ. Er ließ einen ganzen Hagel aus Schwüngen auf sie niederprasseln, denen sie nur um Haaresbreite entgehen konnte.

Wer bist du, und was willst du von mir!“, rief Karla keuchend, als sie es gerade noch schaffte, sich eine Mistgabel zu greifen und vor die Klinge zu halten, die nur Millimeter vor ihrem Gesicht zu stehen kam.

Der Mann lachte und reckte den Hals. Dabei konnte sie unter dem Hemd einen Blick auf sein Schlüsselbein erhaschen. Eine blaue Tätowierung war zu erkennen. Erschrocken griff sie sich an die ihre.

Du bist einer von Ojazous Jungs“, entfuhr es ihr.

Könnte man so sagen“, erwiderte er und gab noch mehr Druck mit seiner Waffe auf den Stiel der Mistgabel.

Will er sich etwa immer noch dafür rächen, dass ich ihn sitzen gelassen habe?“, fragte sie mit einem kehligen Lachen, doch er gab ihr keine Antwort.

Wut war in den grauen Augen zu sehen, die sie unter dem Helm anblitzten. Für einen Augenblick vergaß er dabei seine Deckung. Karla nutze diesen Moment, zog die Beine unter den Körper und stieß sie gegen seine Brust.

Er flog einen halben Meter weit und prallte auf den Boden. Einige Sekunden rührte er sich nicht, sondern lag einfach nur da. Karla hielt die Mistgabel in der einen Hand, den Kupferdolch in der anderen und ging auf ihn zu. Hinter den Fenstern der Häuser um den Dorfplatz konnte sie erstaunte Gesichter sehen. Auch die Männer, die wohl die fliehende Söldner gesehen haben mussten und von den Feldern herbeigeeilt waren, machten große Augen, als sie Jakobs Frau so stehen sahen.

Der Mann in der Rüstung gab einen krächzenden Laut von sich, als er sich aufrappelte. Erst im zweiten Moment nahm Karla wahr, dass es wohl so etwas wie ein Lachen sein sollte. Er drehte sich um, blieb aber sitzen und funkelte Karla einfach nur an. Dabei lachte er weiter.

Irritiert ging sie einen Schritt näher.

Hättest du geahnt, dass es einmal so enden wird?“, frage er, als er in seinem Lachen innehielt.

Karla schüttelte den Kopf. Sie verstand nicht. Die rechte Hand des Mannes wanderte zu seinem Helm und er nahm ihn ab. Darunter kam ebensolches flammendes Haar zum Vorschein, wie das ihre.

Was … aber … Ich dachte …“

Was?! Was dachtest du, Mutter?! Dass Vater mich wirklich bei den Mönchen lassen würde, so wie du es gewollt hast? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals tat, worum du ihn gebeten hast! War das nicht der Grund, warum du gegangen bist? Warum du ein anderes Leben wolltest, eine neue Familie?“

Karla ließ die Mistgabel sinken und die kupferne Wurfwaffe fiel ihr aus den zitternde Fingern. Tränen schossen augenblicklich in ihre Augen.

Ich wollte dieses Leben nicht für dich. Ich habe ihn bei deiner Geburt gebeten, das Vagabundendasein zu lassen. Die Abenteuer, die Aufträge. Ich wollte ein einfaches Leben für uns. Ein glückliches. Er wollte die absolute Freiheit, alles tun und lassen zu können. Darum ging ich und er hat versprochen, dich im Kloster zu lassen, wo du lernen konntest. Ich glaubte, du wärst glücklich dort.“

Immer noch lachend erhob sich ihr Sohn.

Ja, das war ich auch. Aber nachdem du fort warst holte er mich zurück. Du hast nie verstanden, wie sehr er dich geliebt hat und ich war alles, was ihm von dir geblieben war.“

Und darum kommst du nun hier in dieses Dorf, vernichtest alles, was ich mir aufgebaut habe, aus Rache?“

Ich kam in dieses Dorf, weil das nun einmal die Aufträge sind, die unsere Männer annehmen. Wir dienen dem, der uns bezahlt. Und jetzt wage nicht, mich dafür zu verurteilen, denn lange genug hast auch du dir dein Brot auf diese Weise verdient.“

Wir haben Schätze aus alten Drachenhöhlen geraubt und aus Tempeln verbogen in den östlichen Dschungeln. Wir haben die Schatzkammern adeliger Fettwänste ausgeräumt, aber wir haben keine wehrlosen Bauern überfallen.“

Vielleicht nicht auf den Missionen, die du anführtest. Aber das ist jetzt egal.“

Mit diesen Worten sprang er auf die Füße und kam ihr erneut mit der Waffe entgegen. Karla war viel zu perplex, um gleich zu reagieren. Dann aber sah sie einen weiteren Feuerschopf hinter ihrem Sohn auftauchen.

Mama fang!“, schrie Mikael und warf ihr den Gürtel zu, den sie sonst in ihrer geheimen Truhe im Schlafzimmer versteckt hielt. Sie fing ihn, zog zwei halbmondförmige Dolche daraus hervor und trat ihrem Erstgeborenen entgegen.

Wir müssen das hier nicht in Blut enden lassen“, versuchte sie es noch einmal.

Auf seinem Gesicht machte sich nur ein grimmiges Grinsen breit. Er hob die linke Hand, über deren Rücken sie eine feine Schnittwunde laufen sah.

Für mich hat es aber schon geendet.“

Bevor er sich auf sie stürzte begriff Karla, dass er sich beim Sturz eben an seiner eigenen Klinge verletzt hatte. Eine Träne lief über ihre Wange, als sie sich seinem erhobenen Schwert gegenüber sah. Das Gift hatte ihn bereits langsam gemacht. Es war nicht schwer für sie sich aus dem Hieb herauszudrehen, seinen rechten Arm mit ihrer Linken Hand zu blocken und gleichzeitig ihren eignen Dolch in seinen Nieren zu versenken.

Wenn ein Zahn von Halimshan dich trifft, erkennst du Freund und Feind …“, flüsterte sie.

„… Der Feind lässt dich ziehen, doch der Freund wird dir sein Messer in den Rücken stoßen“.

Während er den Satz beendete, den sie sich früher schon an den Lagerfeuern erzählt hatten, sickerte Blut aus seinem Mundwinkel. In Karlas Armen brach er schließlich zusammen.

Karla konnte in diesem Moment nicht weinen. Zu viele aus ihrer alten Familie hatte sie auf diese Art sterben sehen. Manche bereits durch ihre eigenen Hand.

Jakob und Mikael traten von hinten an sie heran und legten ihr beide eine Hand auf die Schulter. Es war eine tröstliche Geste und sie musste lächeln.

Mika, jetzt musst du mir nochmal verraten, wie du die Truhe aufbekommen hast“, flüsterte sie, mit den Fingern unablässig durch das rote Haar in ihrem Schoß streichend.

Mit den Dietrichen, die du hinterm Ofen versteckt hast, Mama“, entgegnete der Junge grinsend.

Karla schwankte in diesem Moment in einem sonderbaren Vakuum aus Stolz und böser Vorahnung, dass sie vielleicht auch seinen Schopf einmal auf ihrem Schoß zur letzten Ruhe betten würde.

Eine Abenteurerseele blieb eine Abenteurerseele, ganz gleich wohin man floh. Es holte einen immer wieder ein.

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